Verhaltensrichtlinien im Rahmen von Feldforschungsprojekten am Institut für Linguistik der Universität Leipzig

Präambel

1Wer in Affiliation mit dem Institut für Linguistik an der Universität Leipzig Feldforschung durchführt, ist verpflichtet, die nachfolgenden Richtlinien einzuhalten. Diese Richtlinien gelten subsidiär zu allgemeinen Richtlinien der UNO und UNESCO, staatlichen Gesetzen und Vorschriften in Deutschland und am Ort der Feldforschung, sowie im Fall von Drittmittelprojekten, entsprechenden Richtlinien von Organisationen der Forschungsföderung.

2Grundsätzlich gilt, dass Feldforschung mit dem grösstmöglichen Respekt vor der lokalen Kultur und Gesellschaft durchzuführen ist, und dass alles unternommen werden muss, um auch zukünftigen Generationen Feldforschung am gleichen Ort zu ermöglichen. Eine Missachtung der vorliegenden Richtlinien hat einen Entzug der Affiliation, eine Sperrung der Forschungsförderung und unter Umständen weitere arbeitsrechtliche Massnahmen zur Folge.

Richtlinien

  1. Feldforscher sind verpflichtet, Informanten und deren relevante gesellschaftlichen Institutionen über die geplanten Forschung ausführlich zu informieren. Die Forschung kann nur durchgeführt werden, wenn Informanten und deren relevante gesellschaftlichen Institutionen dem Projekt explizit zustimmen. Diese Zustimmung muss in geeigneter Form (also Video- oder Audio-Aufnahme oder als unterschriebener schriftlicher Text) dokumentiert werden, und sie soll, soweit dies praktisch möglich ist, vor jeder Aufnahme oder Elizitationssitzung eingeholt werden. Es ist zu beachten, dass im Rahmen der kulturell angemessenen Möglichkeiten die Zustimmung aller beteiligten Personen, einschliesslich der in aufgenommenen Texten erwähnten Personen einzuholen ist. Bei der Einholung und Dokumentation der Zustimmung zum Projekt ist bestmögliche Sensibilität für die lokalen kulturellen und sozialen Bedingungen gefordert. Auf keinen Fall dürfen Informanten zu Zustimmung gezwungen oder nach fehlender oder verkürzter Projektinformation zur Zustimmung überredet werden.
  2. Die Zustimmung zu einem Feldforschungsprojekt muss auch festlegen, welche Aufnahmen und welches Elizitationsmaterial in der Forschung ausgewertet und zu welchem Grad die Daten der Öffentlichkeit (oder einem zu definierenden Teil der Öffentlichkeit) zugänglich gemacht werden dürfen. Inbesondere müssen Informanten über ihr Recht unterrichtet werden, von einzelnen Aufnahmen oder Teilen davon zu verlangen, dass sie nicht ausgewertet werden dürfen, oder nicht veröffentlicht werden dürfen, oder dass Personennamen vor der Veröffentlichung anonymisiert werden müssen.
  3. Bei der Veröffentlichung von Feldforschungsdaten ist jede am Datengewinn beteiligte Person (insbesondere auch Informanten und Assistenten) auf Wunsch zu nennen.
  4. Feldforscher sind dazu verpflichtet, tatkräftig lokale Bestrebungen zur Sprachdokumentation (Wörterbücher, Anthologien usw.) und zum Sprachunterricht (besonders in der Entwicklung von Schulmaterial und Alphabetisierungsprogrammen) zu unterstützen. Von allen Veröffentlichungen, Textsammlungen und Wörterbüchern ist der Sprechergemeinschaft auf Wunsch eine kostenlose Kopie zu hinterlassen.
  5. Feldforschungsdaten sind nach aktuellen Standards zu archivieren und durch ein geeignetes System von Metadaten zugänglich gemacht werden. Nach Abschluss eines Projektes sind die Daten nach Möglichkeit einem profesionellen internationalen Archiv zu überlassen (z.B. dem LACITO Archiv in Paris, dem DOBES Archiv in Nijmegen, dem AILLA Archiv in Austin, dem AIATSIS Archiv in Canberra usw.). Auf jeden Fall ist sicherzustellen, dass die Daten auch von nachfolgenden Generationen im Rahmen der Bestimmungen von Ziff. 1 und 2 eingesehen und ausgewertet werden können.
  6. Während der Feldforschung ist jegliche missionarische oder politische Aktivität untersagt.
  7. Feldforschungsdaten dürfen ohne Beteiligung der beteiligten Informanten nicht kommerziell verwendet werden.

Begriffsbestimmungen:

Leipzig, 12. Mai 2004