Track 1: Forschungfinanzierung |
Prof. Dr. Frank Emmrich
(Universität Leipzig)
Möglichkeiten und Grenzen Industrie-gesponserter Forschung in der Medizin
Während die Grundlagenforschung überwiegend durch öffentliche Fördermittelgeber unterstützt wird, finden sich bei der anwendungsorientierten Forschung sowohl Mischformen zwischen öffentlicher und privater Förderung wie auch rein privatwirtschaftliche Auftragsforschung. Diese Sachverhalte gelten gleichermaßen auch für die medizinische Forschung. Hochschulen, Akademien und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen haben Regelwerke entwickelt, um sicherzustellen, dass die jeweils maßgebliche Wissenschaftsgemeinschaft und ihre Organe aus eigenem Interesse heraus Kriterien guter und exzellenter Forschung definieren und auch bei privat finanzierter Forschung die Unabhängigkeit und Qualität in Bezug auf Wahl der Methoden und Interpretation der Ergebnisse auch eine privatwirtschaftlichen Auftraggeber gegenüber sicher stellen. „Gekaufte“ Forschungsergebnisse würden nicht nur die betreffenden Institutionen und Personen diskreditieren, sondern auch dem Auftraggeber zumindest mittel- und langfristig schaden. Dennoch gibt es schwarze Schafe bei Auftraggebern und Auftragnehmern und dies wird zwangsläufig im Bereich der Medizinforschung besonders kritisch betrachtet, weil es um die Gesundheit von Probanden und Patienten in konkreten Forschungsprojekten aber auch um die Vertrauensbewahrung gegenüber dem gesamten System der Entwicklung und dem Vertrieb von Arzneimitteln und Medizinprodukten geht.
Die Entwicklung neuer Wirkstoffe und Medizinprodukte wird nach international ausgearbeiteten Regeln in klinischen Prüfungen der Phasen I – IV untersucht. Dabei werden Verträglichkeit und therapeutische Wirksamkeit in sorgfältig geplanten und mittlerweile auch genehmigungspflichtigen Studienprojekten ermittelt. Mittlerweile sind die Kosten dieser klinischen Forschungsprojekte, bei denen immer noch das hohe Risiko des Scheiterns der Entwicklung besteht, außerordentlich dynamisch gewachsen. Darunter leiden insbesondere die sogenannten Investigator Initiated Trials (ITTs), für die es keine hinreichenden Finanzierungsquellen gibt. Hier gilt es, nach neuen Wegen der Finanzierung zu suchen und dabei auch Konsortien zu konstituieren, die für gemeinnützige Stiftungen attraktiv sind. |
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Prof. Dr. Annette Beck-Sickinger
(Universität Leipzig)
Forschungsfinanzierung in den Biowissenschaften- Das Beispiel Sachsen
Seit der politischen Wende in Ostdeutschland 1989 wendet der Freistaat große Mittel auf, um die regionale Wirtschaft gezielt zu entwickeln und die Leistungsfähigkeit des Landes zu steigern. Ziel ist es, eine wissenschaftsbasierte Wirtschaftsregion aufzubauen, die wettbewerbsfähig und innovationsstark insbesondere in High-Tech-Branchen ist. Die sächsischen Universitäten spielen bei der Durchführung der High-Tech-Strategie eine zentrale Rolle, da sie aufgrund ihrer langen Geschichte und der engen Verwachsenheit mit der Region und dem Land eine institutionelle Beständigkeit erreicht haben, die einen enormen wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einfluss erahnen lässt. Daneben bieten die Universitäten durch ihre fachliche Breite, den Studienbetrieb und das Promotionsprivileg der Fakultäten vielfältige Anknüpfungspunkte für die regionale Wirtschaft und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen. Neben den in Sachsen traditionell starken Ingenieurswissenschaften wurden die Biowissenschaften ins Zentrum der Bemühungen gestellt. Die Erfolge sind weithin sichtbar. Neben dem Aufbau einer forschungsrelevanten Infrastruktur und Verbreiterung und Vertiefung der Forschung in den Biowissenschaften an sächsischen Universitäten entstanden eine Reihe von komplementären außeruniversitären Institutionen, wurde ein Exzellenzcluster aufgebaut und können erste Spill-over-Effekte in die regionale Wirtschaft beobachtet werden. Die Kosten dieser Entwicklung kann der Freistaat Sachsen nicht ohne Weiteres aufbringen. Ein wichtiger Beitrag der Forscher selbst zu dieser Entwicklung ist deshalb die kompetitive Einwerbung von Forschungsgeldern und die Kooperation mit anderen Partnern.
Der Vortrag stellt die aktuelle Situation der sächsischen Hochschulen in den Biowissenschaften vor, zeigt die entstandenen Themenschwerpunkte, die erzielten Erfolge und die bestehende Herausforderungen auf.
Ko-Autorin dieses Beitrages ist Anja Landsmann.
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Prof. Dr. Frieder Meyer-Krahmer
Staatssekretär
(BMBF)
Moderner Technologietransfer und Wissensbewertung
Eine Stärke Deutschlands ist eine leistungsfähige wissenschaftliche Forschung mit einem hohen Umsetzungspotential für Innovationen. Sie ist ein Schlüssel, um unternehmerische Innovationskraft zu stärken und damit Wachstum und Wohlstand auch künftig zu sichern. Ihr Potenzial kann nur genutzt werden, wenn alle Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft optimal gestaltet werden.
Neue Wege für einen modernen Wissens- und Technologietransfer sind mehr denn je gefordert. Trotz großer Fortschritte in den vergangenen Jahren brauchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Hochschulen und Forschungseinrichtungen eine stärkere Unterstützung und weiterhin mehr Anreize, ihre Forschungsergebnisse frühzeitig auf eine wirtschaftliche Verwertbarkeit zu prüfen, Umsetzungsschritte einzuleiten und eine Kultur der engen Zusammenarbeit mit Unternehmen zu pflegen. Hochschulen und Forschungseinrichtungen müssen zu Kristallisationspunkten einer neuen „Ideenwirtschaft“ werden.
Der Vortrag zieht eine Bilanz der Erfolge neuer Förderinstrumente zum Wissens- und Technologietransfer im Rahmen der Hightech-Strategie und entwickelt Perspektiven für weiterführende Schritte in der neuen Legislaturperiode. |
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Track 2: Forschungsevaluation |
Prof. Dr. Richard Münch
(Universität Bamberg)
Verarmung des Wissens durch Evaluation? Effekte des Qualitätsmanagements in der Soziologie
Die Soziologie ist eine vielfältige Disziplin. Ihre Forschung vollzieht sich im Spannungsfeld zwischen internationalisierter professioneller Soziologie für Soziologen und Soziologinnen in Fachzeitschriften und öffentlicher Soziologie für ein breiteres, nationales Publikum in zeitdiagnostischen Büchern und Beiträgen zu Presse, Rundfunk und Fernsehen, zwischen grundlagentheoretischer Soziologie in Monographien und an nationale bzw. lokale Fragen gebundener policyorientierter, oft drittmittelgeförderter, in Sammelbänden publizierender Spezieller Soziologie in den Grenzbereichen zu anderen Disziplinen. Im Zuge des wachsenden politischen Interesses an Forschungsevaluation zum Zwecke einer zielgenauen Outputsteuerung nach Maßgabe der Qualitätssicherung im Rahmen von New Public Management, stellt sich die Frage , ob Forschungsevaluation dieser Vielfalt überhaupt gerecht werden kann. Am Beispiel des Forschungsratings Soziologie lässt sich beobachten, dass auch sehr anspruchvolle,, auf Multidimensionalität achtende Evaluationsverfahren, die über die Begutachtung einzelner Forschungseinrichtungen hinausgehen und ein Benchmarking betreiben, dazu tendieren, über reaktive Effekte des strategischen Publizierens die Vielfalt einzuschränken und auf eine Verarmung des soziologischen Wissens hinzuwirken. |
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Prof. Dr. Elmar Brähler
(Universität Leipzig)
Der Einfluss der leistungsorientierten Mittelvergabe in der Medizin auf strategisches Publizieren
Abstract
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Prof. Dr. Stefan Hornbostel
(IFQ Bonn)
Zur Problematik der Forschungsevaluation
Als vor rund 30 Jahren die ersten Forschungsevaluationen in Groß Britannien aufkamen, waren sie vor allem von Misstrauen in die Selbststeuerungsfähigkeit des Wissenschaftssystems geprägt. „Value for money“ war der Kampfruf, den Margaret Thatcher auch der Wissenschaft entgegen schleuderte. In den kontinentaleuropäischen Versionen spielte hingegen von Anfang an ein stärker formatives Element eine größere Rolle: Evaluation als systematische Reflexion des eigenen Handelns und die Bereitstellung von Fremdreferenz für strategische Entwicklungsentscheidungen. Beide Elemente sind auch heute noch erhalten, allerdings haben sich die Randbedingungen erheblich verändert. Evaluationen sind nicht nur ubiquitär geworden und die Folgen erheblich weit reichender, auch die Instrumente, Verfahren und Indikatoren sind ausgefeilter geworden und auch einem Laienpublikum ohne weiteres zugänglich. Das hat Konsequenzen für das Management von Wissenschaft, für die Handlungsstrategien von Wissenschaftlern, für die Macht- und Konfliktkonstellationen in und zwischen Disziplinen, für die Entwicklung von Wissen und auch für die Wissenschaftspolitik. Es gilt daher vorsichtig zu bilanzieren, welche intendierten und welche nicht-intendierten Effekte mit der Ausweitung der Forschungsevaluation eingetreten sind. |
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Track 3: Lehre |
Prof. Dr. Wolfgang Nieke
(Universität Rostock)
Wissenschaftsdidaktik zwischen Kompetenzaufbau und Bildungsauftrag für die Übernahme von Verantwortung in der Gesellschaft
Die universitäre Lehre erfährt wieder einmal Aufmerksamkeit, und diesmal aus zwei Gründen: Erstens wird bemerkt, dass dem Wettbewerbskonzept der Exzellenzinitiative zur Unterstützung hervorragender Forschung ein Gegenstück für die zweite Aufgabe der Universität, die wissenschaftliche Lehre, fehlt. Zweitens erfordert die neu akzentuierte Kompetenzorientierung der akademischen Lehre für die Zwecke einer Berufsausbildung der Professionen eine entsprechende Didaktik. Dabei bleibt die dritte Aufgabe der Universität unbeachtet, nämlich die Bildung von StaatsbürgerInnen, die eine herausgezogene gesellschaftliche Verantwortung tragen werden. Die Berücksichtigung dieser drei Aufgaben erfordert eine fachspezifisch ausdifferenzierte Wissenschaftsdidaktik, die sich von den geläufigen, psychologisch fundierten, generalistischen Konzepten der Hochschuldidaktik kategorial unterscheidet, weil sie eine bildungstheoretische Fundierung braucht, die sich an den Prinzipien des eigenständigen Wissenschaftssystems in der Gesellschaft orientiert. |
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Prof. Dr. Dr. hc. Johannes Wildt
(TU Dortmund)
"Forschendes Lernen" als Format aktiven und kooperativen Studierens
"Forschendes Lernen", in dem Studieren durch theoretische und empirische Erkenntnisprozesse angetrieben wird, hat angesichts einer vielerorts nach Bolognavorgaben fehlgesteuerten Studienstruktur- und Studienorganisationsreform Konjunktur. Studium und Lehre in den
Bachelor- und Masterstudiengängen nach Prinzipien "Forschenden Lernens"
umzugestalten bietet gegenüber einer Kanonisierung, Reglemtierung und Komprimierung und damit Verschulung und Entwissenschaftlichung des Studiums die Chance, Studium und Lehre ein Stück akademischer Qualität zurück zu gewinnen. Mit dieser Zielrichtung wird "Forschendes Lernen"
als hochschuldidaktisches Konzept entfaltet, an einigen Beispielen veranschaulicht und in den breiteren Kontext aktiven und kooperativen Lernens gestellt. Möglichkeiten zur Umsetzung dieses Konzepts in gestuften und modularisierten Studiengängen werden aufgezeigt. Eine kompetente Umsetzung fordert von den Lehrenden nicht selten ihre Lehrauffassungen zu überdenken und ihr hochschuldidaktisches Pepertoire zu erweitern. |
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Prof. Dr. Dres h. c. em. Rolf Dubs
(Universität St.Gallen)
Die Bedeutung des wirtschaftswissenschaftlichen Wissens für die Bürgerinnen und Bürger in einer Demokratie
Die Entwicklungen in der Wirtschaft betreffen jedermann. Immer weniger Leute sind aber zur sachlichen Beurteilung von Problemen in der Unternehmensführung und in der Wirtschaftspolitik fähig, weil ihnen das Wissen fehlt. Dies führt zu einer steigenden Polarisierung in der Gesellschaft und bedroht die Demokratie. |
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Track 4: Bildung |
Prof. Dr. Wolfgang Hörner
(Universität Leipzig)
Zur Kapitalisierung des Bildungsbegriffs – Bildung als Humankapital oder als
kulturelles Kapital
Die Rezeption des amerikanischen Begriffs „education“ in den klassischen deutschen Bildungsbegriff nach 1945 machte den Weg frei, dass auch die deutsche Öffentlichkeit die gesellschaftliche Dimension von Bildung entdeckte („die deutsche Bildungskatastrophe“, „Bildung als Bürgerrecht“). Durch diese „Soziologisierung des Bildungsbegriffs“ (E. Lemberg) wurde über die intensive Rezeption bildungsökonomischer Arbeiten auch der Begriff „Humankapital“ in den bildungspolitischen Diskurs eingeführt. Er weckte die Hoffnung, Aufwand und Ertrag von „Bildung“ in klassischer ökonomischer Manier als rationales Kosten-Nutzen-Kalkül quantifizierbar und damit berechenbar und abwägbar zu machen.
Der Protest von Seiten der Vertreter humanistischen Bildungsdenkens gegen diese Kapitalisierung von Bildung blieb selbstverständlich nicht aus und fand einen Höhepunkt darin, dass das Wort „Humankapital“ in Deutschland im Jahr 2004 zum „Unwort des Jahres“ gekürt wurde.
Aus der Kritik an der „ökonomistischen“ Einseitigkeit des Begriffs Humankapital schuf Pierre Bourdieu im Zusammenhang mit der Ausdifferenzierung seiner symbolischen Kapitalsorten den Begriff „kulturelles Kapital“, der ein Schlüsselbegriff seines bildungssoziologischen Denkens wurde.
Der Beitrag soll versuchen, die Besonderheiten dieser „Kapitalienbegriffe“ abzuwägen und kritisch zu reflektieren. |
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Prof. Dr. Volker Schürmann
(Deutsche Sporthochschule Köln)
Prof. Dr. Alfred Richartz
(Universität Leipzig)
Körperliche Bildung zwischen Aufklärung und
Gegenaufklärung
Bereits seit der Herausbildung des modernen Bildungsbegriffs hat eine bedeutende Strömung dafür geworben, dass Bildung auch eine körperliche Seite haben müsse – vor allem vertreten durch die bürgerlichen Ärzte und Leibeserzieher. Ihre wichtigsten Kampfbegriffe waren stets Natürlichkeit und Gesundheit, gelegentlich auch Leistungsfähigkeit. Die Verbreitung des notorisch falschen Klassikerbezuges im Diktum vom mens sana in corpore sano zeigt ihren gesellschaftlichen Erfolg. Andererseits ist der Körper stets auch als Ort der Sinnlichkeit, Emotionen und Leidenschaften verstanden worden, der der Vernunft unvermittelt gegenübersteht. Insofern Aufklärung den Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit beabsichtigt, bleibt Bildung in emanzipatorischer Absicht an ein distanzierendes Moment gebunden, das typischerweise an das Denken gebunden wird. Nur eine kleine Fraktion der Aufklärung, namentlich Herder und Rousseau, hat diese Grundkonstellation als intellektualistische Verkürzung kritisiert. Die Bilanz dieser Kritik ist ambivalent. So zustimmungspflichtig Kritik an intellektualistischen Verkürzungen heutzutage auch sein mag, so naheliegend ist die Gefahr, das aufklärerisch-emanzipatorische Moment dabei preiszugeben. Der Vortrag geht anhand ausgewählter historischer Fallbeispiele diesem Konflikt nach. |
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HD Dr. Andreas Poenitsch
(Universität Koblenz)
Die Sprachen der Bildung - Chancen und Risiken semantischer Pluralität
Der Beitrag thematisiert zunächst deskriptiv einige der gängigen Redeweisen von Bildung und unterscheidet u.a. zwischen solchen der Objektivierung von Bildung bzw. deren Substituten und solchen der „Subjektivierung“ von Bildung, etwa im gebildet-bildenden Umgang mit Sprache. Eine Erinnerung an zentrale historische Stationen der Relationierung von Sprache und Bildung im zweiten Schritt kann verdeutlichen, dass die gegenwärtige Lage der fortschreitenden semantischen Pluralisierung auch als eine Konsequenz aus der systematischen Entwicklung bzw. Verwicklung dieser Relation erscheint. Die abschließende Problematisierung dieser Pluralität will erkennbar und diskutierbar machen, dass darin zum einen Chancen für eine perspektivische, skeptische und kritische Deutung von Bildung als Selbständigkeit im Denken und Sprechen begründet sind; dass die inflationäre und quasi beliebige Substitution des Bildungsbegriffs, insbesondere zu den vor gelagerten Zwecken von Politisierung und Ökonomisierung, zum anderen die Risiken befördert, hinter einen historisch und systematisch erreichten Problemstand von Bildung zurück zu fallen, indem semantische Gehalte vereinseitigt, verkürzt oder ganz ausgeblendet und ignoriert werden. |
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Track 5: Kultur & Sinngebung |
Prof. Dr. Marcelo da Veiga
(Alanus Hochschule)
Spiritualität oder ökonomisches Kalkül - was brauchen moderne Unternehmen und Führungskräfte?
Die viel zitierte Ökonomisierung der Gesellschaft und des gegenwärtigen Lebens ist umfassender und weitreichender als vielfach angenommen wird. Sie hängt mit der Tendenz des modernen wissenschaftlichen Denkens zusammen, die Wirklichkeit mit dem Kalkulierbaren bzw. Berechenbaren zu identifizieren. Hinter diesem Hang zu den Zahlen (auch in der Wirtschaftswissenschaft) steckt die Sorge - manchmal sogar die Furcht -, die Präzision und Genauigkeit zu verlieren, die eine auf Zahlenwerte reduzierte Welt zu bieten scheint.
Wenngleich es auch richtig ist, dass das Denken in Zahlen in seinem Bereich Genauigkeit ermöglicht, so verliert es doch nicht zwangsläufig dort die Klarheit und Präzision, wo es sich den nicht kalkulierbaren Aspekten der Wirklichkeit zuwendet. Dass es in der Wirtschaft wesentlich um anderes geht als allein um das, was sich in Zahlen fassen lässt, wird deutlich, wenn man in den Blick nimmt, dass Wirtschaften wesentlich eine umfassende kulturelle Leistung von Menschen für Menschen ist. Der Sinn und der Wert der Wirtschaft für den Menschen sind Probleme, die nicht aus der Wirtschaft, sondern aus der Philosophie oder aus dem Geist heraus behandelt werden müssen. Der Entwicklung einer spirituellen Dimension kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. |
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Prof. Dr. Matthias Petzoldt
(Universität Leipzig)
Sinn geben und/oder Sinn finden? Zur Orientierungssuche in der Wissensgesellschaft
Der Beitrag aus der Theologie greift Unterscheidungen und Zusammenhänge aus der Philosophie und Gesellschaftstheorie von Jürgen Habermas auf.
Seine Differenzierung zwischen kommunikativer Rationalität und Zweckrationalität deckt zum einen Verwerfungen in der modernen Gesellschaft auf. In der These von der Kolonialisierung der Lebenswelt hat diese Gesellschaftsanalyse eine markante Zuspitzung erhalten. Hier stellt sich die Frage: Gerät unter der Dominanz ökonomischer Zweckrationalität die gesellschaftliche Vernunft in die Gefahr, die Sinnfrage als Sinngebung = Zwecksetzung zu verkürzen?
Von Habermas’ Unterscheidung führen zum anderen Verbindungslinien zur modernen Differenzierung zwischen Orientierungs- und Verfügungswissen, welche wissenschaftstheoretisch die herkömmliche Unterscheidung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften neu zum Verstehen bringt. Orientierungswissenschaften wie zum Beispiel Philosophie und Theologie legen aus überlieferten Texten Deutungen von Sinn frei, der späteren Generationen vorgegeben ist, der (wieder)entdeckt werden muss und für kreative Aneignung offen steht.
Wird ein ökonomisches Zweckdenken im Wissenschaftsbetrieb zur beherrschenden Rationalität, geht in der Gesellschaft die Orientierung an vorfindlichen Sinnangeboten verloren. Solches Sinnvakuum wir mit gezielter Sinngebung zu kompensieren versucht.
Für den „religiös unmusikalischen“ Philosophen Habermas sind die Religionen gerade in ihrer Unterschiedlichkeit zur nachmetaphysischen Philosophie von bleibender Bedeutung, weil auf das Sinn- und Motivationspotential der religiösen Überlieferungen unter den Bedingungen einer entgleisenden Modernisierung nicht verzichtet werden kann. |
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Prof. Dr. Götz E. Rehn
(Geschäftsleitung Alnatura GmbH)
Wirtschaft neu denken - das Alnatura-Modell
Wir können eine tiefgreifende Veränderung unserer Gesellschaft beobachten: Immer mehr Menschen wenden sich von der nur am materiellen Wohlstand orientierten Handlungsweise ab und sehnen sich nach authentischen Produkten, die sinnvoll für Mensch und Erde sind.
Ein Paradigmenwechsel hin zu Sinngebung und Nachhaltigkeit hat eingesetzt. Dieser ist aber nur möglich, wenn der gesamte soziale Organismus in seiner Komplexität gedacht und bewusst gestaltet wird. Denn nur ein alle Dimensionen der Realität umfassendes Denken und Handeln kann die Herausforderungen der Zukunft meistern.
Von der Idee, etwas Sinnvolles für Mensch und Erde zu leisten, lassen wir uns bei Alnatura seit der Unternehmensgründung vor 25 Jahren leiten. Diese Idee entspringt einer ganzheitlichen Weltauffassung, die versucht alle Dimensionen der Wirklichkeit einzubeziehen und die Sinnmaximierung zum Unternehmensziel macht. Ganzheitlichkeit, Nachhaltigkeit und das Kooperationsprinzip stehen somit im Mittelpunkt und werden bei Alnatura konsequent gelebt. Das Alnatura Modell zeigt: Wirtschaft kann neu gedacht und neu gemacht werden. |
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Track 6: Universitäten & Forschungsinstitute |
Prof. Dr. Tim Drygala
(Universität Leipzig)
Die Aktiengesellschaft als Regelungsvorbild für die Universitätsverfassung
Abstract |
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Prof. Dr. Ullrich Heilemann
(Universität Leipzig)
Zur Industrialisierung der Empirischen Wirtschaftsforschung:
Das Beispiel der model shops
Die Wirtschaftswissenschaften bieten, anders als z. B. Ingenieurwissenschaften, Medizin oder Naturwissenschaften, traditionell wenig Möglichkeiten der kommerziellen Verwertung ihrer Forschungsergebnisse. Dies gilt insbesondere für ihre Forschungsmöglichkeiten und, vor allem mangels Masse, für ihr Instrumentarium. Eine Ausnahme machen die Consulting-Institute, wie sie in den Vereinigten Staaten insbesondere seit den 1920er Jahren entstanden sind. In den 1960er Jahren bildete sich dabei ein besonderer Typus heraus, der auf der Grundlage ökonometrischer Modelle gesamtwirtschaftliche und sektorale Analysen und Prognosen – beziehungsweise die Nutzung des Instrumentariums – an Unternehmen und Politik absetzte. Diese „model shops“ waren ungewöhnlich erfolgreich, was in erster Linie der Nutzung industrieller Verfahren bei Produktion, Verteilung und Vertrieb ihrer Leistungen zu danken war. Der Beitrag geht den wissenschaftlichen (Ökonometrie und ökonometrische Modelle), technischen (Computer-Kapazität und Verfügbarkeit, Software), personalen (Ökonometrie-Ausbildung) und unternehmerischen Voraussetzungen dieser Industrialisierung nach; dabei wird auch gefragt, weshalb sich dieser Erfolg in Deutschland nur in geringerem Maße und in veränderter Form wiederholte. Schließlich wird kritisch nach den Rückwirkungen dieser Industrialisierung auf die empirische Wirtschaftsforschung gefragt. |
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Prof. Dr. Wolfgang E. Fleig
(Universität Leipzig)
Ökonomisierung der Hochschulmedizin
Abstract |
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Track 7: Schulen |
Prof. Dr. Manfred Weiß
(Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung)
Der Beitrag der Bildungsökonomie zur Schulqualitätsforschung – eine kritische Würdigung
Besonderes Augenmerk gilt innerhalb der bildungsökonomischen Forschung seit einiger Zeit der Qualität der Schulbildung. Auslöser dafür ist nicht nur die hohe öffentliche Aufmerksamkeit, die diese Thematik im Gefolge internationaler Schulleistungsstudien erfahren hat, sondern auch spektakuläre Befunde neuerer bildungsökonomischer Studien zum Wirtschaftswachstum. Sie identifizieren auf Schülerleistungen basierende Merkmale der Humankapitalqualität als besonders wichtigen Wachstumstreiber. Dies hat in der Bildungsökonomie die Suche nach aussichtsreichen strategischen Ansatzpunkten einer gezielten bildungspolitischen Beeinflussung der Humankapitalqualität im Schulbereich intensiviert. Dadurch ist eine größere gemeinsame thematische Schnittmenge mit den Forschungsprogrammen anderer Bildungswissenschaften entstanden. Der Vortrag skizziert den spezifischen Forschungsbeitrag der Bildungsökonomie und setzt sich kritisch mit der theoretischen und konzeptionellen Basis ihres Forschungsansatzes auseinander. Mit Ressourcen und Institutionen stehen zentrale bildungspolitisch beeinflussbare Bedingungsfaktoren der Bildungsqualität im Mittelpunkt des Forschungsinteresses der Bildungsökonomie. Diskutiert wird im Vortrag die Belastbarkeit dazu vorliegender Forschungsergebnisse für bildungspolitisches Steuerungshandeln. |
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Prof. Dr. Klaus-Jürgen Tillmann
(Universität Bielefeld)
Ökonomische Argumente in der Schulpädagogik - oder: Alles nur Missverständnisse?
Das allgemein bildende Schulwesen in Deutschland ist mit seinen ca. 10 Millionen Schülerinnen und Schülern und seinen ca. 700.000 Lehrpersonen auch ein immenser ökonomischer Faktor – und zwar vor allem in den öffentlichen Haushalten der Länder.
Zudem ist immer wieder nachgewiesen worden, dass Erfolg oder Misserfolg in diesem Schulsystem erhebliche Effekte für die einzelnen haben, die sich auch in Lebensstandards und Lebenseinkommen niederschlagen. Also: Schule hat eine bedeutende ökonomische Dimension.
Fragt man nun, wie die zuständige erziehungswissenschaftliche Teildisziplin – die Schulpädagogik – diese ökonomische Einbindung ihres Gegenstandsbereich betrachtet, so stößt man überwiegend auf Desinteresse, zugleich findet sich aber auch eine lang etablierte Abwehrhaltung: So wird „Ökonomisierung von Bildung“ vor allem als Synonym für staatliche Sparmaßnahmen verstanden, die es zu bekämpfen gilt. Und ein ergebnisoffener Blick auf die Kosten des Schulsystems (z. B.: Sind kleinere Klassen wirklich effektiver?) wird gern als „unpädagogische“ abgewehrt.
Doch gegenüber einer solchen traditionellen Abwehrhaltung gewinnen in der Schulpädagogik in jüngerer Zeit empirisch-strukturelle Argumentationen zur Bildungsökonomie an Boden: Zu erwähnen sind z. B. internationale Vergleiche zu den Bildungsausgaben, eine kritische Analyse der Bildungsfinanzierung im Föderalismus, die Frage nach den Kosten unterschiedliche Bildungsgänge. Über diese „kritische Öffnung“ der Schulpädagogik gegenüber ökonomischen Argumentationen wird zu reden sein. |
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Prof. Dr. Matti Meri
(University of Helsinki)
Pisa und Lehrerausbildung
Pisa steht für „Programme for International Student Assessment“. In der Studie wurde ein vergleichsweise niedriger Leistungs- und Kompetenzstand deutscher Schüler in Mathematik, den Naturwissenschaften und der Lesefähigkeit nachgewiesen. Unter anderem ergeben sich daraus folgende Fragestellungen: Was bedeuten diese Ergebnisse für die Lehrerbildung? Was können und wissen die Lehramtsstudierenden beim ersten bzw. zweiten Staatsexamen tatsächlich und wie wenden Sie dieses Können und Wissen in den ersten Berufsjahren an? Wie entwickeln sich Professionalität and Kompetenz?
Um die Lehrerbildung weiterzuentwickeln und gleichzeitig auch die Qualität des Unterrichts an Schulen zu verbessern, sollte verstärkt über die Kernkompetenzen der Lehrer gesprochen werden. Diese Problematik soll am finnischen Beispiel erörtert werden. Dabei wird zwangsläufig eine zentrale Frage darin bestehen, welche Rolle die Finanzierung für die Qualität der Lehrerbildung und damit der Qualität von Schule überhaupt hat. |
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Track 8: Bibliotheken |
Prof. Dr. Christian Berger
(Universität Leipzig)
Der Zugang zu wissenschaftlicher Literatur in der Informationsgesellschaft - Lizenzgebühren oder "free flow of information"?
Informationen und Ideen sind seit jeher Grundlage von Wissenschaft und Forschung. Sie finden sich zuvörderst in der wissenschaftlichen Literatur. Während an Informationen als solchen kein Urheberschutz bestehen kann, kommt der Darstellungsform der Informationen und der Forschungsergebnisse meist ein Urheberschutz zu, durch welchen mittelbar auch der allgemeine Zugriff auf die Information vereitelt bzw. von der Entrichtung einer Vergütung abhängig gemacht werden kann. Auf den ersten Blick hemmt damit das Urheberrecht in einer Zeit, in der Informationen - zumindest technisch - jedermann nahezu kostenfrei zur Verfügung stehen könnten, die Weiterentwicklung der Wissensgesellschaft.
Der Beitrag untersucht die These, ob ein vielfach beschworener „free flow of information“ tatsächlich die Informationsversorgung befördern würde.
Zunächst ist aufzuzeigen, wie sich der Zugang zu Wissen im analogen Zeitalter darstellt(e), als Informationen vorrangig Büchern entnommen wurden, die der Wissenschaftler zumeist in Bibliotheken fand (und findet). Indem die Bibliotheken die erforderliche Anzahl an Buchexemplaren beschaffen, verschaffen sie mittelbar auch den Urhebern und Verlagen eine Vergütung, denen Ausschließlichkeitsrechte an ihren Werken zustehen. Freilich sieht das deutsche Urheberrechtsgesetz schon seit 1965 sog. Schrankenbestimmungen für Kopien vor, die u.a. dem wissenschaftlichen Informationsinteresse dienen. Soweit Schrankenbestimmungen den Zugriff auf Literatur ermöglichen, entfällt die Notwendigkeit des Abschlusses von Erwerbs- und Lizenzverträgen. Die ökonomische Bedeutung der Schrankenbestimmungen liegt damit auf der Hand.
So verhält es sich auch im neuen § 52b UrhG, der die „Wiedergabe von Werken an elektronischen Leseplätzen in öffentlichen Bibliotheken, Museen und Archiven“ regelt. Hiernach dürfen im Bibliotheksbestand vorhandene Werke in gleicher Zahl an elektronischen Leseplätzen zugänglich gemacht werden. Damit einher geht eine Verdoppelung der verfügbaren Werke, welche bei besonderen Belastungsspitzen bis zu einer Verfünffachung (analoges Exemplar + vier elektronische Leseplätze) anwachsen kann. Die Vergütung erfolgt dann nicht mehr über Verträge, sondern durch von „halbstaatlichen“ Wahrnehmungsgesellschaften wie der VG WORT festgesetzte Beiträge. Die Nutzung ist damit den Kräften von Angebot und Nachfrage entzogen. Die Verlage haben allerdings über einen Vertragsvorbehalt die Möglichkeit, den Rechtsfolgen aus § 52 b UrhG zu entgehen, wenn sie mit den Bibliotheken einen Lizenzvertrag schließen. Umstritten ist hier jedoch, ob schon ein Angebot der Verlage ausreicht, ob dieses dann zumindest zu angemessenen Bedingungen erfolgen muss und, wenn ja, was angemessene Bedingungen sind. Auch kartellrechtliche Fragestellungen sind hier zu lösen.
Vielfach sieht man in Open-access-Modellen eine bessere Alternative. Sie tragen allerdings die Möglichkeit in sich, dass Wissenschaftsverlage und mittelfristig auch Bibliotheken überflüssig werden. Man mag dies in Kauf nehmen. Freilich: Wer nimmt dann die Aufgabe wahr, in der für den Einzelnen schier unüberschaubaren Menge des Angebots an Informationen Orientierung zu bieten?
Die Lösung könnte – wie so oft – in der Mitte der Alternativen liegen. Ist eine Symbiose aus Open access und klassischen Lizenzverträgen vielleicht das beste System? Ein „free flow“ in dem man nicht zu ertrinken droht? |
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Oliver Jungen
(Frankfurter Allgemeine Zeitung)
Die Wissenschaftswelt und ihr Open-Access-Problem
Kaum eine Debatte wird im Bereich der Wissenschaft mit solcher Heftigkeit geführt wie die um „Open Access“. Trotz einer Vielzahl von Argumenten für und gegen diese Form des Publizierens (so etwa im Hinblick auf die Nachhaltigkeit) lassen sich, grob vereinfacht, zwei Hauptparteien ausmachen, und das sowohl in nationaler wie in internationaler Perspektive: Die Organisationen der Wissenschaftsförderung auf der einen, die akademischen Verlage auf der anderen Seite.
Der hoch subventionierte Wissenschaftsbetrieb möchte nicht länger eine Industrie mitfinanzieren, die sich in seinem Windschatten gebildet hat. Lange Zeit haben die Verlage sehr gute Dienste geleistet, in den letzten Jahrzehnten aber stiegen die Preise vor allem für hochwertige wissenschaftliche Zeitschriften immer weiter an, so dass große Teile der Bibliotheksetats für den Ankauf desjenigen Materials aufgewendet werden mussten, das eigentlich aus den Universitäten stammt. Weil aus diesem Grund Forschungsorganisationen wie die DFG, der DAAD, der Wissenschaftsrat oder die Max-Planck-Gesellschaft für eine für den Leser generell entgeltfreie, in der Regel wohl digitale Publikation der Forschungsergebnisse, „die durch den Einsatz öffentlicher Mittel (...) erarbeitet wurden“, plädieren, sehen sich Fachverlage in ihrer Existenz bedroht. Ausdruck dafür ist etwa die „Brüsseler Erklärung“ der akademischen Verlage im Jahre 2007, eine Antwort auf die gegenteilige Petition für „Open Access“ durch 20.000 Forscher und Bibliotheken Anfang dieses Jahres.
Der Protest hat sich allerdings in den letzten Monaten deutlich intensiviert: So stieß die bereits 2003 abgefasste „Berliner Erklärung“ der Forschungsorganisationen lange Zeit auf deutlich weniger Widerstand, obwohl sie in dieselbe Richtung deutete wie etwa die „Gemeinsame Erklärung der Wissenschaftsorganisationen“ im März 2009. Das mag sich dadurch erklären, dass es den Gegnern gelungen ist, die Kostendiskussion in eine (notwendige) Qualitätsdebatte umzulenken: Der amerikanische Verlegerverband AAP beispielsweise hat im Jahre 2007 großen Aufwand betrieben, um die Befürchtung durchdringen zu lassen, das „peer review“-Verfahren, eine Begutachtung auf Augenhöhe, sei bei „Open Access“ auf lange Sicht nicht möglich. Auch stellt sich die Frage, ob „Open Access“ zu einem weiteren Publikations-Exzess führt, ob also die bislang von den Verlagen aus rein ökonomischen Gründen wahrgenommene Filterfunktion künftig wegfallen könnte.
Die Wissenschaftsorganisationen stellen allerdings nicht die diesbezügliche Kompetenz der Fachverlage in Frage. Diese sollen vielmehr den „Open Access“-Zugang anbieten und dabei zwar weniger verdienen, aber immer wirtschaftlich sein: Die Max-Planck-Gesellschaft geht von einer Gewinnspanne von zehn Prozent des Umsatzes aus (gegenüber heute etwa dreißig Prozent). Die Kosten tragen in diesem Falle die Autoren, das heißt in den meisten Fällen wiederum die Universitäten. Kritiker befürchten – unter Hinweis auf bereits heute gängige Preise von mehreren Tausend Dollar pro Artikel in renommierten, angelsächsischen Online-Zeitschriften –, dass der Wissenschaft so eine erneute Preisexplosion bevorstehen könnte. Dagegen weisen Studien im Auftrag der EU (2006), der OECD (2007) und des Deutschen Bundestages (2009) immer wieder darauf hin, der Nutzen von „Open Access“ übersteige die signifikant die Kosten.
In dem Vortrag werden kurz die verschiedenen Positionen umrissen und der Verlauf der Debatte skizziert. Diese ist inzwischen auf die Wissenschaftsgemeinde selbst übergesprungen, hat zur Bildung von zwei Lagern geführt. Es ist frappierend, dass dabei die alte, durch das Interdisziplinaritäts-Paradigma überwunden geglaubte Charles-Percy-Snow-These von den zwei einander wesensfremden Kulturen wiederzukehren scheint: Die Naturwissenschaftler neigen nicht nur mehrheitlich dem „Open Access“-Verfahren zu, sie praktizieren es längst, während sich viele Geisteswissenschaftler bis heute nicht damit anfreunden können. So dominieren unter den Unterzeichnern des von Roland Reuß, einem Philologen, formulierten „Heidelberger Appell“, der das Problem „Open Access“ auf nicht ganz einsichtige Art mit der Kritik an der auf lange Sicht wohl eher als „Paid Access“ geführten „Google Buchsuche“ vermischt, Geisteswissenschaftler und Schriftsteller.
Dass sich gerade in Deutschland die Situation zu einer solchen Totalkritik zugespitzt hat, ist auffällig. Dabei kommt ein starkes Misstrauen gegenüber Forschungsförderorganisationen zum Ausdruck. Der Literaturwissenschaftler Uwe Jochum etwa hat eine Invektive gegen die „Open Access“-Ideologie der DFG publiziert. Überhaupt steht hinter den wütenden Argumenten gegen „Open Access“, so die These des Vortrags, zu einem vielleicht nicht geringen Teil die Unzufriedenheit mit der Wissenschaftsförderung in Deutschland: Viele Geisteswissenschaftler fühlen sich gegenüber den Naturwissenschaften benachteiligt. Der Protest gegen das vielleicht nicht zufällig stets englisch apostrophierte Vorhaben des entgeltfreien Publizierens vermischt sich zudem mit Vorbehalten gegen eine Internationalisierung des Studiums nach angloamerikanischem Muster (Stichwort Bologna-Prozess), die weithin ebenfalls als kurzsichtiges Projekt zu Lasten der Qualität von Forschung und Lehre gewertet wird. Dem Abwägen der wirklichen Vor- und Nachteile von „Open Access“ dient eine solche Verhärtung der Fronten sicher nicht. |
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Dr. Sven Fund
(Geschäftsführer de Gruyter Verlag)
Der Spagat der Verlage zwischen Netzkultur und Umsatz
Seit den 70er Jahren, verstärkt aber seit ca. 20 Jahren befindet sich die Wissensgesellschaft in einem tiefgreifenden Veränderungsprozess. Neben der Entstehung internationaler Forschungsnetzwerke, die in Echtzeit rund um den Globus kooperieren können und damit von der Parallelisierung von Prozessen profitieren, sind in umgebenden Systemen zugleich Akteure entstanden, die sich als Marktteilnehmer definieren und dementsprechende Anforderungen definieren. Die Etablierung und Einhaltung internationaler Standards, die zeitliche Kompression von Forschungsprozessen und ihre Auswirkung auf Erkenntnisprozesse sind von hier von Interesse, gleichwohl in ihrer Wichtigkeit unterschätzt.
Die Ökonomisierung der Wissensgesellschaft ist im Bereich der Wissenschaftsverlage im wesentlichen ein Prozess der Industrialisierung vorher handwerklich geprägter Strukturen. Konzerne mit globaler Reichweite definieren in einigen Disziplinen, insbesondere den Lebenswissenschaften, der Chemie und der Physik, zentrale Elemente des Marktzugangs für wissenschaftliche Erkenntnisse. Als Gegenbewegung dazu ist das Aufkommen alternativer Formen des Publizierens, etwa der Open Access-Bewegung, zu verstehen. Die Ökonomisierung des wissenschaftlichen Verlegens hat die Marktteilnehmer, vorher weitgehend durch nicht-monetäre Anreize miteinander verbunden, zu einer internationalen Branche gemacht, und die Auswirkungen weltweiter Turbulenzen an den Finanzmärkten belegen dies eindrücklich.
Neben der Autopsie des Status quo wagt der Beitrag einen Blick in die Zukunft: Wie wird die Ökonomisierung der Wissensgesellschaft auf Seiten der Wissenschaftsverlage fortschreiten? Welchen Einfluss hat das auf die Repräsentanz von Wissen aus verschiedenen Bereichen? Braucht es in der vernetzten Zukunft Wissenschaftsverlage überhaupt? |
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Track 9: Medien |
Prof. Dr. Walter Hömberg
(Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt)
Vom Wissen des Nichtwissens. Medien und Kommunikation in der 'Wissensgesellschaft'
Zeitgenössische Sozialwissenschaftler haben viele Gesellschaftstheorien im Angebot: die „Risikogesellschaft“ und die „Erlebnisgesellschaft“, die „Multioptionsgesellschaft“ und die „Verantwortungsgesellschaft“, die „multikulturelle“ und die „flexible Gesellschaft“. Besonders der Begriff „Wissensgesellschaft“ hat in aktuellen Zeitdiagnosen Konjunktur. Der Referent diskutiert Sinn und Unsinn solcher Etikettierungen. In einem historischen Rückblick skizziert er die Entwicklungslinien der Wissen(schaft)skommunikation von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Neben markanten Protagonisten wie Bacon, Kant und Wilhelm Liebknecht werden soziale und mediale Entwicklungen behandelt. Der Beitrag betont die Unterschiede zwischen Daten, Informationen und Wissen und gibt einen Überblick über verschiedene Formen und Typen des Wissens. Am Schluss wird auf Aporien und Paradoxien verwiesen: Mit dem Wissen wächst zugleich der Zweifel – und auch das Nichtwissen. |
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Prof. Dr. Ansgar Zerfaß
(Universität Leipzig)
Kommunikation zwischen Kreativität und Kapitalisierung: Wie strategische Unternehmenskommunikation immaterielle Werte schafft und warum die ökonomische Bewertung an Grenzen stößt.
Die Wirtschaftskrise hat die Bedeutung von Vertrauen und Reputation als unverzichtbarem Element der Wissensgesellschaft erneut verdeutlicht.
Folgerichtig wird allerortens gezielt in Kommunikation investiert, die Organisationskultur, Marken und Images formen soll. Jenseits der kreativen Gestaltungsaufgaben mündet dies in die wissenschaftlich interessante Frage, ob und wie Kommunikation überhaupt Werte schaffen kann und wie diese Werte ökonomisch erfaßt werden können. Die sozialwissenschaftliche Diskussion zum strategischen Kommunikationsmanagement verbindet sich hier mit die betriebswirtschaftlichen Debatte um intangible Vermögenswerte, deren Bewertung und Darstellung. Der Vortrag beleuchtet das Thema aus interdisziplinärer Sicht, ordnet die jüngsten Bestrebungen zur Institutionalisierung der Kommunikationsbewertung (ISO Brand Evaluation 2009, ICV/DPRG Bezugsrahmen des Kommunikationscontrollings 2009) ein und zeigt die Grenzen und Perspektiven einer Ökonomisierung der Unternehmenskommunikation auf. |
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Prof. Dr. Wolfgang Seufert
(Friedrich-Schiller-Universität Jena)
Das Mediensystem als Wissensportal der Gesellschaft - Eintritt nur für Zahlungskräftige?
Der Beitrag thematisiert die Auswirkung ökonomischer Kalküle von Infrastrukturbetreibern und Medienunternehmen auf das Angebot von Wissen und Bildung in den Medien, insbesondere deren Umfang und Zugangskosten. Genauer analysiert werden die Veränderungen, die sich durch die zunehmende Verbreitung und Nutzung des Internets für die verschidenen Anbieter Wissens- und Bildungsangeboten ergeben. |
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Track 10: Normen, Regeln, Instrumente |
Prof. Dr. Lars Klöhn
(Universität Marburg)
"Recht und Ökonomik- gestern, heute und morgen"
Rechtsfindung verläuft traditionell systemimmanent. Gesetzesauslegung bedeutet, gewissermaßen als Medium das zur Sprache zu bringen, was bereits im Gesetz – wenn auch unvollständig – angelegt ist. Von den geisteswissenschaftlichen Nachbardisziplinen können Juristen nach diesem Verständnis nur wenig oder gar nichts lernen. Den Gegensatz hierzu bilden Versuche, das Recht nicht „in splendid isolation“, sondern unter Rückgriff auf die Erkenntnisse anderer Sozialwissenschaften auszulegen. Der vielversprechendste dieser Ansätze ist die ökonomische Analyse des Rechts. Der Vortrag gibt einen Überblick über die historischen Grundlagen, die Rezeptionsgeschichte, den gegenwärtigen Stand und das zukünftige Forschungsprogramm der Law & Economics-Bewegung in Deutschland und ihrem Heimatland, den Vereinigten Staaten von Amerika.
Lars Klöhn lehrt Bürgerliches Recht, Handels- und Gesellschaftsrecht, Rechtsvergleichung und Rechtsökonomik an der Philipps-Universität Marburg. |
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Prof. Dr. Klaus Bente
(Universität Leipzig)
Quantifizierte Stromlinie oder diversifizierte Qualität
Der Neoliberalismus und seine Folgen gehen einher mit einer allgegenwärtigen Konkurrenz. Im Zuge des Bologna-Prozesses, der die ökonomische Konkurrenzfähigkeit Europas durch eine umwälzende Reform der Bildungslandschaft fördern will, werden die Aufgaben von Universitäten und Hochschulen neu definiert. Dabei wird versucht betriebswirtschaftliche Prinzipien auch auf Forschung und Lehre zu übertragen. Die Konkurrenz um einen Elitestatus bei gleichzeitiger Mangelverwaltung führt dabei nicht nur zwischen den Hochschulstandorten, sondern auch innerhalb der Hochschulen zu Verteilungs- und Existenzkämpfen. Controlling, Evaluationen und Rankings dienen dabei eher dem Quantitäts- als dem Qualitätsmanagement. Dabei gerät die Fächervielfalt zugunsten stromlinienförmiger Strukturen in Gefahr. Letztlich verändert die „Ware Bildung“ allgemeine Bildungsansprüche zugunsten partikularer Interessen.
Diesen Entwicklungen stehen die Notwendigkeiten stärkerer Förderung von Grundlagen- und Risikoprojekten und die Garantie konkurrenzfähiger personeller Grundausstattungen an den Hochschulen gegenüber. Dabei sind zum Erhalt unterschiedlicher Lehr- und Lernkulturen sowie zur Flexibilisierung, Fächervielfalt und für die Qualitätssicherung der Abschlüsse die Bachelor- und Masterstudiengänge zu reformieren. Zukunftsweisende Bildungskonzepte bedürfen der individuellen Selbststimmung und des Weltbürgertum im Sinne des Humboldt´schen Bildungsideals verbunden mit der Utopie des herrschaftsfreien Diskurses und der Funktion der Hochschulen als kritischer Innovationsinstanz. |
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Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Daxner
(Universität Oldenburg)
Einfluss Ökonomisierung auf Werte und Normen im non-profit Bereich
Ökonomisierung und Wertverschiebungen sind nicht neu; aber Diskurse gegen die ökonomische Indienstnahme von Wissen und Wissensproduktion haben neue Dimensionen angenommen und erfordern politische und ethische Umorientierung. Verdatung als Ökonomisierung ist Bestandteil einer normativen Veränderung. Die Wissensgesellschaft selbst ist ein überhöhter Begriff, der die Funktion von Wissen für Produktion und Lebensstil nur isoliert, nicht qualitativ neu bestimmt. Non-Profit beim öffentlichen Gut „Wissen(schaft)“ und „Höhere Bildung“ ist von dieser Entwicklung betroffen, PPP ist nur ein Teil der Lösung. |