Baugeschehen 1544-1932  

Baugeschehen
1544-1932

Inhaltsübersicht


1544 - 1831: Vom Paulinerkloster zum innerstädtischen Campus

Die Leipziger Universität besteht bereits 135 Jahre, als die Baugeschichte des innerstädtischen Campus am heutigen Augustusplatz offiziell beginnt. Seit ihrer Gründung im Jahr 1409 hatte die Universität verschiedene Kollegien in der Innenstadt für ihre Zwecke in Anspruch genommen. 1543 wird ihr durch den dritten Universitätsrektor Caspar Borner das durch die Wirren der Reformation geplünderte und verwaiste Dominikanerkloster St. Pauli am östlichen Leipziger Stadtrand als Besitz überschrieben.

Am 22. April 1544 unterzeichnet Kurfürst Moritz von Sachsen die Schenkungs-urkunde der Klosterkirche nebst zugehörigen Liegenschaften. Damit verfügt die Universität auf einen Schlag über ein weit gestrecktes Gelände mit zahlreichen Wirtschafts- und Wohngebäuden, sowie Klostergarten und großem Bibliothekssaal, welches unter dem Namen „Collegium Paulinum“ (Grundriss) fast ein eigenes Stadtviertel bildet. Mit zusätzlichen Zuwendungen von 2.000 Goldgulden pro Jahr ist die noch junge Alma mater Lipsiensis nun eine der reichsten Universitäten im Alten Reich.

Das Kernstück des weitläufigen Areals zwischen östlicher Stadtmauer und „neuem Neumarkt“ (Universitätsstraße) bildet die 1231 erbaute Klosterkirche in spätgotischer Hallenform. Sie wird am 12. August 1545 von Reformator Martin Luther feierlich zur evangelischen Universitätskirche geweiht.
Neben akademischen Gottesdiensten dient der Kirchenraum fortan auch als Auditorium Maximum sowie als Aula für Promotionsfeiern, Konzerte, Rektorats-wechsel und akademische Begräbnisse.

Während die Universität in den folgenden zwei Jahrhunderten inhaltlich und personell schnell expandiert und die reformatorische Lehrform übernimmt, geschieht baulich nur wenig am neuen Universitätscampus. Abgesehen von kleineren Reparaturen und Umbauten wird erst im Jahr 1797 mit landes-herrlicher Unterstützung eine umfangreichere Reparatur des Gebäude-komplexes entlang der heutigen Universitätsstraße durchgeführt. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts wird auch die alte Universitätskirche mehrfach umgebaut und der Innenraum den jeweiligen Stilphasen der Gotik, Renaissance und des Barock angepasst. Die Universitätskirche bleibt über lange Zeiten ungenutzt oder wird zweckentfremdet. So wird sie während der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 als Lazarett verwendet, nach einer Renovierung 1817 jedoch wieder als Universitätskirche genutzt.

1831 – 1932: Die Alma mater Lipsiensis expandiert

Nachdem Leipzig im Jahr 1760 bereits über rund 30.000 Einwohner verfügt, beginnen ab 1785 erste architektonische Konzeptionen für den 40.000 m² großen Grimmaischen Thorplatz, der noch jenseits der Wallanlagen außerhalb des Stadtkerns liegt.

Mit seiner Ausgestaltung zu einem der wichtigsten Plätze der Stadt wächst der Anspruch der Universität, sich mit einer Schaufassade zum neu geschaffenen Repräsentationsplatz hin zu präsentieren. So wird ab 1830 begonnen, die unmittelbar an der östlichen Stadtmauer gelegenen Kollegien und das Zwingerhaus südlich der Kirche abzubrechen, um für ein repräsentatives Hauptgebäude der Leipziger Universität Platz zu schaffen.

Der Wunsch nach baulicher Veränderung entsprang nicht nur dem Sanier-ungsbedarf der alten Bausubstanz, sondern auch der schnell wachsenden Bevölkerungs- und Studierendenzahl. Darüber hinaus war die Umgestaltung der Universität von einer mittelalterlichen Lehrstätte zu einem Zentrum der Ausbildung des geistlichen, juristischen und pädagogischen Nachwuchses für das albertinische Sachsen bereits in der Universitätsordnung von 1580 festgeschrieben worden. Mit der Änderung der Universitäts-verfassung im Jahr 1830 war darüber hinaus die bisherige selbständige Finanzverwaltung in die des königlichen Rentamtes übergegangen, womit es nun möglich war, umfassende und längst überfällige Bauprojekte anzugehen. So zeichnen sich die Jahre von 1831 bis 1900 als Jahrzehnte intensiver Bautätigkeit am Leipziger Universitätscampus aus.

Historische Bildergalerie 1544-1968

Um- und Neubau der Universität durch Albert Geutebrück

Die Universität um 1890

Für die geplanten Baumaßnahmen am Universitätscampus wird 1831 der junge Architekt Albert Geutebrück (1801-1868) aus Gotha beauftragt.
Zusammen mit dem in Dresden tätigen Architekten Joseph Türmer legt er Karl Friedrich Schinkel in Berlin zunächst die Entwürfe für ein neues Hauptgebäude zur Beurteilung und Überarbeitung vor.


Nach dessen Vorschlägen soll unter Geutebrücks Leitung in den Jahren von 1831-1836 ein imposantes Haupt-gebäude entstehen, welches im Norden an die Universitätskirche anschließt und zum Augustusplatz hin eine repräsentative und durchgehende Fassade im klassizistischen Stil bildet. Nachdem die alten Gebäude 1829 abgebrochen sind, kann am 4. Dezember 1831 der Grundstein für den Neubau des Augusteum gelegt werden.

Nach rund fünfjähriger Bauzeit erfolgt am 3. August 1836 die Übergabe und feierliche Einweihung des neuen Hauptgebäudes der Universität. Mit dem dreigeschossigen Augusteum verfügt die Universität nun nicht nur über ein repräsentatives Hauptgebäude, sondern auch über neun Hörsäle mit 840 Plätzen, eine über zwei Geschosse reichende Aula mit 248 Sitzplätzen, die inzwischen auf einen Bestand von 100.000 Bänden und zahlreichen Handschriften angewachsene Bibliothek sowie verschiedene Sammlungen und Laboratorien. Mit dem Bau des Augusteum beginnt auch die städtebauliche Organisation des heutigen Augustusplatzes, die in Anordnung und Proportion maßgebend für die nachfolgenden städtischen Repräsentationsbauten an diesem neu angelegten Platz wird.

Zwei Jahre nach der feierlichen Einweihung des Augusteums wird auch die Universitätskirche erneut umgebaut. Sie steht nun erstmals frei zwischen ihren Nachbargebäuden und erhält eine klassizistische Ostfassade mit einer von einem Spitzbogen eingefassten Fensterrose. Damit bildet sie – erstmals in der Geschichte – architektonisch ein einheitliches  und repräsentatives Ensemble mit dem angrenzenden Augusteum.

Der Campus wächst: weitere Bauten entstehen

Unter Albert Geutebrück entstehen bis Mitte der 1850er Jahre zahlreiche weitere Gebäude im und am Rande des Universitätscampus. Um Platz für das Laboratorium des chemischen und archäologischen Instituts zu schaffen, werden von der Universität gegenüber der Bürgerschule auf der Moritzbastei weitere Grundstücke erworben. Auf diesem Gelände entsteht 1842 das Fridericianum mit einem angrenzenden Eckhaus zur Universitätsstraße (Stelle der heutigen Mensa am Park). Zusammen mit dem 1848 errichteten, fünfgeschossigen Mauricianum als Laden- und Wohngebäude (Stelle des heutigen Institutsgebäudes) sowie dem 1850 neu errichteten Hardtschen Haus ist der Universitätscampus nun auch in nord/nordwestlicher Himmelsrichtung hin abgeschlossen und bildet ein weitestgehend in sich geschlossenes Ensemble.

Auch im Inneren des Universitätscampus schreiten die Baumaßnahmen voran. So wird bis Mitte der 1840er Jahre damit begonnen, das Mittelpaulinum hinter dem Augusteum um ein zweites Stockwerk zu erweitern. Hierfür muss die darin befindliche Universitätsbibliothek zunächst in das Augusteum verlegt werden, bis sie im Jahre 1846 wieder in das inzwischen erweiterte und aufgestockte Gebäude zurückzuziehen kann. Weitere Baumaßnahmen der folgenden 30 Jahre sind der Neubau des Konvikts und des Bornerianums (1871) sowie verschiedene Umbauten an bestehenden Häusern entlang der Universitätsstraße, welche nach und nach in den Besitz der Universität übergegangen waren (Fürstenhaus, Schwarzsches Haus, Goldener Bär).

Abriss und Neubau des alten Paulinums durch Arwed Rossbach

In den beginnenden 1870er Jahren stößt die Universität an ihre Kapazitätsgrenzen, da sie durch die rasante Stadtentwicklung und den enormen Zulauf von Studenten in dieser Zeit stark angewachsen ist.

Hauptgebäude der Leipziger Universität nach dem Umbau durch Arwed Rossbach

Die Leipziger Universität steht zwischen 1872 und 1878 vor Berlin auf dem ersten Rang der deutschen Universitäten, was die Alma mater Lipsiensis vor immer größere räumliche Herausforderungen stellt. Schnell werden Rufe nach einer Verlegung an einen Standort mit mehr Entwicklungsmöglichkeiten laut, die Universitätsleitung selbst möchte den „altehrwürdigen“ Standort am Augustusplatz jedoch erhalten wissen.


Nach dem Tod des Universitätsbaumeisters Geutebrück im Jahr 1868 werden abermals Pläne zur vollständigen Erweiterung des Universitätskomplexes am Augustusplatz diskutiert. Schon seit 1884 hatte sich der akademische Senat beim Dresdner Staatsministerium um einen Neubau im Paulinum bemüht. Ohne Ausschreibung wird nun der Architekt Arwed Rossbach beauftragt, Pläne zu einer durchgreifenden Neugestaltung und räumlichen Erweiterung des Augusteums und des inneren Universitätscampus anzufertigen.

Für den Unicampus am Augustusplatz plädiert Architekt Rossbach – in Übereinstimmung mit der Universitätsleitung - für den Abriss des alten Paulinums mit anschließendem Neubau. Einzig das Augusteum, das erst um 1870 im nördlichen Innenhof errichtete Bornerianum sowie der Kreuzgang der Paulinerkirche sollen erhalten bleiben. Der zukünftige Platzbedarf sowie die Grundfeuchte der alten Mauern erlaubt schließlich die Durchsetzung der ehrgeizigen Pläne. Am 2. August 1892 wird ohne Unterbrechung des Lehrbetriebs damit begonnen, die alte Klosteranlage hinter dem Augusteum vollständig abzureißen.

Johanneum, Albertinum und Paulinum entstehen

Auf dem Universitätscampus wachsen unter Arwed Rossbach mehrere neue Universitätsbauten in die Höhe. In den Jahren bis 1897 wird das Augusteum, das ursprünglich nur die Hauptfront zum Augustusplatz bildete, um einen wuchtigen Süd- (Johanneum), Mittel- (Albertinum) und Westflügel (Paulinum) erweitert. Der großangelegte Umbau des Universitätscampus beinhaltete gleichzeitig auch eine stilistische Angleichung der universitären Hauptgebäude an andere repräsentative Gebäude des Augustusplatzes. Das Augusteum erhält nach den Plänen  von Rossbach vollkommen neu gestaltete Fassade mit einem auf acht Säulen gestützten Giebel und Dachaufbauten im Stil der Neorenaissance bzw. der Neogotik.

Der Gebäudekomplex am Augustusplatz verfügt nun über zahlreiche neue und erweitere Räumlichkeiten (Grundriss). Hierzu zählen eine zweigeschossige Wandelhalle zwischen Augusteum und Albertinum, zahlreiche neue Hörsäle, Instituts,- und Unterrichtsräume, eine über zwei Etagen reichende Aula sowie umfangreiche Räume für die archäologische Sammlung. Zwischen 1897-1899 wird auch Geutebrücks erneuerte Ostfassade der Universitätskirche wieder abgebrochen. An ihrer Stelle errichtet Arwed Rossbach eine repräsentative Schauseite im neogotischen Stil nach dem Vorbild der gotischen Domfassade von Orvieto, aus Cottaer und Postelwitzer Sandstein.

Die außerordentlich intensive Bautätigkeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts wird auch durch den 500. Jahrestag der Gründung der Universität im Jahre 1909 stimuliert.Am 15. Juni 1897 wird der neue Universitätskomplex mit den erneuerten und neuen Gebäudeflügeln Augusteum, Albertinum, Johanneum und Paulinum feierlich eröffnet.  Nach rund 350 Jahren stellt das Universitätsgelände am Augustusplatz nun einen architektonisch durchdachten und in sich geschlossenen Campus mit mehreren Gebäudeflügeln und Innenhöfen dar, der in dieser Form für
die kommenden knapp 50 Jahre bestehen bleiben soll.


letzte Änderung: 05.10.2017 

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