Baugeschehen 1900-1989  

Baugeschehen
1900-1989

Inhaltsübersicht


1933 – 1945: Kriegswirren und Zerstörung

Während des zweiten Weltkrieges wird der innerstädtische Campus zwischen Augustusplatz, Schillerstraße, Universitätsstraße und Grimmaischer Straße durch die Angriffe der britischen und amerikanischen Luftstreitkräfte schwer getroffen und fast vollständig zerstört.

Kunstschätze im zerstörten Universitätscampus

Durch den Einsatz von Spreng- und Brandbomben verliert die Universität 1943/1944 über 64 Prozent ihres Gebäudebestandes. Bei Kriegsende 1945 sind von 103 Gebäuden der Universität lediglich 16 Gebäude unversehrt, 87 sind total zerstört oder nicht mehr nutzbar. Neben dem Verlust von Gebäuden, Klniken und Instituten hat die Universität auch das Gros der naturwissen-schaftlichen Laboratorien, Sammlungen und sowie Fachbibliotheken verloren.

Da die Universitätsleitung bis Dezember 1943 kaum etwas zur Auslagerung von Sammlungen und Buchbeständen unternommen hatte, werden nach dem Angriff vom 4. Dezember 1943 zahlreiche noch unversehrte Buchbestände und Gerätschaften in Interime ausgelagert. Zwischen den einzelnen Angriffen werden Notdächer errichtet, Glasschäden behoben und Noträumlichkeiten in Schulen und öffentlichen Gebäuden für eine stark eingeschränkte Arbeit hergerichtet.

Mit der Auslagerung von Sammlungen und Instituten auf Standorte außerhalb des zerstörten Unicampus beginnt auch die langsame Zersiedelung der Universität. So müssen in den Nachkriegsjahren zahlreiche Unterkünfte für zerstörte Universitätseinrichtungen gefunden, die sie sich teilweise noch heute dort befinden. Von den Gebäuden am Augustusplatz bleiben nur das schwer beschädigte Augusteum sowie das Albertinum und das Johanneum erhalten. Der Rest des universitären Campus (Fridericianum, Mauricianum, Fürstenhaus, Paulinum, Bornerianum, Goldener Bär und Seminargebäude) liegt in Schutt und Asche. Einzig die Universitätskirche ist wie durch ein Wunder nahezu unversehrt geblieben.

Nachkriegsjahre: Die neue Karl-Marx Universität

Am 18. April 1945 wird Leipzig von den Amerikanern besetzt. Nachdem nur wenig später, am 2. Juli 1945, die sowjetische Militäradministration wie vorgesehen ihren Platz in Besitz nimmt, beginnt für die Universität Leipzig die Zeit des Neuaufbaus unter sozialistischem Vorzeichen. Bereits am
5. Februar 1946 erfolgt die Wiedereröffnung der Leipziger Universität auf Grundlage des Befehls vom 15. September 1945 der Sowjetischen Militär-administration in Deutschland (SMAD). Der Festakt zur offiziell genannten "Neueröffnung" der Universität findet indes nicht in der Paulinerkirche, sondern im Leipziger Kino "Capitol" in der Petersstraße statt.

Die Universität der frühen Nachkriegsjahre zeichnet sich – entsprechend der ersten  DDR-Hochschulreform - durch konsequente Entnazifizierung, das Wirken humanistisch gesinnter bürgerlicher Wissenschaftler im Geiste des demokratischen Neuanfangs und die sukzessive Ausbreitung marxistischer Ideen unter den Wissenschaftlern und Studenten aus. Das augen-scheinlichste Bekenntnis zur Lehre des Marxismus-Leninismus wird 1953 mit der Umbenennung der Universität Leipzig in „Karl-Marx-Universität“ vollzogen.

Sozialistische Umgestaltung des Augustusplatzes

Es kommen erste Überlegungen zur "sozialistischen Umgestaltung“ des Augustusplatzes auf, der im Zuge der neuen Ideologie 1953 in "Karl-Marx-Platz" umbenannt wird. Die Beseitigung der Paulinerkirche und der weiteren Campusgebäude wird intern zusehends in Erwägung gezogen, um auch baulich einen deutlichen Bruch mit der jahrhunderte langen Tradition zu vollziehen. Der Leipziger Universitätscampus sowie der angrenzende Karl-Marx-Platz soll nach dem Willen der SED-Führung zum politisch-kulturellen Zentrum der sozialistischen Großstadt Leipzig umfunktioniert werden. Dennoch ist von Seiten der Parteispitze offiziell noch bis ins Jahr 1967 ein Wiederaufbau des Uni-Hauptgebäudes „Augusteum“ in Verbindung mit der alten Universitätskirche und einem neuen Universitätshochhaus vorgesehen.

Nachdem ein Neubau der Universität beschlossen ist, wird im Januar 1968 ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben, an dem sich Architektenkollektive aus Berlin, Rostock, Dresden, Karl-Marx-Stadt und Leipzig beteiligten. Nur in einem der fünf Entwürfe ist die Erhaltung der Paulinerkirche vorgesehen. Es wird kein erster Preis vergeben, doch Walther Ulbricht spricht sich für die Übernahme wichtiger Gestaltungselemente aus dem Entwurf von DDR-Stararchitekt Hermann Henselmann aus.

Trotz Protest: Die Universitätskirche wird gesprengt

Der geplante Abriss der vollkommen intakten Universitätskirche stößt vor allem in Kirchenkreisen, der Theologischen Fakultät und der Leipziger Bevölkerung auf Protest, doch die SED-Führung möchte auf dem neu gestalteten Karl-Marx-Platz keine mittelalterliche Kirche mehr sehen. 

Am 23. Mai 1968 stimmt die Leipziger Stadtverordnetenversammlung dem Bebauungsplan des Leipziger Karl-Marx-Platzes einschließlich der Sprengung der Universitätskirche und allen weiteren Gebäuden mit nur einer Gegenstimme zu. Wenige Tage zuvor hatte auch der Senat der Universität für den Abriss des alten Campus votiert. Damit ist der Umbau des Campus zu einer sozialistischen Lehranstalt besiegelt.

Am 30. Mai 1968 fällt vor den Augen der entsetzten Leipziger Bevölkerung die altehrwürdige und vollkommen intakte Paulinerkirche in sich zusammen. Vor allem Kirchenkreise hatten bis zum Schluss verzweifelt gegen die Sprengung gekämpft. Kurze Zeit später werden auch das durch den Krieg nur leicht beschädigte Augusteum sowie alle weiteren Gebäude des alten Universitätskomplexes gesprengt, um den Platz für den Bau der neuen Karl-Marx-Universität zu schaffen.

Neubau des Universitätscampus unter sozialistischem Vorzeichen

Modell des neuen DDR-Campus

Bis 1978 entsteht ein neuer Universitätskomplex: ein 142,5  Meter hohes Universitätshochhaus in Form eines aufgeschlagenen Buches, das Rektoratsgebäude, die Mensa sowie das Seminar- und Hörsaalgebäude. Die Städtebauliche Lösung und die architektonische Grundkonzeption geht aus dem Kollektiv um Prof. Dr. Hermann Henselmann, Prof. Dr.-Ing. Horst Siegel, Dipl.-Ing. Ambros G. Gross und Architekt Helmut Ullmann hervor. Die Gesamtleitung übernimmt Architekt Helmut Ullmann.

Im Gegensatz zu den Vorgängerbauten integriert sich der neue Universitätscampus als ausschließlich funktionales Ensemble ohne jegliche Einbindung in das städtebauliche Gefüge. Das schmucklose Architekturensemble in Stahlskelettbau bleibt bis zur deutsch-deutschen Wiedervereinigung unverändert bestehen, wird jedoch schnell marode und baufällig und entspricht schon bald nicht mehr den Anforderungen einer modernen Massen-Universität im ausgehenden 20. Jahrhundert.


letzte Änderung: 05.10.2017 

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Info-Punkt Neues Augusteum
Augustusplatz 10
04109 Leipzig

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