Anerkennung von  Auslandsaufenthalten  

Anerkennung von
Auslandsaufenthalten

Häufig gestellte Rechtsfragen

Im Anerkennungsprozess treffen die Zuständigen wichtige Entscheidungen. Florian Gröblinghoff, Justitiar an der Europa-Universität Flensburg und ehemaliger Mitarbeiter im HRK-Projekt Nexus, gibt Antworten auf besonders häufig auftretende Rechtsfragen in der Praxis.

  1. Kann eine im Ausland erbrachte Studien- und Prüfungsleistung teilweise anerkannt werden?
  2. Kann die Anerkennung mit einer Auflage verbunden werden?
  3. Woran sollten sich Umrechnungen von ECTS-/Leistungspunkten orientieren, wenn es Abweichungen zwischen Heimat- und Gasthochschule gibt?
  4. Wie kann vorgegangen werden, wenn es an der ausländischen Partneruniversität kein modularisiertes System gibt?
  5. Wie rechtssicher ist das Bilden fiktiver Module?
  6. Was tun, wenn unbenotete Scheine aus dem Ausland mitgebracht, an der Heimatuni aber benotete gebraucht werden?  
  7. Muss die individuelle Leistung identisch sein bei Pflichtmodulen?
  8. Können an der Partneruniversität abgelegte und bereits benotete Prüfungsleistungen an der Heimatuniversität noch einmal überprüft und benotet werden?
  9. Können an der Heimatuniversität erbrachte Noten durch bessere Noten aus dem Ausland ersetzt werden?
  10. Welche Anforderungen sind an das Anerkennungsverfahren zu stellen?
  11. Wie rasch muss der Antrag auf Anerkennung bearbeitet werden?
  12. Wie kann über die Bewertbarkeit von Leistungen ohne Modulbeschreibung geurteilt werden?
  13. Die vorliegenden Notenumrechungstabellen decken nicht jede Partneruniversität ab. Welche "Systeme" der Umrechnung empfehlen sich?

1. Kann eine im Ausland erbrachte Studien- und Prüfungsleistung

... teilweise anerkannt werden?

Ja, die "Recommendation on Criteria and Procedures for the Assessment of Foreign Qualifications and Periods of Study" (Ziff. 8) empfehlen eine Teilanerkennung, wenn eine vollständige Anerkennung nicht möglich ist. Diese ist vor einer vollständigen Verweigerung der Anerkennung wohlwollend zu prüfen. Ggf. kann auch die Teilanerkennung mit Auflagen verbunden werden.

2. Kann die Anerkennung mit einer Auflage verbunden werden, ...

... z.B. das bestimmte Veranstaltungen an der Heimatuniversität ergänzend besucht oder bestimmte Prüfungen ergänzend abgelegt werden müssen?

Bei der Anerkennung einer Studien- und Prüfungsleistung handelt es sich um einen Verwaltungsakt i.S.d. § 35 VwVfG1. Eine Anerkennung kann vollständig oder teilweise erfolgen. Im Falle einer Teilanerkennung kann diese mit oder ohne Bedingungen oder Auflagen verbunden sein. Die Anerkennung kann etwa davon abhängig gemacht werden, eine bestimmte Prüfung erfolgreich abzulegen (Bedingung) oder ein bestimmtes Seminar zu besuchen (Auflage). Im Falle des Versagens einer Anerkennung ist nach Artikel III.5 der Lissabon-Konvention der Antragsteller über mögliche Maßnahmen zu unterrichten, die er ergreifen kann, um die Anerkennung zu einem späteren Zeitpunkt zu erlangen.

§ 36 VwVfG regelt die Möglichkeit, einen Verwaltungsakt u.a. mit einer Auflage zu versehen. Dort heißt es in Absatz 2: "Unbeschadet des Absatzes 1 darf ein Verwaltungsakt nach pflichtgemäßem Ermessen erlassen werden mit [...] 2. einer Bestimmung, nach der der Eintritt oder der Wegfall einer Vergünstigung oder einer Belastung von dem ungewissen Eintritt eines zukünftigen Ereignisses abhängt (Bedingung) [...] oder verbunden werden mit 4. einer Bestimmung, durch die ein Tun, Dulden oder Unterlassen vorgeschrieben wird (Auflage)".

1 "§§ 1, 2 Nr. 1 SächsVwVfG verweisen auf die Anwendbarkeit des Verwaltungsverfahrensgesetzes des Bundes. Der besseren Lesbarkeit wegen werden nur die Paragraphen des VwVfG des Bundes genannt."

3. Woran sollten sich Umrechnungen von ECTS-Punkten orientieren, ...

...wenn es Abweichungen zwischen Heimat- und Gasthochschule gibt? Welche Faustregeln gibt es, worauf sollte man hier achten, wenn deutlich wird, dass die Partner bspw. in Asien/USA eine ganz andere Umrechnung nutzen?

Dem ECTS liegt die Idee zu Grunde, den Zeitaufwand, den ein durchschnittlicher Studierender benötigt, um ein Lernergebnis zu erreichen, in einem Punktesystem auszudrücken. Ein Punkt entspricht dabei einem Zeitaufwand von 25 bis 30 Zeitstunden. Erfasst wird jede Lernaktivität, egal ob in hochschulischen Präsenzphasen, heimischem Eigenstudium oder in der Prüfung. Die Aussagekraft der ECTS allein ist äußerst gering, da sie tatsächlich und ausschließlich den durchschnittlichen zeitlichen Studienaufwand in einem Modul ausdrückt. Rückschlüsse auf dabei erworbene Kompetenzen werden erst im Zusammenhang mit den Lernergebnissen sichtbar.

Dabei gilt die Faustregel: je anspruchsvoller die Kompetenz und je höher das zu erwerbende Niveau, desto mehr Zeit wird für den Lernprozess benötigt. Eine Divergenz in den ECTS-Punkten allein hat also keine Aussagekraft. In Verbindung mit den Lernergebnissen deutet eine größere Differenz aber darauf hin, dass sich die Lernergebnisse u. U. wesentlich unterscheiden.

Der Grund für die Feststellung eines wesentlichen Unterschiedes ist in diesen Fällen also NICHT die unterschiedliche Zahl der Kreditpunkte, sondern die Divergenz der Lernergebnisse, die sich in einem unterschiedlichen Lernzeitaufwand manifestiert.

Für die "Umrechung" anderer Bewertungssysteme muss demnach auch der Umfang des zeitlichen Studienaufwandes ermittelt werden, u. a.

  • Werden nur Präsenzphasen erfasst oder auch Prüfungen und Selbstlernaktivitäten?
  • Wird eine Zeitstunde zu Grunde gelegt oder eine andere Zeiteinheit?

Auch bei der zeitlichen Anerkennung sollte das Lernergebnis fokussiert werden. 

4. Wie kann vorgegangen werden, wenn...

... es an der ausländischen Partneruniversität kein modularisiertes System gibt und daher keine ECTS-Punkte verliehen werden können?

In diesem Fall bleibt es bei einer Bewertung der Lernergebnisse mit Blick auf das zu erreichende Niveau. Liegen keine wesentlichen Unterschiede vor, können im Rahmen der Anerkennung die an der Heimatuniversität vorgesehenen ECTS-Punkte übernommen werden, denn es ist davon auszugehen, dass zum Erreichen der Lernergebnisse etwa die gleiche Zeit erforderlich war wie an der Heimathochschule. Andernfalls wären die Unterschiede so wesentlich, dass nur eine Teilanerkennung in Betracht kommt, für die dann der Zeitaufwand zu schätzen und in ECTS-Punkte umzurechnen wäre.

5. Wie rechtssicher ist das Bilden fiktiver Module, wenn...

... bspw. im Ausland gar keine Modul-Struktur existiert, sondern nur Kurse angeboten werden, die dann hier "zusammengebastelt" werden für die Anerkennung: Welche Regelungen gibt es hier? Worauf muss man achten, welche Alternativen gibt es?

Für diese Konstellation gibt es keine Regel. Im Sinne des Gleichbehandlungsgrundsatzes sind vergleichbare Fälle gleich zu behandeln. Im Zweifelsfall können nur einzelne Veranstaltungen innerhalb eines Moduls anerkannt werden. Fehlende Veranstaltungen können dann an der Heimatuniversität nachgeholt werden. Fehlt lediglich die Prüfungsleistung, so kann diese an der Heimatuniversität abgelegt werden.

6. Wenn unbenotete Scheine aus dem Ausland mitgebracht werden, ...

... an der Heimatuni aber benotete gebraucht werden – wie kann dieses Dilemma aufgelöst werden?

Eine Anerkennung der Studienleistung ohne Prüfungsleistung im Ausland kann erfolgen. Dabei besteht die Möglichkeit, die Prüfung in Deutschland nachzuholen. Ist die im Ausland absolvierte Prüfung mit "bestanden" oder "nicht bestanden" bewertet, ist die so zu übernehmen und keine Note im System einzutragen. Rechtswidrig ist es in diesen Fällen, die im Ausland erbrachte Prüfungsleistung einfach mit "ausreichend 4,0" zu bewerten.

7. Interpretation der Lissabon-Konvention:...

... muss die individuelle Leistung identisch sein bei Pflichtmodulen?

Nein. Maßstab für die Bewertung ist das Vorliegen eines wesentlichen Unterschiedes im Hinblick auf die zu erreichenden Lernergebnisse . Dieser Maßstab ist deutlich weiter gedacht und erkennt Unterschiede als etwas Normales an. Wesentliches Kriterium ist die Qualität der Lernergebnisse. Andernfalls wäre es ein Fall von Gleichwertigkeit.

Gegenstand der Gleichwertigkeitsfeststellung waren quantitative und qualitative Elemente: Studiendauer und -inhalt, Art und Inhalt von Prüfungen, Niveau der Ausbildung und der Ausbilder sowie die Arbeitsbelastung.

Andersartiges als gleichwertig anzuerkennen setzte präzise Kenntnisse von Curricula, Institutionen und Personen voraus und gegenseitiges Vertrauen.

8. Ist es mit der Lissabonner Konvention vereinbar,...

... an der Partneruniversität abgelegte und bereits benotete Prüfungsleistungen (wie bspw. schriftliche/mündliche Prüfungen oder auch Hausarbeiten) an der Heimatuniversität noch einmal zu überprüfen und zu benoten?

Zur Überprüfung der Benotung hat das OVG Münster ausgeführt: "[...] ist eine qualitative Bewertung, wie sie für unvertretbare Prüfungsentscheidungen kennzeichnend ist, nicht vorzunehmen. Diese Bewertung ist von den Prüfern, die die anzurechnende Arbeit bewertet haben, bereits vorgenommen worden. Sie ist bei der Anrechnung vorgegeben und nicht erneut vorzunehmen" (WR 2001, 82, 83 f.).

9. Die im Ausland erbrachte Note ist besser als die an der Heimatuni...

... erbrachte – kann ich diese nun einbringen, auch wenn meine (weniger gute) Leistung an der Heimatuni schon verbucht ist? Kann ich mit der Verbuchung warten und mir dann die beste Note dafür aussuchen?

Das wäre de facto ein Verbesserungsversuch, der eine Besserstellung gegenüber den an der Heimatuniversität verbliebenen Studierenden darstellt, die nicht durch die besonderen Schwierigkeiten eines Studiums im Ausland gerechtfertigt ist. Eine solche Anerkennung wäre demnach nur möglich, wenn die heimische Prüfungsordnung für alle Studierenden einen Verbesserungsversuch vorsieht.

10. Welche Anforderungen sind nun an das Anerkennungsverfahren...

...zu stellen?

Das Verfahren muss durchschaubar, einheitlich und zuverlässig sein. Die Anerkennungsentscheidung muss anhand transparenter Kriterien innerhalb einer angemessenen Frist erfolgen. Die Bewertung muss diskriminierungsfrei durchgeführt werden (Art III.1 (2) LRC). Der Gleichbehandlungsgrundsatz verpflichtet zu einer einheitlichen Verwaltungspraxis, insbesondere vergleichbare Sachverhalte auch gleich zu entscheiden. Die inhaltliche Bewertung der Anträge basiert allein auf den erworbenen Kenntnissen und Fähigkeiten (Art. III.1 (2) LRC am Ende) und auf der Grundlage angemessener Informationen (Art. III.3 (3) LRC). Zur Bewertung von Studienleistungen empfiehlt sich nach Artikel IX.3 LRC, das "Diploma Supplement" einzusetzen. Umstände, die sich nicht auf den akademischen Wert der Studien- und Prüfungsleistung beziehen, bleiben bei der Entscheidung unberücksichtigt.

11. Wie rasch muss der Antrag auf Anerkennung bearbeitet werden?

Die Konvention sieht keine konkrete Frist vor; es empfiehlt sich eine schnellstmögliche Entscheidung.

Was eine angemessene Frist ist, hängt vom Einzelfall ab. Orientierung bietet § 75 VwGO, der als regelmäßige "Mindestwartezeit" für eine Klage gegen die Untätigkeit der Verwaltung 3 Monate zu Grunde legt. Um unnötige Zeitverluste auf Seiten der Studierenden zu vermeiden, sollte die Anerkennungsentscheidung so rechtzeitig getroffen werden, dass eventuell nachzuholende Leistungen zeitnah erbracht werden können. Die Frist beginnt erst zu Laufen, wenn alle notwendigen Antragsunterlagen vollständig bei der Anerkennungsstelle vorliegen.

12. Wie kann über die Bewertbarkeit von Leistungen geurteilt werden,...

... wenn es keine Modulbeschreibungen an der Partnerhochschule gibt?

In diesem Fall ist eine sorgfältige Begutachtung der Kursunterlagen unumgänglich mit dem Fokus auf den Lernergebnissen. Der Antragsteller ist verpflichtet, alle benötigten Unterlagen beizubringen (Art. III.3 der Lissabon-Konvention).

13. Die vorliegenden Notenumrechungstabellen decken nicht...

... jede Partneruniversität ab,  sondern oft nur Beispiele/ Länder. Die Studierenden, die sich ungerecht benotet fühlen, liefern oft die passende Umrechnungstabelle einer anderen deutschen Universität, bei der die Studierenden immer "am günstigsten" wegkommen. Gibt es eine rechtliche Basis/eine langlebige Praxis dazu, die besagt, woran man sich hier zu halten hat? Welche "Systeme" der Umrechnung empfehlen sich?

Bei der Notenumrechnung und der Verwendung bestimmter Systeme oder Tabellen ist darauf zu achten, dass die Studierenden, die in einem Land/an einer Hochschule studiert haben, gleich behandelt werden und die zu Hause gebliebenen nicht benachteiligt werden. Letzteres bedeutet aber nicht, dass gute ausländische Noten nach unten korrigiert werden müssen, wenn der Durchschnitt an der Heimatuniversität schlechter ist.


letzte Änderung: 02.03.2017 
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