Anerkennung von  Auslandsaufenthalten  

Anerkennung von
Auslandsaufenthalten

Rechtliche Grundsätze

Die rechtlichen Grundlagen zur Anerkennung von im Ausland erbrachten Leistungen haben sich mit der Aufnahme der Lissabon-Konvention in § 35, Artikel 9 des Sächsischen Hochschulfreiheitsgesetzes 2012 entscheidend geändert. Mit dem Grundsatz des wesentlichen Unterschiedes findet ein Paradigmenwechsel gegenüber dem vorher geltenden Grundsatz der Gleichwertigkeit statt. Im Folgenden werden beide Grundsätze einander gegenübergestellt, und anhand der wichtigsten Aspekte werden die Folgen für die Anerkennungspraxis aufgezeigt.

Gleichwertigkeit versus wesentlicher Unterschied

Beweislastumkehr

Mitwirkungspflicht

Transparenz, Einheitlichkeit bzw. Verbindlichkeit, Verlässlichkeit

Anrechnung der ECTS‐Credits

Lernergebnisse

Gleichwertigkeit versus wesentlicher Unterschied

Der Hauptunterschied lässt sich an den Schlagworten „Gleichwertigkeit“ und "wesentlicher Unterschied" festmachen, die jeweils das Kernkriterium der Anerkennungsregelung bilden bzw. bildeten.

Die Lissabon-Konvention von 2008 benennt den wesentlichen Unterschied hinsichtlich erworbener Kompetenzen als Anerkennungskriterium.

Lernergebnisse

„Die Lernergebnisse stellen überprüfbare Aussagen über die zu erwartenden Kenntnisse, Fähigkeiten und Kompetenzen von Studierenden dar, die eine bestimmte Qualifikation erlangt oder ein Programm oder einzelne Komponenten desselben abgeschlossen haben“ (Europäische Kommission: ECTS-Leitfaden. Luxemburg, 2009. S. 13).

Wesentlicher Unterschied

„Studien- und Prüfungsleistungen, die an einer Hochschule erbracht worden sind, werden auf Antrag angerechnet, es sei denn, es bestehen wesentliche Unterschiede hinsichtlich der erworbenen Kompetenzen. […]. Die Nichtanrechnung ist schriftlich zu begründen. Über die Anrechnung (...) entscheidet die in den Prüfungs- oder Promotionsordnungen oder sonstigen Rechtsvorschriften vorgesehene Stelle" (§35, Artikel 9, SächsHSFG).

Dieser Passus ersetzt die bisherige Regelung:

Gleichwertigkeit
„Studien- und Prüfungsleistungen, die an einer Hochschule erbracht worden sind, werden auf Antrag anerkannt, wenn ihre Gleichwertigkeit festgestellt worden ist. [...] Gleichwertigkeit ist festzustellen, wenn Studienzeiten, Studienleistungen und Prüfungsleistungen in Inhalt, Umfang und in den Anforderungen denjenigen des entsprechenden Studiums an der aufnehmenden Hochschule im Wesentlichen entsprechen. Dabei ist kein schematischer Vergleich, sondern eine Gesamtbetrachtung und Gesamtbewertung vorzunehmen“ (§ 35, Artikel 9 SächsHSFG).

Hierin besteht der Paradigmenwechsel: Das Kriterium der Gleichwertigkeit verlangt eine Entsprechung von Studien- und Prüfungsleistungen der Gasthochschule mit denen der Heimathochschule, sucht also nach einer Äquivalenz. Das Kriterium des wesentlichen Unterschieds geht davon aus, dass Unterschiede existieren, ohne der Anerkennung per se im Weg zu stehen. Eine Anerkennung von im Ausland absolvierten Studienleistungen ist also der Regelfall. Davon wird nur für den Fall abgewichen, dass die Hochschule wesentliche Unterschiede zwischen den Studien- und Prüfungsleistungen feststellt und diese auch nachweisen kann.

Daraus ergeben sich folgende Konsequenzen:

Konzept des wesentlichen Unterschieds

Im Ausland erbrachte Leistungen sind grundsätzlich zu akzeptieren, sofern kein „wesentlicher“ Unterschied besteht. Dies ist dann der Fall, wenn der Unterschied der erbrachten Studienleistungen so wesentlich ist, dass diese den Erfolg des Studierenden bei der Fortsetzung des Studiums an der Heimatuniversität gefährden würden.

Bewertungsgrundlagen

  • lernergebnisorientierte Modulbeschreibungen, Vorlesungsverzeichnis, Studienführer etc.
  • Informationen der Datenabschrift (transcript of records)
  • Qualifikationsziele und Anforderungen des Studienprofils
  • Erfordernisse des Weiterstudiums

Indikatoren für die Anerkennung

  • Qualität: Akkreditierung der ausländischen Gasthochschule ist gegeben
  • Niveau: Niveaustufe ist vergleichbar mit der des Studienganges an der Heimathochschule (BA/MA)
  • Lernergebnisse: Erzielte Lernergebnisse ermöglichen das Weiterverfolgen des Studiums an der Heimathochschule
  •  Profil: Erzielte Lernergebnisse haben Bezug zum Profil des Studiengangs an der Heimathochschule
  • Umfang: Umfang des Arbeitsaufwandes ist nicht vergleichbar (workload, oft abgebildet durch ECTS-Credits)

Beweislastumkehr

Da die Anerkennung zum Regelfall wird, kehrt sich die Beweislast um: Nicht der Studierende muss den Beweis für die Gleichwertigkeit der erbrachten Studien- und Prüfungsleistungen erbringen. Die Hochschule ist jetzt dafür verantwortlich, die Gründe für den wesentlichen Unterschied zu benennen, wenn sie einen Antrag auf Anerkennung externer Leistungen ablehnt. Diese Ablehnung erfolgt in der Regel schriftlich. Diese Begründungspflicht gilt nicht für positive Anerkennungsentscheidungen.

Beweislastumkehr

„Die Beweislast, dass ein Antrag nicht die entsprechenden Voraussetzungen erfüllt, liegt bei der die Bewertung durchführenden Stelle.“

„Wird die Anerkennung versagt, so ist dies zu begründen, und der Antragsteller ist über mögliche Grundlagen zu unterrichten, die er ergreifen kann, um die Anerkennung zu einem späteren Zeitpunkt zu erlangen. Wird die Anerkennung versagt oder ergeht keine Entscheidung, so kann der Antragsteller innerhalb einer angemessenen Frist Rechtsmittel einlegen" (Lissabon-Konvention Artikel III.3, 5 und Artikel III.5).

Mitwirkungspflicht

Studierende haben eine Mitwirkungspflicht, wenn sie einen Antrag auf Anerkennung stellen: Sie sollten die für die Anrechnung erforderlichen und verfügbaren Unterlagen zu den im Ausland erbrachten Leistungen vorlegen und dazu Auskunft geben. Zu den einzureichenden Unterlagen gehören auch – soweit verfügbar – Unterlagen, die Auskunft geben zu Modulbeschreibungen mit Lernergebnissen, Lehrformen, Inhalten, Arbeitsaufwand und Voraussetzungen sowie dem Notensystem, nach dem das Modul bewertet wurde.

Transparenz, Einheitlichkeit bzw. Verbindlichkeit, Verlässlichkeit

Transparenz, Verlässlichkeit und Verbindlichkeit sind die Schlüsselwörter, die sich in allen Richtlinien zur Umsetzung der Lissabon-Konvention finden. Das Lisbon Recognition Convention Committee, das für die Handhabung und Umsetzung der Lissabon-Konvention zuständig ist, hat 2010 Empfehlungen für die Anerkennung erlassen. Dabei werden die Prinzipien Transparenz, Verlässlichkeit und Verbindlichkeit von Verfahren und Kriterien der Anerkennung in den Vordergrund gerückt.

Transparenz, Einheitlichkeit bzw. Verbindlichkeit, Verlässlichkeit

„Jede Vertragspartei stellt sicher, dass die Verfahren und Kriterien, die bei der Bewertung und Anerkennung von Qualifikationen angewendet werden, durchschaubar, einheitlich und zuverlässig sind" (Lissabon-Konvention, Artikel III.2.).

  • Transparenz: Anerkennende Institutionen sollten Zuständigkeiten, Prozesse und Bewertungskriterien wie –methoden transparent machen.
  • Einheitlichkeit bzw. Verbindlichkeit: Die relevanten Informationen zu Anerkennungsverfahren und -modalitäten sollten allen Angehörigen einer Hochschule intern wie extern zugänglich gemacht werden und verständlich dargelegt sein.   
  • Verlässlichkeit: Es wird empfohlen, bereits getroffene Anerkennungsentscheidungen zu dokumentieren und beispielhafte Anerkennungsentscheidungen offen zugänglich zu machen.

Die HRK hat dazu in ihrem Leitfaden einen Fragenkatalog für die Etablierung von Anerkennungsverfahren erstellt, der eine Orientierungshilfe für eine qualitativ hochwertige Umsetzung anbietet (HRK-Nexus: Anerkennung von im Ausland erbrachten Studien- und Prüfungsleistungen. Ein Leitfaden für Hochschulen. Bonn, 2013. S. 40-42).

Anrechnung der ECTS‐Credits

Das European Credit Transfer System (ECTS) ist im europäischen Hochschulraum weitverbreitet. Dabei entspricht ein credit point 25 bis 30 Arbeitsstunden, im Semester sind 30 credit points zu erbringen. Dennoch verwenden europäische wie nicht-europäische Hochschulen auch andere Kreditpunkte-Systeme. Zum Vergleich muss dann bei einer Anrechnung auf Informationen zur besuchten Lehrveranstaltung und der Prüfungsleistung zurückgegriffen werden. Abweichungen der extern erbrachten ECTS-credits von den Leistungspunkten an der Heimathochschule stellen keinen wesentlichen Unterschied dar und sind kein Grund für die Ablehnung der Anerkennung.

ECTS-Grundsätze

„Die ECTS-Credits beruhen auf dem Arbeitsaufwand der Studierenden, der erforderlich ist, die erwarteten Lernergebnisse zu erreichen. Die Lernergebnisse beschreiben, was die Lernenden nach dem erfolgreichen Abschluss eines Lernprozesses wissen, verstehen und können sollten. (...) Der Arbeitsaufwand gibt die Zeit an, die Lernende typischerweise für sämtliche Lernaktivitäten (beispielsweise Vorlesungen, Seminare, Projekte, praktische Arbeit, Selbststudium und Prüfungen) aufwenden müssen, um die erwarteten Lernergebnisse zu erzielen.“

„Die Abschätzung des Arbeitsaufwands darf nicht ausschließlich auf Unterrichtstunden (also der Zeit, die die Studierenden mit Aktivitäten unter der Anleitung durch Lehrkräfte verbringen) beruhen. Hier müssen alle Lernaktivitäten einbezogen werden, die zum Erreichen der zu erwartenden Lernergebnisse erforderlich sind, einschließlich der Zeit für selbstständiges Arbeiten, Pflichtpraktika, Prüfungsvorbereitung und benötigte Prüfungszeit" (Europäische Kommission: ECTS-Leitfaden. Luxemburg, 2009. S. 11., S. 16).

Lernergebnisse

Die Lernergebnisse sind im Anerkennungsverfahren gemäß der Lissabon-Konvention das relevanteste Kriterium. Die gängigste Begriffsbestimmung findet sich im ECTS-Leitfaden der Europäischen Kommission und im Leitfaden für Hochschulen der HRK.

Lernergebnisse

„Die Lernergebnisse stellen überprüfbare Aussagen über die zu erwartenden Kenntnisse, Fähigkeiten und Kompetenzen von Studierenden dar, die eine bestimmte Qualifikation erlangt oder ein Programm oder einzelne Komponenten desselben abgeschlossen haben“ (Europäische Kommission: ECTS-Leitfaden. Luxemburg, 2009. S. 13).

Lernergebnisse

„Lernergebnisse sind überprüfbare Aussagen darüber, was ein Studierender nach dem Abschluss eines Lernprozesses weiß, versteht und in der Lage ist zu tun. Sie können sich auf den fachspezifischen Wissenserwerb beziehen oder fachunabhängig sein und methodische oder soziale Fähigkeiten beschreiben. Letztere können sowohl integrativ, d.h. im Rahmen der konkreten Auseinandersetzung mit fachlichen Lerninhalten, als auch additiv vermittelt werden, d.h. außerhalb von Fachveranstaltungen durch ein gesondertes Kursangebot“ (HRK-Nexus: Anerkennung von im Ausland erbrachten Studien- und Prüfungsleistungen. Ein Leitfaden für Hochschulen. Bonn, 2013. S. 33)

Problematisch ist bisweilen, dass in Modul- oder Lehrveranstaltungsbeschreibungen keine Lernergebnisse aufgenommen sind, sondern direkt auf Lehr- oder Lerninhalte abgezielt wird. Dann sollte auf weitere Informationen (Vorlesungsverzeichnis, Studienprofilbeschreibung etc.) zurückgegriffen werden, aus denen sich erworbene Fähigkeiten und Kenntnisse ableiten lassen. Die Betrachtung der Lernergebnisse bei einer Anerkennungsprüfung sollte nicht kleinteilig im Vergleich zwischen Lehrveranstaltungen an der Partneruniversität und an der Heimatuniversität stattfinden. Im Mittelpunkt der Prüfung sollten vielmehr die Erfordernisse für das Weiterstudium an der Heimatuniversität stehen.  


letzte Änderung: 23.02.2017 
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