| Forschungsbericht 1997 |
Forschungstätigkeit an der Fakultät
Diese zusammenfassende Darstellung der Forschungsschwerpunkte der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät beansprucht nicht, ein umfassendes oder sogar vollständiges Bild aller wissenschaftlichen Aktivitäten zu zeichnen. Entsprechende Informationen können dem Forschungsbericht an anderer Stelle entnommen werden. Vielmehr sollen hier Akzentuierungen in unserer Arbeit hervorgehoben werden, die sich insbesondere dann zeigen, wenn man die Forschungsprojekte, Publikationen und wissenschaftlichen Veranstaltungen im Vergleich der letzten Jahre betrachtet. Ein weiteres Thema der Darstellung wird die internationale Zusammenarbeit sein.
Schwerpunkte
Die Fakultät ist in fünf wissenschaftliche Einrichtungen gegliedert. Deutlicher noch als in den Vorjahren lassen sich vier Schwerpunkte erkennen, die über die Institutsgrenzen hinweg das Profil der Fakultät bestimmen:
- Entwicklung und Evaluation von Bildungs- und Erziehungsmaßnahmen verschiedenster Art;
- Erforschung des Erlebens von Schule und Ausbildung aus der Sicht von Betroffenen;
- Analyse von Lehr- und Lernprozessen in Schule und Hochschule;
- Fragestellungen zur Geschichte der Pädagogik.
Rein quantitativ gesehen stellen Projekte zur Entwicklung und Evaluation von Bildungs- und Erziehungsmaßnahmen der unterschiedlichsten Art eindeutig den Schwerpunkt der Forschung dar. Nicht weniger als 20 Projekte führen explizit Begriffe wie „wissenschaftliche Begleitung", „Evaluation", „wissenschaftliche Beratung", „Weiterentwicklung" und „Qualitätssicherung" im Titel. Entsprechend der Vielfalt der in unserer Fakultät vertretenen Anwendungsfelder handelt es sich um die Entwicklung, Begleitung und Bewertung von pädagogischen Konzeptionen für sehr unterschiedliche Zielpopulationen und -institutionen. Exemplarisch sollen Projekte hervorgehoben werden, die die Integration behinderter Kinder zum Ziel haben. Diese Studien weisen gleichzeitig auch einen Arbeitsschwerpunkt des Instituts für Förderpädagogik aus. Daneben gibt es an der Fakultät aber auch Entwicklungs- und Evaluationsprojekte zu Stadtteilschulen, zur berufsbegleitenden Bildung und zum Einsatz von Tutoren in der Hochschuldidaktik.
Eine besondere Facette von Bildungs- und Erziehungsmaßnahmen sind Erleben und Sichtweise der von diesen Maßnahmen Betroffenen. Diese Fragestellung soll in aller Kürze exemplarisch an zwei Themenstellungen konkretisiert werden. Ein Projekt der Professur für Berufs- und Wirtschaftspädagogik geht der Frage nach, wie die Ausbildung in Betrieben und Berufsschulen von den Auszubildenden wahrgenommen wird. Dabei richtet sich das Interesse vornehmlich auf die Bedingungen des Berufsfindungsprozesses, die didaktische Konstruktion der Lehr-Lern-Arrangements, die Rolle des Ausbildungspersonals und die Verarbeitung der Erfahrungen in der Ausbildung. Die „Betroffenenperspektive" ist ebenfalls im Fokus des Projektes „Interpretation und Akzeptanz von Normen und Konventionen des Schulalltags". An Schülern der Klassen 6-10 wird mittels halbstandardisierter Interviews die subjektive Interpretation von schulischen Normen und Konventionen untersucht.
Lehr- und Lernprozesse werden auf unterschiedlichsten „Aggregationsniveaus" erforscht. Die Analyseebenen reichen von den Erscheinungsformen und Verläufen der Selbstorganisation des Lernens Erwachsener über die handlungspsychologische Analyse und Bewertung von Lernhandlungen an beruflichen Schulen bis hin zur Erforschung der Frage, wie sich die graphische Repräsentation von Informationen in wirtschaftsberuflichen Texten auf die Wissensaneignung und -anwendung auswirkt. Über den Zusammenhang von Lernen/Lehren und Didaktik gibt es eine Verbindung zu den Projekten aus dem Bereich der Grundschulpädagogik, wie etwa zur Erforschung der Erkenntnisentwicklung von Kindern im Sachunterricht durch Grundformen des Experimentierens oder zur Nutzung von Computern in der Grundschule.
Die Forschungsprojekte zur Geschichte der Pädagogik nehmen zum überwiegenden Teil auf den Standort Leipzig Bezug. Im Mittelpunkt steht die weitere Aufarbeitung von Leben und Werk Theodor Litts. Ein anderes Projekt ist der von Herbert Schaller entwickelten Konzeption von Erwachsenenpädagogik gewidmet. Beide Projekte tragen zur Rekonstruktion der Geschichte der Pädagogik in Leipzig bei, und mit diesem Anspruch ist schließlich auch das Projekt „Pädagogik in Leipzig zwischen 1933 und 1945" verbunden.
Eine größere Aufmerksamkeit als bisher haben im Berichtszeitraum frauenspezifische Themen erfahren. So befaßt sich ein Projekt mit der naturwissenschaftlich-technischen Mädchenbildung, ein anderes mit dem Wandel von Weiblichkeit in der Geschichte der Geistigbehindertenpädagogik. Möglicherweise entsteht hier ein weiterer Akzent für das Forschungsprofil der Fakultät.
Internationale Forschungskooperation
Internationale Forschungskooperationen haben sich insbesondere aus der Teilnahme der Fakultät an Vorhaben zur europäischen Integration in der Lehrerbildung ergeben. In diesen von der EU unterstützten Projekten kooperieren wir mit Partneruniversitäten aus England, den Niederlanden, Frankreich und Portugal zur Frage der Entstehung einer europäischen Identität bei zukünftigen Lehrern und zur Erarbeitung eines sog. European Module in der Lehrerbildung. Ein weiteres Thema in der internationalen Zusammenarbeit ist die vergleichende Betrachtung von Bildungssystemen und -prozessen. So wird in Zusammenarbeit mit Forschern aus der Ukraine die Organisation des Erwachsenenbildungssystems in der Ukraine untersucht, und der Gegenstand einer anderen Kooperation sind Entwicklungslinien der Bildungssysteme in Deutschland (am Beispiel Sachsens) und Weißrußland (Belarus). Die Zusammenarbeit zwischen dem Arbeitsbereich Pädagogische Psychologie und der Universität Guadalajara (Mexiko) zur Frage der moralischen Sozialisation bei Kindergarten- und Grundschulkindern hat zum Ziel, die Rolle des Eltern- und Erzieherverhaltens bei der Internalisierung sozialer Regeln in unterschiedlichen kulturellen Kontexten zu studieren.
Fazit
Der Vergleich mit der Übersicht über die Forschungsaktivitäten in den vorangegangenen Jahren zeigt, daß einige Akzente sich verschoben haben, daß insgesamt aber die Konturen eines eigenständigen Forschungsprofils der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät deutlicher geworden sind. Wir stehen nun vor der Aufgabe, dieses Profil weiter zu schärfen und werden dabei verstärkt auf interdisziplinäre und internationale Zusammenarbeit setzen.