Forschungstätigkeit an den Fakultäten
Institut für Biochemie
Das Jahr 2002 ist charakterisiert durch einige personell bedingte
starke Veränderungen. PD Dr. Mario Mörl übernahm
die Vertretung der Stelle von Professor Kleber (Enzymologie) bis
Okt. 2002, seitdem ist die Stelle unbesetzt. Ebenfalls zum 1. Oktober
2002 schied Professor Hahn (Molekularbiologie) aus, der einen Ruf
an die Universität Hamburg annahm. Eine Vertretungsprofessur
ist beantragt. Erfreulicherweise konnte Professorin Andrea Robitzki,
die auf die BBZ-Professur Molekularbiologisch-biochemische Prozesstechnik
berufen wurde, zum 01.10.2002 in Leipzig beginnen. Damit soll das
Gebiet der molekularen Biotechnologie entscheidend gestärkt
werden.
Im Gebiet der Ligand-Rezeptor-Forschung gelangen der Arbeitsgruppe
Beck-Sickinger einige entscheidende Schritte sowohl auf der
Seite der Liganden, wie auch der Rezeptoren. Das Schlüsselmotiv
für Y5-Rezeptoren wurde identifiziert und durch Strukturuntersuchungen
charakterisiert. Des Weiteren konnte die Konformation des Neuropeptides
Y (NPY) durch biophysikalische Untersuchungen (Fluoreszenz-Resonanz-Energie-Transfer,
Elektronenspinresonanz) sowie mit Hilfe des ersten anti-NPY-Aptamers
untersucht werden. Der erste Reportergen-Assay an lebenden Zellen
konnte in der Arbeitsgruppe für Gi-gekoppelte Rezeptoren entwickelt
werden.
Rationales Protein Design und Zufallsmutagenese in Zusammenarbeit
mit Röntgenstrukturanalyse wurden eingesetzt, um speziell die
hohe Spezifität des RNA spaltenden Enzyms Ribonuclease T1 näher
zu beleuchten. Per in vitro Selektion wurden Aptamere - RNA-Moleküle,
die aufgrund ihrer definierten Struktur analog zu Antikörpern
bestimmte Zielmoleküle selektiv binden - angereichert, die
spezifisch mit dem Antibiotikum Moenomycin A interagieren.
Beeinflussung von Konformationszuständen eines Cytochromes
P450 aus einem Bakterium durch verschiedene Lipide (ESR Messungen).
Erhöhung der in vitro Biotransformationsrate von Alkanen und
Alkanderivaten durch Phospholipide und andere lipoide Substanzen
als wichtige Information für die zellfreie Anwendung der P450-abhängigen
Alkanmonooxyge-nase. Erstmaliger Nachweis bei einer bakteriellen
Alkanmonooxygenase einer Reaktionskaskade, die eine direkte ?-Oxidation
eines Alkylrestes über den Alkohol bis zur korrespondierenden
Säure (am P450non) bewirkt.
In der Arbeitsgruppe Hofmann wurden die Untersuchungen zur
Sekundärstrukturbildung in Foldameren nicht-proteinogener Aminosäuren
fortgesetzt. Im Mittelpunkt stand die Aufklärung von Möglichkeiten,
die Strukturbildung in b-Peptiden durch eine geeignete Positionierung
von Substitutenten selektiv lenken zu können. Außerdem
wurden Modellierungsstudien zur Wechselwirkung pharmakologisch interessanter
Liganden mit der Protease Cathepsin durchgeführt.
Der größte Erfolg der Arbeitsgruppe Robitzki
im Jahr 2002 war die Entwicklung und der Einsatz von planaren Zell-basierten
Chipsystemen sowie von 3D-Gewebe-basierten Multi-Mikrokapillararrays
für das funktionelle Biomonitoring und die Bioanalytik. An
der Schnittstelle von Zell- und Molekularbiologie, Biotechnologie,
Mikrosystem- und Sensortechnik konnte die zweite Biochip-Generation
im Bereich der Proteom- und Stoffwechselforschung sowie für
das pharmazeutische und pharmakotoxikologische Screening bereitgestellt
werden. Verschiedene Zellpopulationen (z.B. neuronale, gliale Zelllinien,
Mundschleimhautmodelle) und Gewebemodelle (z.B. 3D in vitro Retinamodelle,
Herzmuskelzellaggregate oder Tumormodelle) wurden entwickelt, etabliert
und mit Biosensoren gekoppelt. Dieser neue Technologieansatz konnte
national wie international patentiert werden. Die industrienahe
Forschung und Entwicklung gliedert sich in zwei marktorientierte
Arbeitsbereiche. Die Projektgruppe "Biotechnologische Prozesstechnik
& Biochipmodule" beschäftigt sich mit der Entwicklung
neuer bioelektronischer Assays, planarer Elektrophysiologie- &
Patch Clamp-Module (MEA, Multielektrodenarrays), optoelektronischer
Sensorelemente für die in vivo Diagnostik & das Einzelzell-Monitoring,
biotechnologischer (Mikro-)Ultraschallsysteme sowie der Prozesstechnologie
für automatisierte, dreidimensionale Gewebekultivierung. Eine
optimale Synergie zur Entwicklung von biohybriden Systemen ("living
chips" oder endoluminalen Biosensoren für das Gefäßmonitoring)
konnte mit der zweiten Projektgruppe "Zell- & Gewebemodellierung"
erzielt werden. Es wurden zahlreiche Zell- and Gewebemodelle für
Diagnostik, Rezeptorfunktionsassays, Primärzellkulturen entwickelt;
weitere 3D in vitro Netzhaut-basierte Screeningmodule, bioelektronische
Photorezeptor-basierte Systeme (MEA) sowie Mundschleimhautmodelle
für die medizinische Regeneration und die Biokompatibilitätstestung
(ISO) konnten hergestellt und charakterisiert werden.
Ein zu Exonuclease III aus E. coli homologes Protein aus Archaeoglobus
fulgidus wurde überproduziert und gereinigt. In der biochemischen
Charakterisierung erwies sich das Enzym als unspezifische DNase.
Mit rationalem Proteindesign konnte die Thermostabilität von
Exonuclease III aus E. coli um 15 °C erhöht werden.
In Zusammenarbeit mit der Abteilung Huber, MPI für Biochemie,
Martinsried, konnten wir als Erste die Struktur einer eukaryontischen
tRNA-Nukleotidyltransferase aufklären. Das aus der Struktur
abgeleitete Polymerisationsmodell wird gegenwärtig mittels
Mutagenese getestet.
tRNA Nukleotidyltransferase und Poly(A)-Polymerase sind zwei eng
verwandte Mitglieder der Polymerase b- Superfamilie. Die Ähnlichkeit
ist derart hoch, dass die Proteine nicht anhand ihrer Primärstruktur,
sondern nur aufgrund ihrer Aktivitäten voneinander unterschieden
werden können. Eine faszinierende Frage ist daher: "was
macht eine Nukleotidyltransferase zur Nukleotidyltransferase und
eine Poly(A)-Polymerase zur Poly(A)-Polymerase?" Durch den
Austausch einzelner Domänen der beiden Enzyme soll deren Funktion
aufgeklärt werden. Dabei konnten wir erste Chimären herstellen,
die aktiv sind und Eigenschaften der beiden parentalen Enzyme besitzen.
Dies bestätigt einerseits die Hypothese, dass sich diese Enzyme
im Lauf der Evolution ineinander umgewandelt haben und weist andererseits
auf einen modularen Aufbau hin, der es erlaubt, einzelne Module
zwischen den Enzymen auszutauschen und so neue enzymatische Aktivitäten
zu erzeugen.
Institut für Botanik
Der Schwerpunkt der Forschung in der Arbeitsgruppe Reißer
(Allgemeine und Angewandte Botanik) lag im Berichtszeitraum auf
der Untersuchung der Taxonomie und der Ö-kophysiologie aeroterrestrischer
Algen, wobei neben Grundlagen (Charakterisierung der Algenflora
verschiedener Bodentypen und -tiefen, Untersuchung borkenbewohnender
Algen) auch angewandte Fragestellungen - u. a. zum Einsatz aeroterrestrischer
Algen für Biomonitoring - bearbeitet wurden. Die im Vorjahr
begonnenen Drittmittelprojekte wurden fortgesetzt:
(a) Ein Projekt, welches aeroterrestrische Algen auf die Exkretion
von Substanzen mit antiviraler, antibakterieller und/oder antimycotischer
Aktivität testet,
(b) ein Projekt im Rahmen des BIOLOG-Programms, das die Beteiligung
aeroterrestrischer Algen am Aufbau von Algenkrusten in Trockengebieten
des südlichen Afrika untersucht sowie
(c) ebenfalls im Rahmen des BIOLOG-Programmes: ein Projekt, das
sich mit den Daten aeroterrestrischer Grün- und Blaualgen
am Aufbau einer Datenbank über nicht-aquatische Algen beteiligt.
Im Zusammenarbeit mit dem Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle
(UFZ) wurde ein Projekt, welches die Aufnahme, Metabolisierung und
Abgabe von Arsen durch Pflanzen untersucht, fortgesetzt. Eine Arbeit
über die wirtschaftlichen Erfolgschancen des Anbaus von Amaranth
in der Leipziger Region wurde begonnen.
Die Arbeitsgruppe Wilhelm (Pflanzenphysiologie) bearbeitet
ein DFG-Vorhaben über die Etablierung von Einzellmessverfahren
in der Pflanzenphysiologie. Damit wird es möglich, den physiologischen
Zustand von Einzelzellen in Suspensionen oder in Geweben zu erfassen.
Die Arbeiten über die molekularen Änderungen der Pigmentorganisation
unter Lichtstress und die Klonierung und Sequenzierung der daran
beteiligten Enzyme wurden fortgesetzt.
Es wurde im Rahmen des Marie-Curie Host Stipendien Programms der
EU ein Vorhaben zur In-situ Hybridisierung von Phytoplanktonzellen
zur simultanen taxonomischen Erken-nung und physiologischen Charakterisierung
begonnen.
In einem BMBF-Verbundvorhaben, dessen Koordination in Leipziger
Hand liegt, wird die Thermolumineszenz als eine neue Screeningmethode
für die Pflanzenstressforschung entwickelt.
Im Kooperationsprojekt mit dem Umweltforschungszentrum Leipzig/Halle
werden neue Methoden der Phytoplanktonanalyse und der Primärproduktion
getestet, um die Wasserquali-tätsüberwachung den wachsenden
Qualitätsansprüchen anzupassen. In diesem Zusammenhang
wird auch der Leipziger Auensee nach seiner Sanierung wissenschaftlich
überwacht.
Mit der Bundesanstalt für Gewässerkunde wurde eine Zusammenarbeit
über die Entwicklung eines neuen Photosynthesebausteins für
die Modellierung der Wasserqualität in fließen-den Gewässern
begonnen.
Mit ungarischen Partnern wird im Rahmen eines OMFB Vorhabens versucht,
an Phy-toplanktonzellen alternative Elektronentransportwege in der
Photosynthese aufzuklären.
Im Rahmen von Diplom- und Staatsexamensarbeiten wurden z.B. stressphysiologische
Ar-beiten an der Esche im Rahmen des Leipziger Auwaldkranprojektes
(LAK) durchgeführt.
In der Arbeitsgruppe Morawetz (Spezielle Botanik und Botanischer
Garten) konzentrierte sich die Forschung hauptsächlich
auf Tropenökologie in Südamerika und Australien sowie
auf systematische Studien über tropische Holzpflanzen und ursprüngliche
Angiospermen (vor allem der Gattung Guatteria, Annonaceae). Das
"Surumoni-Projekt" (Kronendach-untersuchung in einem Flachlandregenwald
im südlichen Venezuela) wurde fortgesetzt. Das Datenmaterial
befindet sich überwiegend noch in der Phase der Auswertung.
Die Grundfrage, zu deren Beantwortung das Projekt beitragen soll,
lautet: "Wie funktioniert der Regenwald?". Die Studien
umfassen u.a. Phänologie, Reproduktionsökologie und Tier-Pflanze-Interaktionen.
Das Feldforschungsprogramm begleiten Simulationsmodelle und phytogeographische
Analysen als theoretischer Hintergrund.
Die regionale Forschung im nordwestlichen Sachsen konzentrierte
sich auf Biodiversität, Ökologie, pflanzensoziologische
Studien sowie die Verbreitung von Samenpflanzen und Pilzen. Besonders
hervorzuheben sind die ökologischen Forschungen an Gehölzen
und Pilzen im Kronenraum des Leipziger Auwaldes (Projekt "LAK
- Leipziger Auwaldkran").
Der mit dem Bereich Spezielle Botanik assoziierte Botanische Garten
wurde unlängst umfassend rekonstruiert. Seine Pflanzenbestände
werden planmäßig erweitert. Besonders bemerkenswert und
für die Forschung bedeutsam sind die Sammlungen tropischer
Holzpflanzen, der Ameisenpflanzen, Palmen (Arecaceae) und Berberitzengewächse
(Berberidaceae).
In der Arbeitsgruppe Gehlhaar (Biologie-Didaktik) wurde
die differenzierte Auswertung der Ergebnisse einer dreijährigen
Längsschnittstudie an über 1000 Probanden aus Leipziger
Mittelschulen und Gymnasien unter anderem mit der Analyse einer
Retrospektivbefragung fortgeführt. Dieses DFG-geförderte
Projekt erbrachte eine Reihe generalisierbarer Befunde hinsichtsichtlich
inhalts-, alters- und geschlechtsspezifischer Tendenzen der Entwicklung
der Biologieinteressen sowie deren Anreize und Anregungsfaktoren.
Mit Hilfe teilstandardisierter Interviews wurden daraufhin weitere
Ursachen für die unterschiedlichen Interessenverläufe
aufgedeckt. Interviewt wurden Probanden, die an allen drei Befragungen
der Längsschnitt-studie teilgenommen hatten. Nach dem Abschluss
der Interviews erfolgten Vortests zum Erfassen der Entwicklung von
Biologieinteressen der Jahrgangsstufen 11 und 12.
Institut für Pharmazie
Die Pharmazeutische Chemie im Institut für Pharmazie
beschäftigt sich hauptsächlich mit struktur-wirkungsbezogenen
Synthesen sowie in zunehmendem Maße mit Arznei-stoffanalytik.
So etwa die Synthese basisch substituierter Thiophen- und Thiazol-Derivate
als poten-tielle Liganden an Glutamat-Rezeptoren. Die Synthesen
werden wirkungsoptimiert, mit dem Ziel, neue Antianaphylaktika zu
erhalten (Arbeitskreis Briel, Abd Alslam).
Der Arbeitskreis Eger war von 1996 bis 2000 mit zwei Projekten im
Innovationskolleg "Chemisches Signal und biologische Antwort"
vertreten. Es handelt sich um die Suche nach untoxischen und leicht
zugänglichen Proteinphosphatasehemmstoffen und um Adenosinrezeptorantagonisten.
Bei letzteren ging es vor allem darum, in vitro aktive Antagonisten
in bioverfügbare umzuwandeln, neben A1-Antagonisten ist zwischenzeit-lich
auch die Synthese hochaffiner A3-Adenosinantagonisten gelungen.
Nach Auslaufen des Kollegs werden beide Arbeitsgebiete weitergeführt.
Ein weiteres Projekt wird im Graduiertenkolleg "Mechanistische
und Anwendung-saspekte nichtkonventioneller Oxidationsreaktionen"
bearbeitet, hier geht es um oxidative Metabolisierungsreaktionen,
sowie um die Synthese schwer zugänglicher Pflanzenin-haltsstoffe
über Oxidationsreaktionen (z. B. Hypericin, Fagopyrin, Emodin)
bzw. deren Isolierung und Sicherung der Struktur.
Ein zusätzlicher Schwerpunkt ist die Synthese von Arzneistoffmetaboliten.
Diese wer-den entweder als Referenzsubstanzen für analytische
Untersuchungen benötigt oder mit Spacern als Haptene eingesetzt.
Die Arbeiten an Thalidomid werden fortgeführt. Der Schwerpunkt
liegt hierbei in der Synthese von Derivaten, bei denen der Glutarimidring
durch stabilere Heterocyclen er-setzt wurde (Eger).
Im analytischen Bereich steht die Qualitätsprüfung von
Arzneistoffen im Vordergrund. Durch die zunehmende Verlagerung der
Arzneistoffproduktion in asiatische Länder bzw. Herstellung
patentfreier Arzneistoffe in diesen Ländern kommen in zunehmendem
Maß Rohstoffe auf den Markt, die nicht Arzneibuchqualität
aufweisen und von den Behörden nicht akzeptiert werden, wenn
nicht die Syntheseverunreinigungen bekannt sind.
Verschiedene Arzneistoffe werden untersucht, deren Verunreinigungen
abgetrennt und spektroskopisch charakterisiert. Im Zweifelsfall
werden Gegensynthesen der Verunrei-nigungen durchgeführt und
Verbesserungsvorschläge für die Arzneistoffsynthesen er-arbeitet
(Eger, Kertscher, Ortwein).
Neben der erwähnten Drittmittelförderung werden die Arbeiten
auch von der pharma-zeutischen Industrie sowie dem Bundesinstitut
für Arzneimittel und Medizinprodukte zur Erarbeitung von Monographien
für das Europäische Arzneibuch unterstützt. Mehrere
Kooperationen mit der Pharmazeutischen Industrie über Wirkstoffsynthesen
und -untersuchungen zur Qualitätssicherung nach dem Stand der
Technik werden durchge-führt.
Seit 2001 werden im Rahmen der BioTech Sachsen-Förderung zwei
weitere Projekte bearbeitet.
Unter der Projektleitung von Professor Eger wird zusammen mit dem
SIAB (Dr. Kerns) eine Untersuchung zum Thema "Gewinnung pharmazeutischer
Wirkstoffe durch Pflan-zenzellkultivierung" durchgeführt,
um wichtige Pflanzeninhaltsstoffe in Pflanzenzellkulturen zu gewinnen.
Ein Teilprojekt mit der TU Dresden, Medizinische Klinik, PD Dr.
Schleyer zum Thema "Synthese, Screening und Wirkungsmechanismus
potentiell anti-rekombiogener Sub-stanzen" beinhaltet die Synthese
und Struktur-Wirkungs-Beziehungen von Nucleosis-den.
Die Pharmazeutische Technologie (Arbeitskreis Süß)
beschäftigt sich mit der Optimie-rung von peroralen Arzneiformen
mit kontrollierter bzw. modifizierter Wirkstoffliberation sowie
der Entwicklung und materialwissenschaftlichen Untersuchung der
notwendigen Hilfsstoffe und Zwischenprodukte, insbesondere auch
unter Nutzung der Sol-Gel-Technik.
Die Arbeiten zum "Curing" von überzogenen Arzneiformen
sowie die Entwicklung von multipartikulären Systemen für
die perorale Anwendung wurden weitergeführt. Außer-dem
wird auf den Gebieten Stabilität, Inkompatibilitäten und
Qualitätsmanagement von Arzneizubereitungen gearbeitet.
Im Rahmen der Biopharmazie (Arbeitskreis Leopold) werden
Arzneiformulierungen für das Dickdarm-Targeting entwickelt
sowie physikalisch-chemische Interaktionen zwi-schen Überzugspolymeren
und Kernbestandteilen und deren Nutzung für die modifi-zierte
Wirkstofffreisetzung untersucht. Darüber hinaus beschäftigt
sich dieser Arbeits-kreis mit der Quantifizierung und Optimierung
der Wirkstoffpenetration durch die Haut und der Entwicklung neuer
ophthalmologischer Darreichungsformen für das innere Au-ge.
Die Pharmakologie für Naturwissenschaftler (Arbeitskreis
Nieber) beschäftigte sich mit elektrophysiologischen Untersuchungen
(intrazelluläre Ableitungen, Patch-Clamp-Untersuchungen, Ca2+-lmaging)
zur Beeinflussung hypoxischer Schäden an corticalen Neuronen
und mikrovaskulären Endothelzellen der Retina und Chorioidea.
Besonders interessierten die Wirkungen von Immunmodulatoren und
Nukleosidanaloga auf die Hypoxie-induzierten Veränderungen
an der Zellmembran. Die Arbeiten sind teilweise Bestandteil eines
Teilprojektes im "Interdisziplinären Zentrum für
Klinische Forschung" (IZKF), gemeinsam mit dem Institut für
Anatomie (Prof. Dr. K. Spanel-Borowski). In einem weiteren Projekt
beschäftigen sich die Mitarbeiter mit neuroprotek-tiven Funktionen
von Adenosinrezeptorliganden. Im Rahmen dieser Untersuchungen werden
Signalwege der Adenosinrezeptoren untersucht und Interaktionen zwischen
Rezeptorsystemen studiert. In diesen Studien werden neuartige Rezeptorliganden
ein-gesetzt, die im Bereich Pharmazeutische Chemie (Prof. Dr. K.
Eger) synthetisiert werden. Auf der Grundlage dieser Untersuchungen
wurde der DFG-Einzelantrag "Präsynaptische Adenosin-A3-Rezeptoren
an corticalen Neuronen: Neuroprotektive Targets bei Hypoxie"
bewilligt.
Ein weiterer Schwerpunkt des Bereiches sind Untersuchungen zur Signaltransduktion
an humanen Monozyten / Makrophagen. Diese Arbeiten werden in Kooperation
mit der Abteilung Immunbiologie des Instituts für Zoologie
(Professor Dr. S. Hauschildt) und der Nachwuchsgruppe "Neuroimmunologische
Zellbiologie" des IZKF (PD Dr. G. Münch) durchgeführt.
Im Rahmen dieses Schwerpunkts wird auch an der Entwicklung von Er-satzmodellen
zur Vermeidung oder Einsparung von Tierversuchen gearbeitet. Es
be-stehen weiterhin zahlreiche Kooperationen mit anderen nationalen
und internationalen Forschungseinrichtungen.
Institut für Zoologie
Das Institut für Zoologie hat ein außerordentlich breites
Forschungsspektrum, das von der Zellbiologie über die systemische
Biologie, Neurobiologie bis zur Systematik und Ökologie reicht.
Nachfolgend sind drei Schwerpunkte genannt.
In den Arbeitsgruppen Drößler (Tierphysiologie)
und Hauschildt (Immunbiologie) werden monoklonale Antikörper
gegen verschiedene Antigene (Virulenzfaktoren bei Fischen, Vitellin-Antikörper
beim Hühnchen und Moenomycin bei Mäusen) hergestellt und
getestet. Zudem werden funktionelle Analysen zu verschiedenen zellbiologischen
Problemen durchgeführt (Mechanismen der Apoptose, Funktion
von Neuropeptiden bei Myeloidzellen, Aktivierung humaner Makrophagen,
Signaltransduktion bei humanen Monocyten).
In der Arbeitsgruppe Schlegel (Mol. Evol. u. Systematik der
Tiere) werden Verwandtschaftsbeziehungen verschiedener Tiergruppen
mit modernen molekularbiologischen Methoden untersucht (z.B. bei
Myxozoa, Hemichordata und Isopoda). Außerdem werden Genflußanalysen
natürlicher Populationen z.B. von Mollusken und Coleoptera
durchgeführt.
Die Arbeitsgruppen Rübsamen (Allgemeine Zoologie und Neurobiologie)
und Schildberger (Tierphysiologie) beschäftigen sich
mit Mechanismen und Funktionen der Informationsverarbeitung im ZNS.
Mit neurobiologischen Methoden und Verhaltensanalysen werden Probleme
wie Zeitverarbeitung in der Hörbahn von Säugern und Insekten,
Mechanismen der inneren Uhr bei Mollusken und neuronale Grundlagen
aggressiver Verhaltensweisen bei Insekten untersucht.
Die Arbeitsgruppe Naumann (Entwicklungsneurobiologie) beschäftigt
sich mit der Entwicklung und Funktion radialer Gliazellen im Nervensystem
von Vertebraten und verschiedenen Invertebraten.
Die Arbeitsgruppen des Instituts sind an vielfältigen regionalen,
nationalen und internationalen Kooperationen beteiligt. Kooperationen
bestehen mit dem Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle (UFZ), mit
dem sächsischen Institut für angewandte Biotechnologie
(SIAB) sowie den DFG-Schwerpunkten "Funktionelle und adaptive
Mechanismen circadianer Systeme" und "Zeitgebundene Informationsverarbeitung
in zentralen auditorischen Systemen (ZIZAS)".
Bereich Mikrobiologie und Genetik
Am Lehrstuhl für Genetik (Prof. Dr. Heinz Sass) sind
folgende Schwerpunkte Gegen-
stand molekulargenetischer Grundlagenforschung, vorzugsweise am
Modellorga-nismus Drosophila:
- Themen DFG-finanzierter Studien sind die molekularen Analysen
von Chromatingenen, die für die Bildung von Eu- und Heterochromatin
nötig sind. Struktur und Expression der Chromatingene Su(var)3-9
(bei Arthropoden) und klett (bei holometabolen Insekten) werden
in ausgewählten Arten charakterisiert und ihre evolutionäre
Konservierung systematisch untersucht. Zudem wird die Funktionalität
eines Su(VAR)3-9/eIF-2g-Fusionsproteins als Heterochromatinprotein
mittels Transgenese im Tier und Antikörperstudien bearbeitet.
Die RNA-abhängige Chromatinbindung des KLETT-Proteins ist
Gegenstand einer funktionellen Analyse (Krauß und Sass).
- Die Analyse der Expression von "humanen" Krankheitsgenen
im Modell-Organismus Drosophila ist Thematik unserer neurogenetischen
Forschungsarbeit. Mittels Transgenese im Tier, also einer funktionellen
in-vivo-Analyse des humanen Proteinfaltungsenzyms Prolyl-cis/trans-Isomerase
Pin1 in Drosophila, wollen wir herausfinden, ob hPin1 eine Rolle
in der Pathologie der Alzheimerschen Erkrankung spielt (Klagges
und Sass).
- Im Rahmen einer funktionellen Genomanalyse/Insertions-Mutagenese
mit dem von uns konstruierten Vektor pHS155 arbeiten wir daran,
über Gene-Trap-Strategie neue Drosophila-Gene zu identifizieren.
Der Genfallenvektor pHS155 besitzt eine Splice-Acceptor-Site und
ein promotorfreies hsp82-neo-Reportergen. Zur Expression des Reportergens
und damit zur G418-Antibiotikaresistenz kommt es in vivo, wenn
sich hsp82-neo in ein Intron eines transkribierten Gens integriert.
Aufgrund der transkriptionellen Fusion gelangt hsp82-neo unter
die transkriptionelle Kontrolle des endogenen/trapped Promotors
eines zu identifizierenden (neuen ?) Gens. Die Klonierung und
Charakterisierung seiner Funktion, Sequenz und Expression wird
angestrebt (Dröse und Sass).
Gegenstand der Forschung am Lehrstuhl für Mikrobiologie
(Dr. Eva-Maria Andreas) sind Cyanobakterien und deren Phagen.
Die Untersuchungen konzentrieren sich auf die Analyse von Membranstruktur
und Genom von Cyanobakterien.
Institut für Allgemeine Psychologie
Am Institut waren im Jahr 2002 drei von fünf Hochschullehrerstellen
nicht besetzt, nämlich die Allgemeine Psychologie und Methodenlehre
sowie die Kognitionspsychologie.
In der Gruppe der Professur für Kognitive einschließlich
Biologische Psychologie (Prof. Dr. E. Schröger) wurden
die Studien zur auditiven, visuellen und intermodalen Informationsverarbeitung
im Schnittfeld Wahrnehmung-Gedächtnis-Aufmerksamkeit fortgeführt.
Im Forschungsbereich Geschichte der Psychologie (Dr. A. Meischner-Metge)
erfolgte u.a. die weitere Auswertung des Nachlasses von G. Th. Fechner
sowie die Organisation der Fechner-Ehrung anlässlich des 200.
Geburtstages von Gustav Theodor Fechner.
In der Kognitiven Sozialpsychologie (Prof. Dr. G. von Collani)
bestanden folgende Forschungsschwerpunkte: Messung und Validierung
sozialpsychologischer Persönlichkeitskonstrukte, Beeinflussbarkeit
von Zeugenaussagen, Überprüfung von Modellen zum Zusammenhang
von Einstellung und Verhalten, automatische Aktivierung von Einstellungen,
Messung von Vorurteilsneigung (soziale Dominanzorientierung, ambivalenter
Sexismus).
Die Forschungen des Instituts wurden durch mehrere DFG-Sachbeihilfen
unterstützt, einzelne Projekte waren in der DFG-Forschergruppe
"Arbeitsgedächtnis" und im DFG-Schwerpunktprogramm
"Zeitgebundene Informationsverarbeitung im zentralen auditorischen
System" angesiedelt. Dem Institut stehen moderne Labore zur
Verfügung, in denen u.a. die Registrierung des EEG möglich
ist. Die einzelnen Arbeitsgruppen sind in ihren Forschungsaktivitäten
stark vernetzt, außerdem bestehen zahlreiche Kooperationen
mit anderen nationalen und internationalen Forschungseinrichtungen,
insbesondere mit dem MPI für neuropsychologische Forschung
in Leipzig.
Institut für Entwicklungspsychologie, Persönlichkeitspsychologie
und Psychodiagnostik
Am Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie (Prof. Dr.
K. U. Ettrich) wurden 2002 folgende Forschungsprojekte bearbeitet:
- Sachverständigengutachten-III zu ausgewählten Fragen
der Alternsforschung auf der Grundlage der ILSE-Studie (Förderung:
SMS - Sachsen)
- Interdisziplinäre Längsschnittstudie des Erwachsenenalters
über die Bedingungen zufriedenen und gesunden Alterns - ILSE
(Förderung: Ministerium für Wissenschaft, Forschung
und Kunst des Landes Baden-Württemberg - kostenneutrale Phase)
Bindungsentwicklung im Jugendalter - BiJu (Förderung: Graduiertenstipendium
vom Land Sachsen und Haushaltsmittel)
- Individuation und sozialer Wandel (Förderung: DFG: "Kindheit
und Jugend in Deutschland vor und nach der Vereinigung" -
kostenneutrale Phase)
Am Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie und psychologische
Intervention (Prof. Dr. H. Petermann) wurde 2002 folgendes Forschungsprojekt
bearbeitet:
- Evaluation des Jugendförderprogramms "Erwachsen werden"
von Lions-Quest an Leipziger Schulen (Förderung: SMK - Sächsisches
Staatsministerium für Kultus, SMS - Sächsisches Staatsministerium
für Soziales, Gesundheit und Familie, Gesundheitsamt der
Stadt Leipzig, Regionalschulamt Leipzig)
Am Lehrstuhl für Differentielle Psychologie und Psychodiagnostik
(Prof. Dr. J. Guthke) wurden 2002 folgende Forschungsprojekte bearbeitet:
- Arbeitsgedächtnis und Schlussfolgerndes Denken - ARGUS
(Förderung: DFG)
- Gültigkeitsprüfungen neuer diagnostischer Verfahren
bei brasilianischen "slum"-Kindern (Förderung:
DAAD)
- Intelligenz, Lernfähigkeit und neuronale Effizienz (Förderung:
FWF: Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung
- Österreich)
- Effekte von Feedback in Leistungstests - EFFET (Förderung:
Studienstiftung des Deutschen Volkes, University of Sunderland,
School of Education - Great Britain)
Institut für Angewandte Psychologie
Im Bereich Arbeits- und Organisationspsychologie sind für
das Jahr 2002 im wesentlichen vier Forschungsschwerpunkte zu nennen:
Zum Thema Führung werden Untersuchungen durchgeführt zur
Klärung der Bedeutung des Geschlechterkontextes, zu Führung
und Emotionen sowie zur Wahrnehmung von Führung. Im Bereich
der arbeitspsychologischen Stressforschung werden verschiedensprachige
Instrumente zur Erfassung von "Irritation" entwickelt.
Ein EU gefördertes Projekt befasst sich mit der Frage des Psychologischen
Kontrakts am Arbeitsplatz - PSYCONES (Psychological Contracts across
Employment Situations) in Kooperation mit Forschungsgruppen in Stockholm
(Schweden), Gent (Belgien), Leuven (Belgien), London (England),
Jerusalem (Israel), Tilburg (Niederlande), Valencia (Spanien). Ferner
wurde eine Befragung von Absolventen der Institute für Psychologie
der Universität Leipzig durchgeführt.
Der Bereich Pädagogische Psychologie hat im Jahr 2002
die kognitionspsycho-logischen Untersuchungen zur Leseautomatisierung
und zu den Ursachen von Lesestörungen sowie die kulturvergleichenden
Studien zur visuellen Wahrnehmung, zum Arbeitsgedächtnis und
zu Erscheinungen und Ursachen von Gewalt und Fremdenfeindlichkeit
fortgesetzt. Erstmalig wurden medienpsychologische und interventionsbezogene
Aspekte in die Forschung integriert.
In der Klinischen und Gesundheitspsychologie wurden Arbeitsetappen
von Projekten zur Suchtprävention, Stressbewältigung,
betrieblicher Gesundheitsanalyse und - förderung sowie medizinischer
Rehabilitation mit Publikationen abgeschlossen und nächste
Bearbeitungsphasen vorbereitet. Psychosoziale Interventionsprogramme
zur Podiumsangst, Stressregulation und psychologischen Traumatherapie
konnten effektiviert und an neue Zielgruppen (Reha-Patienten, Krankenschwestern)
angepasst werden. Neue Projekte beinhalten die Diagnostik und Therapie
von Anpassungsstörungen sowie gesundheitspsychologische Analysen
im Kontext makrosozialer Transition.
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