Forschungstätigkeit am Zentrum
An der Universität Leipzig wird auf der Grundlage des Rahmenprogramms
"Biotechnologie-Offensive Sachsen" der Sächsischen
Staatsregierung ein Biotechnologisch-Biomedizinisches Zentrum aufgebaut.
Dabei handelt es sich um eines von zwei Bioinnovationszentren in
Sachsen. Die Förderperiode hat eine Laufzeit von fünf
Jahren (2001-2005) mit einem Finanzvolumen von etwa 19 Mio €.
Die finanziellen Mittel werden aus HWP und EFRE zur Verfügung
gestellt. Ab 2006 erfolgt die Finanzierung aus dem Haushalt der
Universität.
Das Biotechnologisch-Biomedizinische Zentrum ist eine zentrale Einrichtung
der Universität Leipzig. Mit der Konzentration auf die Schwerpunkte
"Moleküldesign" und "medizinische Biotechnologie"
verbindet sich das erklärte Ziel der Universität, mit
dem BBZ die Kompetenzen der vorhandenen Arbeitsgruppen und der neuen
Professuren zu bündeln. Dem dient auch die Einrichtung von
Nachwuchsgruppen. Durch eine eigene Geschäftsführung,
die in die Verwaltung des Hochschulbereiches eingebunden ist, ist
die Administration und Vergabe der Forschungsmittel effizient organisiert.
Im BBZ sollen vorhandene universitäre biotechnologisch relevante
Forschungsrichtungen, mit neuen komplementären Forschungsfeldern
aber auch außeruniversitären Forschungsrichtungen der
Biomedizin und Biotechnologie zusammenarbeiten. Hinzu kommt eine
enge Verflechtung von Wirtschaft und Wissenschaft durch die Ansiedlung
von etablierten und neu zu gründenden Biotechnologieunternehmen.
Die Aufgaben des BBZ sind:
- Förderung der Forschung und Entwicklung auf den Gebieten
der Biotechnologie und Biomedizin sowie verwandten Disziplinen
- Initiierung neuer Studiengänge, Weiterbildungs- und Fortbildungsangebote
- Förderung des Wissenstransfers in wirtschaftliche Aktivitäten
Professuren des BBZ
- Bioanalytik
- Molekularbiologisch-biochemische Prozesstechnik
- Molekulare Pathogenese
- Molekulare Zelltherapie
- Strukturanalytik von Biopolymeren
- Zelltechniken und angewandte Stammzellbiologie
Selbständige wissenschaftliche Nachwuchsgruppen des BBZ
- Molekulare Diagnostik - Mikroarray-Techniken
- Angewandte molekulare Evolutionsforschung
- Protein Engineering
- Strukturaufklärung membranassoziierter Proteine mittels
Festkörper-NMR
- Protein-Ligand-Wechselwirkung mittels Ionen-Cyclotron-Resonanz
- Massenspektrometrie
- Molekulare Infektionsmedizin
Ziel der Forschungsanstrengungen der Professur für Bioanalytik
(Prof. Ralf Hoffmann) ist ein tieferes Verständnis der Regulation
von Proteinen durch posttranslationale Modifikationen. Dies sind
meist reversible aber auch irreversible chemische Modifikationen
einer oder mehrerer definierter Positionen in der Proteinkette.
Wichtige und weit verbreitete Beispiele sind Phosphorylierungen
(Phosphorsäureester) an den Hydroxylgruppen von Serin, Threonin
und Tyrosin oder Glykosylierungen (Zuckereinbau) an Serin, Threonin
und Asparagin. Es werden derart modifizierte Proteine mit den modernen
Techniken der Bioanalytik (Massenspektrometrie, HPLC, zweidimensionale
Gelelektrophorese) analysiert und neue Methoden für weitere,
bisher wenig untersuchte Modifikationen erarbeitet.
Ein aktuelles Target der Analysen ist das Tau-Protein, das in stark
modifizierter und wahrscheinlich krankhaft veränderter Form
(PHF-Tau) bei Patienten mit der Diagnose Alzheimer-Krankheit nachgewiesen
wurde. Obwohl die Alzheimer-Krankheit seit Jahrzehnten von vielen
Forschergruppen weltweit untersucht wird, sind bis heute die Ursachen
unbekannt. Ein möglicher Zugang zur Krankheit ist das Tau-Protein,
das in seiner Hauptvariante beim Menschen aus 441 Aminosäuren
besteht. Die Arbeiten konzentrieren sich seit mehreren Jahren auf
mögliche krankheitsrelevante Veränderungen dieses Proteins
im Gehirn von Alzheimer-Patienten. In einer Kooperation mit zwei
amerikanischen Gruppen konnten einige neue Modifikationen des humanen
Tau-Proteins (PHF-Tau) identifiziert werden. Ferner konnten die
Komplexität des Phosphorylierungsmusters in bovinen und humanen
Proben mit massenspektrometrischen Techniken und der zwei-dimensionalen
Gelelektrophorese belegt werden. Entgegen den Erwartungen scheinen
sich die Phosphorylierungsmuster der Proteinpräparationen des
Tau- und PHF-Tau-Proteins nur geringfügig zu unterscheiden.
Der größte Erfolg der Professur für Molekularbiologisch-biochemische
Prozesstechnik (Prof. Dr. Andrea Robitzki) war die Entwicklung
und der Einsatz von planaren Zell-basierten Chipsystemen sowie von
3D-Gewebe-basierten Multi-Mikrokapillararrays für das funktionelle
Biomonitoring und die Bioanalytik. An der Schnittstelle von Zell-
und Molekularbiologie, Biotechnologie, Mikrosystem- und Sensortechnik
konnte die zweite Biochip-Generation im Bereich der Proteom- und
Stoffwechselforschung sowie für das pharmazeutische und pharmakotoxikologische
Screening bereitgestellt werden. Verschiedene Zellpopulationen (z.B.
neuronale, gliale Zelllinien, Mundschleimhautmodelle) und Gewebemodelle
(z.B. 3D in vitro Retinamodelle, Herzmuskelzellaggregate oder Tumormodelle)
wurden entwickelt, etabliert und mit Biosensoren gekoppelt. Dieser
neue Technologieansatz konnte national wie international patentiert
werden. Die industrienahe Forschung und Entwicklung gliedert sich
in zwei marktorientierte Arbeitsbereiche. Die Projektgruppe "Biotechnologische
Prozesstechnik & Biochipmodule" beschäftigt sich mit
der Entwicklung neuer bioelektronischer Assays, planarer Elektrophysiologie-
& Patch Clamp-Module (MEA, Multielektrodenarrays), optoelektronischer
Sensorelemente für die in vivo Diagnostik & das Einzelzell-Monitoring,
biotechnologischer (Mikro-) Ultraschallsysteme sowie der Prozesstechnologie
für automatisierte, dreidimensionale Gewebekultivierung. Eine
optimale Synergie zur Entwicklung von biohybriden Systemen ("living
chips" oder endoluminalen Biosensoren für das Gefäßmonitoring)
konnte mit der zweiten Projektgruppe "Zell- & Gewebemodellierung"
erzielt werden. Es wurden zahlreiche Zell- and Gewebemodelle für
Diagnostik, Rezeptorfunktionsassays, Primärzellkulturen entwickelt;
weitere 3D in vitro Netzhaut-basierte Screeningmodule, bioelektronische
Photorezeptor-basierte Systeme (MEA) sowie Mundschleimhautmodelle
für die medizinische Regeneration und die Biokompatibilitätstestung
(ISO) konnten hergestellt und charakterisiert werden.
Das Forschungsinteresse der Professur für Strukturanalytik
von Biopolymeren (Prof. Dr. Norbert Sträter) liegt in der
Anwendung biochemischer und biophysikalischer Methoden, hauptsächlich
der Proteinkristallographie, zur Untersuchung des Zusammenhangs
zwischen Raumstruktur und Funktion von Proteinen. Dabei werden gegenwärtig
vor allem Enzyme, insbesondere Metalloenzyme, aber auch andere hinsichtlich
katalytischer Reaktivität oder medizinischer und biotechnologischer
Bedeutung interessanter Proteine untersucht. Neben der Strukturaufklärung
des nativen Proteins steht dabei immer die Charakterisierung des
Reaktionsmechanismus und der Funktionsweise des Proteins auf molekularer
Ebene im Vordergrund. Aktuelle Projekte konzentrieren sich auf die
Katalyse durch dinukleare Metallenzyme sowie auf pharmakologisch
relevante Proteine im Bereich der extrazellulären Rezeptoren
und der nachgeschalteten Signaltransduktion. Die Forschung ist an
der Schnittstelle zwischen Biowissenschaften und Chemie angesiedelt.
Als Beispiel seien hier vor allem die Aufklärung der chemischen
Reaktionsmechanismen der Enzyme genannt sowie die Charakterisierung
der molekularen Wirkungsweise synthetischer Wirkstoffe an den biologischen
Targets durch Aufklärung der entsprechenden Komplexstrukturen.
Die Nachwuchsgruppe Molekulare Diagnostik - Mikroarray Technologien
(Dr. Peter Ahnert) analysiert die Rolle der interindividuellen genetischen
Diversität in der Ätiologie und Pathogenese von Autoimmunerkrankungen,
insbesondere der rheumatoiden Arthritis. Autoimmunerkrankungen wie
die rheumatoide Arthritis (RA) sind komplexe Erkrankungen mit verschiedenen
ursächlichen Faktoren. Es ist bekannt, dass genetische Veranlagungen
eine Rolle in der Entstehung und im Verlauf der Erkrankung spielen.
Man weiß auch, dass andere Genorte als der bekannte HLA Lokus
involviert sind. Um welche Gene, und welche Varianten dieser Gene,
es dabei geht ist hingegen weitgehend unbekannt. Die Analyse von
Kandidatengenen und den darin vorkommenden Polymorphismen in Familien-
und Fall-Kontroll-Studien kann darüber Aufschluss geben. Höchstwahrscheinlich
sind Kombinationen von Genvarianten geringer Penetranz für
das Krankheitsgeschehen verantwortlich. Methoden der Systembiologie
stellen hier einen Lösungsansatz dar. Ziel des Projektes ist
es, einen Beitrag zur Aufklärung der genetischen Komponente
der RA zu leisten und Methoden zur genetischen Analyse komplexer
Erkrankungen weiterzuentwickeln.
In der Nachwuchsgruppe Angewandte Molekulare Evolution (Dr.
Susanne Brakmann) werden Nucleinsäure-Polymerasen und Exonucleasen
mit Verfahren der gerichteten Evolution funktional optimiert. Wichtigstes
Ergebnis des vergangenen Jahres war das Auffinden einer Exonuclease,
die anstelle ihres natürlichen Substrats auch DNA hydrolysiert,
deren einer Strang ausschließlich aus fluoreszenzmarkierten
Analoga der Nucleobasen aufgebaut ist. Die Arbeiten zur hochgradigen
Fluoreszenzmarkierung von DNA und zu deren sequentieller Hydrolyse
bilden die biochemische Grundlage zur Realisierung der Einzelmolekül-Sequenzierung,
durch die einzelne Abweichungen in Genabschnitten feststellbar sind
und eventuell bis zu einer Million Nucleobasen pro Gerät und
Tag entschlüsselt werden können.
Die Nachwuchsgruppe Protein Engineering (Dr. Thomas Greiner-Stöffele)
befasst sich mit dem Rationalen Design oder in vitro Evolution einer
thermostabilen Exonuclease III. Für die Automatisierung einer
Methode für die homologe in vitro Rekombination von Proteinen
wird eine thermostabile Exonuclease III -Variante benötigt.
Durch Sequenzvergleiche wurden die Gene für fünf zu Exonuclease
III aus E. coli homologer Proteine isoliert. Das entsprechende Genprodukt
aus Archaeoglobus fulgidus wurde in E. coli überproduziert,
gereinigt und erstmalig biochemisch charakterisiert. Hierbei zeigte
sich, dass das Enzym im Gegensatz zu Exonuclease III aus E. coli
eine unspezifische DNase darstellt. Strukturuntersuchungen zur Analyse
der Unterschiede zwischen beiden Proteinen bezüglich Thermostabilität
und Substratspezifität wurden begonnen. Neben dem Start von
in vitro Evolutionsansätzen zur Erhöhung der Thermostabilität
von Exonuclease III wurden verschiedene durch Computer-Modellierungen
gefundene Mutationen in das Protein eingefügt. Hierdurch konnte
die Stabilität des Enzyms bis jetzt um 15 °C erhöht
werden.
Die Nachwuchsgruppe Strukturaufklärung membranassoziierter
Proteine mittels Festkörper-NMR (Dr. Daniel Huster) beschäftigte
sich insbesondere mit der Membranstruktur der Peptide B18 und N-ras.
Bei B18 handelt es sich um die fusogene Sequenz des Fusionsproteins
Bindin. Das N-ras-Peptid entspricht dem doppelt lipidmodifizierten
C-Terminus des menschlichen ras-Proteins.
Mittels Festkörper-NMR-Verfahren konnte gezeigt werden, dass
B18 in Lipidmembranen eine relativ rigide oligomere parallele b-Faltblattstruktur
besitzt. Das Peptid dringt in den hydrophoben Teil der Membran ein.
Dagegen besitzt das N-ras-Peptid eine hohe Dynamik an der Membranoberfläche,
es wurden keine Anzeichen für eine definierte Sekundärstruktur
gefunden. Das Peptid befindet sich in der Membran-Wasser-Grenzschicht,
hydrophobe Aminosäuren dringen in den Membrankern ein. Diese
auf NMR-Messungen beruhende Membrantopologie konnte mit Neutronenstreuexperimenten
bestätigt werden.
Weiterhin wurde eine Methode entwickelt, die es erlaubt, die Eindringtiefe
von Membranproteinsegmenten mittels einfacher Relaxationszeitmessungen
in Gegenwart von paramagnetischen Spinlabeln zu bestimmen. Diese
Methodik wurde für das transmembrane Modellpeptid WALP-16 gezeigt.
Schließlich beschäftigte sich die Gruppe mit der komplexen
Dynamik von Bacteriorhodopsin sowie der physikochemischen Charakterisierung
von Cholesterolanaloga und der Membranbindung von Flavanoiden.
Von der Nachwuchsgruppe Protein-Ligand-Wechselwirkung mittels
Ionen-Cyclotron-Resonanz-Massenspektrometrie (Frau Dr. Andrea
Sinz) wurde die Nano-HPLC / Nano-ESI-FTICR-MS (Elektrospray Ionisierung
Fourier Transformation-Ionenzyklotronresonanz-Massenspektrometrie)-Kopplung
etabliert und für die Proteomanalytik eingesetzt. Es ist nun
möglich, auch "low abundant proteins" zu identifizieren,
die für die Aufklärung der Entstehung eines Krankheitsgeschehens
oftmals von entscheidender Bedeutung sind. In Kooperation mit der
Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig wurde diese
Analysenmethode erfolgreich für die Proteomanalyse von krankhaft
verändertem Schilddrüsengewebe angewendet.
Unter Verwendung massenspektrometrischer Methoden in Kombination
mit chemischem Cross-Linking wurden neue Ansätze zur Aufklärung
der 3D-Struktur von Proteinen und der Interaktionsseiten innerhalb
von Proteinkomplexen entwickelt. Hochkomplexe Gemische, wie sie
nach chemischen Cross-Linking-Experimenten erhalten werden, konnten
mittels der Nano-HPLC / Nano-ESI-FTICR-MS-Kopplung analysiert werden.
Die Methode zur Bestimmung der dreidimensionalen Struktur von Proteinen
wurde an den Proteinen Cytochrom C und Lysozym etabliert. Die Entwicklung
einer allgemein anwendbaren Methode zur Aufklärung von Proteininteraktionsseiten
erfolgte anhand des gut charakterisierten Proteinkomplexes aus Calmodulin
und Melittin.
Non-kovalente Peptid/Metall-Komplexe wurden mit Hilfe der ESI-FTICR-Massenspektrometrie
untersucht. Hierfür wurde ein von Bindin abgeleitetes Peptid
(B18) verwendet, das im Seeigel bei der Fertilisation für die
Membranfusion von Bedeutung ist. Bislang ist bekannt, dass die Interaktion
von B18 mit Lipidmembranen durch bestimmte Metallkationen, wie z.B
Zn 2+ modifiziert wird, jedoch bestehen Unklarheiten über die
Bindungsfähigkeit von B18 zu verschiedenen Metallkationen.
ESI-FTICR-massenspektrometrische Untersuchungen erlaubten es, sowohl
Stöchiometrie als auch relative Bindungsaffinitäten von
B18 und sieben Mutanten mit verschiedenen divalenten Metallkationen
zu bestimmen.
Die Nachwuchsgruppe Molekulare Infektionsmedizin (Dr. Reinhard
Straubinger) befasst sich mit molekularen Persistenzmechanismen
von Borrelia burgdorferi. Borrelia burgdorferi sensu lato ist eine
Gruppe von spiralförmigen, aktiv beweglichen Bakterien aus
der Familie der Spirochäten. Sie sind Ursache eines Krankheitsbildes,
das bei Menschen und Tieren unter den Bezeichnungen Lyme-Borreliose
oder Lyme disease bekannt ist. Trotz einer ausgeprägten humoralen
und zellulären Immunantwort des Wirtes und trotz antibiotischer
Behandlung können Borrelien in Geweben infizierter Wirte persistieren.
Vor kurzem wurde gezeigt, dass Borrelia burgdorferi nicht nur in
der typischen Spiralenform vorzufinden ist, sondern dass das Bakterium
unter Stressbedingungen sich in kugelförmige Gebilde ("Zysten")
verwandeln kann. Bisherige Ergebnisse zeigen, das einige dieser
enzystierten Erreger bei Raumtemperatur unter hypotonen Bedingungen
(destilliertes Wasser) zumindest 24 Stunden lang lebensfähig
bleiben. Hingegen zeigen die messenger RNA (mRNA) und Oberflächenproteine
dieser Bakterien nach ca. 4 Tagen Veränderungen, die als Abbauerscheinungen
gedeutet werden können und zu vermindertem Überlebensraten
beitragen könnten.
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