Forschungstätigkeit am Zentrum
Nach der Gründung des Zentrums im Mai 2001 war das Jahr 2002
geprägt von Aktivitäten zur Vernetzung mit anderen Einrichtungen
der Frauen- und Geschlechterforschung und von Aktivitäten zur
Öffentlichkeitsarbeit zum einen und von Vernetzung von Forschungsaktivitäten
zum anderen. Im einzelnen war das Zentrum an der Ausgestaltung von
Symposien und Workshops in Leipzig zur Männergesundheit, zur
Vereinbarkeit von Familie und Beruf, zu Frauen im Sport (im Rahmen
des Deutschen Turnfests in Leipzig) und zu Gender Mainstreaming
im Programmkomitee und durch eigene Beiträge beteiligt. Auf
der KarriereStart-Messe in Dresden war FraGes mit einem Stand vertreten.
Das Zentrum hat rund 40 Mitglieder (davon ein Viertel männlich)
aus unterschiedlichen Fakultäten, Fachrichtungen und Nationen.
Die Mitglieder vertreten kulturwissenschaftliche Fächer, Kunstwissenschaft,
Geschichtswissenschaft, Philologie, Sprachwissenschaften, Musikwissenschaft,
Soziologie, Psychologie, Wirtschaftswissenschaft und medizinische
Disziplinen. Folgende Forschungsrichtungen und Forschungsthemen
werden derzeit von den Mitgliedern des Zentrums bearbeitet:
(1) Eine Reihe von Themen ranken sich um die Fragestellung der
Identität, und dies aus Sicht unterschiedlicher Disziplinen.
Künstlerische Identität, Identität von Schriftstellerinnen,
Körperbild, Physisches Selbstkonzept, Geschlechtsrollenidentität
sind einige Stichpunkte, die hier zu nennen sind. Dabei geht es
darum, wie Menschen ihr Selbstbild entwickeln und gestalten, weil
sie männlich bzw. weiblich sind. Wie sie, beispielsweise, ihren
Körper einsetzen und präsentieren (z. B. im Theater oder
im Sport), wie sie ihr eigenes Bild von sich als Mann/als Frau oder
als Mädchen/als Junge ausgestalten, verändern, in ihr
Handeln einfließen lassen. Und beispielsweise auch, wie Kinderwunsch
und Fertilität bzw. Fertilitätsstörungen mit ihrem
Selbstbild als Mann/Frau verknüpft sind.
(2) Ein zweiter Thememkomplex lässt sich mit dem Begriff der
Differenzforschung umschreiben. Gibt es Geschlechterunterschiede
und wie bedeutsam sind sie für Alltagshandeln, berufliche Entwicklung,
Familienarbeit? Sind Managerinnen in Betrieben anderen Erwartungen
ausgesetzt als Manager? Lassen sich Unterschiede in der Selbstwahrnehmung
und im wahrgenommenen Führungsstil erkennen? Ist das Sprachverhalten
und die Kommunikation innerhalb und zwischen Geschlechtern unterschiedlich?
Welche sozialen Interaktionsformen zeigen Lehrerinnen und Lehrer,
Jungen und Mädchen im koedukativen Unterricht? Wie äußern
Männer und Frauen gesundheitliche Beschwerden? Und welche Chancenungleichheiten
existieren im Sport und im Leistungssport? Wie lässt sich über
Gender Streaming die Geschlechterdifferenz in das Bewusstsein und
resultierendes Handeln in allen Bereiche von Politik und Verwaltung
transportieren?
(3) Ein dritter Themenkomplex orientiert sich an der Tatsache,
dass viele Aspekte des Umgangs der Geschlechter und des Geschlechterverhältnisses
ihre Wurzeln in unserer Kultur haben. Um dies zu entdecken, bedarf
es zum einen einer kulturgeschichtlichen Aufarbeitung mit Blick
zurück, also z. B. zurück in die Antike, etwa zu den Amazonen,
oder zurück ins 19. Jahrhundert, zu medizinischen Ratgeberbüchern
oder zu den Wissenschaftsmythen in der Medizin der Geschlechter.
Oder, hier in Leipzig besonders naheliegend, ein Blick zurück
in die Zeiten der DDR, in die Zeiten vor und nach der Wende.
Es bedarf aber auch einer kulturgeschichtlichen Aufarbeitung mit
Blick über unseren Kulturraum hinweg, beispielsweise nach Asien
(Männlichkeit/Weiblichkeit in Japan; Wertesysteme in China),
nach Syrien (Stresserleben und Stressverarbeitung von Jungen und
Mädchen in arabischen Ländern), oder auf die Südliche
Halbkugel (Internationale Bevölkerungspolitik). Auch Vergleiche
zu europäischen Ländern werden gezogen (Osteuropa; Spanien).
(4) Und last but not least werden Themen der Frauenforschung behandelt.
So wird etwa eine Herausgabe und Bearbeitung der Schriften von Louise
Otto Peters vorgenommen, die Medikalisierung und Pathologisierung
der Frau in der Medizingeschichte bis heute analysiert, sozialpädagogische
Arbeit mit Mädchen thematisiert oder Philosophie aus feministischer
Perspektive untersucht.
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