Jana Klemann und ihre Tochter Larissa. Immer am Kopfende des Kinderbettchens: Ein Foto der Eltern. (Foto: Annegret Müller)
Auf der Intensivstation können Schwestern und Ärzte jederzeit über Bildschirme den Gesundheitszustand der Babys überwachen. (Foto: Annegret Müller)
Neues Angebot im Leipziger Sankt Georg Klinikum: Mit „Kuschelblick-TV“ können Eltern ihre Babys per Webcam im Auge behalten. (Foto: Annegret Müller)Wenn Sorgen wach halten
Eltern behalten ihre Kinder gerne im Auge, insbesondere wenn diese noch Babys sind. Der natürliche Schutzinstinkt sorgt besonders dann für schlaflose Nächte, wenn der Gesundheitszustand der Säuglinge Anlass zur Sorge gibt. Erkrankungen oder Frühgeburten erfordern große Aufmerksamkeit, die den Kindern in der Neonatologie, einem Zweig der Kinderheilkunde, entgegengebracht wird. In Leipzig können sich Eltern dafür an das Klinikum St. Georg wenden, wo man sich speziell um Neugeborene und Frühchen kümmert.
Jana Klemann weiß, was es heißt, sich um sein Baby zu sorgen. Ihre Tochter Larissa musste auf der neonatologischen Intensivstation bleiben, um gesund zu werden. „Wir haben eigentlich nie damit gerechnet, dass wir mal auf die Neonatologie kommen. Ich selbst wurde fünf Tage nach der Geburt entlassen“, so die Leipzigerin. Familie Klemann hat sich auf ihr Baby gefreut, doch während der Schwangerschaft kommt es bei Jana Klemann zu Komplikationen, über die die junge Mutter nicht sprechen möchte. Larissa muss gleich nach der Entbindung auf die Intensivstation.
Schwer erkrankte Neugeborene dürfen im Regelfall nicht einmal in einem Zimmer mit ihrer Mutter bleiben, sondern werden sofort auf die Intensivstation gebracht, wo sie rund um die Uhr betreut und überwacht werden. Das ist besonders schwer für die Eltern, denn oftmals können diese nicht den ganzen Tag vor Ort sein. Andere Familienangehörige dürfen das Baby meist nur nach besonderer Vereinbarung besuchen. Um diese belastende Situation zu entschärfen, versucht man jetzt mit Hilfe von Kameras die Sorgen der Eltern zu mindern.
Ein Stück Normalität
Nach der Medizinischen Universität Innsbruck, dem Dresdner Uniklinikum und der Berliner Charité können Eltern jetzt auch im St. Georg Klinikum Leipzig ihr Kind über eine Webcam beobachten. „Kuschelblick-TV“ wird es von der Leipziger Klinik genannt. Mittels einer Kamera in der Zimmerdecke ist es den Eltern möglich, in das Krankenbett zu blicken, ohne vor Ort sein zu müssen. Dass das nicht dasselbe wie ein persönlicher Besuch ist, weiß auch Eva Robel-Tillig, Chefärztin der Abteilung Pädiatrie und Neonatologie des St. Georg Klinikums: „Es geht uns ja gar nicht besonders darum, dass die Eltern das Kind online besuchen. Es geht darum, dass die Familie ein Stück Normalität erhält.“ Und zwar die Normalität, jederzeit einen beruhigenden Blick auf ihr Neugeborenes werfen zu können.
Jana Klemann hat „Kuschelblick-TV“ bereits genutzt. Schon vor ihrer Entbindung hatte sie von dem neuen Service des St. Georg Klinikums gehört und beschlossen, diesen im Fall einer kritischen Situation auch in Anspruch zu nehmen. Nach der Geburt ihrer Tochter bot das Klinikpersonal Familie Klemann dann an, Larissa auf der Intensivstation via „Kuschelblick“ zu überwachen. Die Klemanns willigten ein, die Mutter resümiert nun: „Eine sehr schöne Sache!“
Eine „Big-Brother-Geschichte“
Doch wie funktioniert „Kuschelblick-TV“? Wird das Kind durch die Webcam permanent beobachtet? Und: Kann jeder auf die Kamera des Babys zugreifen?
Die Klemanns nutzten den Kuschelblick-Service, seit die Mutter aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Für die Eltern des kranken Kindes wird die Kamera über dem Bettchen oder dem Inkubator des Säuglings je nach Wunsch ausgerichtet und aktiviert. Jede Familie hinterlegt 25 Euro Kaution und erhält einen digitalen Schlüssel, bestehend aus einem Zahlencode, mit dem sie online über die Webseite der Klinik jederzeit auf das Kamerabild ihres Neugeborenen zugreifen können. Zusätzlich bekommen die Eltern noch eine Gebrauchsanweisung ausgehändigt, die alle praktischen Details von „Kuschelblick-TV“ erklärt.
Jede Familie legt im Vorfeld fest, wann und wie sie ihr Kind im Blick haben wollen. Die Stationsschwestern müssen dann dafür sorgen, dass die Kameras rechtzeitig aktiviert sind und den gewünschten Bildausschnitt zeigen. „Manche Familien hatten feste Zeiten, in denen sie Kuschelblick nutzen wollten, zum Beispiel von 18 bis 20 Uhr“, berichtet Jana Klemann. Auch das Einschalten der Kameras außerhalb der vorher vereinbarten Termine ist kein Problem. Die Klemanns haben sich allerdings bald dafür entschieden, die Kamera ganztägig zu aktivieren: „Auch wenn wir nachts mal aufgewacht sind, konnten wir auf diese Weise kurz nach Larissa schauen.“
Eva Robel-Tillig ist der Meinung, dass durch „Kuschelblick-TV“ vor allem die Verbindung der Familie zum kranken Kind gestärkt wird. Sie räumt aber auch ein, dass nicht alle das Konzept begeistert aufnehmen: „Die ersten Reaktionen sind nicht immer positiv, auch nicht beim Personal – das ist so eine ‚Big Brother’-Geschichte. Inzwischen sprechen aber die Schwestern selbst die Eltern an.“
Das Kind wird also nicht unablässig beobachtet, es sei denn die jeweilige Familie wünscht es. Es gibt keine Aufzeichnung über die Webcam. Babys werden nur beobachtet, wenn auf die Kamera zugegriffen wird – also wenn Eltern oder Verwandte das Baby online besuchen. Nur wer sich mit dem Zugangscode einloggt, der den Eltern von der Klinik ausgehändigt wird, kann auf die Kamera des Babys zugreifen. „Man kann sich also mit Verwandten, die wir routinemäßig nicht auf die neonatologische Intensivstation lassen können, hinsetzen und sagen: 'Schau mal, so schön ist unser Kind schon gewachsen.’“, so Robel-Tillig, die einen normalen Umgang mit der Situation für sehr wichtig hält. Sie ist sich sicher, dass sich das Konzept durchsetzen wird.
„Kuschelblick-TV“ wird gut angenommen
Bleibt die Frage, wie intensiv „Kuschelblick-TV“ von den Familienangehörigen genutzt wird. Hierzu wurden an der Berliner Charité Studien durchgeführt. Wissenschaftler haben dazu die Aufenthaltsdauer der Babys und die Nutzungsfrequenz der Webcams analysiert. Erfasst wurden dabei Daten wie die Häufigkeit der Logins, die Anzahl der IP-Adressen sowie die Verweildauer bei jedem Login. Hans Prokité, Oberarzt für Neonatologie an der Berliner Charité, ist nach der Untersuchung zuversichtlich: „Im Mittel sind es mehr als zwei IP-Adressen, die auf diese Kameras zugreifen. Die mittlere Nutzungsdauer liegt zwischen 120 und 400 Minuten pro Tag.“
Das heißt: Die Eltern geben die Login-Daten tatsächlich auch an Verwandte weiter. Von mehr als zwei Computern aus wird in ein und dasselbe Kinderbettchen geschaut. Außerdem wird nicht nur kurz ein Blick auf das Baby geworfen, sondern die Kleinen werden tatsächlich über einen längeren Zeitraum von Eltern und Verwandten beobachtet. Damit tritt genau der Effekt ein, den sich Eva Robel-Tillig für die Familien wünscht: Ein bisschen Normalität zieht auch im Extremfall ein.
Jana Klemann verbrachte in der Regel etwa acht Stunden pro Tag auf der Intensivstation der Neonatologie des St. Georg Klinikums. Zu Hause habe sie dann abends erneut über zwei Stunden vor dem Computer gesessen und ihr Baby per Kamera beobachtet. Sie nutzte den Service sehr intensiv – nebenbei telefonieren und das Bild nur am Rande im Auge behalten, war tabu. „Ich erledigte nebenbei maximal andere Dinge im Internet, habe aber zwischendurch immer wieder auf das Kamerabild geschaut.“, erklärt Jana Klemann. „Ich wollte ja auch sehen, was die Schwestern mit ihr machen, wenn ich nicht da bin. Das war schon sehr wichtig für uns.“, fügt sie hinzu. Auch Larissas Oma, die die Kleine lieber selbst im Krankenhaus besucht hätte, den Weg aber aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr auf sich nehmen kann, nutzte „Kuschelblick-TV“. Selbst wenn der Service für ältere Generationen anfangs gewöhnungsbedürftig ist, ermöglichte er der Großmutter doch zumindest, einmal einen Blick auf das Neugeborene zu werfen.
Der persönliche Besuch bleibt wichtig
Wer nun befürchtet, dass Eltern aufgrund des Online-Besuchs das Neugeborene seltener besuchen, der irrt. Denn auch das hat die Untersuchung an der Berliner Charité gezeigt: „Die Webcam führt nicht dazu, dass die Besuchsfrequenz abnimmt“, bestätigt Hans Prokité.
Auch Jana Klemann weiß, dass der persönlicher Kontakt unersetzlich ist: „Auf keinen Fall verzichteten wir auf den Besuch. Dass immer eine Kamera auf mein Kind gerichtet ist, empfand ich allerdings trotzdem als beruhigend.“ Während Larissa auf der Intensivstation lag, war Jana Klemann ganztägig bei ihrem Kind. Die Sorge um das Neugeborene blieb jedoch stets gegenwärtig und zerrte an den Nerven der jungen Eltern. Durch „Kuschelblick-TV“ wurde diese psychische Belastung etwas verringert: „Man hatte dadurch nicht so ein schlechtes Gewissen, wenn man das Krankenhaus verlassen hat. Sonst fühlt man sich, als ob man sein Kind zurücklassen würde und das tut natürlich weh.“ Durch „Kuschelblick-TV“ konnte Jana Klemann ihr Kind auch nach ihrer Besuchszeit im Auge behalten. „Man sieht: ‚Aha, meiner Tochter geht es gut. Ich habe sie zwar gerade acht Stunden lang besucht, aber nun bin ich zu Hause und sehe sie auch über die Kamera, wie sie sich bewegt und dass sie sich wohlfühlt‘.“
Allerdings nennt Jana Klemann trotzdem ein paar Kritikpunkte: Durch die ausgiebigen Besuche beim Kind baut sich eine enge Beziehung auf, die die Kamera nicht ersetzen kann. „Wenn man Larissa live sieht, merkt man, wie sie wirklich ist. Wenn man dann zu Hause ist, hat man durch die Kamera ein ganz anderes Bild“, sagt die Mutter. Tonaufnahmen würden bei „Kuschelblick-TV“ gänzlich fehlen, das Bild pixelig erscheinen und Bewegungen zeitversetzt übertragen werden. „Man merkt schon, dass die Qualität eben nicht wie beim Fernsehbild ist“, kritisiert sie. Trotzdem ist die Mutter dankbar für „Kuschelblick-TV“.
Mittlerweile liegt Larissa nicht mehr auf der Intensivstation, eine belastende Phase ist vorbei. Die Möglichkeit, ihr Kind via Kamera jederzeit virtuell zu besuchen, erleichterte den Klemanns den Alltag. „Kuschelblick-TV“, da sind sich Leipziger und Berliner Mediziner sicher, führt nicht dazu, dass Eltern ihre kranken Kinder in Zukunft nur noch per Fernschalte besuchen. Denn der Webcam-Blick kann und wird den direkten Besuch nicht ersetzen – aber „Kuschelblick-TV“ erleichtert den Eltern zumindest eine sehr schwere Zeit.

