Kalter Krieg: Journalisten wie Karl-Eduard von Schnitzler oder Gerhard Löwenthal kommentierten den Einmarsch der Sowjetarmee in Afghanistan grundverschieden.
Im Seminar »Korrespondenten im Kalten Krieg« versuchen Studenten mittels praktischer Journalismusforschung jüngste Geschichte(n) kritisch zu reflektieren. Kerngedanke des Seminars ist: Journalisten formen die veröffentlichte Meinung und den gesellschaftlichen Diskurs maßgeblich mit. Für jene Journalisten, die ihren Job ernst nehmen, ist der Rückblick auf »die Geschichte« essentiell, da nur aus der differenzierten Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit das Bewusstsein für das Heute und die Chancen für das Morgen erwachsen.
Dass der Kalte Krieg zwischen 1945 und Anfang der 1990er Jahre an vielen Fronten ein heißer war und Stellvertreterkriege des West- und des Ostblocks geschätzte 20 Millionen Menschenleben forderten, bildet dabei einen grausamen Hintergrund. Im heute wiedervereinigten Deutschland haben wir die überaus spannende Situation, dass Erfahrungen beider Blöcke abrufbar sind. Auslandsreporter und Korrespondenten der DDR und der BRD können über ihre Perspektiven, über ihre Arbeit unter den Bedingungen des Kalten Krieges berichten, diskutieren und reflektieren – über konkrete Ereignisse, über ihr teils grundverschiedenes journalistisches Selbstverständnis, ihr Propaganda- und Ideologiebegriffe. Gerade in der Krisen- und Kriegsberichterstattung waren Medien beider Lager in umfangreiche staatliche und parastaatliche Propaganda- und Manipulationsstrategien eingebunden. Unter den Journalisten beider Lager gab es willige Werkzeuge, Ideologen und Kalte Krieger, auf beiden Seiten unbequeme, helle Geister. Grundverschieden kommentierten Journalisten wie Karl-Eduard von Schnitzler oder Gerhard Löwenthal den Einmarsch der Sowjetarmee in Afghanistan oder die Politik des jeweils anderen deutschen Staates.
In diesem Seminar wird in Bibliotheken und Archiven recherchiert, werden Berichterstattungsmuster einer pluralistischen Medienlandschaft im Vergleich zu der einer staatlich gesteuerten Medienlandschaft analysiert und es werden Gespräche und Interviews mit Korrespondenten und Reportern gesucht und geführt.
Die Auslandskorrespondenten Heike Schneider (Ost) und Christoph Maria Fröhder (West) im Seminar zu Gast. (Foto: Robert Berlin)
Am 12. Januar konnten die Seminarteilnehmer auch eine kleine Zeitreise unternehmen. Christoph Maria Fröhder und Heike Schneider saßen vor ihnen und erzählten von ihrer Arbeit als Auslandsberichterstatter im Kalten Krieg. Sie arbeiteten für »verschiedene Seiten«: Heike Schneider war Afrika-Korrespondentin für das DDR-Radio, Christoph Maria Fröhder bereiste für das westdeutsche Fernsehen unter anderem Vietnam, Afghanistan, Kambodscha, Irak. Und wie sich herausstellte, waren sich beide schon einmal begegnet: in den 70er Jahren in Angola.
Im Gespräch wollten die Seminarteilnehmer wissen, wie sich der gleiche Beruf in Ost-und Westdeutschland unterschied. Welchen Einfluss hatte die Politik auf die Berichterstattung? Wie frei oder eingeschränkt war die Arbeit? Wer hatte damals Recht mit dem Vorwurf, die andere Seite betreibe doch sowieso nur Propaganda? Ein konfliktgeladenes aber kollegiales, mehr als zweistündiges Gespräch zwischen der Ostkorrespondentin und dem Westreporter kam zustande. Ansichten wurden ausgetauscht und verteidigt.
Im Vorfeld der Veranstaltung hatten die Studenten Zeitungsbeiträge analysiert. Den Befund, dass ostdeutsche Medien häufig ideologisch-tendenziös berichteten, musste sich Heike Schneider jetzt stellen. »Ich stehe heute noch zu dem, was ich berichtet habe«, entgegnete sie den Studenten. Sie sei dabei weder gesteuert worden, noch habe sie vorsätzlich Propaganda betrieben. »Ich berichtete nach meiner eigenen Überzeugung«, betonte sie. »Es ging um Kriege, um Kolonialismus und Neokolonialismus. Was die sozialistischen Länder in Afrika wollten, fand ich im Grunde nicht schlecht. Ich bin bis heute aus Überzeugung ein Freund der Befreiungsbewegung.« Als Journalistin hält sie es für wichtig, Stellung zu beziehen. »Das tue ich auch heute noch.«
Christoph Maria Fröhder entgegnete, dass auch in der Bundesrepublik die meisten Journalisten mit den Befreiungsbewegungen sympathisierten. Er lege dennoch Wert auf unabhängige Berichterstattung. »Im Vietnam-Krieg habe ich das Klischee durchbrochen, dass wir immer nur auf der amerikanischen Seite sein dürfen. Ich bin mit den Vietcong durch die Tunnel gekrochen, um zu zeigen, wie sie den Konflikt erleben.« Fröhder stieß damit auf Widerstand. Denn Kalte Krieger saßen auch in Schlüsselpositionen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und die wollten dem »Vietcong« keine Sendeminute einräumen. Sein kritischer Blick auf den Vietnamkrieg sei in diesem Fall schlicht unerwünscht gewesen. »Es war sehr schwierig, dieses Material auf Sendung zu bringen.«
Das Projektseminar wird im kommenden Sommersemester fortgeführt. Am Ende sollen die Ergebnisse in einem Buch zusammengefasst werden.
Kontakt zum Seminarleiter:
Dr. Lutz Mükke
Abteilung Allgemeine und Spezielle Journalistik
Burgstraße 21
04109 Leipzig
Tel: 0341 – 9735755
E-Mail: muekke@uni-leipzig.de
Zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2010