Von Jochen Schlevoigt
AM ANFANG stand ein Projektseminar im Sommersemester 1996. Das Internet hatte sich gerade als ein Kanal für vielfältige Kommunikationsbeziehungen etabliert. Es war als Gegenstand für den Journalismus interessant geworden, es eröffnete den Journalisten völlig neue Recherchemöglichkeiten, und es entwickelte sich zu einem neuen Verbreitungskanal für Journalismus. Es lohnte sich, zu untersuchen, wie dieser Journalismus aussehen könnte, welche spezifischen Möglichkeiten er eröffnete. Und es zeichnete sich ab, dass hier ein neues Berufsfeld für Absolventen des Journalistikstudiums entstand. Die Konsequenz: Es war notwendig, sich in Lehrveranstaltung analysierend, diskutierend und übend damit auseinanderzusetzen.
Im Projektseminar wurde die Idee von NEWWWS als dem Übungsmedium geboren. Der Name – die Redaktion hat ihn nicht schützen lassen – war naheliegend, aber andere scheinen erst lange nach uns darauf gekommen zu sein. Die Idee stammt vermutlich von Oliver Heydorn, der die kollektiven Arbeiten an der Nullnummer von NEWWWS in einer Hausarbeit zusammengefasst hat.
DIE UTOPIE: Seit 1997 wurden die NEWWWS im Grundstudium der Leipziger Journalistik produziert. Eigentlich ein Unding: Grundstudium und Publikation der Übungen für ein weltweites Publikum. Normalerweise entstehen im Grundstudium Übungen für die Seminardiskussion und den Papierkorb! Dieses Risiko passte aber zum World Wide Web.
Den Erfindern von NEWWWS schwebte ein Magazin mit periodischer und permanenter Aktualisierung vor, produziert in einer Lehrredaktion, die quasi rund um die Uhr arbeitet. Eine schöne Illusion, aber im Journalistik-Grundstudium bei allem Engagement der Beteiligten nicht zu verwirklichen – die Studenten hatten neben der »Einführung in onlinejournalistisches Arbeiten« auch noch einige andere Lehrveranstaltungen zu besuchen …
REALISMUS: So wurde aus der permanenten Aktualisierung bald die Produktion von zwei Ausgaben pro Semester (in der 11. bis 15. Semesterwoche). Da in der Phase des ersten Internetbooms zwei Seminare parallel angeboten wurden, entstanden pro Semester meist vier NEWWWS-Ausgaben. Natürlich war damit das Problem verbunden, dass zwischen der vierten Ausgabe des Sommersemesters und der ersten Ausgabe des Wintersemesters vier Monate Pause waren – für ein aktuelles journalistisches Medium nicht gerade förderlich.
Das größere Problem aber war, dass manche Studenten in diesem Seminar ihren allerersten journalistischen Beitrag verfassten. Es war ja nicht möglich, zu fordern, dass zuerst bestimmte andere Basisseminare besucht werden mussten, ehe man für NEWWWS recherchieren, schreiben, fotografieren und gestalten durfte. Nein: Man musste alles so meistern, und das HTML-Lernen kam auch noch hinzu (dazu gab es Workshops zusätzlich zum Seminar – »CMS« war damals noch ein unbekanntes Kürzel).
Das bedeutete: Dieses Seminar war zumindest quantitativ fordernder als ein »normales« Grundstudiums-Seminar. Neben den Übungen wurde auch noch ein Seminarreferat (Idee: Analyse des realen Online-Journalismus) und eine Hausarbeit (Idee: Verwissenschaftlichung des Analysierten) gefordert. Die Konsequenz war in einigen Semestern ein relativ großer Teilnehmerschwund, in anderen Semestern hielten alle Teilnehmer von Anfang bis Ende durch – weil es ihnen Spaß machte und sie Gewinn für sich spürten.