19. February 2008, 17:08 Uhr

Die Schönheitsfehler der Reformen

„Es knirscht an allen Ecken und Enden“

Von: Felix Korsch

Prof. Dr. BröcklingProf. Dr. Bröckling: „Die Reformen sind widersprüchlich“ (Foto: Felix Korsch)
Was für Studenten ein alter Hut ist, bleibt auch weiterhin ein Dauerbrenner: Die Hochschulen werden reformiert. Ein Wust von Reformen mit unklarem Ausgang, der unter Studierenden wie Lehrenden Unmutsäußerungen provoziert. Zu Recht?

Die Inhalte der neuen Reformen lassen sich kaum kurz fassen: Im Rahmen des vor gut einem Jahr zwischen Bund und Ländern geschlossenen Hochschulpaktes sollen künftig mehr Studienanfänger geworben werden. Unterdessen steht das gebührenfreie Erststudium auch in Sachsen auf wackeligen Beinen, an anderen Hochschulstandorten sind Studiengebühren bereits Praxis geworden. Die Folgen und Probleme der Umstellung einer Vielzahl von Studiengängen auf das Bachelor-Master-System sind bereits jetzt sichtbar, die Veränderung der Besoldung beamteter Professoren und Assistenten ist zumindest den Lehrenden bewusst. Im Jahr 2008 steht nun nach über drei Jahren der Verhandlung die Novellierung des Sächsischen Hochschulgesetzes an. Doch die zur Debatte stehenden Entwürfe sind umstritten, vor allem Vertreter der Studentenschaft kritisieren die vorgesehene Schwächung der akademischen Selbstverwaltung.

Felix Korsch sprach für UNCOVER mit dem an der Universität Leipzig lehrenden Bildungssoziologen Prof. Dr. Ulrich Bröckling über die Probleme und Perspektiven der Studienreformen.

UNCOVER: Wenn von Studienreformen geredet wird, sprechen Befürworter von "Flexibilisierung" und "Autonomisierung". Die Kritiker übersetzen das mit "Ökonomisierung" und "Entdemokratisierung". Wer hat Recht?

Bröckling: Ich sehe da gar nicht so sehr einen Gegensatz. Flexibilisierung und Autonomisierung sind die Dinge, die mit dem Argument der Ökonomisierung gefordert werden, denn der Arbeitsmarkt verlangt flexible Arbeitskräfte. Die Frage ist vielmehr, ob die Studienreformen so, wie sie durchgeführt werden, diese Flexibilisierung überhaupt erreichen. Flexibel mussten ja auch die Studenten der alten Studiengänge sein, wo es ein ganz hohes Maß an Selbstorientierung in den oft sehr unübersichtlichen Studienorganisationen gab. Ein Bachelor-Student bewegt sich in einem sehr viel reglementierteren Rahmen. Das ist ein Paradoxon dieser Studienreformen, dass mit Flexibilisierung geworben wird und dass die Studienorganisation gleichzeitig so verregelt wird mit Zeitfenstern und einem höheren Prüfungsaufwand, so dass eine Flexibilisierung gar nicht erreicht werden kann.

UNCOVER: Sind solche Reformen dann überhaupt sinnvoll, wenn sie das Gegenteil dessen bewirken, wozu sie eingeführt wurden?

Bröckling: Widersprüchlich war auch das alte System, deswegen kann man nicht sagen: Das alte war gut und das neue schlecht oder andersrum. Ich würde lieber versuchen, genauer zu beschreiben, was sich mit den neuen Studienordnungen und Studiengängen verändert: Durch eine stärkere Struktur werden Studienanfänger an die Hand genommen, wodurch vermutlich die Abbrecherquoten sinken werden. Das ist sicherlich ein Vorteil. Dass gerade qualifizierte Studierende durch dieses enge Korsett auch eingeschränkt werden in ihrer Schwerpunktsetzung ist natürlich ein Nachteil. Da entsteht nämlich ein höheres Maß an Prüfungslast und unkonventionellere Lehrformen, Exkursionen, Gruppenteaching und interdisziplinäre Veranstaltungen werden eher erschwert.

UNCOVER: Welche Folgen sind unter diesen Voraussetzungen für Studierende, Lehrende und die Lehre selbst absehbar?

Bröckling: Für die Studierenden sehe ich nicht mehr Flexibilisierung, sondern ein höheres Maß an Reglementierung. Wenn die Pech haben, beginnen die montags früh um viertel nach sieben mit ihrer ersten Veranstaltung und sitzen bis Freitag um neun in der Uni. Das erschwert es, sich einen Stundenplan nach eigenen Interessen zu gestalten und vielleicht nebenher noch zu jobben. Für die Lehre bedeutet das ein höheres Maß an Prüfungsaufwand. Alle Prüfungsleistungen, die in Bachelor-Studiengängen erbracht werden, müssen jetzt von zwei Prüfern begutachtet werden. Das ist bei einer Erstsemestler-Hausarbeit völlig unnötig, aber die Studienordnung verlangt es. Da entsteht ein paradoxer Effekt, nämlich viel unsinnige Bürokratisierung, obwohl eigentlich Bürokratieabbau betrieben werden soll. Für die Lehre insgesamt muss man die Folgen abwarten. Es gibt eine intensivere Betreuung, das ist sicher ein Vorteil, es gibt in den neuen Studiengängen auch ein besser aufeinander abgestimmtes Lehrprogramm. Das bringt aber gleichzeitig eine Verschulung mit sich, wo die Pfade stärker vorgezeichnet sind und alle auf einer schmalen Bahn bleiben müssen.

UNCOVER: Was spricht dann noch für Studienreformen, wie sie mit dem neuen Sächsischen Hochschulgesetz fortgesetzt werden sollen?

Bröckling: Im Moment klagen alle Studierenden über die negativen Folgen. Die Umstellung von einem System auf ein anderes geht natürlich nie ohne Reibungen ab. Es knirscht jetzt an allen Ecken und Enden, und es knirscht vor allem zu Lasten der Studierenden, die allen Grund haben sich zu beschweren und dagegen zu protestieren. Ob mit der Zeit auch positive Veränderungen hervortreten, müssen wir abwarten. Die Veränderungen sind ja nicht nur schlecht, für die Masterstudiengänge, die jetzt erst anlaufen, werden sich vielleicht wirklich mehr Freiheiten ergeben. Allerdings haben wir auch gar keine Alternativen zu den Reformen. Die Umstellung der Studienordnung war eine europäische Vorgabe. Leipzig hat sich nun entschieden, das in einem großen Akt durchzuziehen. Dadurch gibt es weniger Unübersichtlichkeit, aber die Schwierigkeiten der Umstellung treffen uns alle ziemlich massiv. Das sieht man am Einschreibesystem und anderen technischen Problemen, die noch nicht gelöst sind.

UNCOVER: Brauchen die Reformen also sinnvolle Ergänzungen?

Bröckling: Im Moment sind die Kollegen damit beschäftigt, sich auf das Neue einzustellen und sinnvoll auszugestalten. Das ist in vieler Hinsicht noch ein Skelett, wo man das Fleisch drumherum erfinden muss und wo der Kopf noch nicht frei ist um sich zu überlegen: Wie könnte man die Reformen reformieren?

UNCOVER: Sie sprachen davon, dass die Studenten die Reformen zu Recht kritisieren. Der Protest fällt aber eher verhalten aus. Warum?

Bröckling: Erfahrungsgemäß braucht man einige Semester, bis man mit der veränderten Studien- und Lebenssituation gut zurecht kommt. Unsere ältesten Bachelor-Studenten sind gerade mal im dritten Semester und die müssen sehen, ob sie zufrieden sind und ob das System so bleibt. Im Moment sind die Proteste tatsächlich leiser geworden, aber das sieht man häufig bei solchen Mobilisierungen, dass die Sache irgendwann abflaut. Vielleicht muss man die Wahlen 2009 in Sachsen abwarten. Davon wird es ja abhängig sein, ob Studiengebühren eingeführt werden. Übrigens gibt es auch unter den Lehrenden viele Auseinandersetzungen und Verhandlungen zwischen Fakultäten, Universität und Ministerien. Es wird zum Beispiel im Rahmen des Hochschulpaktes darauf gedrängt, höhere Einschreibungszahlen aufzuweisen, was zu Kapazitätsproblemen führt. Der Unmut bei den Lehrenden ist deswegen auch ganz massiv da.

UNCOVER: Lässt sich in der Summe der Studienreformen - Umstellung der Studienordnungen, mögliche Studiengebühren, Veränderung der Professursystems, demnächst das neue Sächsische Hochschulgesetz - eine Gesamttendenz feststellen, oder sind das alles nur punktuelle Veränderungen?

Bröckling: Zumindest werden diese Veränderungen mit einer ähnlichen Rhetorik begründet. Da geht es dann eben um Ökonomisierung, da geht es um die Universität als Unternehmen, um Exzellenz und internationalen Wettbewerb. Diese Rhetorik wird für alle diese Reformen bemüht. Ob die Reformen geeignet sind, Veränderungen in so einer Richtung zu bewirken, ist manchmal fraglich. Und ob man so eine Richtung will und gutheißt, ist noch mal eine andere Frage. Wichtig erscheint mir, darauf aufmerksam zu machen, dass die Reformen widersprüchlich sind und im Namen einer Flexibilisierung eigentlich reglementieren. Deshalb stehen wir jetzt vor der Situation, dass das, was man will, was als Begründung angeführt wird und die tatsächlichen Effekte weit auseinanderklaffen. Im Zeichen einer Entbürokratisierung wird die Bürokratie ausgebaut und die größere Freiheit, von der man immer spricht, wird gleichzeitig von so vielen Vorgaben eingeschränkt, dass am Ende nicht mehr viel übrig bleibt.

Hochschulreformen – Was ist das?

Die meisten bundesdeutschen Hochschulen sind, wie die Universität Leipzig, staatliche Einrichtungen. Für ihr Funktionieren sind die Länder durch Gesetzgebung und Verordnungen zuständig. Dabei folgen sie groben Vorgaben des Bundes (Hochschulrahmengesetz) und den gemeinsamen Beschlüssen der Kultusminister der Mitgliedstaaten der EU (Bologna-Prozess), müssen für die konkrete Ausgestaltung und Umsetzung aber selbst politisch und administrativ Sorge tragen.

In den vergangenen Jahren sind eine Reihe von Reformen in Angriff genommen worden, die vor allem darauf zielen, Lehre und Verwaltung einerseits effektiver zu gestalten, andererseits eine bessere internationale Vergleichbarkeit der Studiengänge und -abschlüsse zu erzielen. Das verändert die Hochschullandschaft nachhaltig. In diesen Rahmen fallen gleich mehrere aktuelle Reformen:

- Im Zuge des so genannten Bologna-Prozesses vereinbarten 1999 die Bildungsminister 29 europäischer Staaten die Vereinheitlichung der Studiensysteme – beispielsweise durch die Einführung des Bachelor-Master-Systems und einer Leistungspunkte-Bewertung („credit points“).

- Die Besoldungsordnung für lehrendes Personal – wissenschaftliche Assistenten, Dozenten, Professoren – wird seit 2005 umgestellt. Das „W-System“ löst das „C-System“ ab, was wesentlich niedrigere Grundgehälter mit sich bringt.

- Bund und Länder einigten sich Mitte 2005 auf die Durchführung einer „Exzellenzinitiative“. Hochschulen konnten sich durch den Nachweis ihrer „Exzellenz“ um staatliche finanzielle Zuschüsse für „Spitzenforschung“ bewerben und wurden dafür in Konkurrenz zueinander gestellt.

- Im Dezember 2006 verständigten sich die Ministerpräsidenten der Länder mit der Bundeskanzlerin auf einen „Hochschulpakt 2020“. Die Fördervereinbarung sieht zusätzliche finanzielle Mittel für Hochschulen vor, allerdings sollen dafür künftig auch weit mehr Studienanfänger aufgenommen werden.

- Im Frühjahr 2008 soll das Sächsische Hochschulgesetz (SächsHG) novelliert werden. Die bisher ausgearbeiteten Entwürfe versprechen eine Flexibilisierung von Lehre und Forschung. Unter anderem soll den einzelnen Hochschulen mehr Autonomie zugestanden werden, etwa durch die Einführung eines Hochschulrates, in dem die Studierenden jedoch praktisch keinen Einfluss erlangen.

- Noch in der Diskussion ist die Einführung allgemeiner Hochschulgebühren in Sachsen. Ein gebührenfreies Erststudium wird von den Koalitionsparteien im Landtag bis zu den kommenden Landtagswahlen zugesichert. In anderen Bundesländern sind Studiengebühren bereits Standard geworden.

www.uni-leipzig.de/journalistik2/uncover/startseite/artikel/anzeigen/verplant/ - UNCOVER-Artikel „Verplant“

www.uni-leipzig.de/journalistik2/uncover/startseite/artikel/anzeigen/ende-und-anfang-fuer-die-leipziger-journalistik/ - UNCOVER-Artikel „Ende und Anfang für die Leipziger Journalistik“

www.stura.uni-leipzig.de/index.php - Der StuRa zum Themenbereich Hochschulpolitik

www.uni-leipzig.de/~politik/site/personen/ulrich-broeckling.html - Ulrich Bröcklings Website beim Institut für Politikwissenschaft

www.smwk.sachsen.de - Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst