15. July 2009, 19:14 Uhr

Bologna-Gegner verlassen Seminargebäude nach fast zweimonatiger Besetzung freiwillig

Wenn der Protest zur Normalität wird

Der Eingang zu den Seminarräumen, die die Studenten seit Mitte April besetzten. Die Pappwürfel mit der Aufschrift „Bildung“ sollen auf die inhaltlichen Diskurse in den Räumen hinweisen. (Foto: Nancy Fischer)
Am 16. April hat eine Gruppe Studenten das Geisteswissenschaftliche Zentrum (GWZ) der Universität Leipzig besetzt, rund 300 Kommilitonen haben sich ihnen spontan angeschlossen. Der Protest zog kurz darauf ins Neue Seminargebäude (NSG) um und hielt länger an, als es jede Planung vorgesehen hatte: Knapp zwei Monate haben die Anhänger der Aktion „Protesttage“ in den Seminarräumen geschlafen. Mit der Zahl der Übernachtungen nahm auch die Angst zu, dass sich die Öffentlichkeit an den Protest gewöhnen könnte.

„Nur Schlafen“ steht auf dem Zettel an der Tür. Dahinter liegen Matratzen, Schlafsäcke, ein Berg hellblauer Ikea-Kissen. „Meistens sind wir noch drei bis fünf Leute, die jede Nacht hier sind“, erklärt Gunther Waßmann. Er hat schon 2003, damals selbst noch Student, an den Protesten gegen Studiengebühren teilgenommen. Jetzt ist der 25-Jährige arbeitslos und verbringt fünf Nächte pro Woche im Seminargebäude. „Ich habe damals schon gemerkt, dass es kaum noch Zeit für alternative Wissenschaft gibt. Aber heute kommen die Studenten direkt von der Schule in die Schule.“

 „Vollständige Neubetrachtung von Bildung“

Den Bologna-Prozess rückgängig machen werden sie nicht. Vielmehr haben die Teilnehmer der „Protesttage“ sehr weitgefasste Forderungen, verrät ihr Blog: Es gehe um die „Schaffung basisdemokratischer Plattformen“ für eine „vollständige Neubetrachtung von Bildung im gesellschaftlichen Kontext“. Was das konkret bedeutet, darüber herrscht unter den Protestlern nicht immer Einigkeit. Bei der Frage, wie es beispielsweise nach der Besetzung weiter gehen kann, kommen André Reuther und Gunther Waßmann auf keinen Nenner. Waßmann spricht von einem alternativen Vorlesungsverzeichnis mit eigenen Seminaren. „Nicht alle hier sehen das so“, entgegnet Reuther.

Druck zu gering

Dabei wären mehr Seminare im Sinne der Studierenden: „Es kommt tatsächlich vor, dass Geisteswissenschaftler in Chemievorlesungen sitzen, weil in ihrem Wahlbereich nichts frei war“, erklärt Reuther. Der Bologna-Prozesses trage Schuld an der Verschulung des Studiums und der schlechten Betreuungssituation. André Reuther kennt das alte System noch, studiert Gemeinschaftskunde und Deutsch auf Lehramt. Der 24-Jährige hat den Beginn des Protests mit Hunderten Studenten im GWZ erlebt, den Umzug ins Neue Seminargebäude und die ersten Diskussionen über eine Auflösung der Besetzung. „Im Moment ist der Druck zu gering, um die Entscheidungsträger beeinflussen zu können“, gibt er zu. „Und der Protest muss spontan bleiben. Die Öffentlichkeit darf sich nicht daran gewöhnen, dass wir hier sind!“

Rektor kennt Ziele der Besetzer nicht

 Drei Mal pro Woche findet im größten der besetzten Räume ein Plenum statt, das zu Hochzeiten bis zu 100 Leute besucht haben, außerdem werden täglich Workshops angeboten. Der „vollständigen Neubetrachtung von Bildung“ gehen ganz langsam die Betrachter aus: „Gestern waren ungefähr 40 Leute im Plenum“, sagt André Reuther. Waßmann korrigiert die Zahl nach unten.

Die Eröffnungsfeier zum 600-jähringen Uni-Jubiläum im Gewandhaus hatte einer der protestierenden Studenten genutzt, um in einem offenen Brief die Absage der Feierlichkeiten zu fordern – und den Protest so zurück in die Öffentlichkeit zu bringen. Rektor Franz Häuser sieht den Ruf der Universität durch solche Aktionen zwar nicht gefährdet, die Besetzung beeinträchtige aber den Ablauf des Studienbetriebes. „Die genauen Ziele der Protestler sind mir nicht bekannt“, so Häuser. „Sich mit Studienbedingungen kritisch auseinander zu setzen, ist völlig legitim. Man kann aber nicht jeden Mangel dem Bologna-Prozess in die Schuhe schieben.“

Keine Utopie!

„Grundsätzlich solidarisch“ sei der StudentInnenrat der Uni Leipzig mit den Protestlern. „Manchmal sitzen wir auch mit in den Plena. Es ist schon faszinierend, dass der Protest solange angehalten hat“, findet StuRa-Sprecher Sven Deichfuß. Trotzdem will er nicht in einen Atemzug mit den Besetzern genannt werden: Der StuRa wolle seine Linie durchziehen und sich nicht in utopischen Forderungen verlieren. „Aber die arbeiten sehr inhaltlich. Es ist doch auch ein Erfolg, dass solche Diskussionen abseits der Strukturen überhaupt stattfinden“, meint Deichfuß.

„Draufschlagen bringt nix“

Georg Teichert ist Vorsitzender des „studierende 2009 e.V.“. „Verein“ klinge zwar sehr trocken, aber der rechtliche Rahmen sei wichtig, um Ideen umzusetzen, rechtfertigt er sich. Die Ziele von ihm und seinen Freunden und Mitgründern Bastian Lindert und Sebastian Richter ähneln denen der Besetzer. Die Mittel sind andere: „Wir wollen in die Strukturen gehen, um sie zu ändern – von außen draufschlagen bringt nix.“

Eine der wichtigsten Rollen für die Besetzer spielt das Sächsische Kultusministerium. An Ministerin Eva-Maria Stange haben sich die Studenten laut einer Sprecherin des Ministeriums aber „zu keinem Zeitpunkt“ gewandt. Eine Vielzahl ihrer Kritikpunkte betreffe die konkrete Studienorganisation, so die Sprecherin. Darauf habe das Ministerium so oder so keinen Einfluss, man sollte sich lieber direkt an den Prorektor für Bildung wenden. Und das Rektorat spielt den Ball weiter: „Manche der erwünschten Verbesserungen liegen auch nicht in unserer Hand. Was Modulstrukturen und Regelungen zum Wahlbereich angeht, stehen wir in einer ständigen Diskussion mit den betroffenen Fakultäten.“ Diese Diskussion wollen jetzt auch einige der Protestler führen: Sie haben sich Anfang Juni für die Wahlen in die Fachschaftsräte aufstellen lassen.

Ambition zum Mitmachen fehlt

„Ich bin zwar im System verhaftet, aber ich will auch zu meinen Seminaren gehen“, sagt Franziska Meinert. Die 21-jährige Bachelorstudentin der Afrikanistik sitzt mit Freunden vor der Uni. Sie will nicht nur die fehlende Zeit vorschieben: „Vielleicht bin ich auch nicht ambitioniert genug, um mitzumachen.“ Ihr Kommilitone Phillip Goldberg will sich nicht für die Besetzung „breitschlagen“ lassen, wie er sagt. „Ich kann nicht abschätzen, wofür die stehen, es ist ja auch ruhig um sie geworden. Mir fehlen abgesteckte Ziele.“ Eine 22-jährige Jura-Studentin, die neben den beiden auf einer Bank sitzt, hält ebenfalls nicht viel vom Protest: „Das Geld kommt aus Dresden. Sollen die sich doch dort vors Kultusministerium setzen! Stattdessen verschlechtern sie hier die Studienbedingungen für die Studenten, die eigentlich zufrieden sind.“

Am Ende steht eine rebellische Stuhlpyramide

Noch verärgerter waren vermutlich die Studenten, deren Prüfungen am 12. Juni verschoben werden musste. Nach 58 Tagen endete der Protest mit einer Pyramide aus Stühlen vor dem Haupteingang des NSG. Die Besetzer blockierten Fahrstühle, Notausgänge und den Prüfungsbeginn einiger Studenten. Der Protest bleibe weiter bestehen, allerdings in „anderen, dezentralen Formen“, so ein Blogeintrag. „Die Besetzung ist im Laufe der Zeit in der Außenwahrnehmung zur Selbstverständlichkeit geworden.“ Bevor in naher Zukunft in anderen Formen und Räumen weiter protestiert wird, haben sich die Besetzer noch einmal rebellisch gezeigt.