9. February 2009, 18:33 Uhr

600 Jahre Universität Leipzig

So studierte Hanß im Mittelalter

Professor Siegfried Hoyer mit dem Werk „Alma mater Lipsiensis: Geschichte d. Karl-Marx-Universität Leipzig“ (Foto: Soltysiak)
Der 22-jährige Hanß sitzt ausschließlich von Männern umgeben an seinem Schreibpult. Den hutbedeckten Kopf tief über seine Schreibtafel gebeugt. Das Kerzenlicht wirft einen schwachen Schein auf seine bunten, enganliegenden Hosen und seinen verschnittenen Wams, welcher kaum den Hals und Nacken bedeckt. Nervös wippt er mit den Füßen. Die langen Schnabelschuhe geben dabei nur einen geringen Laut von sich - so lernten vor fast 600 Jahren Studenten in einem Colleg in der Ritterstraße. Genau dort, wo sich heute die Institute für Klassische Archäologie und für Kunstpädagogik befinden. Einer von den 369 in Leipzig Immatrikulierten könnte auch Hanß gewesen sein.

Er war damit ein modisch gekleideter Student. Vor allem mit seinen enganliegenden Hosen lag er für damalige Verhältnisse voll im Trend. „Warum wohl?“, das fragt sich sicher nicht nur Professor Siegfried Hoyer, ehemaliger Dozent für „Geschichte der frühen Neuzeit“ und Buchautor zur Geschichte der Universität Leipzig. Anhand der Kleidung lässt sich erkennen, dass der Protagonist zu einer der wohlhabenderen Gesellschaftsschichten zählte. Er gehörte zum Bürgertum, das den größten Anteil an immatrikulierten Studenten stellte. Einen weitaus kleineren bildeten die Adligen. Auf Grund ihres Standesrechts waren sie befugt, höhere Ämter zu begleiten und sahen deshalb anfangs ein Studium nicht als notwendig an. Die ärmere Bevölkerung hingegen nutzte das Studium vorrangig als eine Chance zum sozialen Aufstieg. Bei der Immatrikulation „wurde bei Leuten, die sagten ‚Ich bin arm’ nur das Gelöbnis abgenommen, dass sie nicht mehr besitzen, als soundsoviele Groschen. Und dann wurden sie als pauper immatrikuliert – als Armer“, so Hoyer. „Sie hatten aber mehr Schwierigkeiten.“ Diese bestanden vor allem darin, dass neben den Immatrikulations- auch extra Vorlesungs- und Prüfungsgebühren entrichtet werden mussten. Die Kosten für den Erwerb eines Magistergrades einer höheren Fakultät betrugen umgerechnet 29.000 Euro.

Neben der finanziellen Situation musste jeder Studieninteressierte seinen Namen und Herkunftsort angeben. Diese Daten wurden in den sogenannten Matrikelbüchern vermerkt, die bis heute erhalten geblieben und in der Albertina untergebracht sind. Prinzipiell war der Zugang zur Universität nur männlichen Unverheirateten offen, egal über welche Vorbildung sie verfügten. Erst ab 1905 war Frauen der Zugang zur Universität Leipzig möglich.

 

Baccalaurius: Student, der nach Erreichen eines bestimmten Ausbildungsniveaus als „Assistent“ des Lehrers persönlich am Unterricht beteiligt war; er musste kursorische und extraordinäre „Lesungen“ durchführen.

Collegium: Gruppen von reisenden, wohlhabenderen Studenten mieteten Häuser (hospitia). Arme Studenten kamen in von Klerikern und Reichen gestifteten Collegien unter. Ein Collegium wurde von einem Magister der Künste oder einem Baccalaurius geleitet (= provisor/principalis). Die finanzielle Verwaltung war einem sogenannten procuratores oder bursarii anvertraut. Das Betragen der Mitglieder (socii) oblag der Verantwortung des prior.

Licentia: Ist ein akademischer Grad, der das Recht verlieh, selbst zu lehren.

Magister: Im Mittelalter war dies eine Bezeichnung für die Männer, die nach einem exakt festgelegten Curriculum der Studien diesen akademischen Titel erworben hatten. Diejenigen, die tatsächlich als Lehrer tätig waren, nannte man magister (actu) regens. 

Studienorganisation

Hanß war 15 als er sein Studium begann und konnte gerade einmal ein klein wenig Latein, das bis ins 18. Jahrhundert hinein Unterrichtssprache war. Um diesen Wissensrückstand auszugleichen, musste er zuerst auf die Artistenfakultät gehen. Dort bekam er die Sieben Freien Künste gelehrt, die neben mathematischer und sprachlicher Grundausbildung auch die Astronomie und Musik umfassten. „Es war im Wesentlichen wie die heutige Oberstufe, obwohl das ein Vergleich ist, der zweifellos hinkt“, verdeutlicht Hoyer.

Die Fakultäten schloss ein Student erst ab, nachdem er die drei großen Prüfungen – Baccalaurius, Licentia und Magister – bestanden hatte. Doch bevor Hanß seinen Baccalaurius ablegen konnte, musste er das 18. Lebensjahr erreichen. Nun ist er 22, hat im Jahr zuvor seinen Artistenmagister erfolgreich bestanden und ist damit berechtigt, das Studium einer höheren Graduierung anzutreten. Er hat sich für Jura entschieden, hätte aber auch Theologie oder Medizin wählen können.

 

Studentisches Leben in der Burse

Bei aller Immatrikulationsfreiheit gab es auch strenge Regeln, vor allem in den Bursen. Das waren aus Lehm und Holz gebaute Fachwerkhauser, die den Lebensmittelpunkt der Studierenden, aber auch der Dozenten bildeten. Eine Unterkunft befand sich am heutigen Petersbogen. Eine andere Burse stand in der Ritterstraße auf der Höhe, wo heute die Nikolaikirche steht.

Das studentische Leben von damals lässt sich mit dem heutigen aber nicht vergleichen. Strenge Strukturen und ein geregelter Tagesablauf ließen nur wenig Zeit für Unterhaltung und Erholung. Die erste Vorlesung begann bereits um fünf Uhr am Morgen. Auch das Mittagessen ist keineswegs vergleichbar mit den Mahlzeiten in der Mensa. „Es gibt in ewiger Wiederholung Grütze, Suppe, Muß, Magerfleisch, selten ein Braten oder Nachtisch, dazu ein leichtes Hausbier“, so beschreibt es Magister Curio, nachzulesen in „Der Leipziger Student 1409 - 1909“ von Dr. W. Bruchmüller. Überlieferungen zufolge schmeckte das Leipziger Bier aber nicht, wodurch die Studenten ihr Privileg auskosteten, fremdes Bier steuerfrei einzuführen. Lange hielt dieser Vorrat allerdings nicht an. 80 Fässer reichten im Colleg in der Petersstraße nur etwa ein halbes Jahr. Die enorme Beliebtheit des Gerstensaftes reichte auch bis in Goethes Leipziger Universitätszeiten (1765 bis 1768). Hier hat er nicht nur studiert, sondern soll Gerüchten zufolge auch das Lokal „Auerbachs Keller“ häufig betrunken verlassen haben. Dass ihm Leipzig in guter Erinnerung geblieben ist, beschreibt er in der gleichnamigen Szene in seinem „Faust – Der Tragödie erster Teil“. Über seinen Studienort schreibt er dort: „Mein Leipzig lob ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute.“

 

Anmerkungen zum Artikel:

Die lateinischen Begriffe sind bewusst kleingeschrieben und kursiv, da dies in allen einschlägigen Literaturtexten so zu finden ist.   Die Grammatik folgt der Zitatvorlage von Magister Curio.

 

Quellen:

Blecher, Jens. Wiemers, Gerald: Die Universität Leipzig 1409-1943. Sutton Verlag GmbH, Erfurt.2004. Seiten 9,21,32f.,115f.  

Bruchmüller, Wilhelm: Aus Natur und Geisteswelt. Sammlung wissenschaftlicher gemeinschaftlicher Darstellungen. 273.

Bändchen. Der Leipziger Student 1409 – 1909, Leipzig. 1909   Cardini, Franco; et.al: Universitäten im Mittelalter – Die europäischen Stätten des Wissens. Südwestverlag GmbH & Co.KG, München.1991. Seiten 225-227.

Kirn, Otto D.: „Die Anfänge“ in Festschrift der Universität Leipzig 1909 – Die Leipziger theologische Fakultät in fünf Jahrhunderten. Verlag von S. Hirzel, Leipzig. Seiten 1-7.