„Drogen, Nutten, Nazis und Besoffene - und wir wohnen trotzdem gern hier“. So stellt sich die studivz-Gruppe ’Wohnen in der Eisenbahnstraße und ja, ich lebe noch’ in dem Online-Netzwerk vor. Dass der Leipziger Osten schön ist, finden nicht alle. „Ich sehe häufig bestürzte Gesichter, wenn ich erzähle, dass ich in der Eisenbahnstraße wohne“, erzählt Anna Hammer. Die 20-jährige Anglistik-Studentin lebt seit gut einem Jahr in dem sozialen Brennpunkt.
Sozialer Abstieg nach der Wende
„Der Leipziger Osten war schon zu DDR-Zeiten ein enges und leicht schmutziges Arbeiterviertel“, erklärt Andreas Kaufmann das schlechte Image der Stadtteile Neustadt-Neuschönefeld, Volkmarsdorf und Anger-Crottendorf. Kaufmann ist Mitarbeiter des Stadtteilmanagements Leipziger Osten und setzt sich bei der Stadtverwaltung für die Belange der Ortsteile ein. Laut dem Diplom-Ingenieur hat dieser Teil der Stadt nach der Wende unter der Aufwertung des Zentrums und der Eröffnung des nahe gelegenen Paunsdorf Centers gelitten. Viele Händler aus der ehemals wirtschaftlich florierenden Eisenbahnstraße hätten der neuen Konkurrenz nicht standhalten können. „Ende der 90er Jahre sind fast ein Drittel der ehemaligen Bewohner aufgrund des sozialen Abstiegs des Viertels weggezogen. Die haben in der Stadt natürlich negativ vom Osten erzählt. Das schlechte Bild, das dadurch entstanden ist, hat sich bis heute gehalten“, so der 40-Jährige. Mit dem Wegzug der Bewohner begann auch der Verfall der Wohnungen. Die Straßen sind heute durch eine Mischung aus renovierten Gründerzeitbauten und leer stehenden, unsanierten Häusern geprägt.
Veränderung
Die Stadt will etwas gegen den schlechten Ruf und die tatsächlichen Probleme tun. Bereits 1999 erklärte der Stadtrat den Leipziger Osten offiziell zum so genannten Fördergebiet. Gemeinsam mit Architekten, Stadtplanern und Bürgern wurde ein langfristiger Stadtentwicklungsplan bis 2020 erstellt. Er umfasst sowohl bauliche Maßnahmen als auch soziale Projekte und wird finanziell von der Stadt, dem Land, dem Bund und der Europäischen Union getragen. Die Veränderungen blieben nicht unbemerkt: „Es gibt deutlich mehr Grünanlagen und zunehmend neu sanierte Häuser“, sagen die Studenten Anna Hammer und Sascha Hopfe. Auch Lutz Wiederanders, Koordinator der Straßensozialarbeit der Stadt Leipzig und als solcher bekannt mit den Gegebenheiten vor Ort, bestätigt diesen Eindruck, schränkt ihn aber ein: „„Es gibt hier schöne Ecken. Der Neustädter Markt oder die Mariannenstraße haben durchaus Flair. Das ist bloß leider nicht durchgängig.“
Hoher Ausländeranteil
Das schlechte Image gründet sich auch auf Vorbehalte gegenüber Fremden: Wer entlang der Eisenbahnstraße durch den Leipziger Osten läuft, dem fällt vor allem der hohe Anteil der Migranten auf. Viele Ladeninschriften sind auf kyrillisch oder arabisch. Laut der Ausländerbehörde des Ordnungsamts Leipzig beträgt die Ausländerquote für die gesamte Stadt 6,4 Prozent. In Neustadt-Neuschönefeld, Volkmarsdorf und Anger-Crottendorf liegt sie bei fast 20 Prozent.. „Das Unbekannte macht vielen Menschen Angst. Sie empfinden das Fremdartige als Bedrohung“, erklärt Stefan Kuhtz vom Integrationsverein Volkmarsdorf. So entstünde ein Gefühl von Unsicherheit. Das kann Rolf Müller, Gewerbetreibender und seit 52 Jahren in der Eisenbahnstraße ansässig, bestätigen: „Ich gehe hier nachts nicht mehr mit meiner Frau entlang. Früher war das möglich, aber heute ist das nicht mehr sicher.“ Janina Bullmann hingegen fühlt sich nicht bedroht. Die 22-jährige Kommunikationswissenschaftlerin empfindet die unterschiedlichen Kulturen als Bereicherung: „Das erhöht doch die Vielfalt.“
Dealer und Junkies in der Eisenbahnstraße
Dort, wo die Hermann-Liebmannstraße die Eisenbahnstraße kreuzt, stehen zu jeder Tageszeit Menschen mit schmutzigen Kleidern und ungewaschenen Haaren. Die Straßenecke ist als Umschlagplatz für Drogen bekannt. „Als Ende der 90er Jahre die Drogenszene aus der Bahnhofsgegend verdrängt wurde, ist sie in den Osten abgewandert. Wir haben dort jetzt die einzige offene Drogenszene der Stadt“, erzählt Ina Stein von der Drogenberatung im Gesundheitsamt. Vor allem mit Heroin werde gehandelt. „Irgendwie vermitteln die Gestalten da einem ein mulmiges Gefühl. Dass dort gedealt wird, lässt auch auf viel Beschaffungskriminalität schließen“, vermutet Sascha Hopfe, der seit Ende 2007 im Leipziger Osten lebt. Allerdings gibt der Student der Wirtschaftswissenschaften zu bedenken: „Ich habe bis jetzt aber noch nie gesehen, dass tatsächlich jemand ausgeraubt, beklaut oder angegriffen wurde. Auch mir ist noch nichts passiert.“
Gefühlte versus reale Sicherheit
Obwohl der persönliche Eindruck das Gegenteil vermitteln mag, ist es in den östlichen Stadtteilen nicht gefährlicher als in der restlichen Stadt. Laut dem aktuellen Suchtbericht 2008 der Stadt Leipzig erstrecken sich die Tatorte der Drogenkriminalität über das gesamte Stadtgebiet. Das bestätigt auch Kriminalhauptkommissar Rainer Bock: „Statistisch fällt der Leipziger Osten nicht auf. Dort passieren nicht mehr Rauschgiftdelikte als in anderen Stadtteilen.“ Auch bezüglich der Beschaffungskriminalität stächen Neuschönefeld, Volkmarsdorf und Anger-Crottendorf nicht heraus. Die höchste Kriminalitätsrate habe sogar das Zentrum. Nach Angaben von Bock entsteht der bedrohliche Eindruck in der Eisenbahnstraße dadurch, dass offen gedealt wird, während das in anderen Teilen im Verborgenen passiert. Auch Lutz Wiederanders beruhigt: „Das Aussehen der Leute, die dort stehen, ist nicht schön, aber von ihnen geht nicht unbedingt auch eine Gefahr aus.“ Gert Hoffmann ist ebenfalls Kriminalhauptkommissar und wird mit dem Ziel eingesetzt, sowohl durch seine Anwesenheit verstärkte Kontrolle zu vermitteln, als auch dadurch Ansprechpartner für die Bürger in der Eisenbahnstraße zu sein. Er sieht das ähnlich: „Es gibt eine große Lücke zwischen der gefühlten und der realen Sicherheit. Die Eisenbahnstraße ist viel befahren, belebt und immer beleuchtet. Da kann man beruhigt entlang gehen.“
Vorteile und vorsichtiger Optimismus
Wirtschaftsstudent Fabian Leipelt findet, dass das Leben im Leipziger Osten durchaus Vorteile hat. Für den 22-Jährigen bedeutet sein Wohnort vor allem Uninähe, günstige Mieten, eine gute Verkehrsanbindung und viele Einkaufsmöglichkeiten. Das sehen auch andere Studenten und Neubürger der Ortsteile so. So findet sich im studivz eine zweite Gruppe zum Leipziger Osten. Eine, die mit vorsichtigem Optimismus zeigt, dass ihre Mitglieder die guten Seiten der vielseitigen Straße wie einen Schatz wahrnehmen, wenngleich wie einen, der erst aufpoliert werden muss: ’Die Eisenbahnstraße – Der Rohdiamant Leipzigs’.



