„Gerade als Journalist schadet es sicher nicht, etwas von der Welt gesehen zu haben”, ist sich Eva Eismann bewusst, Studentin im ersten Semester des Masterstudienganges Journalistik in Leipzig . Trotzdem will sie nicht ins Ausland gehen: “Ich habe Angst, dass ich dann länger studieren muss und meinen Abschluss nicht in der Regelstudienzeit schaffe.” Mit dieser Ansicht steht Eva Eismann nicht alleine da. Auch die meisten ihrer Kommilitonen geben in einer Umfrage an, vor allem aus zeitlichen Gründen nicht weg gehen zu wollen. Des Weiteren nennen sie Probleme bei der Finanzierung und bereits vorhandene Auslandserfahrung als Hinderungsgründe.
Situation widerspricht allgemeiner Entwicklung
Typisch ist diese Tendenz nicht. Nach Angaben von Udo Kleinegees vom Statistischen Bundesamt ist die Zahl der Auslandsaufenthalte in den letzten Jahren vielmehr kontinuierlich gestiegen. Im Jahr 2007 seien über 82.000 deutsche Studenten für einen Studienaufenthalt im Ausland gewesen, rund 600 mehr als im Vorjahr. Auch Jane Moros vom Akademischen Auslandsamt der Universität Leipzig hat seit Einführung der neuen Studienabschlüsse nicht bemerkt, dass weniger Studenten den Schritt in ein anderes Land wagen. Die Zahl sei in den letzten Jahren nicht zurückgegangen, sondern gleich geblieben. Trotzdem spürt sie, dass die Studenten verunsichert sind: „Die Bachelor- und Masterstudiengänge sehen von der Struktur her sehr geschlossen aus. Im Moment hat das leider den Effekt, dass es auch die Menschen verschließt.“
Mehr internationale Studiengänge, weniger reguläre Auslandsaufenthalte
Eine Erklärung für die Diskrepanz zwischen dem allgemeinen Anstieg und dem Rückgang studentischer Mobilität in der Leipziger Journalistik liefert eine repräsentative Studie, die der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) 2008 herausgebracht hat. Sie legt nahe, dass es zurückgehende Zahlen bei regulären Bachelor- und Masterstudiengängen gibt, diese jedoch ausgeglichen werden – zum Einen durch die ansteigende Zahl von Studiengängen, in denen ein Auslandsaufenthalt automatisch integriert ist, zum Anderen durch Masterstudiengänge, die komplett im Ausland absolviert werden.
Der „Bologna-Prozess“ bezeichnet das Vorhaben von 29 europäischen Bildungsministern, ein einheitliches Hochschulwesen in Europa zu schaffen. Begonnen wurde damit im Jahr 1999, die Frist für die Umsetzung läuft 2010 ab. Drei Hauptziele bestimmen den Bologna-Prozess:
Die Förderung v
- Mobilität
- internationaler Wettbewerbsfähigkeit
- Beschäftigungsfähigkeit
Umgesetzt werden sollen diese Ziele unter anderem durch einheitliche Studienabschlüsse (Bachelor/Master) und durch ein einheitliches Leistungspunktesystem (ECTS). Der Bologna-Prozess ist eine unverbindliche Absprache, die einzelnen Staaten sind nicht gezwungen alle Punkte umzusetzen.
Der Bologna-Prozess, in dessen Rahmen Bachelor und Master in Deutschland eingeführt werden, soll den Weg ins Ausland jedoch für alle Studenten erleichtern. Erklärtes Ziel ist die „Förderung von Mobilität durch die Beseitigung von Hindernissen“. Geschehen soll dies mit Hilfe von Vereinbarungen wie den sogenannten „Learning Agreements“ und „Transcripts of Records“, in denen die Heimatuniversität und der Student vor Beginn des Aufenthaltes vereinbaren, welche Veranstaltungen der Student im Ausland besucht. Detailliert werden Vorlesungen und Seminare aufgelistet und ihre Inhalte und Ziele beschrieben. Nach der Rückkehr bekommt der Student alle vorher vereinbarten Punkte angerechnet – so der Idealfall.
Schlechte Anerkennungspraxis in Deutschland
„Die Ideen von Bologna funktionieren. Nur mit der Umsetzung klappt es noch nicht gut“, bilanziert Bologna-Expertin Beatrice Dernbach. Für den DAAD beobachtet sie, wie die Bologna-Ziele in Deutschland verwirklicht werden. Ihrer Meinung nach sind Rückgänge wie in der Leipziger Journalistik ein deutsches Phänomen, in anderen europäischen Ländern gebe es diese Probleme nicht: „Die Professoren hier haben immer noch zu große Probleme, auf ihre Kollegen im Ausland zu vertrauen. Sie tun sich schwer damit, im Ausland erbrachte Leistungen anzuerkennen.“
Laut Beatrice Dernbach liegt es nun an den Universitäten, die Situation zu verbessern. Die Rahmenbedingungen seien geschaffen: „Jetzt brauchen wir kompetente Auslandsbeauftragte in den einzelnen Fakultäten und Studiengängen. Außerdem sollte die Zusammenarbeit mit einzelnen Partnerhochschulen ausgebaut werden, deren Programm man dann besser kennt.“ Die Zukunft liegt für sie darin, diese Vorgänge zu standardisieren. Es müsse Zuverlässigkeit entstehen, dann sei auch ein Studium in Regelstudienzeit möglich.
MA Journalistik: Auslandssemester im zweiten Jahr
„Die Studiendauer im Master Journalistik verlängert sich durch einen Auslandsaufenthalt bestimmt, weil die Studienstruktur so wenig flexibel ist”, fürchtet Irene Habich, Studentin im ersten Semester des Masterstudienganges Journalistik. Doch entgegen dieser weit verbreiteten Ansicht ist es nach Angaben von Studiengangsleiter Prof. Dr. Marcel Machill durchaus möglich, einen Studienaufenthalt im Ausland einzulegen und trotzdem in Regelstudienzeit fertig zu werden. Voraussetzung sei eine frühe Vorbereitung. Schon direkt zu Beginn sollten die Studenten wissen, wann sie ins Ausland gehen wollen und wohin. Machill empfiehlt das zweite Studienjahr: „Ich denke da an die höheren Semester, wenn es um Ressortjournalismus oder Journalismusmanagement geht. Das kann man gut im Ausland machen.“
Bei einem Auslandsaufenthalt im dritten oder vierten Semester ergibt sich jedoch ein anderes Problem: In dieser Zeit läuft die Bewerbungsphase für das in das Studium integrierte Volontariat. Deshalb kann es vorkommen, dass Studenten für ein Vorstellungsgespräch ihr Auslandssemester unterbrechen müssen.
Machill unterstützt selbstorganisierte Vorhaben
Für Machill gehören derlei Probleme zu Dingen, die bei einem Auslandsaufenthalt in Kauf genommen werden müssen. Er will es seinen Studenten „nicht zu leicht machen“. Die von Bologna-Expertin Dernbach geforderte Standardisierung sieht er deshalb kritisch. „Von Programmen wie Erasmus, bei denen nicht viel Eigeninitiative gefordert ist, halte ich überhaupt nichts.”
Selbst organisierte Vorhaben unterstützt er jedoch: „Ich bin grundsätzlich kulant, wenn es um die Anerkennung von Auslandsleistungen geht. Ein Auslandssemester in Regelstudienzeit ist durchaus möglich, wenn man sich vorher zusammensetzt.“ Bestimmte Universitäten im Ausland empfiehlt Machill nicht. Jeder solle sich sein Ziel gemäß der eigenen Interessen aussuchen. „Gut ist eine Journalismusfakultät meist dann, wenn die Professoren selbst einmal journalistisch tätig gewesen sind, wenn sie einen guten Ruf haben, und wenn es nicht nur eine Professur für den Studiengang gibt.“ Unwichtig sei, ob in dem jeweiligen Land eine andere Einstellung zur Pressefreiheit herrsche.
Urlaubssemester schaden nicht
Einig sind sich alle Experten darin, dass auch Urlaubssemester, die für Auslandsaufenthalte verwendet werden, im Lebenslauf keineswegs schaden. Im Gegenteil: Machill sieht den Wunsch, das Studium möglichst schnell abzuschließen, kritisch: “Ich halte von dieser ganzen Turbo-Entwicklung überhaupt nichts. Ein Auslandsaufenthalt ist immer sinnvoll. Ich rate meinen Studenten: Verlassen Sie ausgetretene Pfade und gehen Sie neue Wege!“


