Eine von ihnen ist Silke Reimann (26) aus Hannover: „Ich schaue seit vielen Jahren Zoosendungen im Fernsehen. In Leipzig begeisterten mich vor allem das Alpaka Harry und die Giraffe Knöpfchen. Dann kam Heidi dazu und der süße Silberblick ließ keinen kalt. Ich habe sie sofort in mein Herz geschlossen, sie ist einfach nur spitze.“ Heidi war nicht der erste Zoo-Star, Eisbär Knut und Krake Paul sind zwei weitere Beispiele für Tiere, deren Bekanntheitsgrad weit über die nationalen Grenzen hinweg reichte. Was ist die Erklärung für dieses Phänomen? Und welche Auswirkungen kann der Run auf die tierischen Publikumslieblinge haben?
„Absurde Dinge haben immer einen hohen Nachrichtenwert“, so Günter Bentele, Professor für Öffentlichkeitsarbeit und Public Relations am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig. Trotzdem sei der Star-Hype um Tiere ein relativ neues Phänomen. Die Anfänge der Entwicklung sieht er bereits im 19. Jahrhundert, als in Zirkuszelten und Varietés Kuriositäten aus aller Welt zur Schau gestellt wurden. Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten oder sonderbarem Aussehen, geheimnisvolle Gegenstände oder seltene Tiere lockten die Menschen in Vorstellungen und versetzten sie in Staunen.
Tierisches Entertainment
Für das verstärkte Auftreten von Tierstars in den letzten Jahren macht Bentele jedoch den Wandel des Mediensystems ab den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verantwortlich. Seit dieser Zeit habe vor allem das Fernsehen zur wachsenden „Medialisierung und Entertainisierung der Gesellschaft“ beigetragen. Unterhaltung als bestimmendes Element wurde immer wichtiger, machte selbst vor seriösen Ressorts wie der Politik nicht halt und beeinflusste auch die Tierberichterstattung. Gleichzeitig übernahmen die Medien eine immer wichtigere Funktion innerhalb der Gesellschaft. Krake Paul, Eisbär Knut, Opossum Heidi – sie alle hatten nach Ansicht von Bentele eines gemeinsam: „Sie bedienen bestimmte journalistische Nachrichtenfaktoren, die der Unterhaltung dienen.“ Bei Knut war es die Niedlichkeit des tapsigen Eisbärenbabys, die ihn zuerst für die Medien interessant machte und dann die Besucher vor seinem Gehege Schlange stehen ließ. Und es kam noch etwas Entscheidendes hinzu: eine emotionalisierende Geschichte. Laut Bentele ist es ein häufiges Merkmal von Vermarktungsstrategien, dass um das „Produkt“ herum eine Geschichte aufgebaut wird. Genügend Stoff gab es: Knut war seit vielen Jahren das erste Eisbärenjunge im Berliner Zoo, außerdem hatte ihn seine Mutter verstoßen und er musste von Hand aufgezogen werden. Dadurch wurde auch sein Pfleger Thomas Dörflein Teil der Geschichte und Teil des Phänomens „Knut“. Durch den plötzlichen Tod von Dörflein im Jahr 2008 geriet auch das Tier – mittlerweile dem süßen Kindchenschema entwachsen – wieder kurzzeitig in das mediale und damit öffentliche Interesse. Insgesamt dürfte der Berliner Zoo dank Knut einige Millionen Euro durch den Verkauf von Tickets und Merchandising-Produkten verdient haben, vermutet PR-Experte Bentele.
Faszination Heidi
Beim schielenden Opossum Heidi sei es hingegen eher der Nachrichtenfaktor Skurrilität gewesen, der sie zum Star machte. „Tiere brauchen etwas abweichendes, absonderliches“, benennt Bentele eine Bedingung, damit ein Zootier zum Medienobjekt wird. Dies bediente die schief dreinblickende und etwas übergewichtige Heidi mit Bravour. Und weil „Prominenz“ auch schon wieder ein Nachrichtenfaktor ist, musste der Leipziger Zoo von da an nicht mehr viel für die Aufmerksamkeit tun. „Wir hatten hier mehr als 70 Medienvertreter, nur weil Heidi ins Gondwanaland umgezogen ist“, erinnert sich Jörg Junhold, Direktor des Leipziger Zoos. Am 01. Juli 2011 wurde die Tropenerlebnishalle „Gondwanaland“ eröffnet – neben rund 40 anderen Tierarten fanden auch die Opossums hier ein feuchtwarmes Zuhause. Zu diesem Zeitpunkt war Heidi bereits ein Star, obwohl noch kein Zoobesucher sie live gesehen hatte. Bis zur Eröffnung des neuen Gebäudes wurde sie in einem für Gäste nicht zugänglichen Bereich des Zoos gehalten. Einzig über die Medien bekam man Heidi zu Gesicht und wurde über ihren Werdegang informiert – das aber dann beinahe täglich. Als das Warten auf Heidi ein Ende hatte, war die Nachfrage groß: „In den Wochen in denen sie gezeigt wurde, bildeten sich teilweise lange Schlangen von Menschen, die Heidi sehen wollten“, sagt Junhold. Wohl auch deshalb konnte der Leipziger Zoo im vergangenen Jahr einen neuen Besucherrekord aufstellen: Erstmals in seiner 133-jährigen Geschichte wurden über zwei Millionen Besucher gezählt. Zum Vergleich: Im Jahr 2010 lag die Zahl nach Angaben des Zoos noch bei 1,56 Millionen. Und der Aufwärtstrend soll weitergehen. Bis 2015 soll der Leipziger Zoo nach Junholds Vorstellung zu den führenden Zoos in der Welt gehören. „Ich denke, das ist nicht zu hoch gegriffen.“
Den „Faktor Heidi“ möchte der Direktor allerdings nicht überbewerten: „Der Anziehungspunkt war das Gondwanaland an sich, Heidi war nur das I-Tüpfelchen.“ Schließlich ist das I-Tüpfelchen mit den Glubschaugen auch nur wenige Wochen zu sehen gewesen, bereits im September wurde es aufgrund seiner Altersschwäche „im Sinne des Tieres eingeschläfert.“ So war denn der besucherstärkste Tag des Jahres mit rund 18.000 Gästen auch der 2. Oktober 2011 – vier Tage nach Heidis Tod. Laut Junhold eine Folge des schönen Wetters und des langen Wochenendes. Denkbar ist aber auch ein Zusammenhang mit dem Kondolenzbuch für Heidi, in das sich Besucher eintragen konnten, um Anteil am Tod des Opossums zu nehmen – ein cleveres Marketinginstrument des Zoos.
Folgen des Star-Hypes
Kommunikationswissenschaftler Bentele bezeichnet die Entwicklung der Tiervermarktung als klassische „win-win-Situation“ für alle Beteiligten: Die Zoos würden finanziell profitieren und an öffentlicher Aufmerksamkeit gewinnen, die Journalisten hätten eine gute Story und die Zoobesucher was Interessantes zum Anschauen. Nur die Tiere verlieren bei dem Geschäft, denn auch medialer Ruhm schützt alternde Zootiere nicht vor der Verdrängung durch neue Besucherlieblinge. „Es werden regelmäßig deutlich mehr Tiere nachgezüchtet, als die Zoos unterbringen können“, sagt Peter Höffken, Zoo-Experte der Tierschutzorganisation PETA. Der Grund dafür: Jungtiere sind die Attraktionen der Zoos und ziehen die meisten Besucher an. Um nun jedes Jahr mit neuen Tieren locken zu können, müssten ältere weichen, da die Zoos nur begrenzte Unterbringungsmöglichkeiten haben. Die brutalste, aber auch einfachste Lösung ist es, die Tiere zu schlachten und zu verfüttern. Das ist in Deutschland jedoch nur in sehr begrenztem Rahmen möglich. Das Tierschutzgesetz erlaubt es nur dann, Zootiere zu schlachten, wenn es einen „vernünftigen Grund“ gibt (§ 1 Satz 2 TierSchG). Da dies im Einzelfall begründet werden muss, wird oftmals eine andere Praktik angewandt: Die Tiere werden verkauft. „Die Käufer sind etwa Privatzoos, Zirkusse, chinesische Farmen oder auch Delikatessen-Restaurants“, so Höffken. Das widerspricht den Leitlinien des Weltverbandes der Zoos und Aquarien (WAZA). Diese verpflichten die Zoos, sich über eine „angemessene Unterbringungsmöglichkeit“ und über das „Wohlergehen der Tiere“ bei deren Empfänger zu überzeugen. Trotzdem werden immer wieder Tiere gehandelt. „Es ist nichts Neues, dass die Zoos gegen die Richtlinien ihres eigenen Verbandes verstoßen“, so Höffken. Die Tiere würden erst an Zwischenhändler verkauft, die dann weiter mit ihnen handeln. So sei es schwer, die Spuren zu verfolgen. Exemplarisch für den Tierhandel steht der Fall um den Tierhändler Bode. Dieser kaufte nach Angaben der PETA zwischen 2007 und 2009 über 1.300 Tiere vom Berliner Tierpark und dem Zoologischen Garten Berlin. Dafür bezahlte Bode etwa 370.000 Euro. Auch Tiere, die streng geschützt sind und auf der Roten Liste für bedrohte Arten stehen, sollen dabei verkauft worden sein. Zwar dürfen diese Tierarten unter zoologischen Einrichtungen ausgetauscht werden, aber der Verkauf an Tierhändler verstößt gegen das Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES). Im Fall Bode stellte die PETA Strafanzeige gegen den Tierhändler und den Zoologischen Garten, für eine Anklage des Tierparks reichten die Beweise nicht aus.
Marketingfaktor Tier
Die Bundesregierung hat sich bereits 2003 mit dem Problem beschäftigt, dass Zoos zu viel Nachwuchs gebären lassen: „Wegen der problematischen Frage der Bestandsregulierung in Tiergehegen und ähnlichen Einrichtungen sollte eine Vermehrung von Zootieren grundsätzlich nur ermöglicht werden, wenn auch für die Nachkommen eine artgemäße Unterbringung gesichert ist.“ Gibt es keinen Platz für die Tierbabys, dann sollten auch keine geboren werden. Solche Praktiken weist Junhold für den Leipziger Zoo strikt zurück: „Es geht nicht darum, bewusst Tierstars aufzubauen.“ Deshalb gebe es in dieser Hinsicht auch keine konkreten Marketingstrategien und auch ein „Nachfolger“ von Heidi als Publikumsmagnet sei weder in Sicht noch in Planung. Auch wenn das Spitzmaulnashornbaby, das Anfang Dezember geboren wurde, wohl durchaus Potenzial dazu haben könnte.
Ohne genaue Zahlen zu nennen, relativiert Junhold die Vorstellung von Heidi als Goldgrube: „Es ist nicht so, dass Heidi Millionen verdient hat.“ Die Summe werde in der Regel überschätzt und liege eher im Tausender-Bereich. Trotzdem gibt Junhold zu: „Heidi war für uns ein hervorragender Botschafter.“ Und deswegen ziert das berühmte Virginia-Opossum das Cover des Zookalenders 2012. Auch eine Plüsch-Heidi zum Knuddeln dürfte unter so manchem Weihnachtsbaum gelegen haben. Junhold stellt jedoch klar, dass das durch Merchandising-Produkte erwirtschaftete Geld in vollem Umfang in die Artenschutz-Projekte des Zoos investiert wird. Als Beispiel nennt er die Unterstützung einer Zuchtstation für die sehr seltenen Sabah-Nashörner im Tabin-Reservat auf Borneo.
Tierzucht und Auswilderung
Ein klares Ziel formuliert der Leipziger Zoodirektor auch bei der Zucht: „Die Basis unseres ganzen Tuns ist die Erhaltung der Tierarten und ihrer Lebensräume.“ Dazu gehört auch das Züchten und Auswildern von in der freien Natur stark gefährdeten oder bereits ausgestorbenen Tierarten. Mag die Auswilderung von Tieren für den Laien häufig als Königsweg zoologischer Arbeit erscheinen, muss hier doch sehr genau abgewogen werden, erklärt die Pressesprecherin des Leipziger Zoos, Maria Saegebarth. Grundsätzlich gilt: „Tiere werden erst dann ausgewildert, wenn die Bestände in freier Wildbahn gefährdet sind.“ Wenn die Auswilderung der Tiere in ihre angestammten Lebensräume erfolgreich sein soll, müsse vor allem die dort ansässige Bevölkerung mitspielen. Und das sei längst nicht immer der Fall. Ebenfalls zu berücksichtigen ist, dass die Auswilderung nur gelingen kann, wenn sie über mehrere Generationen und verschiedene Stationen wie Wildparks und Reservate erfolgt. Dorthin werden die Zootiere gebracht, um sich an ein eigenständiges Leben außerhalb der Käfige zu gewöhnen. Erst deren Nachkommen können dann in die freie Wildbahn entlassen werden.
Der Leipziger Zoo betreibt hinsichtlich der Tierzucht ein sehr strenges Populationsmanagement, so Saegebarth: „Es wird nur dann gezüchtet, wenn wirklich Linien gebraucht werden. Ziel ist es, die Population zu erhalten, bevor die Arten aussterben“. Ein überaus wichtiges Anliegen, denn bei allem Unterhaltungsfaktor von Heidi & Co. und der damit verbundenen Freude über süße, skurrile oder seltene Tiere darf nicht vergessen werden, dass Zoos eine zentrale Rolle spielen, wenn es um den Schutz und die Arterhaltung von Tieren geht.


