Kleinkunsthäuser in Leipzig. (Foto: GoogleMaps)
Klavierkabarettist Bodo Wartke kommt gerne nach Leipzig. (Foto: Nele Martensen)
Florian Schröder war mit seinem Programm: „Offen für alles und nicht ganz dicht“ im Oktober 2011 im Rahmen der Lachmesse zu Gast. (Foto: Frank Eidel)
Meigl Hoffmanns Mundartprogramm „Sachsentaxi“ ist eines der beliebtesten Programme im Central Kabarett. (Foto: Central Kabarett)Kultureller Konkurrenzkampf
Neulich auf dem Campus, zwei Studentinnen zwischen Mensa und Bibliothek: Studentin 1: „Was machen wir heute Abend? Wie wär’s, wenn wir mal ins Kabarett gehen?“ Studentin 2: „Kaba-was? Ist das nicht so ‘n abgeratztes, teures Kellertheater für alte Leute, wo alle sächseln und schlechte Witze über den Euro reißen? Och nee…“
Leipzigs Kulturszene kriselt, und das ist spürbar. Auch für denjenigen, der noch kein Zeuge solcher Szenen geworden ist. Bürger, Kulturschaffende und Stadtbeauftragte diskutieren sich die Köpfe heiß über ein Gutachten der actori GmbH, die der Stadt ein Streichorchester an Sparmaßnahmen vorstellt, um ab dem Jahr 2014 eine Lücke von 5,5 Millionen € im Kulturetat zu schließen. Ein Bruchteil der öffentlichen Förderung geht auch an verschiedene Kabaretts. Die Kulturszene bietet zurzeit so viel Auswahl wie nie zuvor. Proportional zu Überangebot und Budgetkürzung verschärft sich die Konkurrenz ums zahlende Publikum. Besonders um das junge.
Mittendrin im Wettbewerb stehen die Kabaretts wie eine Handvoll gallische Dörfer. Sie bilden eine Tradition, für die Leipzig bundesweit berühmt ist, die aber jetzt mehr denn je ums Überleben kämpfen muss. Autor, Regisseur und Kabarettexperte Volker Kühn hat mal gesagt: „Zur hundertjährigen Geschichte des Kabaretts gehört auch, dass es immer wieder – mit schöner Regelmäßigkeit – totgesagt wird. Und immer wieder – mit schöner Regelmäßigkeit – erweist es sich als ziemlich quicklebendige Leiche.“ Aber gilt das auch für Leipzig?
Kaba-was? Ist das nicht so was wie Comedy?
Kabarett – was ist das eigentlich genau? Abgeratztes, teures Kellertheater für alte Leute mit miesen politischen Gags? Jonglieren und Kartentricks zu Herren- und Damengedeck? Oder wie Mario Barth, nur weniger Schenkelklopfer und Merchandise?
Kabarett kann das alles sein. Dann verdient es diesen Namen aber nicht. Kabarett ist ein Gesamtkunstwerk, das aktuelle Phänomene aus Gesellschaft und Politik aufgreift und kritisiert. Ob gesprochen, gesungen, gespielt, getanzt, gerappt oder ganz ohne Worte: Kabarett pointiert, karikiert, verballhornt, nimmt auf die Schippe, stellt bis aufs Skelett bloß und nimmt alles, nur kein Blatt vor den Mund.
Pointen, Unterhaltung, Alltagsthemen und keine Angst vor Tabus, das findet sich auch beim sehr viel massentauglicheren Bruder des Kabaretts: der Comedy. Das Kabarett unterscheidet sich aber von der Comedy wie das Filet Mignon vom Cheeseburger. Beides schmeckt. Nur ganz unterschiedlich.
Kabarett will nicht nur unterhalten, es will mehr. Nämlich durch den Lacher nach der Pointe neue Gedanken, Erkenntnisse, Meinungen hervorkitzeln. Es benutzt gern politische Elemente, weil Politik ein Teil unserer Gesellschaft ist. Und auch mehr als Frisur oder Mundwinkel von Angela Merkel. Kabarett ist interaktiv – der Zuschauer ist mit Humor, Herz und Köpfchen gefragt und gemeint.
Comedy dagegen ist vornehmlich Unterhaltung, die am größten gemeinsamen Nenner an Humor ansetzt, zwar hoch emotional agiert, aber nicht in die Tiefe geht und sich nach Feierabend bequem vom Sofa aus konsumieren lässt. Und das, gemessen an Quoten und Gewinn, viel erfolgreicher als das Kabarett.
Ist also Comedy die große Bedrohung fürs Kabarett? Nein, meint Kabarettist Volker Pispers: „Das Kabarett ist durch den Comedy-Boom ungefähr so bedroht, wie mein Lieblingsrestaurant durch den Verkauf von Hundefutter bedroht ist.“
Kabarett-HAUPTstadt Leipzig
Leipzig hat deutschlandweit die höchste Kabarettdichte pro Kopf. Allein in der Innenstadt verteilen sich gleich fünf Kabaretts.
Bekannte Künstler wie Bodo Wartke geraten beim Gedanken an Leipzig ins Schwärmen: „In keiner anderen Stadt feiern die Menschen so ab. Mein letztes Klavierkabarettprogramm im Gewandhaus und der 'König Ödipus' haben noch nie so lang anhaltenden Applaus bekommen wie hier.“
Seit über hundert Jahren gibt es nun schon Kabaretts. Leipzig gehört dabei zu den Gründerstädten. Die Leipziger Pfeffermühle rühmt sich damit, das älteste und gleichzeitig traditionsreichste Kleinkunsthaus Sachsens zu sein. 1954 wurde sie gegründet. Auch der Academixer ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Studenten der Universität Leipzig eröffneten das Kabarett 1966. Selbst zu Zeiten der DDR waren diese Häuser für bissige politische Satire bekannt. Doch auch nach der Wende setzte sich die Kabaretttradition fort. Weitere Bühnen kamen in die sächsische Stadt: 1979 das Leipziger Brettl, 1990 das Kabarett-Theater SanftWut und erst 2009 das Leipziger Central Kabarett.
Höhepunkt des Jahres ist die Lachmesse im Oktober – einzigartig in Deutschland. In diesem Jahr findet das international größten Kleinkunst- und Kabarettfestival bereits zum 22. Mal statt. Innerhalb von zwei Wochen gastieren über 160 Künstler in der Leipziger Innenstadt. „Die Lachmesse würde in keiner anderen Stadt so funktionieren, da sich nirgends so viele Kabaretts auf so engem Raum finden“, beteuert Betreiber Arnulf Eichhorn. Auf der Lachmesse wird jedes Jahr der „Leipziger Löwenzahn“ verliehen, einer der wichtigsten Preise der Kabarettszene. Doch nicht nur deshalb kommen die Künstler sehr gern nach Leipzig. Florian Schröder war mit seinem Programm: „Offen für alles und nicht ganz dicht“ im Oktober 2011 da und ist begeistert: "Ich trete in erster Linie wegen des Publikums in Leipzig auf: Man spürt eine lange Comedy- und Kabarett-Tradition. Entsprechend sind die Zuschauer sehr herzlich und lachen an den richtigen Stellen."
Meist finden sich in den Vorstellungen jedoch überwiegend ältere Semester. Es fehlt an jungem Publikum. Wir haben Leipziger Studenten gefragt, ob das Kabarett zu ihrem Unterhaltungsprogramm gehört:
Viele Studenten haben also durchaus Interesse daran, ins Kabarett zu gehen. Allerdings rückt diese Option neben den vielfältigen Angeboten der Leipziger Kulturszene in den Hintergrund. Oft ist der hohe Preis schlagendes Argument. Doch Studenten kommen in Leipzig für weniger rein. Meist kostet die Karte nicht mehr als zehn Euro. Ein großzügiges Preis-Leistungs-Verhältnis – kaum irgendwo sonst wird Studenten für so wenig Geld ein zweistündiges Live-Programm geboten.
Vielfalt ohne Vielgucker
Das Kabarett-Erlebnis an sich wird abgerundet durch die gastronomischen Einrichtungen, die jedes Haus sein Eigen nennt. Meigl Hoffmann, Geschäftsführer des Central Kabaretts, betont: „Es gibt hier alles: Atmosphäre, Ambiente, Harmonie, Service und Qualität in der Küche und auf der Bühne.“ Das I-Tüpfelchen: Da Lachen bekanntermaßen gesund ist und Kabarettisten mit ihren Themen und Wortspielen zum Nachdenken anregen, fördert man an einem Abend Körper und Geist.
Während manches Kabarett von der reinen Politik-Thematik abweicht, bleibt die Funzel dem Thema treu. „Selbst wenn die Menschen politikerverdrossen sind, interessiert sie das immer. Wir bringen die Nachrichten vom Morgen am Abend auf die Bühne“, so Susanne Exel, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. Politisches Kabarett im engsten Sinn bietet auch das Traditionshaus der Stadt: die Pfeffermühle. Doch sind es nicht gerade das Thema Politik und das benötigte Vorwissen, das auf junge Leute abschreckend wirkt?
„Niemand braucht Angst zu haben, dass er etwas nicht versteht. Wenn man intelligent ist und sich etwas über das aktuelle Geschehen auf dem Laufenden hält, ist das überhaupt kein Problem“, beteuert Dieter Richter, Geschäftsführer der Pfeffermühle. Im Kabarett-Theater SanftWut setzt man weniger auf Politik, sondern vielmehr auf Abwechslung: „Unser Publikum ist sehr gemischt, es kommen auch immer mehr junge Leute. Wir bieten einen Mix aus Schauspiel, Gesang und Film. Knallharte politische Satire zieht aber nicht mehr so. Wir reichern sie deshalb mit gesellschaftlichen und alltäglichen Themen an und haben einen hohen musikalischen Anteil“, sagt Kabarettistin Uta Serwuschok. Im Academixer werden neben aktuell-politischem Programm auch sächsische Mundartprogramme und literarisch-musikalisches Kabarett aufgeführt.
An diesen Unterschieden merkt man bereits, was Pfeffermühler Richter auf den Punkt bringt: „Der Konkurrenzkampf ist nicht groß, da jedes Kabarett in gewisser Weise seinen eigenen Stil hat und damit auch ein eigenes Publikum.“ Man arbeitet zusammen statt gegeneinander. Die fünf Direktoren der Innenstadtkabaretts bilden ein Konsortium, das sich einmal im Monat trifft. Dort entstehen verschiedenste Gemeinschaftsinitiativen; so erscheint zum Beispiel seit Dezember 2011 einmal im Monat in der LVZ eine Seite, auf der sie ihre Programme vorstellen. Und man hilft sich untereinander: „Im Oktober haben alle Schauspieler der Kabaretts unentgeltlich in der Pfeffermühle gespielt. Der Erlös ging ans Haus, das große Ausgaben wegen eines Umbaus hatte“, erzählt Funzel-Mitarbeiterin Susanne Exel. Auch wenn eine Vorstellung ausgebucht ist, wird gern das Programm eines Kollegen empfohlen.
Ein weiteres gemeinsames Ziel besteht darin, das Interesse des Nachwuchspublikums zu wecken. Richter erklärt: „Wir haben in der Pfeffermühle alles versucht, um die jungen Leute verstärkt anzusprechen, haben unter anderem ein Jugendkabarett gegründet und sind in Schulen gegangen. Aber das hat nicht funktioniert. Was klappt, ist, die Leute einfach reinzusetzen, danach sind die meisten begeistert und kommen wieder. Das Problem ist, sie zum Erstbesuch zu bewegen. Ich mache gern das Angebot, mit meinem Ensemble im Hörsaal zu spielen: 400 Leute à 5 Euro Eintritt.“
Was dieses Problem angeht, gibt sich Meigl Hoffmann eher entspannt: „Wir haben das jüngste Publikum der Szene. Vielleicht, weil wir besonderen Wert auf Fantasie legen und darauf, den Intellekt des Publikums nicht zu unterschätzen, aber mit abwechslungsreichen und innovativen Umsetzungsideen zu arbeiten.“ In seinem Central Kabarett gibt es das gesamte Spektrum komödiantischen Entertainments, auch vor Comedy-Elementen macht er nicht Halt. „Die Gefahr besteht darin, zugunsten des Marktes zu viele Kompromisse zu machen, etwa zu sehr in die Unterhaltung abzudriften und schnelle Lacher einzufangen“, so Hoffmann.
Das Kulturangebot in Leipzig ist nun mal riesig. Für weniger Geld geht es ins Kino oder zu den Angeboten der freien Szene. Dieter Richter betont: „Weltstadt des Kabaretts zu sein, nützt gar nichts. Zu geringeren Preisen ist unser Unterfangen einfach nicht möglich, zumindest nicht, wenn man Live-Programme von höchster Qualität bieten will. Wir jedenfalls werden nicht auf die Unterhaltung ausweichen, nur weil das gerade ein Trend ist und mehr Leute erreicht.“ Die SanftWut-Betreiber legen von allen Kabaretts am meisten Wert darauf, den Nachwuchs dort anzusprechen, wo er viel Zeit verbringt: „Wir sind in allen denkbaren sozialen Netzwerken aktiv und erreichen dort immer mehr junge Leute.“
Tolle Unterhaltung für jeden Geschmack zu fairen Preisen – aber wo bleibt die Nachwuchswelle?
Das junge Publikum hat durchaus Interesse (und ist nicht zwangsläufig politikverdrossen, bequem und geizig), aber im Vergleich zum älteren Kabarettpublikum und zur Masse der Comedyfans sind die jungen Besucher dennoch in der deutlichen Minderheit.
Mark Daniel, LVZ-Kulturredakteur und seit vielen Jahren Kenner der deutschen Kabarettszene, führt das spürbar überalterte Publikum unter anderem darauf zurück, dass die Kabaretts nichts tun, um mehr junge Leute anzulocken – und auf einen sinkenden Anspruch der Inhalte: „Früher gab es viel mehr Politikthemen und als Auflockerung zwischendurch einen Gag. Heute bringen die meisten Gags und streuen als Kabarett-Alibi einen politischen Kalauer dazwischen. Viele haben Witz, aber keinen Humor – über sich selbst.“
Solange das Niveau nicht leidet, kann Kabarett gesellschaftliche Phänomene jedoch auch anhand von Starbuckskaffee und iPhone aufdecken. Es muss nicht immer Politik sein. Die Themen allein machen den Komplex aber nicht aus. Jedes Haus muss überlegen, wo es ansetzen kann, um den Nachwuchs zum Erstbesuch zu bewegen und zu begeistern. Ob eine regelmäßige Seite in der LVZ zum Erfolg beiträgt, wird sich zeigen; die gegenseitige Unterstützung der Häuser lässt hoffen, birgt aber auch die Gefahr, im äußeren Eindruck zu sehr vereinheitlicht zu werden.
Es geht nicht darum, ob der Cheeseburger nur niederes Futter ist und das Filet Mignon das einzig Wahre. Rückt an die Stelle der heutigen Filetliebhaber jedoch ein Nachwuchspublikum, der überwiegend Fast Food verlangt, werden die kleinen, feinen Spezialitätenrestaurants sich nicht mehr allzu lange halten können. Der Pawlowsche Hund liegt allem Anschein nach woanders begraben. Es läuft schlicht nicht genügend Nachwuchs das Wasser im Mund zusammen. Auch wenn viele Kabarettbesitzer ein anderes Bild zeichnen: Der Hund sabbert nur beim Klang der schwierigen und unbequemen Glocke, wenn sie verlässlich Qualität läutet. Daniel bedauert: „In den letzten zehn Jahren hat die Qualität der Leipziger Kabarettprogramme kontinuierlich abgenommen.“ Oder wie Kabarettist, Schauspieler und Regisseur Wolfgang Gruner es einmal formuliert hat: „Heute brauchste Humor für det, wat andere für Humor halten.“
Bessere Texte, unverwechselbare Profile der einzelnen Häuser, eine kontinuierliche künstlerische Leitung, mehr Mut zum Stimmungswechsel auf der Bühne sowie größeres Vertrauen in die Wirkung der eigenen Worte und in die Intelligenz des Publikums sind die besten Waffen der gallischen Dörfer. Eine verstärkte Anpassung an den massenkompatiblen Humor dagegen hätte den Tod des Kabaretts zur Folge. Themen, die junge Leute interessieren, und die gezielte Ansprache des Nachwuchspublikums an den Orten, wo es sich bewegt (Unis, Schulen, Facebook, Youtube,…) könnten den Bekanntheitsgrad der Kabaretts und den Zulauf stark katalysieren. Das macht Kabarett zwar nicht zum Massenmedium, da es immer eine Nische war und sein wird, aber es könnte so um den Eisberg herum steuern und weiter Flagge zeigen.
Mut und Vertrauen in die eigenen Stärken
Das Bewusstsein für das Vertrauen in die eigenen Stärken und in die Einzigartigkeit der einzelnen Häuser gehört noch einmal gehörig geschärft, da der Weg zum Publikum immer steiniger wird. Besinnt sich das Kabarett auf seine traditionelle Qualität, die Intelligenz des Publikums, eine gezielte Ansprache der jungen Leute mit zeitgemäßen Ideen und seine Unverwechselbarkeit, kann das Schiff nicht sinken. Zu viele Kompromisse dagegen nehmen dem Brei die Schärfe. Susanne Exel von der Leipziger Funzel bringt es auf den Punkt: „Solange es Menschen gibt, die selbst denken, wird es auch das Kabarett geben.“ Und Orte des Denkens, der Erkenntnisse, der mutigen Satire und nicht zuletzt auch der anspruchsvollen Unterhaltung müssen solche bleiben.

