Ilja Iwlew steht heute im Mittelpunkt. Der 22-jährige Biochemie-Student darf diesmal Versuchsleiter sein. Er trägt wie alle seine Kommilitonen einen weißen Laborkittel, doch die Arbeit an den Geräten machen andere. Um ihn herum hantieren seine Kommilitonen mit kleinen Flaschen, gießen Flüssigkeiten um, lesen Messergebnisse ab, tippen auf ihren Taschenrechnern. Die Biochemie-Studenten sollen während ihres Laborpraktikums herausfinden, welche Methode zur Bestimmung von Eiweiß-Konzentrationen am besten für welche Art von Probe funktioniert. Doch nicht alle Kommilitonen haben eine Aufgabe bei dem Experiment. Ralph Steinborn und Karsten Dierich schauen aus der zweiten Reihe zu.
Statt wie bisher in sieben Dreiergruppen finden die Laborpraktika seit diesem Semester in drei Siebenergruppen statt. Da heißt es hinten anstellen. Grund für die Änderung der Gruppenstärke sei der „absolut unzureichende Haushalt“, beklagt Prof. Annette Beck-Sickinger, die am Institut für Biochemie lehrt. Das Geld für Chemikalien und Geräte reicht hinten und vorne nicht.
Nur der Versuchsleiter hat den Überblick
Ralph Steinborn aus der zweiten Reihe beschreibt die neue Arbeitsteilung in der größeren Gruppe: „Wechselweise darf jeder mal Versuchsleiter sein. Der ist dann der einzige, der den Überblick hat.“ Das bestätigt auch Jan Stichel, Mitarbeiter am Institut und Praktikumsleiter: „Seit diesem Semester gibt es am Ende des Versuchs häufig sieben verschiedene Meinungen zum Ergebnis oder gar keine.“
Wer die Schuld an der Finanznot trägt, darüber sind alle einer Meinung: Dozenten und Studenten sehen die Hauptschuld bei der Landesregierung und nehmen die Universität aus der Verantwortung: „Das Ministerium ist für die Geldvergabe verantwortlich. Was die Universität an Geld nicht hat, kann sie auch nicht verteilen“, sagt Stichel.
Im Labor haben die Studenten inzwischen eine Eiweiß-Lösung in eine Flüssigkeit gespritzt. Ilja gibt einer Kommilitonin die Flasche mit dem Gemisch, das diese in eine Petrischale füllt. Sie stellt die Schale in ein Messgerät, welches die Mischung durchleuchten und anhand des geschluckten Lichts die Konzentration des Eiweißes messen soll. In der ersten Reihe wird nun mit dem Ergebnis gerechnet; alle beugen sich über Taschenrechner und Schreibblöcke. Ralph und Karsten stehen noch immer in der zweiten Reihe.
Der Rektor sympathisiert mit den Demonstranten
Die Situation bei den Biochemikern ist nur ein Beispiel von vielen an der Uni Leipzig. Nach Auskunft von Haushalts-Dezernent Uwe Löser hat die Universität im Jahr 2010 allen Fakultäten die Sachmittel um 11,2 Prozent kürzen müssen. Der Studentenrat (Stura), die offizielle Vertretung der Studenten an der Uni Leipzig, erwartet weitere Sparmaßnahmen in den kommenden Jahren. Deshalb rief der Stura zur Teilnahme an der vom Bündnis Zukunft und Zusammenhalt initiierten Demonstration „Wir sind mehr wert!“ in Dresden Anfang November auf. Der damalige Rektor der Uni Leipzig, Prof. Franz Häuser, zeigte in einer Pressemeldung [Beschreibung: Pressemeldung der Universität Leipzig vom 03.11.2010] großes Verständnis für die Demonstrierenden. Der Druck, die Leistungen der Universitäten einer Kosten-Nutzen-Rechnung zu unterziehen, wachse. „Die Autonomie von Bildung und Wissenschaft wird gefährdet“, beklagte Ex-Rektor Häuser.
Dabei verwirrt ein Blick auf die Fakten: Die Universität Leipzig bekam im Jahr 2010 vom Freistaat Sachsen 248 Millionen Euro. 2011 sollen es laut Haushalts-Entwurf nur noch 209 Millionen Euro sein. Auf der anderen Seite beteuert Karltheodor Huttner, Pressesprecher im Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst: „Es ist nichts eingespart worden.“ Das Ausgaben-Niveau bleibe auch mit dem neuen Doppelhaushalt gleich. Die vermeintliche Ausgaben-Kürzung sei eine Folge von Kompetenzverlagerungen: Die Kosten für die Bewirtschaftung der Gebäude sowie Energiekosten trage nun der Freistaat Sachsen und nicht mehr die Universität. Somit seien die Kosten aus dem Haushalt der Universität ausgelagert worden.
Huttner: Wir können nicht einfach Schulden machen
Huttner räumt ein, dass die Personalkosten steigen würden und die Hochschulen diese Kostensteigerung allein schultern müssten. Dafür bräuchten die Hochschulen aber keine Kürzungen hinnehmen, obwohl für Sachsen sinkende Studienanfänger-Zahlen vorhergesagt werden. Auf lange Sicht wird aber doch gespart: Uwe Löser, Dezernent für Haushalts- und Wirtschaftsangelegenheit in der Leipziger Uni-Verwaltung, warnt schon jetzt vor der nächsten Sparrunde. Ab 2013 müssten Sachsens Hochschulen 300 Stellen abbauen, bis 2020 weitere 500 Stellen. Dies bestätigt auch Ministeriums-Sprecher Huttner. Er beteuert aber, diese Stellenstreichungen könnte man bei wider Erwarten gleich bleibenden Studienanfänger-Zahlen noch einmal überdenken. Derzeit käme das aber nicht in Frage: „Wenn die Steuereinnahmen in Sachsen zurückgehen, können wir nicht einfach Schulden machen“, sagt Huttner.
Praktikumsleiter Stichel kämpft derweil mit kleineren Zahlen. Bei ihm geht es nicht um Millionen, nicht mal um Zehntausende: Für die vier Laborpraktikums-Blöcke pro Jahr braucht sein Institut 1000 Euro. „Meist haben wir die Mittel am Anfang des Jahres schon verplant. Wenn Verbrauchsgegenstände wie Gläser zu Bruch gehen, müssen die Studenten selbst Ersatz besorgen. Da hat der Fachschaftsrat noch Gegenstände aus alten DDR-Beständen“, sagt Stichel. Letztlich lebe das Institut von der Substanz bei sinkender Lehrleistung. „Wir könnten eigentlich genauso gut den Versuch selbst machen, bei Youtube hochladen und den Studenten einen Link schicken. Sich das anzusehen hätte wahrscheinlich denselben Effekt, wie diese Praktika hier.“
Kein Geld für neue Bücher
Anderen Bereichen der Universität geht es nicht besser: Die Ausstattung der Universitätsbibliothek wird zum Beispiel zurückgefahren. Dort mussten Fachzeitschriften abbestellt werden, geplante Bücherkäufe wurden auf das nächste Jahr verschoben. Prof. Johannes Schneider, Direktor der Universitätsbibliothek, hat 700.000 Euro zu wenig. „Disziplinen mit hohem Monographienanteil leiden notgedrungen besonders stark unter einer plötzlichen Kürzung“, erklärt Schneider. Hier würden besonders die Geisteswissenschaften leiden.
Von denen ist zum Beispiel das Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft betroffen. Das Institut versucht seit Sommer 2010, ein Pflicht-Tutorium für eine Public-Relations-Vorlesung zu finanzieren. Momentan wird es noch abgehalten. „Durch intensive Bemühungen des Dekanats und des Instituts sowie der Fachschaft wurden im September 2010 kurzfristig vor Semesterbeginn in zwei Tranchen nochmals Mittel zugewiesen, sodass die Engpässe in einigen Modulen gelöst werden konnten, allerdings nicht in allen“, erklärt Prof. Ansgar Zerfaß, Geschäftsführender Direktor des Instituts. Die Zukunft des Pflicht-Tutoriums scheint im neuen Jahr bereits wieder ungewiss. Darüber hinaus wisse man nicht, wie man mit der Vielzahl von neuen Studierenden klarkommen solle. Immerhin sind in diesem Jahr mit 143 Erststudierenden im Bachelor 23 Studenten mehr als erwartet eingeschrieben. Das ist genau eine Seminarstärke. Doch eben dafür fehlt es an Lehrkräften. Zerfaß muss daher auf Gratis-Lehrveranstaltungen seiner Mitarbeiter hoffen, die teilweise „freiwillig ohne Bezahlung unterrichten“, wie er die Situation beschreibt.
Ähnliche Zustände schildert Praktikumsleiter Jan Stichel: „Ich selbst mache eine Semesterwochenstunde unbezahlt zusätzlich.“ Bei Redaktionsschluss waren noch nicht alle Details des beschlossenen sächsischen Haushalts bekannt. Offiziell wusste man im Haushalts-Dezernat Ende Dezember noch nicht, worauf sich die Parlamentarier letztlich geeinigt haben. Fest steht aber: Stichel und seine Kollegen werden auch weiter gratis arbeiten. Und seine Studenten werden auch weiter in der zweiten Reihe stehen.


