5. March 2012, 16:45 Uhr

Deutschlandstipendium – Chance für eine neue Stipendienkultur?

150 Euro Bildungsverantwortung

Von: Judith Pöllmann, Gesine Prägert und Lydia Jakobi

Studenten und Förderer bei der Verleihung des Deutschlandstipendiums an der HTWK (Foto: Lydia Jakobi)
Deutschland braucht eine neue Stipendienkultur. Davon ist Bundesbildungsministerin Annette Schavan überzeugt und brachte zum Sommersemester 2011 das Deutschlandstipendium auf den Weg. Es soll nicht nur besonders engagierte Studenten fördern, sondern auch die Verantwortung der Gesellschaft für die Bildung stärken. Kann das gelingen? - Ein prüfender Blick auf zwei Leipziger Hochschulen.

„Die Förderung begabter Menschen aus der Mitte der Zivilgesellschaft hat sich in anderen Ländern längst bewährt.“ Auf der Homepage des Deutschlandstipendiums erklärt Annette Schavan die Motivation, die hinter der neuen Ausbildungsförderung steckt. Während in Ländern wie den USA, Japan oder Südkorea mehr als zwei Drittel des Bildungsbudgets durch private Quellen gedeckt werde, hinke Deutschland mit nur 15 Prozent deutlich hinterher. Das müsse sich ändern. Es sei an der Zeit, mehr Solidarität mit den Hochschulen zu entwickeln. 

Dieses Verantwortungsgefühl in der Bevölkerung zu verankern, ist nun Aufgabe des Deutschlandstipendiums. Im Februar gab die Bildungsministerin den Startschuss. Seit dem Sommersemester 2011 können begabte Studenten nun monatlich mit 300 Euro gefördert werden und das unabhängig vom eigenen Einkommen oder den Zuschüssen der Eltern. Voraussetzung dafür: Gute bis sehr gute Leistungen und gesellschaftliches Engagement. 150 Euro stellt dabei der Bund, die andere Hälfte steuern Unternehmen, Vereine, Alumni oder Privatpersonen bei. Dabei erfolgt die Förderung unabhängig von politischen oder religiösen Ansichten. 

Hinter den Erwartungen zurückgeblieben

10.000 Studenten sollten noch im ersten Jahr vom Deutschlandstipendium profitieren, mittelfristig seien laut Bundesministerium sogar 160.000 Stipendiaten möglich. Das entspräche acht Prozent aller Studierenden an deutschen Hochschulen. Von diesem Ziel ist das Programm allerdings noch weit entfernt. Der Anfang verlief schleppend. Bei der letzten Erhebung des Bundesbildungsministeriums im September 2011 hatten die beteiligten Hochschulen knapp die Hälfte der für das gesamte Jahr geplanten Stipendiengeber angeworben.

Auch in Leipzig hing das Projekt lange in den Startlöchern fest. Noch im Sommer schrieb die Leipziger Volkszeitung, die Hochschulen seien mit der Umsetzung des Stipendienprogramms überfordert. Das traf den Kern des Problems. Es gab Klagen über den hohen bürokratischen Aufwand, noch kein einziger Förderer war gefunden und die eigenständige Suche nach geeigneten Sponsoren gestaltete sich außerordentlich schwierig. Noch dazu fehlte es an einer internen Organisation, erinnert sich Renate Lieckfeldt, Rektorin der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK). „Wenn es ums Deutschlandstipendium ging, wurde die Stimmung schlecht.“

Gute Karten für Naturwissenschaft und Technik

Aufgeben wollte die Rektorin deshalb aber nicht. Sie klopfte weiter an die Türen der Firmen, bis im November die Fördermittel für 30 Stipendien beisammen waren. Dass davon bisher fast nur naturwissenschaftliche und technische Fächer profitieren, ist Kritikpunkt und logische Folge zugleich. Die Unternehmen dürfen mitentscheiden, welchen Studiengang sie fördern wollen. Geisteswissenschaftliche und soziale Studiengänge haben da die schlechteren Karten. „Die Firmen setzen dort nicht ihre Priorität. Das muss man ganz klar sagen“, räumt Jana Schulze, Verantwortliche für das Stipendienprogramm an der HTWK ein. „Und ein Verbund oder ein Berufsbildungswerk geben eben keine Stipendien.“ Dort fehle es schlichtweg an Geld. So ist der 26-jährige Georg Grohmann auch der einzige Student an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften, der ein Deutschlandstipendium bekommt: „Das große Problem war, dass die Stipendien von den Förderern zweckgebunden vergeben wurden. Und im sozialen Bereich ist einfach keiner da, der Geld geben kann. Dann ist man auf jemanden aus der freien Wirtschaft angewiesen, der auch diesen Bereich unterstützen will.“

„Vernetzung von Bildung und Wirtschaft als Leipzigs Zukunftschance“

Für die Wirtschaft ist die Förderung der Studenten schließlich auch eine Möglichkeit, die Mitarbeiter von morgen zu gewinnen. Angesichts des häufig beklagten Fachkräftemangels sollte die Motivation der Unternehmen umso höher sein, in junge Talente zu investieren, so Schavan. Jana Schulze von der HTWK kann das Interesse der Förderer bestätigen: „Die Firmen suchen den Kontakt zu den Stipendiaten. Sie sind froh, wenn sie keine riesengroßen Online-Kampagnen und Stellenanzeigen schalten müssen, sondern jemanden haben, der durch das Studium schon Ahnung vom Unternehmen hat und den Einstieg leichter schafft.“ Aus diesem Grund hätten sie letztlich noch genügend Sponsoren gefunden. Die Wirtschaft stehe traditionell in enger Beziehung zur HTWK, erklärt Matthias Reuschel vom Hochschulrat. „Hier kommt zueinander, was zueinander gehört. Die Vernetzung von Bildung und Wirtschaft ist Leipzigs Zukunftschance.“ Diese Chance scheinen die Unternehmen erkannt zu haben. Die Firma Pluspol Interactive ist im Bereich Webdesign und Marketing tätig und beeindruckt von Stipendiatin Franziska Rumpelt: „Sie bringt genau das mit, was auch dem Leitbild unserer Firma entspricht. Sie ist aufgeschlossen und engagiert. Unsere Tür steht ihr offen.“ Auch die 27-jährige Studentin der Medieninformatik kann sich eine Zusammenarbeit gut vorstellen.

Noch deutlicher zeigt sich das Interesse der Wirtschaft an der Leipziger Handelshochschule (HHL). Deren Studenten sind besonders begehrt, so Ulrike Dienemann, Leiterin der Hochschulentwicklung an der HHL. Daher sei das Deutschlandstipendium hier eher für die Unternehmen eine Gelegenheit, den Nachwuchs kennen zu lernen und nicht umgekehrt. „Die Förderung ist eine Chance, die Studenten zu binden. Man kann sie natürlich nicht verpflichten, aber man kann sie mit ihrem Förderer zusammenbringen. Letztlich kommt es darauf an, wie interessant dieser sich macht.“ Die HHL setzte bei ihrer Suche nach Förderern gezielt auf ehemalige Absolventen. Dass sich unter den Sponsoren Alumni befinden, ist allerdings eher die Ausnahme. 

Wenige Alumni unter den Förderern

Das, was das Deutschlandstipendium eigentlich leisten soll, nämlich die zivile Verantwortung für die Bildung zu beleben, funktioniert außerhalb wirtschaftlicher Interessen nur bedingt. Diesen Mangel sieht auch Christian Kramberg, Vorsitzender des Dachverbandes aller deutschen Alumni-Organisationen: „Privatpersonen investieren viel zu wenig in die Bildung. Viele denken immer noch, dass deren Finanzierung allein die Aufgabe des Staates wäre.“ Dabei sei gerade die Zusammenarbeit von Hochschulen und Alumni für Forschung und Lehre wichtig. Doch die Netzwerke seien vielerorts nur schwach ausgeprägt, die Alumni-Arbeit komme oft zu kurz. Die Absolventen verlieren schnell die Bindung an ihre Hochschule und somit auch das Verantwortungsgefühl für die nachfolgenden Studenten, so Kramberg. Das müsse sich ändern. 

Matthias Reuschel vom Hochschulrat der HTWK sieht hier das Potential des Deutschlandstipendiums: „Dieses Geld haben Absolventen erarbeitet.“ Deswegen appelliert er an die Stipendiaten, sich später daran zu erinnern und sich selbst zu engagieren. So hofft auch Thomas Feist, Absolvent der Musikwissenschaft. Er ist zugleich Bundestagsabgeordnete der CDU und will ab dem kommenden Sommersemester mit 150 Euro einen Musikwissenschaftler der Leipziger Universität fördern. Dort wird das Deutschlandstipendium erst 2012 eingeführt. Nicht nur eine neue Alumnikultur sei notwendig, sondern auch die Wiederbelebung der Tugend, den eigenen Erfolg mit anderen zu teilen. „Da möchte ich ein Beispiel für andere geben.“