5. March 2012, 18:57 Uhr

Kommt’n Student zum Arzt...

Wie weit Studenten gehen, um an Geld zu kommen

Von: Kristine Arndt, Jan Schumann, Vivien Winzer

Taschen leer? (Bild: Vanessa Brendemühl)Für Studenten gibt es viele Möglichkeiten das Konto aufzubessern (Bild: Vanessa Brendemühl)
Medizinische Einrichtungen und Labore suchen regelmäßig Studenten, die sich für Tests und organische Spenden zur Verfügung stellen. Viele der potentiellen Probanden schrecken zurück. Doch wer sich traut, kann gutes Geld kassieren. Eine Bestandsaufnahme über Motive und Risiken.

Der Körper steckt gepresst in einer engen Röhre, und Juan H. schätzt, dass er noch mindestens eine halbe Stunde vor sich hat. Ob das Hormon wirkt, weiß er nicht. Das Schlagen der mechanisch rotierenden Magneten hält weiter an. Doch das Herzrasen des 25-jährigen hat einen anderen Grund. Auf der Innenwand der Magnet-Kapsel, auf dem eingebauten Bildschirm, spielen sich schon seit Minuten grausame Szenen ab. Unerbittlich werden die Bilder direkt in die Röhre projiziert – Bilder von Krieg, Bilder vom Sterben. Juans Hirnströme werden gemessen. Er nimmt an einem Experiment für die Bonner Universität teil. 

In Hamburg, fast 500 Kilometer entfernt, sitzt Mike V. auf einem Stuhl in einer sterilen Kabine. Auf dem Fernseher vor ihm läuft ein Sexfilm, neben ihm steht ein leeres, milchiges Gefäß. Die Hemmungen der ersten Samenspende sind längst verflogen. Ein Routinejob mit verlockend hohem Einkommen. Beim Verlassen der Samenbank wird Mike von einem „Guten Deal“ sprechen. Genau wie Juan, der Geld verdient, indem er Hormonpräparate unter Stress testet.

Es lockt das schnelle Geld

Wie viele ihrer Kommilitonen sind Mike und Juan auf einen Nebenjob angewiesen. Doch nur wenige Studenten treten den Weg ins Klinik-Labor oder zur Samenbank an. Dem einen gilt das als abwegig und dubios, dem anderen als unmoralisch. Der Student als Laborratte gehört nach wie vor zu einer seltenen Spezies an deutschen Unis. Doch wenn man Juan und Mike über ihre Jobs sprechen hört kommt man schnell ins Grübeln, wieso das eigentlich so ist. 

Das Beispiel der Leipziger Universität zeigt, dass dies am Angebot liegt. Unter den monatlich rund 750 Arbeitsstellen, die die Leipziger Studentenjobvermittlung vergibt, ist keine einzige Annonce für medizinische Tests. Eine Mitarbeiterin sagt, sie könne Hormon-Experimente „nur mit schlechtem Gewissen“ an junge Menschen vermitteln. Potentielle Wirkstofftester, Versuchskaninchen oder Samenspender müssen sich ganz bewusst selbst um ihre Arbeit kümmern.

So wie Mike, der sein Studium in Leer begann, einer fremden Stadt. Dort waren seine alten Arbeitskontakte nutzlos. Schnelles Geld und wenig Aufwand reizten den damals 20-jährigen. Nach jeder Spende ging Mike mit 64 Euro nach Hause. Dafür arbeiten manche Kellner zwei Schichten oder mehr. Die formellen Einstiegshürden für Samenspender sind niedrig: Neben einem gepflegten Äußeren sollte Mann über vitales Sperma verfügen und frei von Erbkrankheiten sein. Die Erstellung eines persönlichen Profils, in dem auch Hobbies und Berufstätigkeit aufgeführt werden, dient den angehenden Eltern als Unterstützung bei der Wahl des Spenders. Das Profil bleibt ohne Foto – ganz anonym. Warum also nicht? 

Juan wurde durch Zufall Hormontester. Ein Freund hat ihn angesprochen, ob er mitmachen wolle. Die einzige Voraussetzung ist das Bestehen einer Charakterprüfung. Hier wird entschieden, ob der Proband über eine gefestigte Psyche verfügt. Dem Stress des Experiments kann schließlich nicht jeder standhalten. Vor Albträumen als Nachwirkung wird gewarnt. Dafür gibt es als Entlohnung jedoch immerhin 30 Euro pro Versuch.

Mehr als nur ein Job  

Ist es wirklich nur das Geld? Auf die Frage nach dem Warum erklärt Hormontester Juan, dass es ihm auch um das neue Erlebnis ging: „Ich wollte meine Grenzen austesten. Durch das Experiment habe ich mich selbst besser kennen gelernt.“ Vertrauliche Gespräche mit Medizinern, Hormone oder Placebo in der Blutbahn, eindrückliche Bilder und 30 Euro Lohn. Juan hatte schon andere Studentenjobs, unterrichtete zum Beispiel als Tutor an der Uni. An dem Hormontest sieht er jedoch nichts Verwerfliches. „Ich habe mich gut aufgeklärt gefühlt. Und ich hätte jederzeit das Experiment abbrechen könne. Das war mir auch wichtig.“     

Aber ist mit dem Rückzug aus der Röhre alles vergessen? Nicht bei jedem Probanden wird der Job so folgenlos bleiben, wie bei Juan. Davor wurde auch Mike eindrücklich gewarnt, als er zum ersten Mal die Samenbank besuchte. „Nach zehn gezeugten Kindern wird der Samen des Spenders nicht mehr verwendet“, erklärt Mike, ansonsten wäre die Inzuchtgefahr zu hoch. Bislang traf diese Nachricht bei ihm noch nicht ein. Ein komisches Gefühl bei dem Gedanken daran, dass vielleicht schon neun Kinder von ihm durch die Weltgeschichte spazieren, hat er nicht: „Ich hab’ mit denen nichts am Hut.“ Das ist auch im rechtlichen Rahmen so, denn Alimente stehen den Kindern nicht zu.

Ganz so unproblematisch wie Mike sieht Professor Immo Fritsche, Sozialpsychologe an der Uni Leipzig, die Folgen von Samenspende jedoch nicht. „Es ist fraglich, ob die menschliche Psyche dafür gemacht ist, mit dieser Entkopplung von der Elternschaft umzugehen. Wenn man das zu Ende denkt, kann es sowohl bei den Kindern als auch bei den Eltern zu seelischen Problemen kommen“. 

Sozial, mit Lust auf Sensation

Laut Professor Fritsche kann es durchaus schlicht Sensationslust sein, die Studenten wie Juan und Mike ins Labor oder in die Samenbank lockt. Im Großen und Ganzen bewertet er die Arbeit der beiden jungen Männer dennoch positiv. „Tatsächlich sind die Teilnehmer solcher Studien oder Spenden oft prosozial motiviert“. Der Wunsch zu helfen - sei es der wissenschaftlichen Forschung oder kinderlosen Paaren - spiele oft eine große Rolle. Nicht immer stehe daher der schnelle Geldverdienst im Vordergrund. 

Heute gehen Juan und Mike nicht mehr ins Labor und auch nicht mehr zur Samenbank. Mike spricht von seinem neuen Job im Beachcenter und erzählt, dass ihm das Samenspenden zwar nie peinlich war, „andere Arbeit aber doch irgendwie angenehmer ist“. Auch Juan hat nicht mehr an Experimenten teilgenommen. Ist die Sensationslust erloschen? Bei beiden hat es ganz den Anschein. Und dennoch hält sich Juan, der Proband, alle Türen offen und resümiert: „Wenn wieder ein gutes Angebot kommt, werde ich es mir sicher überlegen. Schließlich kann man immer auch noch weiterlernen“.