Strategisches Glück: Freiberufler Jochen Dreier muss seinen Arbeitsalltag gut organisieren - und das klappt. (Foto: Christian Grasse)
Jung-Redakteur Duy Tran freut sich auf neue Herausforderungen beim MDR, die das Jahr 2012 mit sich bringen wird. (Foto: Janosch Krüger)
Selbstsicher, selbstbestimmt und selbstständig: Greta Taubert und Christian Fuchs genießen die Freiheit in ihrem Beruf. (Foto: Christoph Busse)Mit einem Studiengang wie dem Master Journalistik an der Universität Leipzig kann man sich in vielerlei Hinsicht für den praktischen Berufsalltag qualifizieren und sein integriertes Volontariat bietet zudem eine konkrete Einstiegsmöglichkeit. Ein Volontariat in gutem Hause, da ist sich die größte Journalistenorganisation Europas, der Deutsche Journalisten-Verband (DJV), einig, sei dabei heutzutage ein Muss. Doch auch andere Wege führen zum erfolgreichen Start in den Journalismus, machen glücklich und satt. Wir sprachen mit vier Leipziger Jungjournalisten, die alle just auf ganz unterschiedliche Weise ins Haifischbecken Fernsehen, Print und Hörfunk gesprungen sind. Angsthasen haben wir keine getroffen.
Duy Tran - der Wetterfrosch und Fernsehredakteur
Klassischer geht es kaum: Duy Tran war schon nach dem Abitur sicher, Journalist zu werden. Seinen „irgendwas mit Medien“-Bachelor abgeschlossen, begann er nach dem Hörfunkmaster an der Uni Leipzig direkt sein Volontariat beim Mitteldeutschen Rundfunk – das war sein Weg in den Journalismus. Heute sitzt der 30-Jährige nach 19 Tagen Arbeit ohne Pause mit müden Augen am Küchentisch. Wochenends sieht man Duy als Wetterfrosch beim Sachsenspiegel vor der Kamera, werktags sitzt er dann wieder als Redakteur und Reporter bei Hier ab Vier. Zwischen seinen Tätigkeiten liegen 116 km und nur eine Nacht. Duy pendelt von seiner WG in Leipzig zur Zweitwohnung in Dresden.
Das Volontariat ist für Duy eine Art Exzellenzstempel und, so sagt er, funktioniert gleichzeitig wie ein Schutzmantel. Denn als Neuling in jeder der neun Redaktionsstationen konnte er sich sowohl austoben als auch profilieren und gleichzeitig ein gigantisches Netzwerk knüpfen, ohne einen Konkurrenzkampf loszutreten. „In jeder Branche läuft das meiste Zwischenmenschlich ab“, sagt Duy. Dennoch: „Volontäre haben manchmal das Gefühl, besser zu sein, schließlich hat man sich ja gegen 400 bis 500 Bewerber durchgesetzt, das kann einem schnell zum Verhängnis werden.“ Erfolg sei also immer eine Frage des Fingerspitzengefühls, „Journalisten neigen dazu, ein großes Ego zu haben und selbstdarstellerisch zu sein“, sagt Duy. Man solle seinen Namen in den Ring werfen, ohne den Kollegen auf die Füße zu treten. Und dafür sei das Volo perfekt.
In Leipzig sei das Netzwerken für ihn als Berufseinsteiger ein Leichtes, denn „Leipzig ist eine Journalistenstadt“, sagt er. Schon als Hörfunkstudent saß er in den Vorlesungen ausschließlich mit angehenden Journalisten zusammen. Das Uniradio Mephisto bot ihm als Mitarbeiter zusätzlich ein riesiges Netzwerk durch Ex-Mephistos in jeder ARD-Anstalt. Und auch beruflich stellt sich Leipzig für ihn als Sprungbrett heraus. Duy hat sich bewusst für das Volontariat beim MDR entschieden, weil der Sender viel flexibler sei als andere, festgefahrene Anstalten. Der Fernsehmacher könne sich so mehr austoben. Was genau den Redakteur in der nächsten Zeit erwartet, darüber darf er noch nicht sprechen. Nur eines ist ihm klar: Er sieht seine Zukunft beim MDR und sich dem Traum einer eigenen Late-Night-Show näher denn je.
Nur manchmal bereut Duy, sich im Studium nicht thematisch spezialisiert zu haben: „Da stößt man schnell mal an seine Grenzen. Man weiß von allem etwas, aber nichts wirklich genau.“ Könnte Duy seine Studienwahl noch einmal treffen, würde er sich darin definitiv Expertise aneignen, nebenbei beim Radio arbeiten und sich nach einem Volontariat wieder auf sein Spezialgebiet zurückbesinnen.
Glück und fester Wille - der Radiomacher aus dem Wandschrank
Einen anderen Weg mit gleichem Hörfunkmaster in Leipzig hat Jochen Dreier gewählt. Der 27-Jährige sitzt entspannt in seiner gemütlichen Küche, während er davon spricht, dass er vielleicht mehr Glück gehabt hat als andere. Dass es aber vielleicht auch sein unbedingter Wille war, der aus ihm einen freiberuflichen Journalisten machte. Sein eingeschlagener Weg ist für die jetzige Generation junger Journalisten eher unkonventionell. Denn trotz des entsprechenden Masters absolvierte Jochen weder ein richtiges Praktikum noch ein Redaktionsvolontariat. Damit ist der Berufseinsteiger sicher ein Unikat.
Praktische Vorerfahrung kann er dennoch vorweisen: Neben seinem ersten Bachelorstudium „Deutsch als Fremdsprache” in Bielefeld arbeitete er jahrelang ehrenamtlich als Redakteur, Moderator und Sendeplaner beim dortigen Campusradio Hertz 87.9. Auch Jochen knüpfte in dieser Zeit Kontakte, von denen er als Radiomacher noch heute profitiert. Für ihn läuft es gut zur Zeit. Vor einem Jahr beendete er den Leipziger Hörfunkmaster und entschloss sich sofort, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Inzwischen produziert er unter anderem Features für den SWR oder Beiträge für Deutschlandradio Kultur - teilweise weil die Auftraggeber seine Arbeit vom Campusradio kennen. Hauptsächlich beschäftigt er sich mit allen Themen rund ums Internet. Trotzdem scheut er sich nicht, nachts auch einmal Wölfe in den Wäldern Brandenburgs zu suchen, wenn es die Arbeit verlangt.
Jochen ist der Prototyp der praktisch denkenden, jungen Generation. Er arbeitet zu Hause, sein Studio hat er in einem schallisolierten Wandschrank auf dem Flur eingerichtet. Von hier aus macht er auch die meisten Interviews, denn ob sie in Indonesien oder Berlin sind, die Interviewpartner könne man über Skype zumeist am besten erreichen. „Natürlich ist es so schwierig, Freizeit und Arbeit zu trennen”, gibt er sich nachdenklich, aber es sei eben billiger. Der günstige Wohn- und Arbeitsraum ist für ihn generell ein wichtiger Faktor für den Standort Leipzig. Außerdem sei die Verkehrsanbindung gut. Man komme sowohl in Leipzig selber überall schnell hin, als auch, durch die gute Bahnanbindung, in andere Städte. Sich selber bezeichnet Jochen übrigens nicht als Journalisten: „Ich erzähle vor allem Geschichten. Deswegen nenne ich mich lieber Autor.”
Markenzeichen Ostdeutschland - die Kollegen aus der Kolle
Nur einen Steinwurf von Jochen entfernt arbeiten Greta Taubert (28) und Christian Fuchs (32) als Journalistenkollektiv „Die KOLLEgen”. 2010 machten sich die Magazin- und Recherche-Spezialisten mit einem gemeinsamen Büro selbstständig. Schon zu Schulzeiten kannten sie sich über einen Nachwuchsjournalisten-Verband in der mitteldeutschen Provinz und behielten sich im Auge. Das freiberufliche Schaffen bedeutet für Greta wie Christian eine optimale berufliche und persönliche Weiterentwicklung, da sie ihre Projekte selbst bestimmen können.
Den Firmennamen „Die KOLLEgen” kreierten Taubert und Fuchs in Anspielung auf ihr geschätztes Quartier, dem Kollonadenviertel, kurz „Kolle” im Leipziger Volksmund. Dass sich die gebürtigen Thüringer nach etlichen Praktika, Mitarbeiten und Volontariaten in unterschiedlichsten Ortschaften beruflich gerade in dieser Stadt wieder treffen sollten, war kein Zufall: „Sie ist perfekt für Freiberufler“, verrät Greta. Sie selbst hatte hier schon Diplom-Journalistik, Vorläufer des aktuellen Masterprogramms, und Politikwissenschaft studiert und verkauft mittlerweile Beiträge an Magazine wie Die Zeit, Cicero oder Spiegel Online. Zum einen sei das Verhältnis von Lebenskosten und Lebensqualität optimal. Zum anderen könne man am Standort Leipzig eine Art „Ostkompetenz“ entwickeln. Sprich: Für größere, westdeutsche Medien ostdeutsche Themen besetzen und mit Gretas Spezialisierung auch osteuropäische.
Überregionale Häuser verlangten zwar immer wieder stereotype Themen aus der Region, eben „Stasi, Nazis oder Arbeitslosigkeit”, erzählt sie. „Aber das ist auch ein Grund für Leipzig gewesen“, erklärt Christian, der einst in Jena Medienwissenschaften studierte und bald 14 Jahre journalistisch tätig ist. „Seit wir journalistisch denken, beschäftigen wir uns damit, warum der Osten immer in dieser bestimmten Weise dargestellt wird.“ Dies läge vor allem daran, dass die wichtigen Medien nicht hier, sondern in Berlin, Hamburg oder Frankfurt sitzen. Die schickten gegebenenfalls einen Reporter raus, behandelten den Osten durch die Distanz jedoch undifferenziert und wie Ausland. Deshalb sei Leipzig auch keinesfalls „Medienstadt”. Trotz MDR und Leipziger Volkszeitung gäbe es keinerlei Häuser, die überregional wirklich als relevant wahrgenommen würden. Für die beiden beherzten Journalisten also eine Chance der aufklärerischen Berichterstattung und gleichzeitig Marktlücke.
Volontariat: Wer die sichere Schiene einer festen Redakteurtätigkeit in Presse, Rundfunk oder Agenturen anstrebt, sollte auf ein Volontariat keinesfalls verzichten, rät der DJV. Dies sei selbst für Seiteneinsteiger mittlerweile „ein Muss“. Eine reelle Chance auf ein Volontariat hätten dabei allerdings nur solche mit qualifizierter Vorbildung, abgeschlossenem Studium und praktischer redaktioneller Erfahrung. Studenten im Masterstudiengang Journalistik in Leipzig haben hier einen Vorteil: Das Volontariat ist fester Bestandteil des vollwertigen Hochschulstudiums. Generell gilt für die Volos auf dem freien Markt: Volo ist nicht gleich Volo und so ist auch hier die Qualität anhand banaler Parameter zu prüfen. Das ausbildende Unternehmen sollte mindestens drei Redakteure beschäftigen, unterschiedliche Ressorts unterhalten, um eine vielseitige journalistische Ausbildung zu ermöglichen. Es sollte bestenfalls auch mit anderen Medienhäusern kooperieren. Darüber hinaus sollte der praktische Aufgabenbereich ausschließlich journalistischer Natur sein und neben der Dauer, dem Gehalt und dem Urlaub in einem schriftlichen Anstellungsvertrag festgehalten werden.
Das wird derzeit bei Christians Auftrag deutlich – gerade hat die ARD den Absolventen der Hamburger Henri Nannen-Schule gebucht, ein paar Monate lang mit einem Team im Thema „brauner Terror“ herumzustochern. Zur besten Sendezeit im Ersten soll seine längere Dokumentation laufen. Damit macht Christian momentan eine Trendwende - üblicherweise schreibt auch er lieber, als Fernsehen zu machen, trotzdem er hierfür ausgebildet ist. Auch die Redaktionssituation mit vielen Kollegen, die der Auftrag mit sich bringt, ist plötzlich wieder neu für den Freiberufler. „Das macht natürlich schon Spaß in einem größeren Team, wo man sich gegenseitig befruchtet“, sagt er. Doch auch sonst in der Selbstständigkeit verzichtet er nie auf Anregungen von außen, „es ist gut, dass wir im Büro zu zweit sind und über Themen reden können. Und ich verbringe auch zwei, drei Stunden die Woche damit, mit Freunden oder Kollegen in Redaktionen zu telefonieren.“
Überhaupt sei der persönliche Kontakt in Redaktionen und andere Städte unerlässlich – gerade als Freier, der Themen verkaufen und nachgefragt werden will. Bis Christian 28 Jahre alt war, musste er nahezu ausschließlich von sich aus, beharrlich und selbstbewusst verschiedenen Medien Themen anbieten.
Momentan allerdings muss nicht nur er sondern auch Greta viel mehr Aufträge absagen als annehmen. Das sei aber auch das Wichtigste: „Nein sagen können!“ Am Anfang natürlich schwierig, weiß die ehemalige Volontärin der Berliner Zeitung, aber mit der Zeit müsse man so eine Professionalität entwickeln. Man dürfe sich nicht unter Wert verkaufen und vor allem nur die Sachen machen, worauf man selbst wirklich Lust habe. Dennoch kennt Greta die Existenznöte vieler Jungjournalisten genau. „Klar muss man auch mal dunkle Täler durchschreiten, aber dahinter ist auch wieder Sonne und deswegen nichts aus einer Angst heraus machen“, rät die junge Frau mit Bestimmtheit, „wer zu viel Angst hat, der sollte nicht unbedingt Journalist sein.“
Freiberufler: Existenzgründer wiederum haben ganz andere Herausforderungen zu meistern. Brauer empfiehlt eindringlich, sich über Urheberrechte, soziale Absicherung, Abgaben, Versicherungen und Steuern zu informieren. Der DJV hilft hierbei mittels verschiedener Online- oder Seminarangebote, auch in Sachen Zeitmanagement und Verhandlungstraining. Aber einige wichtige Entscheidungen muss dann jeder einzelne wieder für sich treffen. Was ist meine Arbeit wert? Beim Netzwerkaufbau gilt es zu entscheiden, wen ich mit Kontakten erreichen will, wie kann ich Kontakte pflegen und was kann ich denen bieten?
Christians Tipp für Nachwuchsjournalisten heißt unbedingt spezialisieren: „Es gibt zwei Wege! Entweder man spezialisiert sich auf eine Darstellungsform und macht News oder Recherchejournalismus oder Reportage oder so etwas“, empfiehlt er, „oder man spezialisiert sich auf ein gezieltes Thema – da könnte man sagen, unsere Marke ist Ostdeutschland.“ Finanzieller Rückhalt ist bei ausschließlich selbstbestimmter Projektarbeit natürlich ein Beruhigungspflaster. „Da macht man dann mal einen Messejob und dann hat man ein Polster, das Sicherheit gibt”, rät Greta, „und dann: Go for it!”
Nur die Besten der Besten
Weniger „easy” bewertet der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) den Start in den Beruf. Da der Andrang in den Journalistenberuf so groß sei – allein der DJV vertritt heute 38.000 Journalisten – könnten sich die Medienhäuser bei Aufträgen, Volontariaten oder Anstellungen immer „die Besten der Besten aussuchen“, so Pressesprecherin Saskia Brauer. Tatsächlich aber gebe es kein Patentrezept für den erfolgreichen Start in den Beruf. „Persönliche Qualifikationsmerkmale wie journalistische Motivation, Interesse an Menschen und Themen, Spaß am Lernen und die Fähigkeit, Sachverhalte rasch zu analysieren und verständlich vermitteln, reichen nicht aus“, weiß Brauer. Die Entwicklungen in dem Berufsfeld und seine gesellschaftliche Bedeutung machten vielmehr eine fundierte, schulische und akademische Ausbildung notwendig, sowie einen frühen Kontakt zur Praxis, beispielsweise zu Lokalredaktionen. Unabdingbar seien auch breite Medienerfahrungen in unterschiedlichen Gattungen: „Online- und Multimedia-Kompetenzen sind wichtig!”
Viele Entscheidungen und viele Unwägbarkeiten bringt der Journalismus mit sich. Aber Duy, Jochen, Greta und Christian beweisen durch ihre ganz individuellen Handhaben, dass der Berufseinstieg mit fester Willenskraft, Disziplin und reellen Zielvorstellungen gut gelingt. Und selbst dem Risiko gewinnt Greta mit glänzenden Augen noch Vorteile ab: „Man darf losgehen und sich in dieser Unsicherheit bewegen, das ist das Spannende. Und das muss man genießen!”

