5. March 2012, 21:53 Uhr

Spiel mit den Kugeln

Gentlemen am grünen Tisch erwünscht

Von: Jana Hannemann, Paula Kautz und Danny Scheler-Stöhr

Die britische Billardvariante Snooker findet auch in Deutschland vermehrt Fans. (Foto: Danny Scheler-Stöhr)Der 25-jährige Student Konrad Bauersfeld schaffte in Leipzig den Sprung in die zweite Snooker-Bundesliga. (Foto: Dennis Bauer)Dennis Bauer ist Vereinsvorstand und Trainingsleiter. (Foto: Dennis Bauer)
Die Billardvariante Snooker erfreut sich in Deutschland immer größerer Beliebtheit. „Snooker in Deutschland entwickelt sich nach wie vor positiv und Vereine gewinnen Mitglieder. Auch das Engagement und die Vertragsverlängerung hinsichtlich der erweiterten Ausstrahlung von Snookerturnieren auf Eurosport werden die Entwicklung des Sports weiter vorantreiben“, erklärt Bundestrainer Thomas Hein. In Leipzig gibt es den größten Billardverein Sachsens. Dort spielt der 25-jährige Student Konrad Bauersfeld Snooker. Uncover hat ihn beim Training begleitet.

Draußen ist es bereits dunkel geworden. Doch in der Spielstätte des Vereins Pool 2000 brennt noch Licht. In der hinteren Ecke des 3.000-Quadratmeter-Raumes stehen sieben überdimensional große Billard-Tische. Sie sehen anders aus, als man es vom herkömmlichen Pool-Billard kennt und auch die Regeln scheinen sich zu unterscheiden. Konrad Bauersfeld ist gerade an der Reihe und hoch konzentriert. Zusammen mit seinem 38 Jahre alten Trainingspartner Dennis Bauer steht der 25-jährige Student an einem der Tische und spielt Snooker, eine englische Art des Billards. Konrad analysiert die möglichen Laufwege des weißen Spielballs, kreidet die Queuespitze und begibt sich in Stoßhaltung. Der Queue geht nach vorne, die Weiße setzt sich in Bewegung, trifft die Rote und diese fällt. Konrad hat alles richtig gemacht. Er hat es sogar geschafft, dem Spielball eine solche Wirkung mitzugeben, dass er nun die schwarze Kugel spielen kann. Er locht diese. Dennis  holt sie wieder aus der Tasche und legt sie auf den Tisch. Punkte erreicht man im Snooker durch das abwechselnde Lochen eines roten und eines andersfarbigen Balls. „Die Regeln klingen zunächst komplizierter, als sie sind“,  sagt Vereinsvorsitzender Dennis Bauer. Es gibt ein vorgegebenes Bild, das immer die Startposition ist. Einem Neuling könne man die Regeln in 20 Minuten ganz einfach erklären. 

Musik versus Snooker

Konrad spielt seit 2004 Snooker. Begonnen hat alles im thüringischen Nordhausen. Seit einigen Jahren spielt er für Pool 2000: „Ich hatte die Möglichkeit in zwei Städten Sonderpädagogik zu studieren und habe mich für Leipzig entschieden, weil es hier einen Snooker-Verein gibt.“ Erst war diese Billarddisziplin für ihn ein Hobby neben anderen. „Ich habe früher erfolgreich in einer Band gespielt. Als es kurz vorm Plattenvertrag stand, musste ich mich entscheiden: Musik oder Snooker.“ Mittlerweile bewundern ihn seine Freunde für seine Leistungen in diesem Sport, denn er spielt gemeinsam mit Dennis in der zweiten Bundesliga und kämpft um den Aufstieg. Ausschließlich vom Snooker-Sport leben, können Konrad und Dennis jedoch nicht. „In Deutschland gibt es glaube ich drei Leute, die versuchen, ausschließlich mit Snooker ihr Geld zu verdienen, aber selbst die bekommen es nicht hin“, meint Dennis und Konrad ergänzt: „Erst recht nicht durch Preisgelder. 

 

Snooker-Regeln: Snooker wird auf einem 3,66 Meter langen und 1,83 Meter breiten Tisch gespielt. Insgesamt gibt es 22 Bälle. 15 davon sind rot. Je einer ist gelb, grün, braun, blau, pink und schwarz. Zu-dem gibt es einen weißen Ball, den sogenannte Spielball. Zu Beginn des Spiels werden alle Bälle zu einem Standartbild aufgebaut. Ziel des Spiels ist es nun, durch das abwechselnde Lochen eines roten und eines andersfarbigen Balls, die sogenannten „Farben“, Punkte zu sammeln. Für Rot erhält der Spieler einen Punkt. Anschließend darf er sich eine der sechs andersfarbigen Bälle frei auswählen. Locht der Spieler diese Zusatzfarbe, bekommt er weitere Punkte gutgeschrieben. Für Gelb zwei, Grün drei, Braun vier, Blau fünf, Pink sechs und Schwarz sieben Punkte. Der eben gelochte farbige Ball wird wieder auf seine Aufsetzmarke, dem sogenannten Spot, auf dem Tisch gelegt. Nun ist wieder Rot an der Reihe. Dieser Rhythmus wieder holt sich, bis der Spieler einen Ball nicht lochen kann. Wird der letzte der 15 roten Bälle gelocht, so darf sich der Spieler noch ein weiteres Mal eine Farbe auswählen, die dann bei erfolgreichem Lochen wieder auf ihren Spot gesetzt wird. Nun müssen die sechs Farben in aufsteigender Wertigkeit gelocht werden. Wird diesmal ein Ball in der Tasche versenkt, bleibt dieser vom Tisch. Der Spieler, der am Ende die meisten Punkte hat, gewinnt das Spiel.

Die liegen bei sächsischen Turnieren für den ersten Platz bei ungefähr 80-100 Euro. Es ist also eher als Aufwandsentschädigung anzusehen.“

Zudem trainiert Konrad seit drei Jahren den Nachwuchs. „Ich habe drei Jugendliche bei mir, die in ihren Altersklassen absolute Spitze in Sachsen sind und deutschlandweit durchaus mit den besten mithalten können.“

Männerdomäne Snooker

Etwa 70 Mitglieder hat der Verein Pool 2000 derzeit. Damit ist er der größte Billardverein in Sachsen. Auffallend in der Herrenrunde ist die Abwesenheit der Damen. Ist Snooker etwa eine reine Männerdomäne? „Nein, aber das Problem ist, dass Billard und demzufolge auch Snooker immer dieser Kneipengeruch nachhängt. Männer sind damals mit den Kumpels in die Kneipe zum Rauchen, Biertrinken und Billardspielen gegangen. Das schreckt Frauen sehr ab“, erklärt sich der Vorsitzende den Frauenmangel. Allmählich verbessere sich jedoch die Lage, denn seit dem Rauchverbot in gastronomischen Einrichtungen, trauten sich auch die Damen in Spielhallen. „Eine Ladies-Night wäre natürlich eine Überlegung wert“, sagt Dennis lächelnd, während Konrad meint, “aber eigentlich ist es uns egal, ob das Vereinsmitglied ein Mann oder eine Frau ist, denn im Vordergrund steht das Talent.“ Das Alter spielt dabei im Grunde genommen keine Rolle. „Wenn man sich an den Bewegungsablauf einmal gewöhnt hat und das Klappen in der Hüfte noch einigermaßen funktioniert, ist das ein Sport, den man wirklich bis ins hohe Alter betreiben kann“, so Dennis weiter.

Tisch: Gespielt wird auf einem 12-Fuß-Tisch, der etwa eineinhalb Tonnen wiegt. Das liegt vor allem daran, dass unter dem stets grünen Tuch fünf bis sechs Zentimeter dicke Schieferplatten liegen.

Bande: Begrenzt wird das Spielfeld von den Banden. Sie sind auch mit dem grünen Tuch überzogen und bestehen aus Gummi. Sie sorgen dafür, dass die Bälle nicht vom Tisch fallen.

Tasche: Insgesamt hat der Tisch sechs Taschen, in die die Bälle gespielt werden müssen.

Bälle: Ein Satz Snookerkugeln besteht aus 22 Bällen: weiß als Spielball, gelb, grün, braun, blau, pink und schwarz als Farben und 15 roten Bällen. Der Begriff Kugeln ist bei Snookerspielern verpönt.

Lochen: Lochen ist das Fallen eines Balls in eine Tasche. Queue: Das Queue ist der Holzstock, mit dem gespielt wird. Es besteht aus einem dünnen und einem dicken Ende. Auf der dünnen Queuespitze ist ein Leder angebracht, um die Bälle nicht nach wenigen Stößen schon zu zerstören.

Frame: Als Frame bezeichnet man einen Spieldurchgang, ähnlich dem Satz beim Tennis. Der Spieler, der in einem Frame die meisten Punkte erzielt, gewinnt diesen. Er beginnt immer mit allen Bällen auf ihrer jeweiligen Ausgangsposition auf dem Tisch.

Snooker: Als Snooker bezeichnet man eine Situation, in der ein Spieler keinen anzuspielenden Ball in vollem Umfang, das heißt auch ganz rechts und ganz links außen, auf direkter Linie anspielen kann.

Foul: Ein Foul ist ein regelwidriger Stoß und wird mit mindestens vier und maximal sieben Punkten bestraft, die dem Gegenspieler gutgeschrieben werden. Der Wert des Fouls richtet sich nach dem Ball mit der höchsten Wertigkeit, der in das Foul verwickelt war.

Um erfolgreich Snooker spielen zu können, muss man viel üben. „Ich denke nicht, dass es irgendein Spieler in Deutschland schafft, auf Bundesliganiveau mitzuhalten, wenn er weniger als zehn bis 15 Stunden wöchentlich trainiert“, erzählt der 38-Jährige. So treffen sich die Trainingspartner mehrmals pro Woche, immer mit der gleichen Routine. Erst spielen sich beide warm und verbessern anschließend ihre Technik mit diversen Übungssituationen. „Das machen wir etwa zwei bis drei Stunden, aber natürlich mit ausreichend Pausen“, erläutert Konrad, „denn nach maximal eineinhalb Stunden lässt die Konzentration deutlich nach.“

Der Gentlemensport

Typisch für Snooker ist auch die Kleiderordnung. Schick gekleidet sind beide, in Hemd, schwarzer Anzughose und Weste, weshalb man auch vom Gentlemensport spricht. „Das ist historisch. Ich bin immer der, der ganz schick angezogen ist und ganz fair spielt“, erklärt Konrad. Auch für Dennis ist die Kleiderordnung sehr wichtig, „denn man kann von den Äußerlichkeiten nicht auf den Menschen schließen, weil alle gleich aussehen.“

Konrad hat mittlerweile durch das abwechselnde Lochen von Rot und anderer Farbe noch einige Punkte gemacht. „Unser Ziel ist immer ein möglichst perfektes Spiel“, erklärt Dennis. Serien zwischen 50 und 70 Punkten sind keine Seltenheit, das Ziel liegt aber höher. „Das sind die 100 Punkte am Stück, ein sogenanntes Century. Da wird im Fernsehen dann auch applaudiert. Das versucht jeder Spieler in seiner Snooker-Karriere zu erreichen.“, schwärmt Konrad. Geschafft haben beide ein solches Century aber noch nicht.

Snooker-Geschichte: Die Snookerlegende besagt, dass die Sportart am 17. April 1875 in ihrer Urart entstand. Im Offizierskasino im indischen Jubbulpore herrschte Langeweile und die jungen Leute schlugen ihre Zeit tot. Neville Chamberlain war einer von ihnen und er verkürzte sich die Wartezeit mit einer Partie Black Pool. Dabei habe sein Gegner den weißen Spielball so geschickt abgelegt, dass Neville keinen korrekten Stoß habe spielen können. Der war darüber gar nicht erfreut und schimpfte: „You are a real snooker!“ Die Bezeichnung Snooker galt hierbei als Beleidigung für Kadetten, wie es sein Gegner war. Neville Chamberlain fand den Spielzug am Ende aber so gut, dass er sich 15 rote Bälle sowie eine gelbe, grüne, pinke und schwarze Kugel aufbaute und zu spielen begann. Damit war die Urform des heutigen Snooker geboren. Einige Jahre später ergänzte er das Spiel schließlich noch um Braun und Blau und die bis heute gespielte Snooker-Form war entstanden. Den Durchbruch schaffte die Sportart schließlich 1885, als der englische Billard-Star John Roberts vom Spielfieber erfasst wurde und extra nach Indien reiste, um die neue Billard-Art kennen zu lernen.

Nun muss der 25-Jährige den Tisch verlassen. Aber nicht, weil er verschossen hat, sondern da er keine Stellung auf die nächste Rote erreichen konnte. Deshalb rollt er Weiß hinter den braunen Ball, so dass sein Gegenspieler keine Rote direkt anspielen kann und nun den Weg über eine Bande spielen muss. Diese Spielsituation nennt man „Snooker“, nach der auch die Billarddisziplin benannt ist. Dennis überlegt lange, bevor er seinen Stoß ausführt. Weiß prallt von der Bande ab, rollt langsam auf eine Rote zu und touchiert diese. Er hat die Situation perfekt gemeistert. Konrad klopft mit seinem Queue anerkennend auf den Tisch. So zollen sich Snookerspieler ihren gegenseitigen Respekt. „Von Dennis kann ich viel lernen“, sagt Konrad. „Er ist mein Vorbild.“

Den Billardverein „Pool 2000 Leipzig“ findet man in der Erich-Zeigner-Allee 64 im Leipziger Stadtteil Plagwitz. Das Snookertraining für Erwachsene, welches von Dennis Bauer geleitet wird, findet montags und donnerstags ab 14:30 Uhr statt, das Jugendtraining von Konrad Bauersfeld mittwochs ab 17 Uhr.