Eine bunter Fleck in grauer Umgebung. Die Skatehalle "Heizhaus" in Grünau. (Foto: Frank Brauner)
"Alle Arme hoch" - Aufwärmen ist im Heizhaus Pflicht. (Foto: Frank Brauner)
Michael Trebs mit zwei seiner Schützlinge (Foto: Frank Brauner)
Schule mal anders. Schüler der Montessori-Schule versuchen sich an den Pipes. (Foto: Frank Brauner)Die graue Farbe des Teers passt zu den Plattenbauten und dem daran angrenzenden Himmel. Zielstrebig führt der Fahrradweg durch das Stadtviertel im äußersten Westen Leipzigs, von dem links die Gleise zum S-Bahnhof Grünauer Allee verlaufen, und rechts sich zuerst kahle Bäume und dann trostlose Hochhäuser auftürmen. Trist. Kalt. Beklemmend. Das sind die Worte die am ehesten die Szenerie hier in Grünau beschreiben. Doch durch die Zweige der Baumgerippe sind bereits einige bunte Schimmer erkennbar. Näher betrachtet, entpuppen sich die leuchtenden Flecken als Graffitis, die es schaffen, ein ehemaliges Fabrikgebäude der Stadtwerke Leipzig vom Rest der eintönigen Quaderbauten farblich abzuheben. „Heizhaus – wir skaten lernen bauen tanzen“ steht in großen bunten Buchstaben auf der Frontseite der Halle.
Im Inneren unterscheidet sich die Temperatur von der kalten Dezemberluft draußen unmerklich. Doch die kühle Luft stört die Kinder und Jugendlichen nicht, wenn sie sich mit ihren Skateboards auf über 1.000 Quadratmetern Nutzfläche austoben. Funboxes, Banks, Rails, Pipes und ein Pool – also Rampen in verschiedenen Größen und Formen – sind vorhanden, also so ziemlich alles, was ein Skater zum Fahren braucht.
Doch nicht nur erfahrene Skater können hier ihrem Hobby nachgehen. Skater vom Leipziger Skateverein „urban souls e. V.“ haben es sich zu einer Herzensangelegenheit gemacht, auch Kinder und Jugendliche an das Skateboarden heranzuführen. Deswegen bieten sie Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, in Skate-Kursen die Grundkenntnisse des Skatens zu lernen. Diese „sportorientierte Jugendarbeit des Heizhauses ist ein Alleinstellungsmerkmal in dieser Stadt“, sagt Thomas Ehlert vom Amt für Jugend, Familie und Bildung der Stadt Leipzig. Die Ausrüstung zum Skaten, also Skateboard, Helm und Schoner, bringen die Schüler entweder mit oder leihen sie für drei Euro vor Ort aus. Kinder aus sozial schwächeren Familien können sich die Angebote des Heizhauses über den Bildungsgutschein erstatten lassen.
Vom Skater zum Lehrer
Die ursprüngliche Idee war es jedoch, „der Skateszene in Leipzig ein Winterquartier zu bieten.“, so Sven Bielig, Vorstand des Leipziger Skatevereins „urban souls“. Mittlerweile hat sich das Selbstverständnis des Heizhauses und das von Bielig erweitert: „Ich sehe mich als Kinder- und Jugendarbeiter.“ Auch Skate-Lehrer und Medienpädagogik-Student Michael Trebs ist die Nachwuchsarbeit wichtig: „Der Jugend fehlt es heutzutage oft an Kreativität in allen Lebenslagen.“ Diese fehlende Kreativität will er ihnen durch das Skaten vermitteln. Die Kinder säßen heute „viel vor dem Fernseher, anstatt selbst einmal richtig etwas zu erleben.“, beklagt Trebs. Dadurch wurde die Idee entwickelt, Workshops und Kurse für Anfänger, gerade aus dem Kinder und Jugendbereich anzubieten. Das dafür notwendige Lehrpersonal hat das Heizhaus selbst generiert. Skater, die wie Trebs anfangs nur zum Fahren in die Halle kamen, wurden gezielt angesprochen und bei Bereitschaft pädagogisch fortgebildet. Und so wurde das Heizhaus zum Teil des deutschlandweiten Programms „STÄRKEN vor Ort“, ein Bestandteil der Initiative „Jugend STÄRKEN“.
Workshops für Schüler
In den Schulworkshops nehmen bis zu 15 Schüler teil. Die Schulworkshops sind für die Teilnehmer kostenlos und werden von Schulen getragen. Nach einem gemeinsamen Aufwärmprogramm geht es dann so richtig los. Einige Jugendliche fahren von Rampe zu Rampe, andere versuchen sich im Pool und probieren Tricks. Ab und zu suchen sie Rat bei den Skateboard-Lehrern, die sie beaufsichtigen. Skate-Lehrer Michael Trebs beobachtet das Treiben seiner Schüler. „Die besten Kids vom Workshop können schon einen Heelflip“, sagt Trebs stolz und schaut sich dabei lächelnd in der Halle um, in der seine Schützlinge umher düsen. „Die Kids sind in dem Alter noch sehr begeisterungsfähig“, sagt er. Aber am schönsten sei es, zu sehen wie „die Kids immer besser werden“. Erst einmal gehe es jedoch vor allem darum, die Grundfertigkeiten zu lernen, so Trebs. Sobald die Schüler sicher auf dem Brett stehen, fragen sie schon bald nach den ersten Tricks. „Nachwuchsskater wollen sich messen“ sagt Trebs, der selbst schon seit dreizehn Jahren skatet, aus eigener Erfahrung. So auch der zehnjährige Joshua, der sich nur ungerne von seiner Oma vom Skaten unterbrechen lässt. Er zeigt seiner Oma, dass er bereits einen Ollie, also einen Sprung mit dem Brett am Fuß, kann und diese platzt vor Stolz. „Ich hätte das früher nicht gemacht“, sagt Christine K. lächelnd. „Aber Joshua ist mit großer Freude dabei. Seit letztem Weihnachten hat er auch sein eigenes Skateboard.“ Worte, die Skate-Lehrer Trebs gefallen. „Spaß am Skaten“ sei ihm zufolge das Wichtigste.
Montessori-Schule größter Kooperationspartner
Bisher werden die Workshops vor allem von Schülern der am Heizhaus angrenzenden Montessori-Schule in Grünau genutzt. Die Skate-Kurse werden dort als alternatives Ganztagesbetreuungsprogramm in den Schulalltag integriert. Die Montessori-Schule hatte das Heizhaus schon länger beobachtet und ist mit der Zusammenarbeit zufrieden. Denn „das Heizhaus arbeitet trendbewusst und nah an den Interessen der Jugendlichen.“ sagt Frau Wagner, die für die Kooperation zuständige Lehrerin an der Montessori-Schule. „Trotzdem arbeiten die Betreuer pflichtbewusst und erfüllen die nötige Vorbildfunktion für die Schüler“, so Wagner weiter.
Deswegen wurde die Kooperation mit dem Heizhaus auch auf Tanz- und Graffitikurse ausgeweitet. Das Jugendamt der Stadt Leipzig bewertet diese Art der Zusammenarbeit „sehr positiv“ und hält sie für „gewinnbringend für beide Seiten“.
Freundschaften entstehen
Elke Lagarowski vom Jugendamt der Stadt Leipzig hält das Heizhaus für einen „großen Gewinn“ für den Stadtteil Grünau. Da es die einzige große Skatehalle in Leipzig ist, kommen „dadurch auch Nutzer aus anderen Stadtteilen nach Grünau“. Dadurch entstehen „Kontakte und Freundschaften“, so Lagarowski weiter. Um diese Entwicklung zu fördern, hat der Jugendhilfeausschuss der Stadt Leipzig dem Heizhaus für das Jahr 2011 eine finanzielle Förderung in Höhe von rund 8000 Euro zur Unterstützung der Angebote und Workshops im Heizhaus zugesichert. Auch im kommenden Jahr soll laut Lagarowski eine „kleine Fördersumme“ fließen. Auf solche Fördersummen ist der Verein „urban souls“ laut seinem Vorsitzenden Sven Bielig angewiesen, um die anfallenden Kosten des Heizhauses decken zu können. Deswegen freue er sich über jegliche Spende und Förderung, die er dazu einsetzen wolle, die Kurse und Workshops des Heizhauses auch zukünftig anbieten zu können.

