Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker (2008): Journalistische Recherche im Internet. Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online

Am 23. Juni 2008 ist das 412 Seiten lange Buch "Journalistische Recherche im Internet. Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online" von Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker, unter Mitarbeit von Johannes R. Gerstner im Vistas Verlag erschienen (Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen, Band 60).

Die Mehrmethodenstudie "Journalistische Recherche im Internet" liefert Erkenntnisse über die Einbindung von Online-Recherchierverfahren in den Gesamtrechercheprozess von Journalistinnen und Journalisten. Dabei wird offensichtlich, wie Journalisten das Internet im Allgemeinen und Suchmaschinen im Speziellen verwenden und bewerten sowie wie ihre Suchmaschinenkompetenz ausgeprägt ist. Mit 235 beobachteten Journalisten, vier einbezogenen Mediensparten und 34 Medienangeboten, 30.057 beobachteten Handlungsschritten sowie einer Gesamtbeobachtungszeit von 1.951:56 Stunden kann die vorliegende Untersuchung als umfangreichste deutsche Beobachtungsstudie sowohl zum journalistischen Handeln allgemein als auch speziell zur journalistischen Recherche gelten. Hinzu kommen eine schriftliche Befragung von 601 Journalisten und die Teilnahme von 48 Journalisten an einem Experiment. Folgende Kernergebnisse lassen sich festhalten:

1. Die Beobachtung hat gezeigt, dass Recherchetätigkeiten etwas weniger als die Hälfte der Arbeitszeit einnehmen. Computergestützte Recherchemittel haben bezogen auf die Häufigkeit der Nutzung einen größeren Anteil als nicht computergestützte Recherchemittel. Umgekehrt nehmen die klassischen Recherchemittel einen größeren Anteil an der Recherchedauer ein. Online und Offline sind also im Redaktionsalltag in etwa gleichberechtigt. Jedoch: Eine Überprüfungsrecherche findet kaum noch statt. Das Telefon ist nach wie vor das wichtigste Recherchemittel. Suchmaschinen, insbesondere Google, dominieren bei der Ermittlung von Zusatzquellen und haben damit einen entscheidenden Einfluss auf den gesamten Rechercheverlauf.

2. Die Befragung ergab eine hohe Konzentration journalistischer Aufmerksamkeit auf nur wenige, ausgewählte Internetangebote: Es fällt auf, dass sich unter den zehn wichtigsten Internet-Angeboten neben den zwei Suchmaschinen Google und Yahoo sowie der Online-Enzyklopädie Wikipedia nur journalistische Onlineangebote befinden und nicht etwa Primärquellen wie Ministerien, Verwaltungen oder Unternehmen. Der hohe Wert bei der Nutzung von Onlineangeboten redaktioneller Medien zeugt davon, dass die Selbstreferentialität im Journalismus, der Bezug eigener Berichterstattung auf bereits Berichtetes, nicht nur eine abstrakte Gefahr ist, sondern an konkreten Zahlen ablesbar wird. In der Suchmaschinennutzung hat Google auch bei Journalisten ein Monopol; weitere Suchmaschinen werden kaum noch genutzt. Die Befragten zeigten eine pragmatische Einstellung gegenüber dem Internet und Suchmaschinen als journalistische Recherchemittel, auch wenn sie sich möglicher Probleme bewusst sind.

3. Das Suchmaschinenexperiment offenbarte einen mittelmäßigen Rechercheerfolg der teilnehmenden Journalisten. Die erfolgreichsten Probanden verfolgten eine Suchstrategie, die sich als Recherche in die Tiefe interpretieren lässt: Die Suchanfragen dieser Probanden waren vor der Eingabe in die Suchmaschine gut durchdacht. Sie benötigten dann weniger Selektionsaktionen (wenige Suchanfragen, wenige Zielseiten und wenige weiterführende Webseiten). Demgegenüber lässt sich das Suchverhalten der erfolglosesten Probanden als Recherche in die Breite bezeichnen. Diese Probanden führten viele Selektionsaktionen aus, insbesondere schickten sie viele Suchanfragen ab und klickten viele Zielseiten an. Auch blätterten sie stärker in der Ergebnisliste und surften insgesamt häufiger auf weiterführenden Seiten. Die semantische Analyse der Suchanfragen ergab, dass die erfolglosesten Sucher häufig allgemeine bzw. indirekte Suchbegriffe verwendeten, die die gesuchte Information nicht präzise genug umschrieben. Die Wahl der Suchbegriffe erfolgte unreflektierter und die Probanden verwendeten weniger Suchoperatoren. Die Ergebnisse deuten ferner darauf hin, dass für eine höhere Recherchekompetenz mit Suchmaschinen nicht der Ausbildungsweg über Volontariat oder Journalistikstudium entscheidend war, sondern zusätzliche Weiterbildungsangebote während des Berufs. In der Gruppe der erfolgreichsten Versuchsteilnehmer haben fast die Hälfte entsprechende Angebote besucht, in den beiden anderen Gruppen nur jeweils etwa ein Viertel.

Insgesamt binden Journalisten das Internet in ihre Recherchearbeit sehr differenziert ein. Von einer dominierenden Internetrecherche kann nicht gesprochen werden. Vielmehr gewinnt das Internet gegenüber den klassischen Recherchemitteln vor allem dort an Bedeutung, wo es Rechercheaufgaben effizienter erledigen hilft und neue Möglichkeiten eröffnet. Computergestützte Recherche ergänzt, aber verdrängt damit nicht die klassische Recherche. Journalisten nutzen verschiedene Recherchemittel, plumpes „Anfüttern“ über eine einzige Recherchequellenart war nicht zu beobachten. Zwei unbequeme Wahrheiten sollten allerdings nicht vergessen werden: Überprüfen – eine Grundtugend der journalistischen Recherche – findet nur noch eingeschränkt statt. Und: Das Rechercheverhalten in der digitalen Medienwelt verstärkt den Hang zur Selbstreferentialität im Journalismus, da computergestützte Recherchemittel Journalisten zuallererst zu den Produkten ihrer Kollegen führen – und nicht zu selbst recherchierten Primärquellen.

Bibliographische Angaben:

Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker, unter Mitarbeit von Johannes R. Gerstner

Journalistische Recherche im Internet
Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online

 

Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen, Band 60

Vistas Verlag, Berlin

412 S., 127 Abbildungen/Tabellen, DIN A5, 2008

ISBN: 3-89158-480-4, Preis: 23,00 Euro

 

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