Forschungs- und Dokumentationsprojekt: 20 Jahre Medienfreiheit in Ostdeutschland – Medienpolitik, Mediensystem und Journalismus in den neuen Ländern

Anlässlich des 20. Jahrestags der Deutschen Einheit analysierte der Lehrstuhl für Journalistik II die Entwicklung der freien Medien in den neuen Bundesländern seit dem Mauerfall. Eine wissenschaftliche Dokumentation der Medienfreiheit nach der Wende erschien um so wichtiger, da bis zu dem damaligen Zeitpunkt keine umfassenden Übersicht zu diesem medienpolitisch wie gesellschaftlich relevanten Thema vorlag. Dementsprechend war auch eine Reflexion der Erfolge – aber auch der verpassten Chancen bei der Etablierung eines freien Mediensystems in Ostdeutschland 20 Jahre nach der politischen Wende – lediglich in Ansätzen vorhanden.

Die Massenmedien waren Teil und Wegbereiter der friedlichen Revolution im Herbst 1989 in Ostdeutschland. Exemplarisch zeigen dies die beeindruckenden Bilder von den Montagsdemonstrationen in Leipzig, aus der westdeutschen Botschaft in Prag und der Öffnung der Berliner Mauer. Bereits vorher waren die Massenmedien Motor und Begleiter des gesellschaftlichen und politischen Wandels in Ostdeutschland. Große Teile der DDR-Bevölkerung empfingen neben den staatlich kontrollierten Medien auch die bundesdeutschen freien Hörfunk- und Fernsehsender.

Nach dem politischen und gesellschaftlichen Umbruch 1989/90 fand in Ostdeutschland auch eine fundamentale Neuordnung des Mediensystems statt. Zum ersten Mal seit sechs Jahrzehnten gab es wieder freie und unabhängige Medien. Im Bereich des Rundfunks legten u.a. der Einigungsvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR und der Staatsvertrag über den Rundfunk im Vereinten Deutschland die Grundlagen. Mit der Wiedervereinigung wurden der staatliche "Deutsche Fernsehfunk" und der "Rundfunk der DDR" bis Ende 1991 abgewickelt bzw. überführt. Es entstanden zwei neue öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten: der Mitteldeutsche Rundfunk in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen sowie der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg; Mecklenburg-Vorpommern schloss sich dem Norddeutschen Rundfunk an.

Neuordnung des Rundfunks in Ostdeutschland

Daneben etablierten sich auch in Ostdeutschland zahlreiche private Hörfunk- und Fernsehsender, deren Aufsicht den neu gegründeten Landesmedienanstalten als unabhängige Anstalten öffentlichen Rechts obliegt. Die Medienanstalt Sachsen-Anhalt (MSA), die Sächsische Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM), die Thüringer Landesmedienanstalt (TLM), die Landesrundfunkzentrale Mecklenburg-Vorpommern (LRZ) und die Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) nehmen die öffentliche Aufgabe der Sicherung der Meinungsvielfalt im privaten Rundfunk ein.

Radikale Umbrüche gab es auch im Printsektor: Wurden vor der Wende 17 der 39 Tageszeitungen direkt von der SED herausgegeben und der Rest von SED-nahen Massenorganisationen und Blockparteien, drängten bald nach der Wende westdeutsche Blätter auf den ostdeutschen Markt, wurden neue Zeitungen gegründet (etwa von Bürgerbewegungen) oder Kooperationen zwischen ost- und westdeutschen Verlagen geschlossen. Einige Journalisten wurden bei den alten Zeitungen ausgetauscht. Nach der Wiedervereinigung setzte eine starke Pressekonzentration ein, wofür besonders die Verkaufspolitik der für die Abwicklung des DDR-Volkseigentums zuständigen Treuhandanstalt verantwortlich gemacht wird. Die ostdeutsche Presselandschaft wurde so schon bald von den ehemaligen SED-Bezirkszeitungen in den Händen westdeutscher Verlage dominiert.

Entwicklung des Mediensystems in Ostdeutschland

2010 jährte sich nicht nur der Jahrestag der Wiedervereinigung zum 20. Mal, sondern es ließ sich zugleich auf zwei Jahrzehnte freie Medien in Ostdeutschland zurückblicken. Das Dokumentations- und Forschungsprojekt "20 Jahre Medienfreiheit in Ostdeutschland" bilanzierte die Entwicklung der Massenmedien in den neuen Ländern, beschrieb den Status quo und gab einen Ausblick auf die Zukunft. Im Mittelpunkt stand die bis dato nur in Bruchstücken vorhandene Dokumentation der zwanzigjährigen Entwicklung des freien Mediensystems in den neuen Ländern. In diesem Rahmen behandelte der Lehrstuhl für Journalistik II die nachfolgenden Themen:

Thema 0: Die Rolle der Medien während der Wende 1989/90

Thema 1: Medienpolitik und -regulierung

Thema 2: Privates Fernsehen (Aufbau, Entwicklung, Strukturen, Formen, Programmangebote, wirtschaftliche Grundlagen, Nutzung und publizistische Bedeutung)

Thema 3: Privater Hörfunk (Aufbau, Entwicklung, Strukturen, Formen, Programmangebote, wirtschaftliche Grundlagen, Nutzung und publizistische Bedeutung)

Thema 4: Öffentlich-rechtlicher Rundfunk (Aufbau, Entwicklung, Strukturen, Formen, Programmangebote, wirtschaftliche Grundlagen, Nutzung und publizistische Bedeutung)

Thema 5: Medienkompetenz sowie Bürger- und Ausbildungsmedien

Thema 6: Filmwirtschaftliche Produktionsunternehmen und Filmförderung

Thema 7: Presse und Verlage (insbesondere Zeitungen und Zeitschriften: Aufbau, Entwicklung, Strukturen, Formen, Angebote, wirtschaftliche Grundlagen, Nutzung und publizistische Bedeutung)

Thema 8: Bedeutung des Internets (Angebote, Internetstrategien der Rundfunkanbieter und der Presse, Verbreitung, Nutzung)

Thema 9: Journalisten

Erstes Überblickswerk zum ostdeutschen Mediensystem

Als Methode kamen neben intensiver Dokumentenauswertung mehrere Hundert Recherche- und Leitfadeninterviews mit Verantwortlichen in den Medienorganisationen und Zeitzeugen und andererseits eine intensive Auswertung von Dokumenten und Archiven zur Anwendung. Je nach Thema wurden auch Sekundäranalysen von Daten einbezogen.

Die Ergebnisse wurden zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit in Buchform veröffentlicht. Damit liegt zum ersten Mal ein umfassendes Überblickswerk zum ostdeutschen Mediensystem vor, das auf Basis der kritischen Analyse der Entwicklung des ostdeutschen Mediensystems auch Handlungsempfehlungen für Medienpolitik, Medienregulierung und Medienunternehmen gibt. Die Publikation richtet sich an Wissenschaftler, Medienpolitiker, Medienverantwortliche, Studierende, Schüler, Pädagogen, Bildungsträger und interessierte Bürger.

Projektleitung und Kontakt

Prof. Dr. Marcel MachillDipl.-Medienwiss. Markus Beiler und Dipl.-Journ. Johannes R. Gerstner

Projektmitarbeiter

Melanie Beck, Melanie Brühler, Robert Büssow, Marie-Christin Buntrock, Anja Datan, Tobias Drews, Eva Eismann, Jenny Feikert, Bettina Friedrich, Kristin Hansen, Inga Hoff, Anne Holzschuh, Frank Hommel, Christian Ippach, Anne-Kathrin Jeschke, Birte Knäpper, Constanze Kretzschmar, Jürn Kruse, Victoria Lewandowski, Stephan Lohse, Katja Mannteufel, Ilka Marten, Hagen Mikulas, Melain Müller, Maike Neupert, Teresa Peters, Jana Rehse, Regine Reibling, Julia Reinard, Claudia Reiser, Juliane Richter, Johannes Schiller, Nadja Storz, Heike Trautloff, Rosa Mareike Wiemann, Tobias Winzer

 


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