Narrativität in Fernsehnachrichten

Als menschheitsgeschichtlich sehr tradierte und sehr gut überlieferte Form des Kommunizierens (zurückgehend bis zu Höhlenmalereien, Mythen, Gesängen, Balladen etc.) kann das Erzählen von Geschichten, das „Storytelling“ angesehen werden, zu unterscheiden von anderen Mitteilungsweisen (oder, unter journalistischem Aspekt: Darstellungsarten) wie beispielsweise dem Melden von Nachrichten, dem Kundtun und Begründen von Meinungen oder dem nutzwertorientierten Ratgeben. Die große Bandbreite der Wirkungen des Geschichtenerzählens wird in der deutschen Umgangssprache der Gegenwart deutlich: Wenn wir etwas sehr Wichtiges ganz genau wissen wollen, können wir sagen: „Bitte erzähle mir jetzt die ganze Geschichte!“.

Andererseits mögen wir, wenn wir etwas gar nicht glauben können oder wollen, ausrufen: „Erzähl’ mir bloß keine Geschichten!“. Geschichten scheinen also Verschiedenes zu vermögen und jedenfalls vergleichsweise wirksam zu sein. Den Möglichkeiten und Grenzen des Erzählens von Geschichten, des „Storytelling“ insbesondere als journalistischer Hauptklasse widme ich mich in meinen Forschungen mit einem vor allem phänomenologisch-aufschließenden, hermeneutisch-textkritischen Ansatz. Normativer Rahmen dafür ist gelingende gesellschaftliche Kommunikation als eine wichtige Bedingung zukunftsfähiger, globaler und intergenerationeller Entwicklungen der Menschen und ihrer Mitwelten.

Denn bei der Qualitätsbeurteilung massenmedialer und insbesondere journalistischer Produkte bestimmen sich wichtige Bedürfnisse nicht allein aus vorfindbaren subjektiven Interessen der Individuen als privater Konsumenten, sondern aus der Verfassung ihres politischen Zusammenhanges als Bürger einer demokratischen und sozialen Gesellschaft, wie es beispielsweise Artikel 20, Absatz 1 des deutschen Grundgesetzes bestimmt.

Personalisierung wichtiger dramaturgischer Aspekt

Weder die (mehr inhaltlichen) Konvergenz- noch die (eher auf die Formen bezogenen) Infotainmentdebatten in den Kommunikations- und Medienwissenschaften widmen sich bisher ausführlich den Fragen, ob, inwiefern und mit welchen Auswirkungen Fernsehnachrichten zunehmend in narrativer Darstellungsart vermitteln. Im Unterschied (nicht im Gegensatz) insbesondere zur nachrichtlichen Darstellungsart sei die narrative Darstellungsart für den Fernsehjournalismus vorläufig wie folgt bestimmt: TV-Journalistische Angebote in narrativer Darstellungsart sind audiovisuelle, nicht-fiktionale Botschaften, die im Unterschied zur nachrichtlichen Darstellungsart nicht das Wichtigste (des Ereignisses) als Ergebnis am Anfang vermitteln und deswegen auch nicht (ohne Weiteres) von hinten kürzbar sind.

Das als Referenz dienende, meist relativ komplexe Mitwelt-Geschehen wird vielmehr nicht nur als nachrichtliches „Ereignis“ (re-)konstruiert, sondern als „Geschichte“ aus der Sicht einer (nicht immer expliziten, jedenfalls durch Perspektivierung und Positionierung charakterisierbaren) Textperson als „Erzähler“ so präsentiert, dass eine kausal-chronologische Dramaturgie entfaltet werden kann. Wichtige dramaturgische Aspekte sind zunächst Personalisierung und Konfliktorientierung (die Hauptfigur steht typischerweise vor einem Problem, hier wirken häufig – und in der Regel deutlich – Emotionalisierung und Visualität mit), im Verlauf der Geschichte dann auch (bezogen auf die Hauptfigur und ihre Herausforderung) Entwicklung (Zuspitzung), Auflösung (Höhepunkt) sowie Ausblick (Abklingen).

Perspektive als Kritik am Narrativismus

Die hier entwickelte Perspektive soll eine Kritik gegenüber „Narrativismus“ vor allem im kriegs- und krisenbezogenen TV-Journalismus ermöglichen: Dass Fernsehen vor allem als Geschichten erzählendes Medium Massen erreicht und ergreift, scheint bekannt ([1]). Problematisch im Sinne überziehenden Vereinseitigens wird diese Tendenz in Bezug auf gesellschaftlich mögliche und nötige Informationen gerade im Fernsehen und den dortigen Nachrichten.

Sobald nicht nur Geschichten NEBEN Meldungen und Berichten, neben Interviews, Kommentaren, Dokumentationen etc. in möglichster „externer“ (was das sonstige Geschehen betrifft) und „interner“ (was das geschichtsträchtige Geschehen selbst angeht) Vielfalt der wechselnden Inhalte, Perspektiven und Darstellungsformen vermittelt werden - sondern eine nicht mehr bloß narrative, sondern zugespitzt und verselbständigt narrativistische Darbietung viele andere Aspekte des Geschehens und der damit verbundenen „Weltbilder“ zumindest an die Ränder drängt und damit in der Tendenz ausschließend wirken könnte.

 

[1] Siehe im deutschen Kontext unter anderem Ansätze von Knut Hickethier und Dietrich Leder. Vergleiche auch meine Arbeiten KÖHLER 2003, 2004, 2005, 2005a, 2005b und 2006.

 

Ansprechpartner: Dr. Sebastian Köhler


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