Die Aufregung war groß genug damals, Anfang Oktober 2007 gegen 9.00 Uhr. Knapp 60 angehende Studenten und Studentinnen der Kunstpädagogik saßen in der Einführungsveranstaltung in ihrem zukünftigen Institut in der Ritterstraße. Module, Wahlpflichtstunden, Schlüsselqualifikationen, Vorlesungszeiten. Eine Flut an Informationen prasselte auf sie nieder – und sie ertrugen es geduldig. „Nach fast sechs Stunden brach dann aber das reinste Chaos los“, sagt die 24-Jährige Claudia Bothe. Um in die jeweils vorgesehenen Veranstaltungen zu kommen, mussten sich die Studienanfänger wie vor Jahrzehnten in Listen eintragen. „Alle stürzten nach vorne, die Ellenbogen wurden ausgepackt. So habe ich mir meinen Studienbeginn nicht vorgestellt“, erinnert sich Bothe. Zu wenig Listen, zu wenig Seminare, zu wenig Planung. Bis zu 40 Studenten standen plötzlich in Seminaren, die nur für 15 vorgesehen waren.
Ungeeignete Software
Genau dieses Chaos sollte vermieden werden. Für eine reibungslose Studienorganisation, besonders aber für eine studentenfreundliche Online-Einschreibung in Lehrveranstaltungen, erwarb die Universität Leipzig das Programm Lehre-Studium-Forschung (LSF) von der Firma Hochschul-Informations-System GmbH (HIS). Zum Wintersemester 2006/07 sollte LSF starten, alle Leipziger Studenten wussten das, erhielten sie doch kurz zuvor einen blauen Brief, der sie auf die elektronische Revolution vorbereiten sollte. Nur funktionierte zu diesem Zeitpunkt fast nichts. „Eigentlich waren nur die Vorlesungsverzeichnisse verfügbar, an eine Online-Einschreibung war nicht zu denken“, erklärt Christin Melcher vom Studentenrat (Stura).
Mühsame Übergangslösung
Auch Thomas Gogolok, ehemaliger LSF-Projektkoordinator der Uni, waren die Defizite von HIS-LSF bekannt. „Die Uni hätte den Start um ein Jahr verschieben und sich nach einem anderen Projektpartner umsehen müssen“, erklärt er. Um die institutsübergreifende Einschreibung einigermaßen zu bewältigen, wurde ein eigenes Programm entwickelt, das „Tool“. Als Dauerlösung kann die Software derzeit aber nicht dienen. Die Daten müssen noch mühevoll per Hand eingegeben werden.
Unseriöses Angebot
Fast zwei Jahre später: Sommer 2008. Das Projekt HIS-LSF ist für die Universität Leipzig nach endlosem Hinauszögern nun endgültig gestorben. Mit dem Projekt hat die Uni mindestens 150.000 Euro in den Sand gesetzt. „Wir gehen eher von etwa 400.000 Euro aus. Geld, das jetzt an anderen Stellen fehlt“, sagt Stura-Sprecherin Christin Melcher. „Die Schuld lag auf beiden Seiten“, sagt Prof. Dr. Wolfgang Fach, Prorektor für Lehre und Forschung. Das Angebot von HIS sei nicht seriös gewesen, aber auch die Uni habe ihren Teil zum Scheitern beigetragen: „Wir waren wohl zu blauäugig“, so Fach. Deutlicher wird dagegen Thomas Gogolok. „Ich habe gebetsmühlenartig die Risiken gepredigt, aber die Unfähigkeit, insbesondere des Kanzlers Dr. Nolden, war erschreckend.“
„Was können wir daraus lernen?“
„Man soll aufhören, die Schuld anderen zuzuschieben“, antwortet Kanzler Nolden. „Ich will Thomas Gogolok keine Unfähigkeit unterstellen“, fügt Nolden an, „aber es war Gogolok, der sich um den Job bewarb, LSF an der Uni Leipzig einzuführen.“ Überhaupt sei das Projekt weder gescheitert, noch habe man Geld in den Sand gesetzt, da die Wirtschaftswissenschaften die Software LSF auch heute noch mit Erfolg nutzen würden. Nolden hält im Allgemeinen nicht viel davon, in der Kiste der Vergangenheit zu kramen. „Wir wollten damals zu viel auf einmal: Umstellung aller Studiengänge inklusive der Studien- und Prüfungsordnungen und darüber hinaus ein zentrales Studienplanungssystem.“ Es seien zu viele interne wie externe Veränderungen im Zuge des Bolognaprozesses auf die Uni zugekommen, die man hätte Schritt für Schritt bewältigen müssen. Für den Kanzler ist der Blick nach vorne entscheidend: „Wir müssen uns die Frage stellen, was wir daraus lernen und besser machen können.“
Leipziger Modell zu komplex
Sven Lübbe, bei HIS zuständig für die LSF-Software, schaut dennoch zurück und sieht das Hauptproblem für das Scheitern von LSF in einem Kommunikationsdefizit. „Die Uni hat uns einfach nicht richtig vermittelt, was sie genau will“, erklärt er. Leipzig habe sehr individuelle Anforderungen an die Software gestellt. Das Leipziger Bachelor-Modell mutet wahrlich komplex an. Neben dem Kernfach kann der Student aus diversen Wahlbereichen und Schlüsselqualifikationen wählen – und das instituts- und fächerübergreifend. „An sich ist das System schon positiv, weil die Studenten somit viel mehr Möglichkeiten haben, ihr Studium selbst zu gestalten, es ist dann nicht so verschult“, erläutert Christin Melcher die Vorteile des Leipziger Entwurfs.
LSF – eine Software für alte Studiengänge?
Doch die vielen Wahlmöglichkeiten haben LSF überfordert. Das sieht zumindest Gogolok so: „Die Software LSF ist untauglich gewesen für die Umsetzung der für den BA/MA-Prozess notwendigen Funktionen, das lag vor allem am Datenmodell. Es ist eben eine Software, die für die alten Diplom- und Magisterstudiengänge geschrieben wurde.“ War das so? Hat HIS der Uni eine Software verkauft, die vom Start weg nicht geeignet war? Sven Lübbe, der LSF-Beauftragte der Hannoverschen Firma, weist diese Vorwürfe zurück und zeigt auf die Sporthochschule Köln und die Universität in Freiburg, welche mit Hilfe von LSF die neuen modularisierten Studiengänge koordinieren.
Lübbe verweist ebenfalls auf den speziellen Charakter der Studiengänge: „Das Problem in Leipzig: Das sehr eigene Modell mit den verschränkten, institutsübergreifenden Studiengängen. Leipzig ist da einfach zu weit vom Standard abgewichen.“ Es scheint fast so als gäbe es keine Software für die neuen Studienordnungen der Uni, als müsse sich die Hochschule den gegebenen Grenzen der Softwareentwicklung beugen und seine Bachelor-Studiengänge ändern.
Listenchaos endet frühestens in zwei Jahren
Dass doch irgendwann ein System installiert wird, welches dem Leipziger Modell gewachsen ist, davon ist Prorektor Fach überzeugt. Doch bis dahin werden noch viele Einschreibungen und Prüfungsanmeldungen mit Zettel und Stift durchgeführt werden müssen: Frühestens in zwei Jahren soll ein alle Funktionen abdeckendes Studienplanungssystem stehen. „Zwischen 1,5 und zwei Millionen Euro“, überschlägt Fach die Kosten für das neue Projekt. Er hofft diese Summe vom Freistaat Sachsen zu bekommen, weiß aber auch, dass diese Perspektive unwahrscheinlich ist. „Dann müssen wir im eigenen Haushalt umschichten – das Geld wird auf jeden Fall zur Verfügung stehen.“
Noch keine neue Ausschreibung
Die Prognose Fachs nennt Gogolok sehr pessimistisch und fügt an, dass dies den geringen Stellenwert zeige, den dieses Projekt in der Uni Leipzig inne habe. Im Frühjahr hätte eine neue Ausschreibung stattfinden sollen, doch im Moment scheint niemand geeignet oder gewillt, eine solche auf den Weg zu bringen. Dieses Problem sieht Mario Thurm, der systemtechnische Betreuer der Übergangssoftware „Tool“, während des gesamten Projekts: „Es fühlt sich hier an der Uni keiner so richtig verantwortlich und nimmt mal das Heft in die Hand. Daran hat es bisher gehapert und tut es auch jetzt noch“, klagt Thurm und fügt an: „Mir ist keine feste Projektgruppe bekannt, die sich damit befasst.“
Neuer Zeitplan bereits in Verzug
Die Anforderungen an das Programm sind vielfältig: nicht nur Einschreibung, auch Stundenpläne, Prüfungsanmeldungen, Scheine, Bescheinigungen, Noten und Raumbelegungen sollten über eine Plattform koordiniert und geplant werden. Diese Komplexität lässt auch den StuRa daran zweifeln, dass nach der verpassen Ausschreibung, der neue Zweijahreszeitplan eingehalten wird. Aus Sicht der beiden StuRa-Mitglieder Johanna Völker und Christin Melcher wäre es ohnehin sinnvoller, das „Tool“ mit dem Geld auszubauen, das für ein neues System zur Verfügung gestellt werden soll.
Egal wie es kommt, bis zum Herbst wird kein neues universitätsweites Studienplanungssystem online sein. „Zum Wintersemester starten sehr viele Masterstudiengänge“, sagt Völker, „auf das Chaos bin ich gespannt.“ Bei den Kunstpädagogen funktionierte die Onlineeinschreibung in diesem Semester über ein eigenes System. So kann wenigstens Claudia Bothe für den Rest ihres Studiums auf Bleistift und Ellenbogen verzichten.
Mehr zum Thema:
Uncover zur Geschäftbeziehung zwischen Kanzler Dr. Nolden und der HIS GmbH: http://www.uni-leipzig.de/journalistik2/uncover/startseite/artikel/anzeigen/eine-ungewoehnliche-geschaeftsbeziehung/
Webpräsenz der Hochschul-Informations-System GmbH.: www.his.de


