
11. Tafel des Gilgamesch-Epos,
Kopie von Andrew George

Keilschrifttafeln aus Mesopotamien,
ca. 2000 v. Chr.

Keilschrifttafeln aus Mesopotamien,
ca. 2000 v. Chr.

»Ishtar trommelt«, 2005, Reinhard Minkewitz, Kohle und Tusche auf
Japanpapier,
965 x 630 mm

»Enkidu wittert Shamhat«, 2005, Reinhard Minkewitz, Öl auf Leinwand,
900 x 1700 mm

»Die Gefährten«, nach der Rekonstruktion der Skyllagruppe durch
Andreae und Bertolin, 2005, Reinhard Minkewitz, Öl auf Leinwand, 1700 x
1400 mm
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Der Ursprung der Schrift
Die Suche nach den Ursprüngen unserer modernen Kultur
führt in den alten Orient, den Geburtsort der Schrift:
Dort entstanden zum Ende des vierten vorchristlichen Jahrtausends
die ältesten uns bekannten Texte der Welt, in Keilschrift
mit Griffeln aus Schilfrohr in feuchten Ton geschrieben.
Diese Schriftform entwickelte sich im Laufe der Zeit von
Piktogrammen zu immer stärker abstrahierten Zeichen,
die sich aus Keilen zusammensetzten. Sie wurde über
Jahrtausende weitertradiert, bis sie im Verlauf des ersten
vorchristlichen Jahrtausends zugunsten von Alphabetschriften
aufgegeben wurde.
Zunächst handelte es sich bei den niedergeschriebenen
Texten hauptsächlich um kurze Verwaltungsnotizen, und
erst ab der Mitte des dritten vorchristlichen Jahrtausends
sind Königsinschriften und erste literarische Texte
bekannt. Die insgesamt bisher publizierten Keilschrifttexte
mit grob geschätzt ca. 12.000.000 Worten umfassen beinahe
jegliche vorstellbare Textgattung: Schriften aus den Bereichen
Politik, Verwaltung, Recht, Lehre und Wissenschaft (u.a.
Medizin, Mathematik und Astronomie), aber auch poetische,
religiöse und magische Texte, wie Ritualanweisungen,
Beschwörungen und Gebete sowie „Literatur im engeren
Sinn“, z.B. Mythen und Epen, Hymnen und Klagelieder.
Hauptschriftträger für die Keilschriftliteratur
war Ton, allerdings gibt es auch Inschriften in Stein, Elfenbein,
Metall und Glas. Außerdem wurden zusammenklappbare
Holz- und Elfenbeintafeln gefunden, die mit einer dünnen
Schicht Bienenwachs bedeckt waren und mehrfach beschrieben
werden konnten.
Eines der ältesten literarischen Werke der Menschheit
Das babylonische Gilgamesch-Epos entstand im 3. Jahrtausend
vor Christus. Es ist ein aus 12 Tontafeln bestehender Zyklus,
der seit dem 19. Jahrhundert in mühevoller wissenschaftlicher
Arbeit aus Bruchstücken wiedergewonnen wurde. In den
vergangenen 130 Jahren brachten Ausgrabungen im Vorderen
Orient neue Textfragmente hervor, welche die Lücken
im Text zu schließen halfen. Doch noch immer ist das
Epos ein Torso: Die neueste wissenschaftliche Edition von
Andrew George aus dem Jahr 2003 enthält nur rund ein
Drittel der ursprünglich 3300 Verse der jüngsten,
im I. Jahrtausend v. Chr. entstandenen Version. Allerdings
kennt man heute auch bis zu 1000 Jahre ältere Versionen
des Epentextes in babylonischer, sumerischer und hethitischer
Sprache, die helfen, fehlende Passagen der jüngeren
Version zu füllen.
Das Gilgamesch-Epos liefert ein beeindruckendes Zeugnis
von den elementaren Problemen, gesellschaftlichen Strukturen
und der Denkweise der Menschen im Zweistromland vor ca. viertausend
Jahren. Die Erzählung berührt aber auch Grundfragen
des menschlichen Daseins, wie Kampf und Freundschaft, Liebe
und Tod. Das Epos rankt sich um den sagenhaften Gilgamesch,
König von Uruk, der nach zahlreichen Abenteuern und
leidvollen Erfahrungen die Fähigkeit erwirbt, seinem
Volk ein guter Herrscher zu sein. Der junge König will
seine Kräfte mit der ganzen Welt messen. Die Götter
beschließen, ihm einen im Kampf ebenbürtigen Gegner
zu erschaffen - einen in der Steppe lebenden Wildmenschen
Namens Enkidu. Ein Zweikampf zwischen Gilgamesch und Enkidu
endet mit der Erkenntnis beiderseitiger Kräftegleichheit
und aus der Rivalität entwickelt sich Freundschaft.
Gemeinsam bestehen sie Abenteuer und bezwingen Ungeheuer.
Doch die Götter verurteilen Enkidu zum Tod - er wird
krank und stirbt. Gilgamesch, verzweifelt über den Tod
seines Freundes, verlässt Uruk und macht sich auf die
Suche nach Uta-napischti – einem Menschen, dem es gelang,
unsterblich und ein Gott zu werden. Uta-napischti erzählt
von der göttergewollten Sintflut, die die Menschheit
auslöschen sollte. Durch den Bau eines Schiffes überlebte
er und erlangte nachträglich die Unsterblichkeit. Nach
vielen weiteren Prüfungen stellt sich heraus, dass es
für Gilgamesch unmöglich ist, unsterblich zu werden.
So kehrt er, zu Einsicht und Weisheit gelangt, nach Uruk
zurück und widmet sich seinen Aufgaben als König.
Das Gilgamesch-Epos ist einem modernen Entwicklungsroman
vergleichbar, der von den Grundfragen des menschlichen Daseins
handelt.
Gilgamesch - Meilenstein der Forschung
Die neuzeitliche Geschichte des Gilgameschepos beginnt 1857:
In diesem Jahr wurde die Keilschrift entziffert, so dass
es endlich möglich wurde, die in den Jahren zuvor aus
Ninive nach London gelangten Texte zu lesen. 1863 wurde der
Autodidakt George Smith Assistent am British Museum. Smith
arbeitete an den Ninivitischen Tafeln und entdeckte in der
11. Tafel des Gilgamesch-Epos Fragmente eines Flutberichtes,
den er inhaltlich mit der biblischen Sintflut in Verbindung
brachte. 1872 berichtete Smith erstmals bei der Society of
Biblical Archaeology öffentlich über seine Entdeckung.
Dies erregte einen Sturm der Begeisterung, meinte man nun
den Ursprüngen der biblischen Texte nahe zu kommen.
Nachdem der Daily Telegraph einen Fond zur Auffindung der „fehlenden
Stücke“ des Textes ausgesetzt hatte, konnte Smith
1873 und 1874 auf zwei Grabungen weitere Fragmente des Epos
finden.
In den nachfolgenden Jahren machte die Identifikation der
Textabschnitte solche Fortschritte, dass sie 1884/91 erstmals
im Zusammenhang veröffentlicht werden konnten. Im Jahre
1900 wurde das Epos von Jensen erstmals vollständig
transkribiert und übersetzt herausgegeben. Damit war
eine Grundlage für die inhaltliche und traditionsgeschichtliche
Erforschung gegeben.
Gilgamesch-Rezeption in der modernen Kunst
Seit seiner Entdeckung im späten 19. Jahrhundert hat
der mesopotamische Gilgamesch-Mythos nicht nur seine Leser
in den Bann geschlagen, sondern darüber hinaus immer
wieder Maler und Bildhauer zu bildnerischen Auseinandersetzungen
inspiriert. Angeregt durch eine archaische Bildwelt und Charaktere
voll urtümlicher Direktheit schufen die Künstler
zeitgenössische Evokationen, die jeweils unterschiedliche
Aspekte der Erzählung hervorhoben. Die Rezeption des
Stoffes in der zeitgenössischen Kunst macht deutlich,
wie aktuell die Kerninhalte des Mythos auch heute noch sind.
Nachdem sich in der Vergangenheit unter anderem Josef Hegenbarth
(1884-1962) und Willi Baumeister (1889-1955) mit dem Epos
auseinandergesetzt hatten, hat der Text jüngst auch
den Leipziger Künstler Reinhard Minkewitz (geb. 1957)
zu einem umfänglichen Zyklus angeregt. Bemerkenswert
ist, wie stark die Künstler die Erzählung in die
jeweils eigene Stilsprache übersetzt haben. Stilistisch
dem heraufziehenden Expressionismus nahestehend, erzählte
Hegenbarth den Mythos in ausdrucksstarken schwarzen Pinselzeichnungen
auf ockerfarbenem Papier. Baumeister dagegen übertrug
die Erzählung in mehr oder minder abstrakte Zeichen,
die aber immer wieder Figuren oder Teile von Figuren anklingen
lassen und dadurch fremd und urzeitlich wirken. Dabei scheint
das Augenmerk des Künstlers mehr auf dem Phänomen
der Zeichenhaftigkeit als auf der Erzählung selbst zu
liegen.
Reinhard Minkewitz
Der Künstler Reinhard Minkewitz beschreitet einen gänzlich
anderen Weg, indem er sich vor allem auf die Einzelfiguren
des Mythos konzentriert und diese mit den Mitteln der Kunst
zu charakterisieren sucht. Dies betont die existenzielle
Dimension der Erzählung. In ausgewählten Fällen
werden dann besonders schicksalsträchtige Begegnungen
zweier Figuren thematisiert, z. B. in dem Gemälde »Enkidu
wittert Shamhat«. Ausgangspunkt der künstlerischen
Annäherung ist dabei die Zeichnung, insbesondere die
Kohlezeichnung, die Minkewitz teilweise auch auf großformatigen
Leinwänden ausführt, wie etwa bei dem Werk »Wilder
Mann« (170 x 160 cm). Die Varianten der Strichführung
reichen von ganz weich fließenden Konturen, etwa bei
dem Blatt »Gilgamesch beweint Enkidu«, über
aus kürzeren Strichen zusammengesetzten, immer noch
vergleichsweise weichen Konturen, etwa bei der Arbeit »Fangwerk
des Weibes«, bis hin zu eher kantigen Umrissen bei
dem erwähnten »Wilden Mann«. Mehrfigurige
Kompositionen wurden verschiedentlich zu Ölgemälden
ausgearbeitet, etwa bei dem Bild »Die Gefährten« (170
x 140 cm). Mit dem Laser in Stahlplatten geschnittene Figuren
sowie mit Stempelprägungen versehene Tontafeln runden
die Werkgruppe ab.
Reinhard Minkewitz hat sich dem Gilgamesch-Epos über
Jahre genähert und den Stoff in Form von Zeichnung,
Malerei und Skulptur visualisiert. Er entwickelt dabei seine
Lineaturen nicht aus der Bildgeschichte sondern von der Gestik
her. An einer sparsamen Personage arbeitet er über streng
gebaute Volumen immer wieder Grundkonflikte heraus. Es entsteht
etwas, was Minkewitz selbst »Gleichnisse für Welt,
Urgestalten, die sich aus dem Leben der Menschen ergeben« nennt;
er zielt auf Archetypen.
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