|  

Fresken des Dominikanerklosters beim Abbruch
1893

Epitaph des Heinrich Heideck (1570-1603)
aus der Universitätskirche St. Pauli
siehe auch Epitahien
siehe
auch Restauro 1

Portrait des Lüder Mencke, 1711

Gottfried Wilhelm Leibniz (1881-1883),
Bronzestatue, Foto nach 1907

Aufbruch. 1970-1973
Bronze, baugebundenes Relief,
Wahrzeichen des 1970-73 errichteten Neubaukomplexes und des
damaligen
„Karl-Marx-Platzes“ bis 1989/90
|
|
Das Kunstkonzept für den Campus am Augustusplatz
Kunstkonzept Stand 30.06.2005 Download
Pressedownload
Sechzehn Jahre nach der politischen Wende bietet sich der
Universität Leipzig am Augustusplatz die historische
Chance nicht nur einer architektonischen Neugestaltung, sondern
darüber hinaus einer Neupositionierung im Hinblick auf
den Umgang mit ihrem historischen und im besonderen ihrem
künstlerischen Erbe.
Während die Universitätsgeschichte in ihrer Gesamtheit
bis zur 600-Jahr-Feier im Jahre 2009 in einer mehrbändigen
Publikation vorgelegt werden soll, stellt sich zum gegenwärtigen
Zeitpunkt die Frage, wie diese Geschichte in der täglichen
Erfahrung der Benutzer verankert werden kann. Diese Frage
stellt sich mit besonderer Dringlichkeit, weil sich die Geschichte
der Universität an ihren Bauten kaum mehr ablesen
läßt
– die ältesten Gebäude datieren aus der Zeit
um 1800 (Ritterstr. 24) – und weil darüber hinaus
in sozialistischer Zeit bewußte Anstrengungen unternommen
wurden, jegliche geschichtliche Assoziation nach Kräften
auszulöschen. Die Sprengung der Universitätskirche
St. Pauli im Jahr 1968 bildete hier nur das spektakulärste
Beispiel. Kaum minder schandbar war beispielsweise
die Sprengung
des gründerzeitlichen Hauptgebäudes Augusteum wenige
Wochen später. So wurde innerhalb weniger Wochen das
historische geistig-geistliche Zentrum der Universität
niedergelegt und durch programmatisch modernistische sozialistische
Bauten ersetzt, welche die Mobilisierung der Gesellschaft
im Sinne des Marxismus-Leninismus symbolisieren sollten.
Umgekehrt verfügt die Universität Leipzig über
eine großartige Kunstsammlung, mittels derer sich zahlreiche
Epochen und Facetten ihrer Geschichte, insbesondere bezogen
auf den Standort am Augustusplatz, illustrieren lassen. Die
Kunstwerke haben im Gegensatz zu anderen Quellen das Potential,
diese Geschichte erlebbar zu machen. Zugleich muß konstatiert
werden, daß die überwiegende Mehrzahl der vorhandenen
Kunstwerke ihren ursprünglichen Zusammenhang verloren
hat: Die vergleichsweise kompakte Form der Stadt Leipzig im
Mittelalter bedingte eine traditionell lebhafte Kultur baulicher
Erneuerung, so daß insbesondere innerstädtische
Grundstücke immer wieder neu überbaut wurden. Im
Hinblick auf die Präsentation der Kunstsammlung der Universität
begründet dieser Ausgangspunkt das dringende Bedürfnis,
verlorene Kontexte neu zu stiften oder doch zumindest zu evozieren.
Genau hier setzt das Erinnerungskonzept der Universität
für den Campus am Augustusplatz an: Es wird von der Frage
geleitet, wie dafür geeignete Kunstwerke der Sammlung
im Rahmen der Neugestaltung präsentiert und wie verlorene
Kontexte neu gestiftet und anschaulich gemacht werden können.
Als Unterkommission der vom Rektorat einberufenen Baukommission
wurde eine Kunstkommission eingesetzt, in der Experten verschiedener
Richtung ein entsprechendes kunstbezogenes „Erinnerungskonzept“
erarbeitet haben. Ausgehend von den tatsächlich vorhandenen
und für eine solche Verwendung geeigneten Kunstwerke
werden fünf Erinnerungskomplexe vorgeschlagen:
Dominikanerkloster
Fresken auf Wandfragmenten des Klosterkomplexes
Universitätskirche St. Pauli
Epitaphien aus der Kirche aus vier Jahrhunderten
Barock
Professorenportraits des 17. und 18. Jahrhunderts
Augusteum
Hauptgebäude des 19. Jahrhunderts, Portraitbüsten
Sozialistische Universität
Tübke-Bild, Ebersbach-Objekt, Marx-Relief
Ein sechster Komplex zeitgenossische Kunst soll die Jetztzeit
verkörpern und den gegenwärtigen Studenten die Identifikation
mit „ihrem Campus“ erleichtern.
Das Konzept umfaßt eine objektgenaue Aufzählung
der für eine solche Präsentation grundsätzlich
geeigneten oder wünschenswerten Objekte. Ob diese tatsächlich
an den vorgeschlagenen Orten eingebaut werden können,
wird im Dialog mit den Architekten zu klären sein. Außerdem
erfordern bestimmte Objekte, vor allem Gemälde und Skulpturen
aus Holz, eine Klimatisierung, so daß ihre Integration
von der Herstellung einer konstanten relativen Luftfeuchte
abhängen wird. Im Falle der Epitaphien aus der Universitätskirche
St. Pauli werden für das Konzept Vorkriegsaufnahmen verwendet,
obschon die Werke aufgrund ihres Schicksals vielfach in fragmentierter
Form vorliegen und eine oftmals aufwendige Restaurierung erfordern.
Die Finanzierung dieses großen Vorhabens ist bislang
ungeklärt. Anfang Mai wurde eine entsprechende Voranfrage
an die Getty-Stiftung abgeschickt, die bislang eine Zwischennachricht
erteilt hat.
Wie eingangs erläutert, geht es nicht darum, eine lückenlose
Dokumentation der Universitätsgeschichte vorzulegen.
Ausgangspunkt sind vielmehr die in der Sammlung vorhandenen
Kunstwerke, im Vordergrund stehen jene, die mit dem Campusgelände
in besonderem Maße assoziiert sind. Ziel ist es, diese
Kunstwerke Teil zur täglichen Erfahrung der Benutzer
werden zu lassen und so die Geschichtlichkeit der Universität
im Bewußtsein zu verankern. Darüber hinaus wären
verschiedene Fotodokumentationen wünschenswert, z. B.
zur Baugeschichte des innerstädtischen Campus inklusive
der Kirchenzerstörung des Jahres 1968, ferner zu historischen
Themen wie studentischer Widerstand gegen die totalitären
Diktaturen der Nationalsozialisten und der DDR.
Der Neu- und Umbau des Campus soll auch dazu genutzt werden,
die versuchte Tilgung der Universitätsgeschichte in sozialistischer
Zeit sowie die damit verbundenen Beschädigungen am Selbstbild
der Universität zu heilen. Zugleich verkörpert die
Verknüpfung moderner Architektur mit historischer und
moderner Kunst exemplarisch die Zukunftsorientierung der Hochschule
vor dem Hintergrund einer facettenreichen Vergangenheit. Damit
wird ein – für Leipzig insgesamt kennzeichnendes
– Spannungsfeld zwischen Geschichtlichkeit und Zukunftsorientierung
anschaulich. Diese Konzeption bietet unseres Erachtens alle
Voraussetzungen für eine wegweisende Campusgestaltung,
die ihresgleichen sucht.
|