Die Kustodie Projekte  

Die Kustodie
Projekte

Die Epitaphien der Universitätskirche St. Pauli

Restaurierungsprojekt in der letzten Phase

Finanzierung noch nicht vollständig gesichert

Nach zehn Jahren intensiver Arbeit am Epitaph-Projekt ist die Ziellinie fast erreicht: die konservatorischen Arbeiten an den Kunstwerken sind abgeschlossen, die Ergänzung fehlender Epitaph-Teile ist nach einem komplexen Dis­kussionsprozess geklärt und wird umgesetzt. Nun sind nach über vierzig Jahren und einer Odysee mit verschiedenen Stationen die Kunstwerke wieder an den Ort zurückgekehrt, den ihre Auftraggeber im 16. bis 18. Jahrhundert für sie auserkoren hatten. Im neu errichteten Andachtsraum des Paulinums haben sie eine neue Heimstatt gefunden. Die Anbringung der Kunstwerke im neuen Andachtsraum hat begonnen und soll 2015 zu 80 % abgeschlossen werden. Allerdings bestehen beim Einbau noch Finanzierungslücken, so dass Spenden weiter sehr willkommen sind.

Der Neubau des Architekten Erick van Egeraat erinnert in Außen- und Innengestaltung an die 1968 gesprengte Universitätskirche St. Pauli. Durch die Einheit von erkennbar moderner Architektur und ihrerseits erkennbar historischer Kunst entsteht im Zentrum von Leipzig ein Raum, der seinesgleichen sucht.

Das monumentale Epitaph Cromayer (links), rechts daneben ein noch freies Wandfeld mit Edelstahlschienen

Nach dem Vorbild des historischen Kirchenraumes besteht auch der neue Andachtsraum aus drei "Schiffen". In drei Jochen befinden sich zwischen den Pfeilern Hängeflächen für insgesamt 21 große Epitaphien. Die größten Gedächtnismale weisen eine Höhe von fünf bis sechs Metern bei einer Breite von drei bis vier Metern auf. Zusätzlich sollen um die Monumentalwerke herum kleinere Werke angebracht werden. Die Hängetechnologie erfolgt in Form unsichtbarer, hinterlüfteter Edelstahlgerüste. Angesichts vielfach irreversibler struktureller Schäden an den Kunstwerken stellte die Wiederanbringung der einzelnen Baugruppen eine große Herausforderung dar. Die monumentalen Steinepitaphien, die aus einer Vielzahl von Elementen bestehen, wiegen oft weit über eine Tonne.

Zunächst wurde im Sommer 2014 mit den weniger empfindlichen Steinobjekten begonnen, da das Raumklima nach Inbetriebnahme der Anlage erst langsam stabilisiert werden konnte. Die Montage der ersten Kunstwerke begann im Juli 2014 mit den Epitaphien Cromayer und Schwendendörffer, beides monumentale Werke aus Alabaster. Im August folgten die Sandstein-Epitaphien Borner und Pantzer. Aufgrund seines fragmentarischen Überlieferungszustandes bildete das Gedächtnismal Pantzer ein Modellbeispiel für die Ergänzungsfrage. Aus Zeitnot konnten vor der Sprengung der Kirche nur die Skulturen und Gemälde des Pantzer-Epitaphs geborgen werden, Inschrift und Rahmenarchitektur gingen verloren. Aus diesem Grund musste nun ein Konzept für die Ergänzungen erarbeitet werden.

Epitaph Pantzer mit Ergänzungen (links) und der noch verhüllte Paulineraltar (rechts)

Im Herbst 2014 hatte das Raumklima einen stabilen Stand erreicht. Somit konnte im Oktober die Umsetzung des Pauliner-Altars aus der Thomaskirche erfolgen. Im Februar 2015 wurde dann mit der Montage der ersten Holzmonumente begonnen. Sie lagerten zuvor im Depot der Kustodie, das mit einem musealen Klima ausgestattet ist. Da in diesem Depot bereits verschiedene Probehängungen durchgeführt worden waren, vor allem, um die Hängetechnologie mit Edelstahlschienen zu testen, mussten einige Gedächtnismale nur noch in den Andachtsraum umgesetzt werden. Die Installation der Epitaphien wird noch bis Ende des Jahres fortgesetzt und soll im Sommer 2016 abgeschlossen sein. Neben den Holz- und Gemälde-Epitaphien wird dann auch eine Gruppe attraktiver Metallepitaphien im Andachtsraum installiert.

Die Wiederaufstellung der Epitaphien wurde als universitäre Forderung in den Ausschreibungen des Neubauvorhabens am Augustus­platz verankert. Kunstwerke, die durch den Abriss von Universitätsgebäuden im Sozialismus ihren räumlichen Zusammenhang verloren hatten, sollten an ihren angestammten Ort zurück geführt werden, soweit die neuen architektonischen Rahmenbedingungen dies erlaubten. Ein objektgenaues Hängekonzept für die Epitaphien, das die Gedächtnismale in ein campusübergreifendes Kunstkonzept vom Mittelalter bis heute integriert, erarbeitete eine vom Rektorat einberufene Kunstkommis­sion.

Das Schicksal der Universitätskirche und die Rettung der Kunstwerke

Von der Klosterkirche der Dominikaner zur Universitätskirche St. Pauli

Das 1231 gegründete Dominikanerkloster mit der 1240 geweihten Kirche St. Pauli wurde im Zuge der Reformation 1539 säkularisiert. 1543 übereignete der Landesherr Herzog Moritz von Sachsen den Gebäudekomplex der Universität, einschließlich der gesamten Ausstattung und zahlreicher Klosterdörfer. Bereits vor der Reformation war die Paulinerkirche Leipzigs privilegiertester Bestattungsort, dessen Bedeutung mit der Grablege einer universitären Elite nochmals gestärkt wurde. Zwischen 1547 und 1770 entstanden aufwändige Epitaphien in Stein, Holz und Metall. Die anfangs auch in Familienkapellen angebrachten Gedächtnismale wurden ab 1710 - mit Erhöhung der Chorschranken auf sechs Meter - im Chorraum konzentriert.

Sprengung der Kirche am 30. Mai 1968

Bergung und Sprengung

Gemäß politisch motivierter Entscheidungen des SED-Regimes wurde die vollkommen intakte Kirche am 30. Mai 1968 gesprengt, obwohl sie seit 1962 unter Denkmalschutz stand. Das Vorhaben wurde gegen den Willen breiter Bevölkerungskreise und mit immensem politischen Druck durchgesetzt. Erklärtes Ziel der SED war es, einen mit sozialistischer Architektur geprägten Universitätskomplex am Augustusplatz entstehen zu lassen.

Immerhin duldete die Partei, dass in der Woche vor der Sprengung Kunstwerke geborgen wurden. So versuchte eine Gruppe von Handwerkern aus der städtischen Denkmalpflege innerhalb weniger Tage zu retten, was abzunehmen oder auszubauen war.

Lagerung 1986 bis heute

Mangels ausreichender Fachkräfte, geeigneter Unterlagen und angesichts des ungeheuren Zeitdrucks war eine sachgerechte und vollständige Bergung unmöglich. Dennoch gelang es, den weitaus größten Teil des Kunstgutes zu bergen.

Die in ihre Baugruppen zerlegten Objekte wurden mit Lastwagen in das Dimitroff-Museum im ehemaligen Reichsgericht gebracht und in Kellerräumen und Fluren mehr schlecht als recht eingelagert. Zu Beginn der 1980er Jahre lagerte man die Objekte in ein Depot der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsen um, wo ebenfalls kein museales Raumklima herrschte und vor allem die Holzobjekte Schaden litten. Einige ausgewählte Gedächtnismale waren seit Anfang der 90er Jahre in der Kunstsammlung im Rektoratsgebäude ausgestellt. Der Großteil des Bestandes jedoch verharrte noch Jahre in einer improvisierten Lagerung. Im Jahr 2004 konnte ein universitätseigenes Kunstdepot mit musealem Klima bezogen werden.

Restauratorin bei der Arbeit

Das Restaurierungsprojekt

Bereits ab 2002 hatte die Kustodie der Universität Leipzig mit der Erarbeitung eines Masterplans für die Restaurierung und Wiederaufstellung begonnen. Dafür konnte die Unterstützung der Fachklasse Restaurierung der Hochschule für bildende Künste in Dresden gewonnen werden. So wurde die Kartierung der erhaltenen Elemente und des Zustandes der Farbfassungen erstellt, die die Grundlage sämtlicher Maßnahmen bildete. Im Rahmen einer Diplom­arbeit wurde eine erste Restaurierung angeschoben. Nach der Umlagerung in das universitätseigene Kunstdepot im Frühjahr 2004 konnte mit der Konservierung einzelner Objekte - Schritt für Schritt und zumeist finanziert durch Spenden und Zuschüsse - begonnen werden. Die Restaurierung und Wiederherstellung der geretteten Kunstwerke aus der Universitätskirche St. Pauli avancierte seitdem zu einem Arbeitsschwerpunkt der Kustodie. Die erste Phase des Epitaph-Projekts - die die Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten an den Kunstwerken umfasste - konnte 2014 weitestgehend abgeschlossen werden.

Finanzierung der Restaurierung durch Spenden

Für die Wandmontage der Kunstwerke auf Edelstahlkonstruktionen werden 450.000,-- EUR veranschlagt. Diese Summe beinhaltet die Anfertigung der restlichen Gerüste sowie Kosten für Transport, Montage und Hängung. Da diese Finanzierung noch nicht gesichert ist, sind wir weiterhin auf Spenden angewiesen, um das Epitaphprojekt erfolgreich zum Abschluss zu bringen.

Bitte helfen Sie mit, das Epitaph-Projekt nun erfolgreich zum Abschluss zu bringen. Jede Unterstützung ist willkommen!

SPENDEN FÜR DIE EPITAPHIEN DER UNIVERSITÄTSKIRCHE

Konto 315 301 1370 · BLZ 850 503 00
Ostsächsische Sparkasse Dresden (OSD)
Projektnummer 43 500 459

Empfänger: Universität Leipzig · Bitte vergessen Sie nicht, auf dem Überweisungsbeleg Ihre genaue Adresse anzugeben, wenn Sie eine Spendenquittung (ab 200 EURO) wünschen.

Unser Dank für die bisherige Unterstützung gilt der Deutschen Stiftung Denkmalsschutz, vor allem der Ortskuratorin Leipzig, Frau Brigitte Kempe-Stecher. Ihr ist die Einwerbung zahlreicher Spenden zu verdanken. Um die Restaurierung der Kunstwerke zu ermöglichen, haben sich Stiftungen, Unternehmen und Privatpersonen engagiert, bei denen wir uns herzlich für das Engagement bedanken.

Wir danken allen Spendern und Sponsoren für die großzügige Unterstützung

  • Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn sowie dessen Ortskuratorium Leipzig Dipl.-Ing. Brigitte Kempe-Stecher, Leipzig
  •  Dr. Ing. h. c. Ferdinand Porsche AG
  •  Ostdeutsche Sparkassenstiftung in Zusammenarbeit mit der Sparkasse Leipzig
  • Dr. iur. Christian Olearius, Hamburg
  • Ernst von Siemens Kunststiftung, München
  • Rudolf-August Oetker-Stiftung, Bielefeld
  • Roger Wolf, London
  • DIE VERTRAUTEN e. V. gegr. 1680
  • ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, Hamburg
  • Georg Fischer GmbH, Leipzig
  • Vereinigung der Förderer und Freunde der Universität Leipzig e. V.
  • Dr. Thomas und Anja Barth, Leipzig
  • Lions Club Leipzig Cosmopolitan
  • Prof. Monika und Peter Harms, Hamburg
  • Prof. Dr. Jörg und Dr. Antje Gabert, Leipzig
  • Dr. Jens und Klaus-Jürgen Voss, Leipzig
  • Prof. Dr. iur. Franz Häuser, Leipzig
  • Commerzbank-Stiftung, Frankfurt/Main
  • Rotary Clubs Leipzig
  • Familie Steffen Berlich, Leipzig
  • Soroptimist International Club, Leipzig
  • Prof. Dr. Hartmut Michalski
  • Die Universitätsprofessoren der Medizinischen Fakultät Leipzig Joachim Thiery, Christoph Josten, Christian Wittekind, Christoph Baerwald, Frank Emmrich, Alexander Hemprich, Hubertus Himmerich, Christian Jassoy, Rainer Preiß, Elmar Brähler

Förderer

  • 27 Zahnärzte der Arbeitsgemeinschaft Implantologie Engelsdorf
  • Prof. Dr. Gerhardt Wolff, Berlin
  • Prof. Dr. Horst Neumann
  • Freunde und Förderer der Fakultät für Chemie und Mineralogie

Das Epitaph des Juristen Heinrich Heideck

Das kunst- und universitätsgeschichtlich bedeutende Epitaph für Heinrich Heideck aus der Zeit um 1600 soll als ein Beispiel für den Fortgang des Projekts gezeigt werden. Es illustriert den Zustand, in dem sich viele Kunstwerke befunden haben und zeigt, welche Erfolge seither erzielt werden konnten.

Mit dem vermutlich kurz nach seinem Tod im Jahre 1603 ausgeführten Gedächtnismal für Heinrich Heideck hat sich ein herausragendes Stück frühbarocker Schnitzkunst erhalten. Das hölzerne Monument, vorrangig in Weiß und Gold gefasst, überrascht nicht nur durch seine ungewöhnliche Form, sondern auch durch seine besondere Kunstfertigkeit. Aufgrund neuerer kunsthistorischer Forschungsergebnisse wird es Valentin Silbermann zugeschrieben.

Auf einer Art Konsolkonstruktion, die zugleich die Inschriftkartusche trägt, ruht ein - wohl den Sarg andeutender - Kasten, auf dessen Deckel drei ovale Medaillons angebracht sind. Das mittlere, größer ausgebildete Medaillon krönt ein gesprengter, festongeschmückter Giebel, auf dem ein Engel mit Posaune Platz genommen hat. Alle drei Medaillons tragen erstaunlich kleinfigurige Szenen, die erzählerisch, kompositorisch sowie bildhauerisch gleichermaßen als meisterlich bezeichnet werden dürfen.

Das zentrale Oval zeigt Christus als Weltenrichter, während er beim Jüngsten Gericht die Gerechten zu seiner Rechten von den Verdammten zu seiner Linken scheidet. Das linke Relief zeigt die Auferweckung eines Kindes durch eine bärtige Gestalt, das rechte Medaillon stellt die alttestamentliche Vision des Propheten Ezechiel dar, der die Toten aus den Gräbern auferstehen sah. Alle drei Szenen kreisen also um das Thema der Wiederkehr der Toten, die - so die verbildlichte Hoffnung - dereinst auch Heinrich Heideck umfassen soll.

Heinrich Heideck (1570 - 1603) hatte in Leipzig, Helmstedt, Altdorf, Ingolstadt und Jena Jura und Geisteswissenschaften studiert und in der Folge einen kometenhaften beruflichen Aufstieg genommen. Zum Zeitpunkt seines Todes im Alter von nur 33 Jahren war er Konsiliarius und Kanonikus am Domkapitel in Magdeburg. Heinrich Heideck war der einzige Sohn seiner verwitweten Mutter, die sein früher Tod um so härter getroffen haben muss. Während die anderen Szenen einen ikonographischen Topos darstellen, die in mehreren zeitgenössischen Epitaphien vorkamen, stellt die Auferweckung des Kindes wohl eine ikonographische Besonderheit mit biographischen Bezügen dar.

Die Restaurierung

Beim Epitaph Heideck handelt es sich um ein besonders wertvolles, vollständig erhaltenes Holzschnitzobjekt, das für die Bergung in seine Baugruppen zerlegt werden musste. Die Lagerungsbedingungen verursachten umfangreiche Schäden am Holzträger und an der Fassung. Das rechte Relief stellte das am stärksten beeinträchtigte Teilstück des gesamten Epitaphs dar (siehe Abbildung). Insbesondere das Trägerholz war stark in Mitleidenschaft gezogen: Rahmen und Relief waren mehrfach in Längsrichtung gebrochen, verschiedene Partien durch Anobien-Befall (Holzwurm) instabil geworden. An vielen Stellen hatte die Fassung infolge häufig wechselnder relativer Luftfeuchtigkeit großflächig ihre Haftung verloren. Die gesamte Oberfläche des Epitaphs war stark verschmutzt, so dass die ursprüngliche Farbigkeit kaum mehr zu erahnen war. Außerdem war die Rahmung, vermutlich im frühen 20. Jahrhundert, flächendeckend mit Leimfarbe überfasst worden. Darunter fand sich noch die gut erhaltene originale Polierweißfassung sowie eine weiße Ölfarbenfassung. Einzelne Gliedmaßen der Schnitzfiguren waren schon in früherer Zeit in bäuerlicher Weise ergänzt worden. Sie sind Bestandteil der Geschichte des Epitaphs und wurden belassen.


letzte Änderung: 02.08.2017 

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