Institut für Slavistik/Namenkunde
 

Karlheinz Hengst

Namen: Erbe, Verpflichtung, Faszination. Abriss zu Onymen in der Linguistik am Institut für Slavistik der Universität Leipzig

Mitschrift eines Vortrages auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Namenkunde e.V. am 23. 10. 2009
Bearbeitet von Peter Ernst mit freundlicher Genehmigung des Autors


Phase 1: 1909 – 1948/49

 
 

August Leskien
(1840–1916)


 
  Am Beginn der Namenforschung an der Universität Leipzig steht selbst ein großer Name: Der "junggrammatische" Slawist August Leskien veröffentlicht im Jahrgang 1909 der berühmten Zeitschrift "Indogemanische Forschungen" (S. 325–352) einen Artikel über Litauische Personennamen. Damit wird von Anfang an die Brücke zwischen In- dogermanistik, Slawistik, Sprachgeschichte und Onomastik geschlagen. Die Namenfor- schung wird in jener Zeitspanne als Teilbereich in den philologischen Diszplinen von bekannten Forschern wie Max Vasmer und Reinhold Trautmann betrieben, und sie be- schäftigt sich von Beginn an mit der Erschließung des slawischen Erbes im deutsch- sprachigen Raum. Als Ziel wird die Bearbeitung aller slawischen Ortsnamen im Ost- deutschen gesehen, und enge Kontakte werden zu dem Germanisten und Sprachhisto- riker Theodor Frings sowie dem Landes- und Siedlungshistoriker Rudolf Kötzschke unterhalten.

 
 

Theodor Frings
(1886–1968)


 
  Grundlagenwerke aus dieser Zeit: Reinhold Trautmann: Die elb- und ostseeslavischen Ortsnamen, 2 Bände, Berlin 1948; Reinhold Trautmann: Die slavischen Ortsnamen Mecklenburgs und Holsteins, 2. Aufl., Berlin 1950, u.a.m.

Phase 2: 1949 – 1953

In diesen Jahren wird von Reinhold Olesch, Ludwig Erich Schmitt und Walter Schlesin- ger die linguistische Konzeption für ein onomastisches Forschungsprojekt auf der Basis von Sprachgeschichte, Mundartkunde und Siedlungsgeschichte erstellt. Zu den ersten Bearbeitern gehören u.a. die Slawisten Ernst Eichler, Wolfgang Sperber und Lothar Hoffmann sowie die GermanstInnen Hans Walther, Elfriede Ulbricht, Wolfgang Flei- scher, Horst Naumann und Joachim Göschel.

 
 

Horst Naumann

 
 

Phase 3: 1953/54 – 1990

1953/54 wird offiziell die Forschungsgruppe "Deutsch-Slavische Forschungen zur Namenkunde und Siedlungsgeschichte" an der Universität Leipzig ins Leben ge- rufen. In einem ersten Abschnitt bis etwa 1970 bilden Rudolf Fischer und Theodor Frings eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe, die Ortsnamen, Flurnamen, Gewässer- namen und Personennamen erforschen soll. Sie steht in engem Kontakt mit den Ger- manisten Rudolf Große und Wolfgang Fleischer. Ab 1956 werden Jahrestagungen und Vorträge von ArchäologInnen, DialektologInnen, SiedlungshistorikerInnen, Siedlungs- geographInnen und NamenforscherInnen aus dem In- und Ausland, Arbeitsaufenthalte für Gäste und die Mitwirkung an Internationalen Onomastischen Kongressen organisiert. Zahlreiche und gewichtige onomastische Publikationen erscheinen:
  • seit 1956 die Reihe "Deutsch-Slawische Forschungen zur Namenkunde und Siedlungsgeschichte" (DS 1–41)
  • seit Anfang der 60er-Jahre mehrere Abhandlungen der Sächsischen Akademie
    der Wissenschaften zu Leipzig
  • seit 1956 die Buchreihe "Onomastica Slavogermanica" (OSG 1–26)
  • ab 1964 die Zeitschrift "Namenkundliche Informationen"
Seit Anfang der 60er-Jahre finden monatliche Kolloquia für PromovendInnen und auch Habilitationen zum Fach Namenkunde statt. Die Leitung der Forschungsgruppe liegt zunehmend in den Händen von Ernst Eichler und Hans Walther.

 
 

Hans Walther

 
  In einem zweiten Abschnitt ab den 70er-Jahren festigt sich die Onomastik auch in der Organisationsstruktur der Universität Leipzig. Prof. Dr. Dr. h.c. Ernst Eichler übernimmt die Leitung des "Wissenschaftsbereichs Namenforschung" an der Universität.

 
 

Ernst Eichler

 
  für Slavistik. Hans Walther ist ab 1975 als Dozent, ab 1978 als Professor für Namenfor- schung hier tätig. Die Namenforschung an der Universität Leipzig erfährt mit ihnen einen einzigartigen Höhenflug, der sich u.a. in der großflächigen Bearbeitung der Ortsnamen (etwa mit Gebietsarbeiten über Mittelsachsen, die Ober- und Niederlausitz, das Mittel- saale-Elster-Gebiet), Arbeit zur Namentypologe, Namengeographie, Namenschichtung, Namenchronologie, Sprachkontaktonomastik und in der fachlichen Kooperation mit den Universitäten Berlin, Jena, Wien und vielen anderen manifestiert. über die internationale Namenforschergesellschaft ICOS und ihren Vorsitzenden Henry Draye werden Kontakte mit Belgien, österreich, Schweden, der Schweiz, Großbritannien und andere Länder hergestellt. In dieser Zeit erfolgen vier Habilitationen und etwa 40 Promotionen auf dem Gebiet der Onomastik. Die internationale Anerkennung und Wertschätzung der "Leip- ziger Schule der Onomastik" findet 1984 ihren ersten Höhepunkt mit der Abhaltung des XV. Internationalen Kongresses für Namenforschung (ICOS) zum Thema "Der Eigen- name in Sprache und Gesellschaft" in Leipzig.

In den 80er-Jahren entstehen vor allem zwei Nachschlagewerke zu slawischem Namengut im Osten Deutschlands:
  1. Die Darstellung aller slawischen Ortsnamen von Sachsen. Sachsen-Anhalt und Thüringen in E. Eichler, Slawische Ortsnamen zwischen Saale und Neiße. Ein Kompendium. Bautzen 1985 ff. (Band 4 erscheint 2009)
  2. Die erweiterte Habilitationsschrift von Walter Wenzel mit der Erfassung der historisch tradierten slawischen Personennamen: Studien zu sorbischen Per- sonennamen. Bautzen 1987 ff. (4 Bände)
 
 

Walter Wenzel

 
 

Phase 4: Entwicklung ab 1990 mit Neuerungen

Im September 1990 wird in Leipzig die "Gesellschaft für Namenkunde e.V." auf Initiative von Ernst Eichler gegründet. Er ist seither in ununterbrochener Reihenfolge ihr Vor- sitzender. Erstmals wird in Deutschland ein Magister-Nebenfach-Studiengang "Onoma- stik/Namenkunde" und 1993 die erste und bisher einzige Professur für Onomastik im deutschsprachigem Raum eingerichtet. Als ersten Lehrstuhlinhaber beruft die Universität Prof. Dr. Karlheinz Hengst, als wissenschaftliche Lehrkraft wirkt bis heute Dr. Dietlind Krüger am Institut.

 
 

Karlheinz Hengst

 
  Das Studium findet Zuspruch bei zahlreichen Studierenden aus un- terschiedlichsten Fachrichtungen der Geisteswissenschaften im In- und Ausland. Karlheinz Hengst und Dietlind Krüger erweitern das Spektrum der Namenkunde u.a. in Rich- tung Textlingustik, Translatologie, Literarische Namenkunde, englische Orts- und Perso-nennamenkunde. Dr. Krüger berät die Landesregierung in toponymischen Angelegen- heiten. 1994 wird die Vornamen-Beratungsstelle mit Frau Gabriele Rodríguez eingerich- tet, es beginnt die Zusammenarbeit mit der "Gesellschaft für deutsche Sprache" in Wies- baden. Das dreibändige Welthandbuch "Namenforschung" (Eds. Ernst Eichler et al., Verlag Walter de Gruyter, Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 11) entsteht unter wesentlicher und grundlegender Beteiligung der "Leipziger". Als DFG-Langzeitprojekt erscheint das "Historische Ortsnamenbuch von Sachsen", bearbeitet von Ernst Eichler, Volkmar Hellfritzsch, Hans Walther und Erika Weber. Walter Wenzel veröffentlicht eigene Forschungen u.a. zur Lausitz mit den "Lausitzer Familiennamen" und den "Niedersorbischen Personennamen". Unter Mitwirkung von Ernst Eichler wird mit Prof. Dr. Albrecht Greule an der Universität Regensburg das DFG-Forschungsvor- haben zu slawischen Siedlungsnamen in Nordbayern (bisher zwei Bände zum Raum Bamberg und Bayreuth) durchgeführt. Neben all diesen Projekten baut man kontinuier- lich die Zusammenarbeit mit anderen Namenforschungszentren im deutschsprachigen Raum und in anderen Ländern aus, veranstaltet internationale Konferenzen und beteiligt sich an anderen. Das Publikationsorgan "Namenkundliche Informationen", gefördert von der DFG und der GfN e.V., wird erweitert, es erscheinen jährlich zwei Hefte und ein Themenband, der Leipziger Universitätsverlag sorgt für ein zeitgemäßes Layout und einen ebensolchen Vertrieb. Auf Initiative von Ernst Eichler wird zeitweise eine onoma-stische Forschungsstelle an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig eingerichtet, für die Dr. Inge Bily gewonnen werden kann. Zahlreiche Publikationen, u.a. das "Namenbuch zum Mittelelbegebiet" und der "Atlas der altsorbischen Ortsnamen- typen", sind die Frucht dieser Entwicklung. Erfolgreich sind die Bemühungen um die Einrichtung einer neuen Buchreihe "Onomastica Lipsiensia" im Leipziger Universitäts- verlag, die seit 2003 erscheint (bisher 6 Bände).

 
 

Jürgen Udolph

 
  Im Jahr 2000 wird Prof. Dr. Jürgen Udolph Nachfolger von Karlheinz Hengst auf der Na- menkundlichen Professur. Wiederum werden neue Aspekte der Namenforschung einge- bracht. Prof. Udolph gelingt es höchst erfolgreich, die Namenkunde in den Medien und damit im allgemeinen Bewußtsein zu etablieren (u.a. mehrjährige Sendereihe "Namen auf der Spur" mit Prof. Karlheinz Hengst im MDR, die populäre Darstellung "Professor Udolphs Buch der Namen" wird 2005 zum Bestseller und avanciert sogar zum Hörbuch). Das Magisterstudium wächst auf bis zu 250 Studierende an, Namenberatung und Na- menauskunft werden ausgebaut. Prof. Udolph beschreitet mit Christoph Stöpel und Mario Fraust neue Wege bei der Familiennamenkartierung und treibt andere wissen- schaftliche Forschungen (etwa mit dem Langzeitprojekt "Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe – Onomastik im europäischen Raum" u.a.m.) weiter voran. Mit Februar 2008 tritt Jürgen Udolph an der Universität in den Ruhestand.

Ausblick

Es ist sehr erfreulich, in der Rückschau feststellen zu können, dass gemeinsam mit Hans Walther und Ernst Eichler die nachhaltig sprachwissenschaftlich von Reinhold Olesch in Leipzig beeinflussten späteren Hochschullehrer Wolfgang Sperber, Walter Wenzel, Gerhard Schlimpert und Karlheinz Hengst ebenso wie die von Ludwig Erich Schmitt inspirierten Leipziger Germanisten und Hochschullehrer Rudolf Große, Horst Naumann, Joachim Göschel, Horst Grünert, Wilfried Seibicke – um die wichtigsten Namen zu nennen – ihr Leben lang der Namenforschung treu oder doch zumindest verbunden geblieben sind und das Niveau sowie Ansehen der Forschung ganz entscheidend geprägt haben. Auch eine nachfolgende Forschergeneration mit den GermanistInnen Dr. Dr. Volkmar Hellfritzsch, Prof. Dr. Friedrich Redlich, Dr. Isolde Neumann, Prof. Dr. Günther Hänse, Dr. Klaus-Dieter Gansleweit, Dr. Rainer Petzold,
Dr. Frank Reinhold, Dr. Fritz-Peter Scherf, der Anglistin Prof. Dr. Rosemarie Gläser sowie den aus slawistischer Schule kommenden AutorInnen Prof. Dr. Emilia Crome, Prof. Dr. Wilhelm Fuhrmann, Dr. Johannes Schultheis, Dr. Siegfried Körner, Dr. Inge Bily, Dr. Ernst Michael Christoph, Dr. Edgar Hoffmann hat durch großräumige und moderne Untersuchungen das heute in der Welt vorhandene Bild von der Leipziger Schule wesentlich mit geformt.
Gegenwärtig ruhen die begründeten Hoffnungen im Bereich der Forschung ganz auf den aus der "Leipziger Schmiede" kommenden Damen Dr. Dietlind Krüger und Dr. Gundhild Winkler und den Herren Dr. Silvio Brendler und Dr. Christian Zschieschang sowie einem sehr beachtlichen Kreis junger, in der Namenberatung und Namenauskunft tätiger AbsolventInnen des Studienfaches Onomastik.

Literatur
  • S. Brather, Chr. Kratzke (Hrsg.), Auf dem Wege zum Germania-Slavica-Konzept. Perspektiven von Geschichtswissenschaft, Archäologie, Onomastik und Kunstgeschichte seit dem 19. Jahrhundert. GWZO-Arbeitshilfen. Bd. 3. Leipzig 2005. 210 S.
  • E. Eichler, Methoden und Ergebnisse der Namenforschung in der Germania Slavica. In: S. Brather, Chr. Kratzke (Hrsg.), Auf dem Weg zum Germania-Slavica-Konzept. GWZO-Arbeitshilfen Bd. 3. Leipzig 2005, S. 61-78.
  • K. Hengst, Schola onomastica Lipsiensis - die onomastische Lehre und ihre Entwicklung in Leipzig. In: Onoma 39 (2004), S. 109-125.
  • J. Udolph, Zu neuen Ufern - Namenforschung heute und morgen. In: Namenforschung morgen: Ideen, Perspektiven, Visionen, Hamburg 2005, S. 173-182.
  • H. Walther, Namenforschung in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. In: E. Eichler et al. (Hg.), Namenforschung. Ein internationales Handbuch zur Onomastik, Bd. 1, Berlin - New York 1994, S. 102-124.
  • H. Walther, Sprachgeschichtlich-onomastische und landesgeschichtlich-siedlungshistorische Lehre und Forschung zum mitteldeutschen Osten im Rudolf- Kötzschke-Institut der Universität Leipzig in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In: H. Walther, Namenkunde und geschichtliche Landeskunde, Leipzig 2003, S. 346-368.
  • C. Willich, Onomastik an der Berliner Akademie der Wissenschaften von 1945 bis 1991. In: S. Brather, Chr. Kratzke (2005), S. 73-78.
 
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