Helmut Hanisch: Das Gottesbild bei religiös und nicht-religiös erzogenen Kindern und Jugendlichen im Alter von 7 - 16


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Inhalt:
1. Einleitung
2. Auswertung der Untersuchungsergebnisse
3. Darstellung der Untersuchungsergebnisse der christlich Erzogenen
3.1. Anthropomorphe Darstellungen
3.2. Symbolische Darstellungen
4. Darstellung der Untersuchungsergebnisse der nicht-christlich Erzogenen
4.1. Anthropomorphe Darstellungen
4.2. Symbolische Darstellungen
5. Welche Unterschiede sind im Hinblick auf beide Stichproben festzustellen?
6. Welche Schlußfolgerungen ergeben sich aufgrund der Ergebnisse?

1. Einleitung

Am Religionsunterricht in den neuen Bundesländern nehmen Kinder und Jugendliche teil, die sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Zum einen finden sich in ihm junge Menschen, die aus christlichen Elternhäusern stammen und mit großer Selbstverständlichkeit am Leben ihrer Kirchengemeinde partizipieren und die Christenlehre sowie - in entsprechendem Alter - den Konfirmandenunterricht besuchen. Sie sind in der Regel wohl vertraut mit Inhalten der christlichen Tradition und Formen der Frömmigkeitspraxis. Zum anderen finden sich im Religionsunterricht Kinder und Jugendliche, die bislang mit dem christlichen Glauben noch nicht in Berührung gekommen sind. Sie stammen nicht selten aus Elternhäusern, die sich bereits in der zweiten Generation ohne jegliche Beziehung zur Kirche oder zum kirchlichen Leben befinden. Im Hinblick auf diese Familien ist davon auszugehen, daß eine Beschäftigung mit religiösen Fragen kaum oder gar nicht stattfindet, da die Eltern weitgehend jeglichen Transzendenzbezug ablehnen.

Über das Zahlenverhältnis konfessionell gebundener und nicht getaufter Kinder und Jugendlicher im Religionsunterricht gibt eine empirische Untersuchung Auskunft, die im Jahr 1994 im Freistaat Sachsen durchgeführt wurde.1  Ihr Ziel war es u.a., den kirchlichen Hintergrund der Schülerinnen und Schüler in Erfahrung zu bringen, die dieses Fach besuchen. Der Untersuchung lag eine repräsentative Stichprobe von knapp 1500 Probanden zugrunde. Das Ergebnis war, daß 46% der Befragten aus den Klassenstufen 5 und 6 sowie 9 und 10 nicht getauft sind. 43% haben nie an der Christenlehre teilgenommen. 50% gehen sonntags nie zum Gottesdienst. 74% der Befragten haben nie den Kindergottesdienst besucht. 33% gaben an, daß niemand in ihrer Familie am Sonntag in die Kirche geht.

Wenn davon auszugehen ist, daß die zentrale Frage des Religionsunterrichts die Frage nach Gott ist2, dann ist es für den Religionslehrer und die Religisonlehrerin von grundlegender Bedeutung zu wissen, von welchen Gottesbildern im Unterricht auszugehen ist. Dabei sind folgende Fragen leitend:

- Wie entwickelt sich das Gottesbild bei christlich erzogenen Kindern und Jugendlichen?
- Wie entwickelt sich das Gottesbild bei nicht-christlich erzogenen Kindern und Jugendlichen?
- Welche Unterschiede sind im Hinblick auf beide Stichproben festzustellen?
- Welche Schlußfolgerungen ergeben sich aufgrund der Ergebnisse?

Diese Fragen lassen sich aufgrund einer empirischen Untersuchung beantworten, die im Jahr 1992 stattgefunden hat. Wir haben 1472 christlich erzogene Kinder und Jugendliche im Alter von 7-16 Jahren ihre Vorstellungen von Gott zeichnen lassen3. Zugleich baten wir 1187 Probanden der gleichen Altersstufen, die ohne jegliche christliche Erziehung aufgewachsen sind, ihre Vorstellungen von Gott zeichnerisch zu Papier zu bringen.4  Zwar stammen die Zeichnungen der ersten Stichprobe von Kindern und Jugendlichen aus dem Westen Deutschlands, die Ergebnisse lassen sich jedoch auf christlich erzogene Kinder und Jugendliche in den neuen Bundesländern vorbehaltlos übertragen. Die Bilder der zweiten Stichprobe fertigten atheistisch erzogene Kinder und Jugendliche aus Leipzig, Dresden und Zwickau an.

2. Auswertung der Untersuchungsergebnisse

Im Rahmen der Religionspsychologie ist es üblich, anthropomorphe von nicht-anthropomorphen bzw. symbolischen Gottesbildern zu unterscheiden. Unter den anthropomorphen Bildern sind solche zu verstehen, auf denen Gott als menschliche oder menschenähnliche Gestalt dargestellt wird. Im Gegensatz dazu werden alle Bilder als nicht-anthropomorph oder symbolisch bezeichnet, auf denen Gott z. B. als Auge, Licht, Burg oder Hand repräsentiert wird. Dazu werden im folgenden auch alle die Bilder gezählt, auf denen die Schülerinnen und Schüler Gott als biblische Geschichte darstellen: z.B. als Geburtsgeschichte Jesu, Gott als Hirte in Anlehnung an Ps 23 oder das Gleichnis vom verlorenen Schaf oder als Wolkensäule.

3. Darstellung der Untersuchungsergebnisse der christlich Erzogenen

3.1. Anthropomorphe Darstellungen
Von den 1472 Probanden zeichneten 850 Schülerinnen und Schüler Gott anthropomorph. Das sind 58% der ersten Stichprobe. Wie sich diese Darstellungen auf die einzelnen Altersstufen verteilen, veranschaulicht die folgende Grafik.

Auffallend ist, daß die Zahl der anthropomorph zeichnenden Kinder im Laufe des Lebensalters fast ständig abnimmt. Eine Ausnahme gibt es jedoch. Bei den 9jährigen nimmt die Zahl zu. Dies kann nach James Fowler damit erklärt werden, daß jüngere Kinder im Vorschulalter und in den ersten Jahren der Grundschule eine wesentlich abstraktere Vorstellung von Gott haben als die 9jährigen. Der Grund dafür liegt darin, daß Kinder dieser Altersstufe eher in der Lage sind, von Gott her zu denken. Die Kinder können Gottes Perspektive konstruieren, "wobei sie ihr ebenso viel Fülle verleihen ... wie den Perspektiven, die jetzt in Konsequenz Freunden und Familienmitgliedern beigelegt werden."5

Wenn man danach fragt, in welcher menschlichen oder menschenähnlichen Gestalt die Kinder und Jugendlichen Gott darstellen, dann lassen sich vier Möglichkeiten denken: als Mann, als Frau, als Geist oder als Gesicht.

Die überwiegende Zahl der Darstellungen konzentriert sich auf die Repräsentation Gottes als Mann. Insgesamt 75% aller anthropomorph zeichnenden Kinder und Jugendlichen stellen Gott so dar. Warum Gott von den Probanden in erster Linie als Mann gezeichnet wird, hängt damit zusammen, daß Religiosität in erster Linie durch den Vater vermittelt wird6. Wörtlich heißt es bei Hans-Jürgen Fraas: "Damit ist nicht die explizite religiöse Haltung gemeint (in der Regel betet die Mutter mit dem Kind), sondern die Formung des Transzendenzbezuges überhaupt."7  Der Transzendenzbezug geht psychoanalytisch maßgeblich auf die prägende Rolle zurück, die dem Vater nach Sigmund Freud in der Ödipusphase zukommt. Er wird gleichsam als "Übervater" in das Über-Ich aufgenommen und mit Gott identifiziert.

16% zeichnen ihn als Geist. Das Geist-Motiv hängt vermutlich damit zusammen, daß die Probanden ein Bewußtsein dafür entwickeln, daß Gott unsichtbar ist und deshalb nicht anders als als Geist gezeichnet werden kann.

Die Darstellung Gottes als Gesicht mit 5% spielt statistisch gesehen im Hinblick auf die Gesamtstichprobe kaum eine Rolle. Probanden, die diese Darstellungsart wählen, wissen vermutlich, daß Gott nicht (mehr) als Mann gezeichnet werden kann. Sie verfügen aber (noch) nicht über ein Sinnbild, mit dem sie Gott darstellen können.

3% - ausschließlich Mädchen - stellen Gott als Frau dar. In erster Linie wählen die 7jährigen mit über 13% diese Darstellungsart. Das kann darauf hindeuten, daß Kinder auf dieser Altersstufe einen Drang nach Anerkennung haben. Sie stellen sich selbst in den Mittelpunkt ihrer Zeichnungen.8

Wenn Kinder und Jugendliche Gott als Menschen oder menschenähnliches Wesen zeichnen, dann haben sie ein grundsätzliches Problem: Wie können sie Gott so darstellen, daß er vom Menschen unterschieden werden kann? Sie verwenden dazu eine Reihe von Attribuierungen, die sie Gott zuschreiben. Auf die statistisch gesehen Häufigsten wollen wir im folgenden näher eingehen.

49%9  der Kinder und Jugendlichen zeichnen Gott mit einem Bart. Damit wollen sie ein Doppeltes zum Ausdruck bringen: Zum einen weist der Bart darauf hin, daß Gott sehr alt sein muß. Denn wenn er die Erde geschaffen hat, muß er älter sein als die Erde. Zum anderen soll der Bart nach ihren Aussagen10 zum Ausdruck bringen, daß Gott sehr klug und weise ist. Bei den 16jährigen ist diese Attribuierung statistisch nicht mehr bedeutsam.

41% der 7- bis 14jährigen zeichnen Gott in den Wolken. Wenn wir den Forschungsergebnissen von Reto Luzius Fetz ausgehen, der drei Stufen der Himmelssymbolik unterscheidet, dann können wir feststellen, daß fast alle Darstellungen, auf denen Gott in den Wolken gezeichnet ist, der archaischen Stufe zuzuordnen sind,11 d.h. sie weisen ein eindeutiges "Oben" und "Unten" auf. Während bei den jüngeren Probanden Gott in den Wolken als fürsorgliches Wesen mit geöffneten Armen erscheint, der sich dem Menschen gütig zuwendet, ist bei den älteren seine Beziehung zum Menschen oder zur Erde eher distanziert.

Etwas mehr als ein Viertel (28%) aller Schülerinnen und Schüler stellen Gott mit ausgebreiteten Armen dar. Besonder häufig ist dieses Motiv bei den 7- bis 12jährigen, aber auch bei den 14jährigen ist es noch statistisch bedeutsam (19%). Diese gestische Attribuierung soll offenbar ausdrücken, daß Gott - im Gegensatz zum Menschen - immer bereit ist, denjenigen, der zu ihm kommt, mit offenen Armen aufzunehmen. Das bildlich mitgeteilte Vertrauen ist bei den jüngeren Kindern - besonders bei den Mädchen - stärker beobachtbar als bei den Jungen oder den älteren Probanden.

22% der Zeichnerinnen und Zeichner bringen Gott mit der Erde in Verbindung. Statistisch relevant ist dieses Motiv bei den 9- bis 15jährigen. Sie zeichnen z.B. die Erde in Gott, Gott hält die Erde in seiner Hand oder Gott lenkt die Erde durch Schnüre oder Seile. Warum Gott mit der Erde in Verbindung gebracht wird, erklären die schriftlichen Aussagen, die manche Kinder zu ihren Bildern verfaßt haben. Dabei ist ein zentrales Thema, daß Gott für die Erde da ist und sie beschützt. Zugleich wollen viele Probanden verdeutlichen, daß Gott viel größer ist als die Erde. Sie zeichnen z..B., daß Gott die Erde wie einen kleinen Ball in den Händen hält. Bei einer geringen Zahl der älteren Schülerinnen und Schülern regen sich Zweifel an der Allgüte Gottes. Sie sehen in ihm sowohl den Schöpfer des Guten wie des Bösen.12

Für einige der 9- bis 14jährigen ist das markante Erkennungmerkmal Gottes der Heiligenschein. 18% der Kinder der entsprechenden Altersstufen wählen diese Attribuierung. Zu vermuten ist, daß sie dieses Motiv von entsprechenden Darstellungen der christlichen Kunst übernommen haben. Denn auf fast allen anthropomorphen Bildern der Kunstgeschichte ist Gott mit einem Heiligenschein zu sehen. Vielleicht wollen sie auch inhaltlich damit verdeutlichen, daß Gott für sie der absolut Heilige ist, den Vollkommenheit auszeichnet.

Von 15% der 9- bis 13jährigen und 15jährigen wird Gott als helfend oder schützend dargestellt. Er kommt auf den Zeichnungen verunglückten Menschen zu Hilfe oder heilt sie von einer Krankheit. Das Verhältnis von Gott zu den Menschen ist durch die uneingeschränkte Fürsorge Gottes bestimmt. Gott kommen dabei magische Kräfte zu, um überall eingreifen zu können, wo seine Hilfe gebraucht wird. Bei den älteren Schülerinnen und Schülern tritt ein neuer Gedanke auf: Gott wird in das Herz der Menschen verlegt. Er greift nicht äußerlich in das Geschehen auf der Erde ein, sondern er hilft den Menschen durch die Verinnerlichung mit ihren persönlichen Problemen und Konflikten fertig zu werden.

10% der 10- bis 13jährigen stellen Gott mit Engeln dar. Damit wollen die Zeichnerinnen und Zeichner unterstreichen, daß Gott im Himmel sein zu Hause hat. Die Engel können auch als "Vermittler" gedacht werden, durch die das "Oben" und "Unten" überbrückt wird. Dadurch ist Gott , obwohl er im Himmel sein Zuhause hat, handlungsfähig, um auf das Geschehen auf der Erde eingreifen zu können.

Neben den erwähnten Attribuierungen gibt es einige weitere, die im Hinblick auf die Gesamtstichprobe statistisch weniger stark ins Gewicht fallen, wohl aber in einzelnen Altersstufen besonders stark hervortreten. Das sind die Darstellungen Gottes als König und auf dem Thron sitzend. Diese beiden Motive sind besonders bei den 8- und 9- sowie den 11- und 12jährigen Jungen zu beobachten. Beide Motive betonen die Mächtigkeit Gottes.

Aufgrund der Attribuierungen, die Kinder und Jugendliche Gott geben, ergibt sich zusammenfassend folgendes Gottesbild: Gott wird im Himmel lokalisiert (41%). Da er die Erde geschaffen hat, muß er sehr alt und weise sein. Der Bart unterstreicht diese Aussage (49%). Er hält die Erde in seiner Hand oder sie ist ein Teil seiner selbst (22%). Gott tritt den Menschen mit ausgebreiteten Armen offen und freundlich (28%) oder hilfreich und schützend (15%) gegenüber. Von einigen wird er als heilige Person gesehen (18%). Manche Jungen sehen in ihm den uneingeschränkten Herrscher. Alterstypische Attribuierungen sind nur in geringem Ausmaß erkennbar, so daß nicht davon auszugehen ist, daß es eine zeichnerische Entwicklung des Gottesbildes gibt, die in erster Linie entwicklungspsychologischen Gesetzmäßigkeiten folgt. Anzunehmen ist vielmehr, daß die Bildinhalte maßgeblich durch die religiöse Erziehung im Elternhaus, Gemeinde und den Religionsunterricht mitgeprägt werden.

3.2. Symbolische Darstellungen
Von den 1472 christlich erzogenen Kindern und Jugendlichen zeichnen 603 Gott nicht-anthropomorph oder symbolisch. Das sind 41% der Gesamtstichprobe. Die nachfolgende Grafik veranschaulicht den steten Zuwachs dieser Darstellungsart im Hinblick auf das Lebensalter. Dabei ist zu beobachten, daß die Zahl der symbolischen Darstellungen bei den 9jährigen zurückgeht. Warum dies so ist, wurde oben bereits erklärt.

Wenn man danach fragt, ob mehr Jungen als Mädchen symbolische Darstellungen wählen, dann zeigt sich ein deutlich signifikanter (= überzufälliger) Überhang bei den Mädchen. Er beträgt 9%. Dabei geht die Schere zwischen Jungen und Mädchen bei den älteren Altersstufen besonders auffallend auseinander. Warum Mädchen eher symbolische Darstellungen als Jungen wählen, kann u.a. mit Ergebnissen der neueren psychologischen Forschung in Zusammenhang gebracht werden. Dabei wird davon ausgegangen, daß bestimmte kognitive Leistungen vom inhaltlichen Interesse abhängen. Wenn wir uns diese Überlegung zueigen machen, können wir schlußfolgern, daß Mädchen stärker an religiösen Fragen interessiert sind als Jungen. Ihnen scheint eher als den Jungen bewußt zu sein, daß Gott nicht als Mensch gezeichnet, sondern bestenfalls symbolisch repräsentiert werden kann.

Welche symbolischen Repräsentationen wählen die Schülerinnen und Schüler im einzelnen, um Gott darzustellen?
An erster Stelle sind - nach der statistischen Häufigkeit - die Hand oder Hände zu erwähnen. Sie werden in der Regel mit der Erde in Verbindung gebracht. Die Hand oder die Hände segnen, schützen oder halten die Erde. Von den 10- bis 15jährigen wählen 25% dieses Motiv. Das Motiv "Hand" verweist auf viele Ursachen. Hervorzuheben ist, daß in der Bibel das Wort "Hand" mehr als 1600 mal vorkommt.13 Mehr als 200 mal wird von der Hand Jahwes berichtet. Dabei wird auf die Mächtigkeit seines Handelns verwiesen. Entsprechend heißt es bei Peter Biehl: "Die mehr allgemeine Vorstellung der machtvollen Hand Gottes kann mit den verschiedenen göttlichen Handlungen Gottes assoziiert werden. Sie kann die schöpferische Kraft ausdrücken; oder die Hand Jahwes verleiht Schutz, Sicherheit und Stärkung."14 Neben biblischen Aussagen spielt die Hand im kirchlichen Alltag bei verschiedenen liturgischen Symbolhandlungen eine Rolle. Dem Täufling wird die Hand aufgelegt, der Konfirmand wird unter Handauflegung eingesegnet, ebenso der kirchliche Amtsträger bei der Amtseinsetzung. Diese Beobachtungen können dazu führen, daß die Hand bevorzugt als Symbol für Gott verwendet wird. Daneben kann das Lied "Er hält die ganze Welt in seiner Hand", das den Probanden weitgehend bekannt sein dürfte, zu der entsprechende Bildaussage geführt haben.

Ein weiteres Symbol, das statistisch gesehen, eine Rolle spielt, ist die Sonne. 12% der Probanden wählen dieses Motiv, maßgeblich sind es die 11- bis 13jährigen. Sie wollen offenbar damit zum Ausdruck bringen, daß Gott überall ist, daß die Strahlen der Sonne überall hingelangen und die Erde mit Helligkeit und Wärme erfüllen.

Das Motiv des Hirten erscheint in der Gesamtstichprobe zu 11%. Bevorzugt wählen es die 11- und 12jährigen. Dieses Motiv stammt offensichtlich aus dem Religionsunterricht, denn im 5./6. Schuljahr wird das Gleichnis vom verlorenen Schaf behandelt. Vermutlich spricht es manche Schülerinnen und Schüler emotional stark an. Deutlich ist ein geschlechtsspezifischer Akzent erkennbar. Mehr Mädchen greifen diese Darstellungsart auf als die Jungen. Dieses Symbol hat aber keine dauerhafte Wirkung, sonst müßte es auch nach dem 12. Lebensjahr vorkommen. Psychologisch läßt sich dieser Sachverhalt so erklären: Heranwachsende, die sich in der Phase der Loslösung vom Elternhaus und konventionellen Bindungen befinden, identifizieren sich weniger mit einer Autorität, die sie beobachtet, behütet und bewacht.

Auffallend ist im Hinblick auf die übrigen symbolischen Darstellungen, daß sie keine statistisch relevanten Häufigkeiten zeigen. Die Probanden wählen unterschiedliche individuelle Symbole. Dieses Ergebnis deckt sich mit den Forschungsergebnissen des Amerikaners Ernest Harms, der im Jahr 1944 Tausende von Gottesbildern von Kindern und Jugendlichen analysiert hat. Er  fand dabei u.a. heraus, daß besonders von den Jugendlichen "individualistische" Symbole gewählt werden.15 Bei unserer Stichprobe lassen sie sich zwar mit wenigen Ausnahmen auf die christliche Tradition zurückführen, aber kennzeichned ist für sie, daß sie in Hinblick auf die Motivwahl eine breite Streuung aufweisen. Weiterhin wird bei der näheren Analyse der Motive deutlich, daß sie sich in erster Linie auf den menschlichen Körper oder die Natur beziehen. Sinnbilder, die auf unsere hochtechnisierten Gesellschaft verweisen, kommen so gut wie nicht vor. Aus dieser Beobachtung läßt sich die Schlußfolgerung ziehen, daß die Schülerinnen und Schüler kaum über Sinnbilder verfügen, die Gott mit der modernen, durch technische Rationalität bestimmte Lebenswelt in Verbindung bringen.

Inhaltlich fällt sowohl bei den anthropomorphen als auch bei den symbolischen Darstellungen auf, daß Gott in erster Linie von den Kindern und Jugendlichen positiv gesehen wird. Er schenkt dem Menschen Geborgenheit, ist ihm zugewandt, er hilft und schützt ihn. Das kann als Reflexion eines ursprünglichen Vertrauens oder einer tiefen Sehnsucht nach Vertrauen gedeutet werden. Problematisch erscheint bei diesem Gottesbild, daß die weitgehend ausschließliche Vorstellung eines "lieben" Gottes dem jungen Menschen nicht hilft, Anfechtungungen und Glaubenszweifeln im Laufe seiner Entwicklung standzuhalten, die dann verstärkt auftreten, wenn sich der junge Mensch aufgrund seiner sich entwickelnden Reflexionsfähigkeit bewußt wird, daß die Vorstellungen Gottes als "Wunscherfüller" oder als "Garant des Guten"16 nicht mehr zutreffen. Auf diesem Hintergrund kann die Frage nach der Theodizee massiv aufbrechen und den Jugendlichen zu der Ansicht führen, daß es entweder Gott gar nicht gibt, oder daß er zu schwach bzw. zu kraftlos ist, um alles für den Menschen zum Guten zu wenden. Warum die Bilder der Jugendlichen nur zu einem statisch sehr geringen Teil die Frage nach der Thepodizee Gottes stellen und sich religionskritisch äußern, scheint u.a. durch das Milieu bedingt zu sein, in dem sie aufwachsen. In einem stark christlich geprägten Umfeld erscheint es unangemessen, das Handeln Gottes trotz gegenteiliger Beobachtungen in Frage zu stellen. Es ist leichter, um mögliche Konflikte zu vermeiden, die eigene Auffassung zu verbergen.

Kommen wir nun auf die Frage zurück, die wir eingangs stellten: Wie entwickelt sich das Gottesbild der christlich erzogenen Kinder und Jugendlichen?

1. Mit nehnemdendem Alter nehmen die anthropomorphen Gottesbilder ab. Zugleich nehmen die symbolischen Repräsentationen zu.
2. Alterstypische Ausprägungen bestimmter Attribuierungen bzw. symbolischer Darstellungen sind nur vereinzelt feststellbar.
3. Daraus ergibt sich die Schlußfolgerung, daß nicht in erster Linie psychologische Gestzmäßigkeiten die Entwicklung des Gottesbildes bestimmen, sondern erzieherische Einflüsse, die aus dem Elternhaus, der Kirchengemeinde und dem Religionsunterricht stammen.
4. Das Gottesbild ist weitgehend poisitiv eingefärbt. Gott erscheint als liebevolles, gütiges, dem Menschen zugewandtes Wesen.
5. Maßgeblich bestimmen theistische Vorstellungen das Gottesbild.
6. Tendenziell besteht die Gefahr, daß dieses Gottesbild in der Entwicklung des jungen Menschen dann zu Irritationen führt, wenn dessen Lebenserfahrung nicht mehr mit der Vorstellung in Übereinstimmung gebracht werden kann, daß Gott alles auf der Erde zum Guten wendet.

4. Darstellung der Untersuchungsergebnisse bei den nicht-christlich Erzogenen

4.1. Anthropomorphe Darstellungen
Wenn die Kinder und Jugendlichen keine religiöse Erziehung erfahren haben, dann stellt sich zunächst die Frage, woher sie ihre Gottesvorstellungen beziehen, die sie mit wenigen Ausnahmen bei der Erhebung der Daten zu Papier gebracht haben. Wenn wir Ana-Maria Rizzuto17 folgen, dann ist davon auszugehen, daß jedes Kind unabhängig von seiner religiösen Herkunft Gottesbilder in der frühen Kindheit besitzt. Was daraus im Laufe der Entwicklung wird, hängt maßgeblich in einem atheistischen Kontext vom Zufall ab. Entsprechend nennen die Probanden in ihren Kommentaren folgende Quellen: die eigene Vorstellung ("Ich habe Gott so gemalt, weil ich ihn mir so vorstelle."), das Fernsehen, Bücher, Ausstellungen, Bilder in Kirchen, Filme, Träume und Gespräche. Aus den zufälligen Informationen, die sie dadurch erhalten, basteln sie offenbar ihre Gottesvorstellung.

Von den nicht-christlich erzogenen Kindern und Jugendlichen stellen 88% der Gesamtstichprobe Gott anthropomorph dar. Wie sich diese Darstellungsweise auf die einzelnen Altersstufen verteilt, zeigt die nächste Grafik:


Im Hinblick auf die Repräsentation Gottes wählen die nicht-christlich Erzogenen die gleichen Motive wie die Jungen und Mädchen der ersten Stichprobe. Sie stellen zu 76%18 Gott als Mann dar. 10% sehen Gott als Geist, 10% als Gesicht und 4% als Frau. Die Darstellung Gottes als Frau ist jedoch auf keiner Altersstufe statistisch gesehen bedeutsam.

Bei der zweiten Stichprobe finden sich zum großen Teil die gleichen Attribuierungen, die sich auch schon bei den christlich erzogenen Probanden fanden, mit denen sie Gott vom Menschen  versuchen unterscheidbar zu charakterisieren.

Dabei ist das häufigste Motiv der Bart. 65% stellen Gott so dar. Wie die christlich Erzogenen wollen sie damit auf das Alter und die Weisheit Gottes verweisen. Dies gilt in besonderer Weise für die jüngeren Probanden.

Am zweithäufigsten zeichnen die Schülerinnen und Schüler Gott in den Wolken. Insgesamt sind es 46%. Warum sie Gott in den Wolken beheimaten, begründen sie damit, daß Gott von da auf die Erde hinunterschauen kann. Von dieser hervorgehobenen Position sieht er alles, was auf der Erde geschieht. Einige verbinden damit moralische Vorstellungen. Er bestraft die Bösen und belohnt die Guten. Andere wollen zum Ausdruck bringen, daß Gott mit den Menschen nichts zu tun hat. Er lebt weit entfernt von ihnen, ohne daß er auf das Geschehen auf der Erde Einfluß nimmt. Die Darstellungen der nicht-christlich erzogenen Kinder lassen sich weniger eindeutig mit dem archaischen Weltbild in Verbindung bringen, das Reto Luzius Fetz beschreibt (vgl oben). Die Probanden stellen zwar das "Oben", aber nicht das "Unten" dar. Gott erscheint damit als fernes, distanziertes Wesen ohne erkennbare Beziehung zu den Menschen oder zur Erde.

37% der Probanden zeichnen Gott mit einem Heiligenschein. Dieses Motiv ist bei den 9- bis 16jährigen statistisch aussagefähig. Anzunehmen ist, daß sie diese Attribuierung von Illustrationen oder vom Fernsehen her kennen. Auffallend ist, daß sie den Begriff "Heiligenschein" nur bedingt kennen. Sie verwenden in ihren Kommentaren u. a. dafür die Bezeichnung "Engelsring". Das deutet darauf hin, daß sie keine inhaltliche Aussage damit verbinden.

Ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen zeichnen Gott mit einem Kreuz. Er hat das Kreuz um den Hals hängen, trägt es in der Hand oder es findet sich auf seiner Kleidung. Besonders bei den 9- bis 15jährigen ist dies eine statistisch relevante Attribuierung. Sie verwenden offenbar das Kreuz als Zeichen, weil sie es als allgemeinen Hinweis auf die christliche Tradition verstehen, ohne daß sie damit eine inhaltliche Aussage verbinden.

15% stellen Gott umringt von Engeln dar. Zum einen ist dies als Hinweis darauf zu werten, daß sich Gott im Himmel aufhält. Bei einigen Kommentatoren diesen die Engel als Boten Gottes, um auf der Erde einzugreifen, wenn jemand Hilfe braucht. Dieses Motiv ist bei den 10- bis 14jährigen statistisch aussagefähig.

Von 14% der Zeichnerinnen und Zeichner wird Gott mit Flügeln dargestellt. Dieses Motiv tritt besonders bei den 10- bis 14jährigen in Erscheinung. So zeichnen z.B. 22% der 10jährigen und 20% der 12jährigen Gott als geflügeltes Wesen. Fast hat es den Anschein als haben die nicht-christlich erzogenen Kinder Sorge, daß Gott ohne Flügel vom Himmel herunterfallen könnte. Ein weiterer Aspekt dieser Darstellungsart mag sein, daß die Kinder davon ausgehen, daß Gott sich überall hinwenden muß, dazu braucht er die Flügel, um eine rasche Fortbewegung zu garantieren.

Statistisch weniger ausgesprägt zeichnen die Schülerinnen und Schüler Gott z.B. mit  Stab, mit Himmelstor, mit Blitzen oder mit Sternen.

Zusammenfassend können wir festhalten: Das anthropomorphe Gottesbild der jüngeren Probanden ist dadurch geprägt, daß sie in Gott ein Wesen sehen, daß über der Erde in den Wolken beheimatet ist. Es beobachtet von da aus den Erde und die Menschen. Viele dieser Jungen und Mädchen haben die Vorstellung, daß Gott die Erde und die darauf Wohnenden beherrscht und bewacht. Für einige hat er die Fähigkeit, in das Erdengeschehen einzugreifen. Umgeben ist er von Engeln. Gott wird - besonders von den Jüngeren - als alt, klug und freundlich gesehen. Gelegentlich zeigt er bei den Probanden Gefühle. Er ist traurig, zornig oder gut gelaunt.

Auch das Gottesbild der älteren Schülerinnen und Schüler ist weitgehend märchenhaft bestimmt, sie stellen aber die Macht Gottes weitgehend in Frage. Dies geht nachhaltig aus ihren Kommentaren hervor. Ausgehend von Alltagserfahrungen, in denen Kriege, Leid, Armut und die Ungleichheit der Menschen eine wesentliche Rolle spielen, kommen sie zu der Einsicht, daß Gott kraftlos und schwach ist oder sich nicht um die Menschen kümmert. Auf dem Hintergrund eines kindlichen Gottesbildes, das mit der ersten Stufe der religiösen Urteilsbildung bei Fritz Oser und Paul Gmünder19 in Verbindung zu bringen ist, bezweifeln viele, daß es Gott tatsächlich gibt. Alterstypische Attribuierungen kommen nur eingeschränkt vor, so daß sich erneut die These bestätigt, daß die Entwicklung des Gottesbildes weitgehend von entwicklungspsychologischen Gesichtspunkten unabhängig erscheint.

4.2. Symbolische Darstellungen
Die Zahl der symbolischen Darstellungen ist im Verhältnis der anthropomorphen Repräsentationen Gottes sehr gering. Nur 12% der Probanden stellen Gott nicht-anthropomorph dar. Mit Ausnahme der 11jährigen beschränkt sich diese Darstellungsart auf die 13- bis 16jährigen. Die folgende Grafik gibt die Verteilung auf die einzelnen Altersstufen wieder.

Die Streuung der einzelnen Bildmotive ist sehr groß. Thematische statistische Häufungen sind nicht feststellbar. Inhaltlich spiegeln die Symbole weitgehend atheistische Einstellungen der Schülerinnen und Schüler wider. Dies drückt sich darin aus, daß Gott allgemein als Natur oder Erde gezeichnet wird. Viele verbinden mit Gott nichts. Deshalb versuchen sie die Leere, die sie im Zusammenhang mit Gott empfinden, symbolisch darzustellen oder sie zeichnen ein Fragezeichen. Einige christliche Symbole erfahren eine Bedeutungseinengung, so daß nicht mehr vom "Symbol" gesprochen werden kann. Das gilt z.B. für das Kreuz. Es wird als Zeichen verwendet, um darauf aufmerksam zu machen, daß Gott in der Vorstellung der Zeichnerinnen und Zeichner tot ist. Verallgemeinernd kann festgehalten werden, daß die Symbole in der überwiegenden Zahl pantheistische oder deistische Vorstellungen bzw. Unsicherheit oder die Ablehnung Gottes zum Ausdruck bringen.

Wenn man die Zeichnungen der Schülerinnen und Schüler zusammen mit den Kommentaren interpretiert, dann lassen sich zwei Tendenzen beobachten. Zum einen sind viele Zeichnungen kindlich märchenhaft, das gilt sowohl für die jüngeren als auch für manche der älteren Probanden. Zugleich finden sich viele kritische Kommentare, die entweder Gott grundsätzlich in Frage stellen oder ablehnen. Zugleich setzen sich die Zeichnerinnen und Zeichner mit ihren eigenen kindlichen Vorstellungen kritisch auseinander. Offenbar dient das naive Gottesbild gleichsam als Negativfolie, auf der eine kritische Auseinandersetzung mit der Gottesfrage erfolgt. Dabei lassen sich die Schülerinnen und Schüler von der Vorstellung leiten, daß Gott unmittelbar auf das Geschehen auf der Erde eingreifen müßte, weil er dies aber nicht tut, den Menschen nicht hilft, Unheil nicht abwendet, Kriege nicht verhindert, gibt es ihn ihrer Meinung nach nicht. Diese negative Überzeugung drückt sich auch weit verbreitet in den symbolischen Darstellungen aus.
Viele Kommentare verweisen zudem auf die in der DDR-Gesellschaft übliche religionskritische Propaganda, so daß die Schlußfolgerung naheliegt, daß sich die Kinder und Jugendlichen mit ihren Aussagen über Gott dem atheistischen bzw. religionskritischen Milieu anpassen, in dem sie aufwachsen.20

Kommen wir nun auf die obene gestellte Frage zurück: Wie entwickelt sich das Gottesbild nicht-christlich erzogener Kinder und Jugendlicher?

1. Die anthropomorphen Darstellungen gehen im Verhältnis zum Lebenalter kaum zurück. Sie halten sich selbst bei den 16jährigen noch auf sehr hohem Niveau (76%).
2. Die anthropomorphen Darstellungen bleiben bei den älteren Probanden weitgehend märchenhaft kindlich.
3. Symbolische Darstellungen spielen auf den einzelnen Altersstufe nur eine eingeschränkte Rolle. Die verwendeten Symbole sind meistens kritisch oder ablehnend.
4. Alterstypische Zusammenhänge, die auf allgemeine psychologische Entwicklungstendenzen verweisen, sind nur sehr bedingt beobachtbar.
5. Die Zeichnungen und die dazu formulierten Kommentare bei vielen älteren Probanden bringen pantheistische, deistische oder ablehnende Vorstellungen zum Ausdruck. Viele Schülerinnen und Schüler sagen aus, "daß sie sich Gott so vorstellen", aber nicht an ihn glauben.
6. Die einzelnen Bildmotive gehen auf eigene Vorstellungen oder zufällige Informationen aus der Erlebniswelt der Schülerinnen und Schüler zurück.

5. Welche Unterschiede sind im Hinblick auf beide Stichproben festzustellen?

Obwohl einige markante Unterschiede aus der obigen Darstellung der Ergenisse bereits zu entnehmen sind, sollen sie im folgenden unter systemtischen Gesichtspunkten noch einmal aufgegriffen und ergänzt werden. Die nachfolgende Grafik zeigt eindrücklich den Unterschied der Ergebnisse im Hinblick auf die anthropomorphen Repräsentationen Gottes.

anthropomorph

Die Grafik verdeutlicht einen starken Überhang anthropomorpher Gottesbilder bei den nicht-religiös Erzogenen. Erst nach dem 12. Lebensjahr geht die Zahl derer leicht zurück, die Gott in menschlicher oder menschenähnlicher Gestalt darstellen. Danach hält sich die Zahl anthropomorpher Darstellungen auf hohem Niveau. Im Gegensatz dazu ist bei den christlich-erzogenen Probanden ein stetiger Rückgang feststellbar, so daß die Schere zwischen den christlich erzogenen und den nicht-christlich erzogenen Heranwachsenden mit wachsendem Lebensalter weiter auseinandergeht.

Erst ab dem 10. Lebensjahr sind jedoch deutliche Unterschiede zwischen beiden Stichproben festzustellen. Daraus kann geschlossen werden, daß die religiöse Erziehung in den ersten Grundschuljahren auf die zeichnerische Entwicklung des Gottesbildes einen geringeren Einfluß ausübt als dies später der Fall ist. Das kann damit zusammenhängen, daß die kindliche Gottesvorstellung stark vom Elternbild geprägt ist. Erst wenn sich das Kind beginnt, mit ihm auseinanderzusetzen, scheint es in der Lage zu sein, religiöses Wissen mit seiner Gottesvorstellung in Beziehung zu setzen und Modifikationen des Gottesbildes vorzunehmen. Dadurch, daß der zweiten Stichprobe religiöses Wissen weitgehend fehlt, zeichnet sich auch keine nachhaltige Veränderung der kindlichen Gottesvorstellungen ab.

Teilweise gibt es auch große Unterschiede im Hinblick auf die statistische Häufigkeit21 einzelner Attribuierungen zwischen beiden Stichproben. Das veranschaulicht die folgende Tabelle:
 
 
Attribuierungen christlich Erzogene nicht-christlich Erzogene
Gott mit Bart 49% 65%
Gott in den Wolken 41% 46%
Gott mit Heiligenschein 18% 37%
Gott mit Engeln 10% 15%
Gott mit Kreuz 8% 25%
Gott mit Flügeln 5% 14%
Gott mit Erde 22% 12%
Gott helfend oder schützend 15% 3%22
Deutlich wird bei diesem Vergleich, daß märchenhaften Attribuierungen und plakative Ettikettierungen bei der zweiten Stichprobe überwiegen. Das Umgekehrte ist im Hinblick auf "positive" Eigenschaften Gottes der Fall. Offenbar bewirkt die christliche Erziehung einen Rückgang kindlich-phantastischer Attribuierungen. Durch die inhaltliche Beschäftigung mit der Gottesfrage scheinen die kindlichen Vorstellungen nach und nach in "realistischere" Vorstellungen überführt zu werden, um einen Ausdruck von Ernest Harms23 zu verwenden.

symbolisch

Im Hinblick auf die symbolischen Bilder zeigt sich die spiegelverkehrte Entwicklung im Vergleich zu den anthropomorphen Darstellungen. Dadurch, daß die nicht-anthropomorphen Gottesbilder stark individuell geprägt sind, ist davon auszugehen, daß durch die christliche Erziehung nicht bestimmte Sinnbilder erzieherisch vermittelt werden, sondern mit zunehmendem Alter die Einsicht, daß Gott nicht mehr anthropomorph angemessen dargestellt werden kann. Diese Erkenntnis läßt offenbar individuelle Interpretationsspielräume offen. Dabei ist unverkennbar, daß manche Schülerinnen und Schüler auf das Symbolangebot zurückgreifen, das ihnen in erzieherischen Kontexten in Form von Bildern, biblischen Texten, Liedern und Gesprächen begegnet. Da bei der zweiten Stichprobe keine erzieherische Korrektur des ursprünglich kindlichen Gottesbildes stattfindet, nimmt es nicht wunder, daß das Gottesbild weitgehend unverändert bleibt.

6. Welche Schlußfolgerungen ergeben sich aufgrund der Ergebnisse?

Wenn das Gottesbild der jungen Menschen im Laufe ihrer Entwicklung in starkem Maße durch die Erziehung und das soziale Milieu geprägt  wird, in dem sie aufwachsen, dann erscheint es zufällig, mit welchem Gottesbild der junge Mensch aufwächst. Diese Zufälligkeit kann aber nicht hingenommen werden, wenn es - abgesehen von der Chance zur persönlichen Reifung des Gottesbildes - ein allgemeines pädagogisches Anliegen ist, die religiöse Kommunikation aller zu gewährleisten und die religiös-weltanschauliche Diskussion - nicht nur im Religionsunterricht - zu sichern. So gesehen ist zu fordern, daß die religiöse Erziehung in einem atheistischen Kontext nachhaltig gefördert wird. Zugleich ist das Gottesbild, das in einem religiösen Milieu vermittelt wird, immer wieder neu daraufhin zu befragen, ob es mit dem biblischen Zeugnis übereinstimmt oder ob es Einseitigkeiten aufweist, die der jeweilige Zeitgeist hervorbringt.


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