I. Synergien
1.
Bedingungsfelder
1)
Die Trias der Faktoren
2)
Lernen resp. Übung
3)
Gewöhnung resp. Zeit
2.
Entfaltungsräume
1)
Relaxation
2)
Evaluation
3)
Motivation
II. (Auto)didakten
1.
Klassiker
1)
Die Methode Goethe
2)
Die Methode Humboldt
2.
Romantiker
1)
Die Methode Wagner
2)
Die Methode Schliemann-VIrchow
3)
Die Methode Mauthner
III. Dozenten
1.
Tragödie
2.
Triumph
3.
Happy end
Leitmotiv
Platon sagte, der Erziehungserfolg hänge von drei Größen ab: (a) Begabung, (b) Übung, (c) Zeit.
Gnomologium Vaticanum Nr. 439. Hier, wie üblich, die (zum Selbststudium geeigneten)
Originaltexte
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.
Elitebildung
Kurz, der bekannte Grundsatz bezüglich der Künste und Wissenschaften gilt auch für die Tugend: drei Dinge müssen zusammenkommen, um Perfektion zu erreichen, nämlich (a) natürliche Begabung, (b) Theorie, (c) Gewöhnung - wobei ich mit „Theorie" eine richtige Ausbildung meine, und mit „Gewöhnung" das tägliche Training.
Drei Bildungsstufen
Dabei verdanken sich der Begabung die Anfangsgründe, dem Lernen die Fortschritte dem Lernen, die praktische Anwendung der konsequenten Übung; Höchstleistungen aber verdanken sich nur allen 3 Faktoren zusammen: ist einer davon defizient, wird notwendigerweise die Tugend auf diesem Bein hinken.
Synergie-Effekt
So ist denn Begabung ohne Ausbildung blind, Ausbildung ohne Begabung mangelhaft, und dem Training fehlt, ohne beide, der richtige Zweck.
Agri animique cultura
Es ist wie in der Landwirtschaft: zunächst einmal muss der Boden fruchtbar sein - dann bedarf es eines ausgebildeten Landwirts, und schließlich qualitätvollen Saatguts. Und genauso in der Bildung, wo dem Boden die Begabung entspricht, dem Landwirt der Erzieher, dem Saatgut der Lehrstoff und die Ermahnungen.
Die Geistesgrößen
Und ich wage zu behaupten, dass diese drei Faktoren in den Köpfen der von aller Welt gepriesenen Geistesgrößen, Pythagoras, Sokrates und Platon und wer sonst noch seinen festen Platz in den Geschichtsbüchern hat, auf geradezu inspirierte Art zusammengewirkt haben.
Ein Glückspilz also und ein Liebling der Götter, wem ein Gott all diese Gaben verliehen hat.
Ps.-Plutarch (2.-3. Jhdt. n. Chr.?): De liberis educandis 4
Schülerprofil
Platon empfahl seinen Schülern dringend den Besitz dreier Eigenschaften, nämlich Züchtigkeit im Kopf, Schweigen auf der Zunge, in den Augen: Scham.
Platon (428/7 - 348/7): Stob. Anth. II 31,62
Motto
Das beste ist: Begabung haben, aber gleich danach kommt: Lernen!
Anonymer Komiker: Stob. Anth. II 31,25
[Die Begabung, weniger ein Problem von Didaktik als, mit Platon zu sprechen, Eugenik, ist in unserem Kontext irrelevant]
Arbeit als Begabungskorrektiv
Wenn aber nun einer denkt, dass die von Natur aus wenig Begabten, wenn sie nun eine rechte Ausbildung und entsprechendes Training erhalten, ihre natürliche Defizienz keinesfalls wettmachen können, dann sollte er wissen, dass er einigermaßen, besser gesagt: absolut auf dem Holzweg ist.
Denn wie Nachlässigkeit die Qualität der Begabung zerstören kann, so ist Unterricht sehr wohl in der Lage, eine mindere Anlage zu verbessern. Auch leichter Stoff entzieht sich denen, die ihn vernachlässigen, während durch entsprechende Anstrengung auch die schwersten Dinge beherrscht werden können.
Hoffnung für den Durchschnitt
Wenn aber nun einer denkt, dass die von Natur aus wenig Begabten, wenn sie nun eine rechte Ausbildung und entsprechendes Training erhalten, ihre natürliche Defizienz keinesfalls wettmachen können, dann sollte er wissen, dass er einigermaßen, besser gesagt: absolut auf dem Holzweg ist.
Denn wie eine hohe Begabung durch Nachlässigkeit allmählich verfällt, so ist Unterricht sehr wohl in der Lage, eine mittelmäßige Begabung deutlich zu verbessern; auch an den leichtesten Aufgaben wird scheitern, wer sich keine Mühe gibt, während durch entsprechende Anstrengung auch der schwerste Stoff beherrschbar ist.
Ein (eher trivialer) Hymnus auf die Macht des Lernens
Wie unglaublich effizient Anstrengung und Mühe sind, kann man in verschiedensten Bereichen beobachten:
Wassertropfen höhlen Felssteine aus; Eisen und Erz nutzen sich ab durch Berührung der Hände; vom Schmied gebogene Wagenräder kann kein Mittel der Welt wieder in den ursprünglichen Zustand zurückversetzen; die Krummstöcke der Schauspieler werden unmöglich jemals wieder gerade: das Naturwidrige setzt sich in all diesen Fällen, durch gewaltigen Kraftaufwand, gegenüber dem natürlichen Zustand durch.
Und damit nicht genug, denn es gibt noch tausende Beispiele dafür: der Boden war fruchtbar - aber vernachlässigt man ihn, so wird er zur Wüste, und je besser er ursprünglich, umso schlimmer laugt er, aufgrund mangelhafter Bearbeitung aus. Umgekehrt ist der Boden vielleicht allzuspröde und härter als erforderlich: aber durch entsprechende landwirtschaftliche Pflege bringt er auf einmal wunderbare Früchte hervor.
Welche Baumsorten wachsen, ohne entsprechende Pflege, nicht schief und krumm und bringen keine Früchte mehr? Erhalten sie aber die nötige Zuwendung (paidagogia), dann tragen sie vielfältig Frucht!
Welcher Körper, so stark er auch sein mag, wird nicht durch mangelnden Sport, falsche Ernährung und Ausschweifung mürbe und schlaff? Umgekehrt aber: welcher Mensch von an sich schwächlicher Konstitution kommt nicht durch regelmäßiges Kraft- und Fitnesstraining unglaublich in Form? Welche Pferde, wenn man sie nur richtig zugeritten hat, gehorchen nicht dem Reiter aufs Wort?
Und umgekehrt: wenn das Zureiten misslungen ist, welche werden nicht absolut störrisch und wild? Und was sollte man sich über andere Vorgänge wundern, wenn wir sehen, dass die wildesten Bestien durch die rechte Dressur handzahm, ja zu Haustieren werden?
Gut hat ja ein Mann aus Thessalien einmal auf die Frage, welche die humansten Thessalier wären, geantwortet: „Diejenigen, die mit dem ständigen Kriegmachen aufgehört haben."
Was soll man noch mehr sagen? Sittlichkeit (ēthos) ist eben letztlich nichts anderes als langjährige Gewöhnung (ethos), und wenn man die ēthischen = sittlichen Tugenden als ethische = Gewohnheitstugenden bezeichnen würde, läge man durchaus nicht falsch.
Ein Beispiel bringe ich noch dafür, dann will ich die Geschichte nicht weiter in die Länge ziehn.
Lykurgs Welpenexperiment
Lykurg, der Gesetzgeber Spartas, nahm zwei Welpen von denselben Eltern, um sie ganz unterschiedlich aufziehen zu lassen: den einen machte er naschhaft und gefräßig, den andern ließ er zu einem rechten Spür- und Jagdhund ausbilden.
Gelegentlich einer Volksversammlung trat Lykurg vor die Spartaner und sprach: „Einen gewaltigen Anteil an der Empfängnis der Tugend haben Gewöhnung - Bildung - Unterricht - Lebensführung: wofür ich euch nun ein schlagendes Beispiel liefern werde!" Womit er die beiden Hunde losließ, nachdem er vor ihnen (a) eine Schüssel mit Naschwerk, (b) einen Hasen plaziert hatte. Der eine Hund nun ging sofort auf den Hasen los, der andere machte sich an der Schüssel zu schaffen.
Als die Spartaner noch immer nicht begriffen hatten, was das Spektakel bezwecken solle und mit welcher Absicht er ihnen die beiden Welpen vorführe, sagte Lykurg: „Diese beiden, liebe Landsleute, haben die selben Eltern, aber da sie eine unterschiedliche Erziehung erhalten haben, ist der eine zum Schlemmer, der andere zum Jäger geworden."
Soviel zur Frage der Gewöhnung und zur rechten Lebensweise.
Ps.-Plutarch (2.-3. Jhdt. n. Chr.?): De liberis educandis 4
Faktor Nr. 1
Auf die Frage, was am meisten zur Bildung beisteuert, antwortete Philoxenos, seines Zeichens Musiker: „Zeit!":
Philoxenos
(ca. 435 - 380), Dithyrambiker: Stob. Anth. II 31,86
(K)ein Modul für den König
Der Geometriker Menaichmos erhielt von Alexander (dem Großen) den Auftrag, ihm „Geometrie kompakt" zu vermitteln. „Mein König", sagte er da, „auf dem Lande mag es (Schnell)straßen für den König geben und Straßen für's Volk: aber die Geometrie kennt nur einen Weg, für alle und jeden!"
Menaichmos
: Stob. Anth. II 31, 115
In etwa einem halben Jahr
Für die Erlernung des Griechischen wurde wieder [wie im Lateinischen, dessen Beherrschung also vorausgesetzt ist] die kleine Kühnersche Grammatik benutzt, die schon durch die vollständige Gleichartigkeit der Anlage die neue Sprache beinahe als eine bekannte erscheinen ließ. Auch sie wurde rasch durchgenommen, ich denke, daß wir ebenfalls in etwa einem halben Jahr das Ende erreichten. Dann begann die Lektüre des Homer; wir lasen Partien aus der Odyssee, den Anfang, die Ereignisse auf Ithaka und bei der göttlichen Kalypso, später die Fahrt in die Unterwelt, im ganzen 5 Bücher; dazu zwei Plutarchische Biographien; den üblichen Xenophon habe ich nie in die Hand bekommen.
Friedrich Paulsen
(1846-1908), „Vater des modernen (nicht mehr rein altsprachlichen) Gymnasiums": Aus meinem Leben. DigiBib 102,. 51742
Neun Monate 3 SWS
Im Griechischen glaube ich bei Anfängern, mit nur drei Stunden in der Woche, in neun Monaten einen solchen Grund gelegt zu haben, wie er nur da möglich ist, wo man den Unterricht in dieser Weise auf wenige Stunden beschränkt, der Selbstthätigkeit breiten Raum gibt und nutzlose Erschwerung so vorsichtig meidet wie schädliche Erleichterung. Diese Schüler sahen mit Selbstgefühl auf die Fortschritte in einer so kleinen Zeit zurück, in der sie in Homer und Xenophon eingedrungen waren, und ich hätte sie bei fortgesetztem Unterricht unzweifelhaft zu stolzen und sichern Gräcisten gemacht, ganz abgesehen von dem, was ihnen diese Stunden für Geist und Seele sonst noch eingetragen hätten.
Georg Gottfried Gervinus
(1805-71): Leben. DigiBib 102, 26502
Viele Jahre
Erstreckt sich das Studium der griechischen Sprache nicht über viele Jahre, so ist es jedenfalls unmöglich, bis dahin zu gelangen, wo die Lektüre Platos in der Ursprache ein nennenswertes Plus demgegenüber darstellt, was eine deutsche Übersetzung und ein ordentlicher Philosophieunterricht zu geben vermögen.
Gottfried Steyer: Pros pegen hodos. Handbuch für das Studium des neutestamentlichen Griechisch. Band 1 Formenlehre, Leipzig 1963, Vorwort
Lernrisiken
Überanstrengung und Schlaf: die zwei Feinde jeglichen Lernens.
Platon (428/7 - 348/7), Staat 537 b: Stob. Anth. II 31,42
Entspannung
Wie Pflanzen von der richtigen Menge Wasser genährt werden, von einer Übermenge aber ersäuft, so wird auch die Seele in ihrer Leistungsfähigkeit durch angemessene Trainingseinheiten gestärkt, aber geht durch ein Zuviel davon unter. Wir müssen den Kindern also ausreichende Erholung von den Strapazen gönnen, eingedenk der Tatsache, dass unser Leben in Entspannung und Arbeit eingeteilt ist. Deswegen hat man ja schließlich nicht nur den Wachzustand, sondern auch den Schlaf erfunden, oder nicht nur Krieg, sondern auch Friden, nicht nur Winter, sondern auch Sonnenschein, nicht nur Stress im Arbeitsalltag, sondern auch Feste und Urlaub. Kurz: die Erholungspause ist es, was die Arbeit erst genießbar macht! Und das kann man nicht nur bei Tieren und Pflanzen beobachten, sondern auch an leblosen Dingen: so pflegen wir Bogen und Lyra zu entspannen, damit wir sie bald wieder anspannen können. Man kann also sagen: der Körper wird durch den Wechsel von Mangel und Füllung am Leben erhalten, die Seele aber durch den Wechsel von Entspannung und Arbeit.
Ps.-Plutarch (2./3. Jhdt. n.Chr.?): De liberis educandis 13
Aurbachers Ruin
Aurbacher bildete sich dort mit allem Eifer weiter, lernte Griechisch und machte gute Fortschritte in Mathematik und Physik. Doch die unausgesetzte geistige Anstrengung, die Beschwerden eines mehr als zweijährigen Noviziates mußten bei dem Mangel an Erholung, bei dürftiger Nahrung und unterbrochenem Schlafe die sonst gesunde Constitution des Jünglings erschüttern und ihm körperliche Leiden verursachen, deren Folgen nie mehr schwanden, indem düstere Melancholie ihm nachmals viele Stunden seines Lebens verbitterte.
(Über)
Ludwig Aurbacher
(1784-1848): Ein Volksbüchlein. Deutsche Märchen und Sagen, Einleitung. DigiBib 80, 396
Stallknechtsweisheit, oder: Das Auge des Königs
Absolut kritikwürdig verhalten sich diejenigen Väter, die ihre Söhne den Pädagogen und Leheren anvertrauen, ohne sich jemals persönlich ein Bild vom Unterricht zu machen - ein unglaublicher Fehler! Nein, alle paar Tage sollten sie ihre Kinder testen und prüfen, statt auf das Arbeitsethos einer (schlecht)bezahlten Lehrkraft zu setzen. Und nicht zuletzt werden sich auch die Lehrkräfte selbst wesentlich mehr ins Zeug legen, wenn sie unausgesetzt um ihre Existenz bangen müssen. Hierzu passt der gelungene Spruch jenes alten Stallknechts, der da lautet: „Nichts nährt das Pferd so gut wie das Auge des Königs!"
Ps.-Plutarch (2.-3. Jhdt. n.Chr.), De liberis educandis 13 = Moralia 9 C
Zum Abschluss nochmals die griechischen
Fundstellen
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der ersten Kapitel.
Per totam noctem declinare
Domina magistra Felhin / date mihi licentiam / in hac nocte vigilare cum magistra Adalu / et ego ambabus manibus confirmo atque iuro / ut per totam noctem declinare volo aut legere / aut pro seniore nostro cantare / Valete et, ut puto, facite!
Anonyme Klosterschülerin, Essen 10. Jhdt. zit. in der Ausstellung SchleierHaft zu St. Cyriakus, Gernrode
Innerster Wunsch
Ein Mädchen und Englisch lernen! Wozu in aller Welt sollte das ihr nützen? Die Frage wurde täglich von Freunden und Verwandten wiederholt, denn die Sache war damals in Danzig etwas Unerhörtes. Ich fing am Ende an, mich meiner Kenntniß der englischen Sprache zu schämen, und schlug deshalb einige Jahre später es standhaft aus, auch Griechisch zu lernen, so sehr ich es innerlich wünschte, und so freundlich auch Jameson deshalb in mich drang.
Johanna Schopenhauer
(1766-1838): Jugendleben und Wanderbilder. DigiBib 102, 60624
Durstig und hungrig
In einer lateinisch geschriebnen Grammatik der griechischen Sprache studiert' ich durstig und hungrig das Alphabet und schrieb am Ende ziemlich griechisch, was nämlich die Handschrift anlangt. Wie gern hätt' ich mehr gelernt und wie leicht! Wenn nicht der Leib, doch der Geist einer Sprache fuhr leicht in mich hinein.
Jean Paul = Johann Paul F. Richter (1763-1825): Selberlebensbeschreibung. DigiBib 102, 56025.
Kein Schlendrian
Aus dem mit wahrer Liebe ertheilten griechischen Unterrichte konnte ich merken, wie leicht ich bei den Studien wäre zu fesseln gewesen; aber der Schlendrian alles übrigen Unterrichtes langweilte mich; der Gedanke des Studirens war in mir erloschen.
Georg Gottfried Gervinus (1805-71): G.G. Gervinus Leben. DigiBib 102, 26246
Höllischer Holzweg, oder: Angenehmes vis-à-vis
KOTZELUCH hitzig. Bursch! Bürschchen! Du nicht unter meinen Befehlen? Du? Sag' das noch ein Mal, und ich will Dir zeigen, daß meine Hände nicht blos zum Orgel- und Klavierspielen auf der Welt sind.
FRANZ. Ihr Glück, daß zwei Stunden von der Universität kein Komment gilt, sonst wüßt' ich - aber freilich, von Eltern und Mädchen zieht kein Tusch.
KOTZELUCH. Was der Kerl für eine Sprache spricht? »Tusch - Komment - zieht?« Ist das deutsch oder griechisch?
LOUISE. Es ist burschikos.
KOTZELUCH. Das ist ja eine neue Sprache. Welches Volk redet die? Auf welcher Insel wohnen die Burschikosen?
LOUISE. Auf der Insel der Freiheit!
KOTZELUCH. Nun hör' Einer das Mädel! Hat er Dich auch schon beschwindelt? Ich glaube, sie würde am liebsten selbst ein Bruder Studio?
LOUISE. Warum nicht? Von Herzen gern. Ich wollte mit Franz in die Auditorien geh'n und die Herren Professoren, wenn sie nicht gar zu alt und sauertöpfisch wären, würden mein vis-à-vis eben so angenehm finden, als das der jungen Schnurrbärte. Meinen Sie etwa, das Studentenleben wäre mir fremd? Sie irren, Herr Vormund; Sie sind auf höllischen Holzwegen.
Karl von Holtei
(1798-1880): Die Kalkbrenner. DigiBib 95, 28503
Kleine gelbe Heftchen
Nur der Unterricht meines Lehrers wirkte noch beruhigend auf die Stürme meines Innern und lenkte mein Interesse in andere Bahnen. Die Literaturgeschichte besonders fesselte mich mehr und mehr. Sie bestand nicht nur aus den Namen der Dichter, den Titeln ihrer Werke und fix und fertigen Urteilen über sie, mit denen ausgerüstet unsere Jugend Bildung zu heucheln pflegt, sie vermittelte mir vielmehr, soweit es meiner geistigen Entwicklung entsprach, die Kenntnis der Werke selbst.
In kleinen gelben Heftchen brachte sie mir mein Lehrer, der nicht die Mittel hatte, kostbarere Ausgaben anzuschaffen. Die nordische und die ältere deutsche Literatur, die griechischen und römischen Klassiker lernte ich auf diese Weise kennen; mit der Lektüre wuchs mein Verlangen nach immer neuen Büchern, und statt des Weihrauchs und der Blumen für meinen Tempel kaufte ich mir ein Reclamheft nach dem andern. Nachdem ich erst den Katalog in Händen hatte, ließ es mir keine Ruhe mehr: ich mußte lesen, lesen - alles lesen.
Lily Braun
(1856-1916): Memoiren einer Sozialistin (1909), DigiBib 102, 11884
Erste Bekanntschaft
Er [der Onkel: Pfarrer Starck] lebte seiner Gesinnung und seinem Stande gemäß sehr einsam, und besaß eine schöne Bibliothek. Hier lernte ich zuerst den Homer kennen, und zwar in einer prosaischen Übersetzung [...]. Die Begebenheiten gefielen mir unsäglich.
Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, HA IX 42
Mädgennatur
Es ist schwer gute Perioden, und Punckte zu seiner Zeit zu machen, die Mädgen machen weder Komma noch Puncktum, und es ist kein Wunder wenn ich Mädgen Natur annehme.
Doch lern ich schön griechisch, denn dass Sie es wissen ich habe in der Zeit dass ich hier binn meine griechische Weisheit so vermehrt dass ich fast [!] den Homer ohne Übersetzung lese.
Goethe an
Salzmann
: Sesenheim, 19. Juni 1771, HA, Briefe I 122, vgl. WA IV 1, 259-61
„So du's aber nicht verstehst" : das Griechischlernrezept
Wir brauchen
Hier ein kurzes Rezipe für des werthen Baron v. Hohenfels Griechisches Studium!
„So du einen Homer hast ist's gut, hast du keinen kauffe dir den Ernestischen da die Clärckische wörtliche Übersetzung beygefügt ist; sodann verschaffe dir Schaufelbergs Clavem Homericam, und ein Spiel weisse Karten.
Biss Dir ein Licht aufgeht
Hast du dies beisammen so fang an zu lesen die Ilias, achte nicht auf die Accente, sondern lies wie die Melodey des Hexameters dahinfliest und es dir schön klinge in der Seele. Verstehst du's; so ist alles gethan, so du's aber nicht verstehst, sieh die Übersezzung an, lies die Uebersezzung, und das Original, und das Original und die Uebersezzung, etwa ein zwanzig dreisig Verse, biss Dir ein Licht aufgeht über die Construcktion, die im Homer reinste Bilderstellung ist.
Frisch und franck vor Homer
Sodann ergreife Deinen [sic] Clavem wo Du wirst Zeile vor Zeile die Worte analisirt finden, das Praesens und den Nominativum, schreibe sodann auf die Karten, steck sie in Dein Souvenir, und lerne dran zu Hause und auf dem Feld, wie einer beten mögt, dem das Herz ganz nach Gott hing. Und so immer ein dreisig Verse nach dem andern, und hast Du zwey drey Bücher so durchgearbeitet, versprech ich Dir, stehst Du frisch und franck vor Deinem Homer, und verstehst ihn ohne Uebersezzung Schaufelder und Karten.« Probatum est!
Worin das Huhn gestopft wird
Im Ernst liebe Mama, warum das alles so und so, und just Karten seyn müssen. Nicht untersucht ruft der Artzt! Warum muss das eben Nesseltuch seyn worin das Huhn gestopft wird. Sagen Sie dem hochwürdigen Schüler zum Troste, Homer sey der leichteste Griechische Autor, den man aber aus sich selbst verstehen lernen muss.
Goethe an
Sophie von la Roche
, Frankfurt, 20. November 1774, HA Briefe I 172; vgl. WA 2, 205-6.
„Mein Homer": lebhaftes Gefühl
26. Mai Wahlheim. So vertraulich, so heimlich hab' ich nicht leicht ein Plätzchen gefunden, und dahin lass' ich mein Tischchen aus dem Wirtshause bringen und meinen Stuhl, trinke meinen Kaffee da und lese meinen Homer.
Wenn ich des Morgens mit Sonnenaufgange hinausgehe nach meinem Wahlheim und dort im Wirtsgarten mir meine Zuckererbsen selbst pflücke, mich hinsetze, sie abfädne und dazwischen in meinem Homer lese; wenn ich in der kleinen Küche mir einen Topf wähle, mir Butter aussteche, Schoten ans Feuer stelle, zudecke und mich dazusetze, sie manchmal umzuschütteln: da fühl' ich so lebhaft, wie die übermütigen Freier der Penelope Ochsen und Schweine schlachten, zerlegen und braten.
Es waren zwei Büchelchen in Duodez dabei, der kleine Wetsteinische Homer, eine Ausgabe, nach der ich so oft verlangt, um mich auf dem Spaziergange mit dem Ernestischen nicht zu schleppen.
Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, HA VI 14-15, sowie 29 und 54
"Sein Homer": subtile Prahlerei
An Werthern gefällt mir das Lesen seines Homers nicht. Es ist subtile Prahlerei, daß der Mann etwas Griechisches lesen konnte, während andere Leute etwas Deutsches lesen müssen. Dass deutsche Schriftsteller so oft ihre Helden mit einem Griechen in der Hand spazieren lassen, ist deutsche Prahlerei, Zeitungs- und Journalenleserei. Literärisches Verdienst ist in Deutschland leider der Maßstab von wahrem Wert geworden, weil Schulfüchse den Thron des Geschmacks usurpieren. Anstatt einen Helden immer in seinem Homer lesen zu lassen, wollte ich ihn liber in das Buch sehen lassen, aus dem Homer selbst lernte; das wir ganz ohne Varianten, ohne Dialekte vor uns haben.
Georg Christoph Lichtenberg (1742-99): Sudelbücher G 5
Wenig Fortschritt - steigende Begeisterung: ein Epigone
Weniger Fortschritte machte ich in der griechischen Sprache, ob mich gleich die Dichter Griechenlands sehr ansprachen, wobei ich aber immer die Übersetzungen zu Hülfe nahm; namentlich die Vossische Übersetzung beim Homer, die ich mit meiner Schwester Wilhelmine in einem Wäldchen bei Neckarweihingen, wohin wir dazumal im Frühling alle Abende wanderten, mit steigender Begeisterung las.
Justinus Kerner
(1786-1862): Bilderbuch aus meiner Knabenzeit (= Erinnerungen S. 217); DigiBib 102, 28876
Wenn Humboldt kommt, oder: die Grenzen des Selbststudiums
Auch habe ich die größte Lust mich in Nebenstunden mit dem Griechischen zu beschäftigen, nur um so weit zu kommen, daß ich in die griechische Metrik eine Einsicht erhalte. Ich hoffe, wenn Humboldt hieher kommt, dadurch eher etwas von ihm zu profitieren. Auch wünschte ich zu wissen, welche griechische Grammatik und welches Lexikon das brauchbarste sein möchte. Friedrich Schlegel wird wohl am besten darüber Auskunft geben können.
Schiller an Goethe: 26. (27.) September 1800: WA IV 15, 120
Ich habe Vulpius geschrieben daß er Ihnen gleich aus meinen Büchern diejenigen aussucht die Sie ohngefähr zu Ihren Zwecken brauchen können, Sie werden sich aber wenig daran erbauen. Das Stoffartige jeder Sprache so wie die Verstandsformen stehen so weit von der Production ab daß man gleich, sobald man nur hineinblickt, einen so großen Umweg vor sich sieht daß man gern zufrieden ist wenn man sich wieder herausfinden kann. In meiner Arbeit gehe ich auch nur so nach allgemeinen Eindrücken. Es muß jemand wie etwa Humboldt den Weg gemacht haben, um uns etwa zum Gebrauch das Nöthige zu überliefern. Ich wenigstens will warten bis er kommt und hoffe auch alsdann nur wenig für meinen Zweck.
Goethe an Schiller, 28.September 1800: WA IV 15, 122
Aufsuchung statt Anschauung: Eigentätigkeit!
Wenn das Studium der Griechen in der Absicht unternommen wird, die ich hier dargestellt habe [vgl. Paideia - Bildung: Wozu Griechisch], so erfordert es natürlich seine eignen allgemeinen und besondren Vorschriften. Die allgemeinsten und hauptsächlichsten möchten etwa folgende sein:
1. Der Nutzen eines solchen Studiums kann nie durch eine, auch von dem gelehrtesten Manne und dem größesten Kopfe entworfene Schilderung der Griechen erreicht werden [m.a.W. es genügt nicht, Sekundärliteratur oder gar „Einführungen" zu lesen]. Denn einmal wird dieselbe immer, wenn sie völlig treu sein soll, nicht individuell genug sein können, und wenn sie völlig individuell sein soll, wird es ihr an Treue mangeln müssen; und zweitens besteht auch der größeste Nutzen eines solchen Studiums nicht gerade in dem Anschauen eines solchen Charakters, als der griechische war, sondern in dem eignen Aufsuchen desselben [d.h. in Eigentätigkeit st. Rezeptivität]. Denn durch dieses wird der Aufsuchende selbst auf eine ähnliche Weise gestimmt - griechischer Geist geht in ihn über - und bringt durch die Art, wie er sich mit seinem eignen vermischt, schöne Gestalten hervor. Es bleibt daher nichts, als eignes Studim übrig, in unaufhörlicher Rücksicht auf diesen Zweck unternommen.
2. muß das Studium der Griechen selbst nach einer gewissen systematischen, und auf diesen Endzweck bezogenen Ordnung vorgenommen werden.
3. muß man am längsten nicht allein bei den Perioden verweilen, in welchen die Griechen am schönsten und gebildetsten waren, sondern auch gerade im Gegenteil ganz vorzüglich bei den frühesten.
Wilhelm von Humboldt (1767-1835): Über das Studium des Altertums, und des griechischen insbesondere §§ 37-39
Vermittelte Gelehrsamkeit
Um den im vorigen dargestellten Nutzen in seiner ganzen Größe hervorzubringen, erfordert das Studium des Altertums die größeste, ausgebreiteste, und genaueste Gelehrsamkeit, die sich natürlich nur bei sehr wenigen finden kann. Allein der Nutzen ist immer, wenngleich in geringeren Graden auch da vorhanden, wo man sich nur überhaupt, wenngleich mit minderem Streben nach Gründlichkeit, mit diesem Studium beschäftigt; und er teilt sich endlich auch sogar allen denen mit, welchen dies Studium auch ewig ganz fremd bleibt. Denn in der Verbindung einer hoch kultivierten Gesellschaft kann im genauesten Verstande jede Kenntnis eines einzelnen ein Eigentum aller genannt werden.
Wilhelm von Humboldt: Über das Studium des Altertums, und des griechischen insbesondere §§ 43
Ursprache ja, Grammatik: nein danke!
Auch auf die alten Sprachen vermochte ich nur soweit Fleiß zu verwenden, als es durchaus unerläßlich war, um durch ihre Kenntnis mich der Gegenstände zu bemächtigen, deren charakteristischeste Darstellung mir vorzuführen es mich reizte.
Hierin zog mich namentlich das Griechische an, weil die Gegenstände der griechischen Mythologie meine Phantasie so stark fesselten, daß ich die Helden derselben durchaus in ihrer Ursprache sprechend mir vorführen wollte, um meine Sehnsucht nach vollständigster Vertrautheit mit ihnen zu stillen. Daß unter diesen Umständen die eigentliche Grammatik nur als ein beschwerliches Hindernis, nicht aber als ein selbst anreizender Wissenszweig betrachtet wurde, läßt sich leicht denken. Daß ich in meinen Sprachstudien nicht sehr gründlich verfuhr, erhellt mir am besten wohl daraus, daß ich in späterer Zeit das Befassen mit ihnen so schnell aufgeben konnte.
Erst weit später gewann mir das Sprachstudium im allgemeinen ein wahrhaftes Interesse ab, seit ich die physiologisch-philosophische Seite der Behandlung desselben kennenlernte, wie sie unseren neueren Germanisten durch Jakob Grimms Vorgang zu eigen geworden ist.
Richard Wagner (1813-83): Mein Leben. DigiBib 102, 70681.
Ebenfalls eine Tragödie
In meinen Studien noch nicht so weit vorgeschritten, um die griechischen Tragiker in der Ursprache selbst bewältigen zu können, beeinflußte mich das Bekanntwerden mit den geistvollen Nachahmungen ihrer Formen, welche mir zufällig in August Apels hieher schlagenden dichterischen Arbeiten, nämlich dessen Polyïdos und Aitolier, bekannt wurden, bei dem Versuche, ebenfalls eine Tragödie nach griechischem Muster zu konstruieren. Ich wählte hierzu als Stoff den Tod des Odysseus nach einer Fabel des Hyginus, nach welcher der alte Held von seinem mit Kalypso erzeugten Sohne erschlagen wird. Auch mit dieser Arbeit blieb ich in den ersten Anfängen stehen.
Richard Wagner (1813-83): Mein Leben. DigiBib 102, 70685
Sehnlicher Wunsch
Ich hatte immer sehnlichst gewünscht, Griechisch lernen zu können; vor dem Krimkriege aber war es mir nicht rathsam erschienen, mich auf dieses Studium einzulassen; denn ich musste fürchten, dass der mächtige Zauber der herrlichen Sprache mich zu sehr in Anspruch nehmen und meinen kaufmännischen Interessen entfremden möchte. Während des Krieges aber war ich mit Geschäften dermassen überbürdet, dass ich nicht einmal dazu kommen konnte, eine Zeitung, geschweige denn ein Buch zu lesen.
Neugriechisch: Lektüre intensiv
Als aber im Januar 1856 die ersten Friedensnachrichten in Petersburg eintrafen, vermochte ich meinen Wunsch nicht länger zu unterdrücken und begab mich unverzüglich mit grösstem Eifer an das neue Studium; mein erster Lehrer war Herr Nikolaos Pappadakes, der zweite Herr Theokletos Vimpos, beide aus Athen, wo der letztere heute Erzbischof ist. Wieder befolgte ich getreulich meine alte Methode, und um mir in kurzer Zeit den Wortschatz anzueignen, was mir noch schwieriger vorkam als bei der russischen Sprache, verschaffte ich mir eine neugriechische Uebersetzung von »
Paul et Virginie
« und las dieselbe durch, wobei ich dann aufmerksam jedes Wort mit dem gleichbedeutenden des französischen Originals verglich. Nach einmaligem Durchlesen hatte ich wenigstens die Hälfte der in dem Buche vorkommenden Wörter inne, und nach einer Wiederholung dieses Verfahrens hatte ich sie beinahe alle gelernt, ohne dabei auch nur eine Minute mit Nachschlagen in einem Wörterbuche verloren zu haben. So gelang es mir in der kurzen Zeit von sechs Wochen die Schwierigkeiten des Neugriechischen zu bemeistern; danach aber nahm ich das Studium der alten Sprache vor, von der ich in drei Monaten eine genügende Kenntniss erlangte, um einige der alten Schriftsteller und besonders den Homer verstehen zu können, den ich mit grösster Begeisterung immer und immer wieder las.
Altgriechisch: Lektüre kursorisch
Nun beschäftigte ich mich zwei Jahre lang ausschliesslich mit der altgriechischen Literatur, und zwar las ich während dieser Zeit beinahe alle alten Classiker cursorisch durch, die Ilias und Odyssee aber mehrmals. Von griechischer Grammatik lernte ich nur die Declinationen und die regelmässigen und unregelmässigen Verba, mit dem Studium der grammatischen Regeln aber verlor ich auch keinen Augenblick meiner kostbaren Zeit.
Gröbste Fehler: Kritik der Gymnasialmethode
Denn da ich sah, dass kein einziger von all den Knaben, die in den Gymnasien acht Jahre hindurch, ja oft noch länger, mit langweiligen grammatischen Regeln gequält und geplagt werden, später im Stande ist, einen griechischen Brief zu schreiben, ohne darin hunderte der gröbsten Fehler zu machen, musste ich wol annehmen, dass die in den Schulen befolgte Methode eine durchaus falsche war; meiner Meinung nach kann man sich eine gründliche Kenntniss der griechischen Grammatik nur durch die Praxis aneignen, d.h. durch aufmerksames Lesen classischer Prosa und durch Auswendiglernen von Musterstücken aus derselben.
Lektüre - Musterstücke - Praxis ohne Grammatik
Indem ich diese höchst einfache Methode befolgte, lernte ich das Altgriechische wie eine lebende Sprache. So schreibe ich es denn auch vollständig fliessend und drücke mich ohne Schwierigkeit darin über jeden beliebigen Gegenstand aus, ohne die Sprache je zu vergessen. Mit allen Regeln der Grammatik bin ich vollkommen vertraut, wenn ich auch nicht weiss, ob sie in den Grammatiken verzeichnet stehen oder nicht. Und kommt es vor, dass jemand in meinen griechischen Schriften Fehler entdecken will, so kann ich jedesmal den Beweis für die Richtigkeit meiner Ausdrucksweise dadurch erbringen, dass ich ihm diejenigen Stellen aus den Classikern recitire, in denen die von mir gebrauchten Wendungen vorkommen; vgl. Anm. 29
Heinrich Schliemann (1822-90): Selbstbiographie. DigiBib 102, 59676
Virchow an Schliemann loc. cit. Anm. 29.
Mit Vergnügen vernehme ich von meinem hochverehrten Freunde Professor Rudolf Virchow in Berlin, dass er die classischen Sprachen in ähnlicher Weise gelernt hat; er schreibt mir über den Gegenstand Folgendes:
Stegreifübersetzung ohne Grammatik
»Bis zu meinem 13. Jahre erhielt ich in einer pommerschen Stadt Privatunterricht. Mein letzter Lehrer dort war der zweite Prediger, dessen Methode darin bestand, mich sehr viel ex tempore übersetzen und schreiben zu lassen; dagegen liess er mich auch nicht eine einzige grammatische Regel im eigentlichen Sinne des Wortes auswendig lernen.
Besonderer Liebling
Auf diese Weise gewährte mir die Erlernung der alten Sprachen so viel Vergnügen, dass ich sehr oft Uebersetzungen, die mir gar nicht aufgegeben waren, für mich selber anfertigte. Als ich nach Cöslin auf das Gymnasium geschickt wurde, war der Director desselben mit meinem Lateinisch so zufrieden, dass ich bis zu meinem Abgange von der Schule sein besonderer Liebling blieb.
Philologenneid
Andererseits aber konnte der griechische Lehrer, Professor Grieben, welcher Theologie studirt hatte, so wenig begreifen, wie jemand im Stande sein sollte, eine gute griechische Uebersetzung anzufertigen, ohne die Buttmann'sche Grammatik auswendig zu wissen, dass er mich geradezu des Betruges beschuldigte; selbst als er trotz all seines Aufpassens nie irgendein unerlaubtes Hülfsmittel bei mir entdecken konnte, verfolgte er mich doch mit seinen unausgesetzten Verdächtigungen bis zum Abiturientenexamen. Bei demselben examinirte er mich aus dem Neuen Testament (griechischen Textes): als ich gut bestand, erklärte er den versammelten Lehrern, die mir einstimmig ein günstiges Zeugniss ertheilten, dass er gegen mich stimmen müsse, da ich nicht die moralische Reife für die Universität besässe. Zum Glück blieb dieser Protest ohne Wirkung.
Nachdem ich das Examen bestanden hatte, setzte ich mich hin und lernte ohne jede Hülfe die italienische Sprache.«
Rudolf Virchow
(1821-1902), zit. in Heinrich Schliemann: Selbstbiographie. DigiBib 102, 59692 (Anm. 29)
Hunger
Ein einsichtsvoller Privatlehrer hätte mich damals gewiß binnen zwei Jahren dazu bringen können, Lateinisch zu verstehen, es besser zu verstehen als die Lehrer an meinem Gymnasium; und in der gleichen Zeit die griechische Sprache zu erlernen, wäre mir einfach wie eine Belohnung erschienen. Ich hungerte förmlich nach den alten Sprachen.
Sonntags in der Judenstadt
Ich aber suchte in der Judenstadt allsonntäglich nur eins: Bücher, die ich für ein paar Kreuzer oder ein Sechserl erstehen konnte. Da lagen sie über die schmutzigen Tische geschüttet, Bücher aller Art, zerlesene Romane und wissenschaftliche Werke, die meisten unvollständig, einzelne Bände, die ganz besonders wohlfeil waren.
Klassikomanie
Und Klassiker! Griechische, lateinische französische und deutsche Klassiker. Das Wort machte mich ja wehrlos. War auf dem Titelblatte in irgendeiner Sprache die Bezeichnung »Klassiker« gedruckt, so glaubte ich einfältig, alle Herrlichkeiten und Geheimnisse der Welt müßten in dem Buche stecken.
Verstehendes Lesen
Ich habe damals gewiß den Grund zu dem Augenübel gelegt, das mir jetzt die Arbeit so erschwert. Aber das ahnte ich noch nicht; ich las und las, ich las, als hätte ich mich freiwillig zum Lesen verurteilt. Wahllos und ohne jede Leitung - wie gesagt - las ich jedes lateinische und griechische Buch, das ich erstanden hatte. Es war ja ein Klassiker, der Redner und der Dichter, der Grammatiker und der Geograph, jeder war mir recht, jeder wurde verschlungen.
In trotzigem Gegensatz gegen die Art, wie auf der Schule zwei Zeilen in der Stunde durchbuchstabiert wurden, las ich die lateinischen und dann die griechischen Klassiker sehr schnell durch; im Lexikon wurde nur dann nachgeschlagen, wenn sonst nicht einmal der ungefähre Sinn klar geworden wäre. So gewann ich mit der Zeit eine erstaunliche Übung im Lesen lateinischer und griechischer Schriften, freilich ohne die wünschenswerte grammatikalische Festigkeit.
Auswendig lernen
So gewann ich aber auch langsam die Überzeugung, daß ein Klassiker ein recht langweiliger Herr sein kann. Keiner von den Lateinern hat mir jemals Freude gemacht. Meine ganze Liebe gehörte Homer, bei dem ich es freilich nicht mit einem ungefähren Verständnis abgetan sein ließ. Mit Hilfe eines Homerwörterbuchs überwand ich die Schwierigkeiten des Anfangs; später habe ich ganze Gesänge der Ilias mit Lust auswendig gelernt. Ich fürchte, meine griechische Heineübersetzung weist homerische Einflüsse auf und ist kein Muster der attischen Sprache.
Fritz Mauthner
(1849-1923): Erinnerungen, 1. Bd.: Prager Jugendjahre (S. 38); DigiBib 102, 46002 bzw. 46033 und 46031
Feingehalt
Bei den alten Sprachen ist ja der Weg vom Erkennen der Wörter und Formen bis zum Verstehen des Satzes und vollends bis zum Erfassen seines Feingehalts weiter und schwieriger als bei den uns umgebenden modernen Sprachen. Und während bei einer neuen Sprache schon einzelne Brocken in manchen Situationen eine entscheidende Hilfe sein können, verdienten wir bei der Sprache des Neuen Testaments, das uns vielfältig gut übersetzt vorliegt, den Spott von Lukas 14,29, wenn wir Zeit und Mühe versschwendeten, ohne zu einer unmittelbaren und lebendigen Kommunikation mit dem Urtext durchzustoßen.
Kostenvoranschlag: Lukas 14,28-30
WEr ist aber vnter euch / der einen Thurn bawen will / vnd sitzt nicht zuuor / vnd vberschleget die Kost / ob ers habe hinaus zu füren? Auff das nicht / wo er den Grund gelegt hat / vnd kans nicht hin aus füren / alle die es sehen / fahen an sein zu spotten / und sagen / Dieser Mensch hub an zu bawen / vnd kans nicht hin aus füren.
Sprachgefühl und syntaktisches Studium
Abgesehen von den wichtigen, aber schließlich nicht ausreichenden Grundregeln läßt sich syntaktischer Stoff noch weniger als Vokabeln und Formen mit Gewalt lernen. Erst in dem Stadium, in dem sich durch den Umgang mit dem Text ein gewisses Sprachgefühl anbahnt, sind syntaktische Studien interessant und fruchtbar.
Schwerer Täuschung gibt man sich jedoch hin, wenn man meint, das bei der Lektüre entstehende rudimentäre Sprachgefühl mache eine gründliche Beschäftigung mit der Satzlehre mehr oder weniger überflüssig. Gerade wer sprachlich geweckt ist, wird beim Durcharbeiten der Syntax stark davon beeindruckt sein, was alles seinem Sprachgefühl und seiner Aufmerksamkeit verborgen geblieben waren.
Gottfried Steyer
: Pros pegen hodos. Handbuch für das Studium des neutestamentlichen Griechisch. Band 2 Satzlehre, Leipzig 1968, Vorwort
Geschmackloser Eunuch
Ich genoß daselbst [Nürnberg] den Privatunterricht des berühmten
Schwebels
im Griechischen; eines Mannes, der heimisch in Griechenland war. Er sprach und schrieb Griechisch; auch disputirte er einmal in dieser Sprache mit Nagel, dem Poliglotten, unter Bernhold, dem das Griechische fast so geläufig, wie das Deutsche war.
Und doch hatte Schwebel keinen Geschmak. Er sah die Schönheit der griechischen Muse, wie der Verschnittne die nakte Zirkasserin; er wirft den Schleier über sie und - betet kalt an.
Christian Friedrich Daniel Schubart
(1739-81): Leben und Gesinnungen. DigiBib 102,. 62017
Talentloser Autist
Indessen war mir der bedauernswürdige Zustand dieses jungen Mannes [F.V.L.Plessing] immer deutlicher geworden; er hatte nämlich von der Außenwelt niemals Kenntnis genommen, dagegen sich durch Lektüre mannigfaltig ausgebildet, alle seine Kraft und Neigung aber nach innen gewendet und sich auf diese Weise, da er in der Tiefe seines Lebens kein produktives Talent fand, so gut als zugrunde gerichtet; wie ihm denn sogar Unterhaltung und Trost, dergleichen uns aus der Beschäftigung mit alten Sprachen so herrlich zu gewinnen offen steht, völlig abzugehen schien.
Goethe: Campagne in Frankreich 1792. HA X 331
Herr Spitz, Sie tragen die Schuld!
HERMANN. Ich bin leider, wozu Sie mich erzogen haben, Herr Spitz! Ohne Thatkraft, unpraktisch, unwissend -
SPITZ. Unwissend? Und Ihr Griechisch, Ihr Latein? Die Astronomie? Die Botanik?
HERMANN. Ja, es ist wahr: Sie haben eine Menge von Kenntnissen in meinen Kopf gepfropft - nun seh' ich es ein: es war weniger, um meinen Geist zu nähren, zu bilden, als ihn zu ersticken, zu tödten. Sie haben Cicero's Periodenbau und Linnée's Nomenclaturen zu Hilfe gerufen, um mich in leeres Formelwesen zu verstricken; Sie haben einen Gelehrten, einen Pedanten aus mir machen wollen - aber Sie haben mich zu keinem Menschen gemacht. Und wenn ich jetzt im Frühling meiner Tage rathlos, hilflos, verlassen dastehe, so tragen Sie die Schuld, Sie ganz allein! Denn Sie haben mir nicht mein eigenes Innere, nicht Menschenseele und Geist, nicht die Blätter der Geschichte aufgeschlossen - Sie haben mich bloß Griechisch gelehrt!
Sie ließen mich die Staubfäden der Pflanzen zählen, aber Sie lehrten mich nicht den Boden kennen, in welchem sie wurzeln, der mir gehört, das Erbe meiner Väter, das ich bebauen, besäen, befruchten, auf dem ich arbeiten sollte. Sie wiesen mir den Orion, die Cassiopeia, die Sternbilder des Himmels, aber Sie verschwiegen mir, daß unter diesen schönen Sternen meine Unterthanen traurig umherwandeln und klagen - über mich, ihren Herrn, ihren angebornen Beschützer, der sie verkümmern, verderben, verschmachten läßt! Über Sie diese Klagen, Herr Spitz! Über Sie, über Sie!
Eduard von Bauernfeld
(1802-90): Großjährig. DigiBib 95, 3087
Ich muss unvorbereitet sein
Meine Erfahrungen selbst mit solchen, an denen jedermann schlechte Erfahrungen macht, sprechen ohne Ausnahme zu deren Gunsten; ich zähme jeden Bär, ich mache die Hanswürste noch sittsam. In den sieben Jahren wo ich an der obersten Klasse des Basler Pädagogiums Griechisch lehrte, habe ich keinen Anlaß gehabt, eine Strafe zu verhängen; die Faulsten waren bei mir fleißig. Dem Zufall bin ich immer gewachsen; ich muß unvorbereitet sein, um meiner Herr zu sein. Das Instrument, es sei, welches es wolle, es sei so verstimmt, wie nur das Instrument »Mensch« verstimmt werden kann - ich müßte krank sein, wenn es mir nicht gelingen sollte, ihm etwas Anhörbares abzugewinnen.
Nietzsche: Ecce Homo (ed. Schlechta II 1074-75). DigiBib 102, 49561
Oberpräzeptor Jahn
Der Lehrer an dieser Klasse [am Gymnasium zu Ludwigsburg] hatte den Titel Oberpräzeptor und hieß Jahn. Er war ein Geistlicher wie der Präzeptor der zweiten Klasse, aber er predigte nie, wie dieser oft tat, weil er bei der Schule bleiben und kein Pfarramt annehmen wollte. [...]
Ich habe in meinem Leben viele Lehrer gehabt, aber ich kenne keinen, der in seinem Fach vorzüglicher gewesen wäre als er in dem seinigen. Meister sowohl im Griechischen und Hebräischen als im Lateinischen, hatte er auch bei seinem Unterricht eine Methode, welche ganz dazu geeignet war, seine Schüler weiterzubringen, ohne daß sie gewahr wurden, wie es eigentlich damit zuging. Außer der hohen Würde, durch die er ihnen imponierte, und dem ruhigen Ernste, mit dem er seinen Unterricht erteilte, war es vorzüglich die Konsequenz, mit welcher er bei demselben verfuhr. Er kannte jeden seiner Schüler, so viel auch ihrer waren, genau, und da er wußte, was er jedem zutrauen dürfe, wußte er auch jeden nach Maßgabe seiner Vorkenntnisse zu fördern, so daß zuletzt auch der minder Fähige dem Fähigern nur wenig nachstand.
Zwar waren die Gegenstände, worüber er Unterricht zu geben hatte, bloß die obengenannten gelehrten Sprachen; aber bei der Erklärung der lateinischen und griechischen Schriften, welche er mit seinen Schülern las, brachte er ihnen zugleich so viele geographische, historische, überhaupt so viele wissenschaftliche Kenntnisse bei, daß sie viel vorbereiteter in die höhern Studienanstalten aus seiner Schule übergingen als aus allen andern lateinischen Schulen im Lande.
Friedrich Wilhelm von Hoven
(1759-1838): Lebenserinnerungen. DigiBib 102 34568
Heinrich Langethal zu Keilhau
Weihe und Verklärung
Langethal
ist mehrere Jahre lang mein Lehrer gewesen. Als ich ihn kennen lernte, war er völlig erblindet, und sein Auge, das einst im Kriege hell und mutig dem Feinde entgegen, im Frieden so gewinnend denen, die er liebte, ins Antlitz geschaut haben soll, hatte den Glanz verloren. Aber seine schönen Züge waren wie verklärt.
Der blinde Homerexeget
Wie eine stille Mahnung zum Guten und Hohen zog dieser Blinde, der nichts mehr zu befehlen und anzuordnen hatte, durch unser frohes und lärmendes Leben. Außer dem Unterricht erhob er auch nie die Stimme zu Gebot oder Tadel; doch folgten wir gehorsam seinen Winken. Ihn führen zu dürfen, war jedem eine Ehre und Luft. Er machte uns mit dem Homer bekannt und lehrte uns alte und neueste Geschichte. Heute noch gereicht es mir zur Freude, daß keiner von uns es sich auch nur einfallen ließ, sich bei seinem Unterricht einer Eselsbrücke oder eines Ablesezettels zu bedienen, obgleich er das Licht völlig verloren hatte und wir vor ihm übersetzen und ganze Abschnitte aus der Ilias auswendig lernen mußten. Das zu thun wäre uns so schmählich erschienen wie die Beraubung eines unbewachten Heiligtums oder die Mißhandlung eines verwundeten Helden.
Und er war ja ein solcher! Wenn er den Homer erklärte oder alte Geschichte lehrte, wohnte ihm eine besondere Weihe inne; denn er gehörte zu den wenigen Auserwählten, denen die Schickung die Augen öffnete für die ganze Schönheit und Erhabenheit des griechischen Altertums und seiner Werke.
Georg Ebers
(1837-98): Die Geschichte meines Lebens. Vom Kind bis zum Manne. DigiBib 20036; vgl. den nach ihm benannten Papyrus Ebers in der UB Leipzig.
Tzschirner in Kottbus
Primaner im Haus
Wohl verlangte er viel, wer aber seine Schuldigkeit that, dem war er ein väterlich wohlwollender Freund.1
Seine gütige Gesinnung, sein förderlicher Einfluß machte sich dabei auch im Leben geltend; denn er zog die Primaner, auf die er zu wirken wünschte, in sein Haus, und seine höchst liebenswürdige, hochgebildete Gattin half ihm, so daß wir einen bei ihm zuzubringenden Abend den meisten anderen Vergnügungen vorzogen.
Kühler Witz und Sarkasmus
Langethals Iliaserklärungen hatten ein tiefes Verständnis und seine Liebe zu den Alten geadelt und erwärmt. Ich würde sagen, sie seien zu schön für uns gewesen, wenn nicht für den Schüler das Beste gerade gut genug wäre. Die des neuen Direktors [Tzschirner] waren weit kühler, doch auch er gehörte zu den Begnadigten, denen das Wesen und die Schönheit des griechischen Altertums sich erschloß.
Wohl fehlte ihm der den Schüler mit fortreißende Enthusiasmus des alten Lützower Jägers [Langenthal); dafür aber ging er tiefer ein, und seiner Witz und schneidender Sarkasmus würzten seine mit leiser Stimme vorgetragenen Interpretationen. Wie oft schlug ich ärgerlich über das schnelle Ende der Stunde das Buch zu.
Auch die Grammatik vergaß er mit nichten, doch bei der Erklärung der Klassiker legte er stets das schwerste Gewicht auf den Inhalt, und jede seiner Stunden war ein geistreiches archäologisches, ästhetisches und kulturhistorisches Kolleg.
Georg Ebers (1837-98): Die Geschichte meines Lebens. Vom Kind bis zum Manne. DigiBib 200169
Konrektor Freese zu Stralsund
Freese alias Poseidon
Die bei weitem hervorragendste, wirkungsvollste und uns alle begeisternde Lehrkraft [!] des herrlichen Stralsunder Klostergymnasiums war der damals etwa sechzigjährige Konrektor »Leupold« Freeese, genannt Poseidon. Ein schöner, sein geschnittener Gemmenkopf vom Habitus eines römischen Senators; glattrasiertes, etwas welkes Gesicht mit schlaffen, leicht beim eifrigen Sprechen sich blähenden, bläulichen Wangen (daher und von seinem imponierenden Griechentum überhaupt der Name Poseidon!), mit schmalen Lippen, aristokratisch glatt gescheiteltem, noch dunklem Haar und überaus innigen, blauen, lustigen Schalksaugen.
Gediegenheit und Universalität
Dieser unvergeßliche Mann war von einer in unserer Erinnerung und wachsenden Reise von Jahr zu Jahr immer höher bewerteten Gediegenheit und Universalität des Denkens und hat alle seine Schüler auf das lebendigste und nachhaltigste beeinflußt. Das klassische Altertum spann er uns so tief in die jungen Herzen, daß keiner von uns ehemaligen Stralsunder Gymnasiasten jemals begreifen wird, wie man von Bildung ohne intensive Kenntnis des Griechentums überhaupt sprechen kann.
Erzieher für Könige
Er war der größte Psycholog. Ein wahrer Weiser am Baltenstrand. Ich denke oft an ihn. Er war unser aller alter, noch bis in unsere eigene Reise hineinwirkender Mentor. Er wäre für Könige der richtige Erzieher gewesen. Vor seinem Humor schmolz jede Form von Anmaßung, und er sah uns allen bis ins Herz. Ein Virtuos der Knaben- und Jünglingsseele.
Carl Ludwig Schleich
(1859-1922): Besonnte Vergangenheit. DigiBib 102, 59323-42
Braut und Pfeife
»Sind Sie versprochen, Herr Schmidt?« fragte sie [Frau Rektorin] plötzlich. »Nein!« - »Rauchen Sie Tabak?« - »Auch nicht.« - »Dann sind Sie auch kein ordentlicher Kandidat!« rief sie lachend. »Ich habe wenigstens noch keinen kennengelernt, der nicht eine Braut und eine Pfeife gehabt hätte. Sie müssen sich beides bald anschaffen."
Carl Immermann
(1796-1840): Die Epigonen (1836). DigiBib 1, S. 95845
Philologie und Zölibat
NOSOPONUS. Lass dir gesagt sein, mein Bulephorus: wer durch Liebe, Eifersucht und ähnliche Krankheiten in Beschlag genommen ist, der heischt vergeblich nach dem Ruhm, dessen Bewerber wir sind. Unsere Stilübungen verlangen eine Brust, die nicht nur von allen Lastern rein ist, sondern auch frei von allen Sorgen - nicht anders als die sog. Alchemie.
Daher mein Entschluss, als Junggeselle zu leben, obwohl ich weiß, wie heilig die Ehe ist. Aber es ist eben unvermeidlich, daß Frau und Kind eine unglaubliche Menge an Sorgen und Ärger mit sich bringen.
BULEPHORUS. Eine echt kluge Entscheidung, mein lieber Nosoponus! Denn ich hab nicht den geringsten Zweifel, dass meine Frau, wenn ich mich nachts derart mit der Nachahmung Ciceros beschäftigen würde, mir die Tür einrennen, die Indizes in Fetzen reißen und meine Übungsblätter im Ofen verheizen würde.
Was aber noch viel unerträglicher ist: während ich mich mit Cicero beschäftige, würde sie sich nach einem Ersatz umsehn, der sich an meiner Stelle mit - ihr beschäftigt. So käme es, dass, während ich mich darum bemühe, Cicero ähnlich zu werden, meine Frau einen Knaben zur Welt bringen würde, der dem Bulephorus doch eher - unähnlich wäre.
Erasmus von Rotterdam
(1465/69 - 1536): Ciceronianus, p. 32-24 Welzig/Payr, Ü ch
Philologie und Ehe
OTTO. Hm, ich bin gern geneigt deinen Wünschen etwas nachzugeben, aber meine Arbeiten und Studien erfordern -
ANTONIE lächelnd. O meine Haushaltung wird deine Arbeiten und Studien nicht stören!
OTTO. Was hättest du denn für Vorschläge zu machen?
ANTONIE. Vorschläge? Ich denke, die Hausfrau wird nicht blos eine berathende, sondern eine beschließende Stimme haben.
OTTO. Beschließende Stimme? Das geht zu weit. Bei den Römern und Griechen waren die Frauen im gynaeceum, im Frauengemache!
ANTONIE ruhig. Lieber Freund ich denke mein Haus auch nicht römisch und griechisch, sondern einfach deutsch einzurichten. Ich werde dir kurz sagen was ich wünsche, was ich will! Erstens wünsche ich noch heute eine Köchin!
OTTO. Was soll ein so geschwätziges Wesen im Hause?
ANTONIE. Kochen, mein Freund, sonst nichts. Das Frühstück besorge ich, das Mittagessen wird nicht im Speisehause geholt sondern selbst bereitet, des Abends wird es auch besser sein wenn du zu Hause issest.
OTTO. Nimmermehr! Zu solchen Umwälzungen meiner Hausordnung kann ich meine Zustimmung nicht geben! Eine Köchin im Hause, Selbstkochen, der Lärm, die Umstände - nimmermehr!
ANTONIE. Lieber Freund, deine Sachen sind die Römer und die Griechen, das Hauswesen ist meine Sache!
OTTO aufstehend. Du führst eine Sprache -
ANTONIE fest, aber gelassen. Wie sie der Frau zukommt.
OTTO. Das kann ich nicht zugeben. Der Mann ist der Herr im Hause und sein Wille entscheidet.
ANTONIE. Es wäre gut gewesen du hättest dir, als du heirathetest, die Verhältnisse klar gemacht. Der Mann ist der Herr des Hauses, im Hause aber ist die Frau die Herrin.
Julius Roderich Benedix
(Leipzig 1811-80 Leipzig): Die Hochzeitsreise. DigiBib 95, 3508
Alte Esel
OTTO. Du liebe, liebe Antonie. (Möchte, aber wagt nicht sie zu küssen). Also wir reisen noch heute?
ANTONIE. Wohin du willst. Und deine Philosophen?
OTTO (sie an sich drückend). Ach das sind alte Esel!
FINIS