1. Evaluation
2. Desperation
3. Aggression
4. Resignation
II. Sinngebung
1. Erudition
2. Qualifikation
3. Emanzipation
III. Epilog
Monströse Prozedur
Das Lesen der Klassiker - das gibt jeder Gebildete zu - ist so, wie es überall getrieben wird, eine monströse Prozedur: vor jungen Menschen, welche in keiner Beziehung dazu reif sind, von Lehrern, welche durch jedes Wort, oft durch ihr Erscheinen schon, einen Mehltau über einen guten Autor legen.
Nietzsche (1844-1900), Menschliches Allzumenschliches, Fünfter Teil, Anzeichen höherer und niederer Kultur § 266
Trocken und streng
Mit durchschnittlichen Schülern einer beliebigen Klasse wollen wir einen lateinischen Text aufschlagen: was finden wir da?
Ein Zusammenspiel merkwürdig verschachtelter Wörter, ein Durcheinander gekünstelter, gelehrter Konstruktionen, die man mit Hilfe zahlreicher Kunstgriffe und Schemata gleichsam auseinandernimmt und zerschneidet, eine Sprache von Hand- und Wörterbüchern, trocken und streng wie eine Algebraaufgabe, eine Sprache, die von Grammatikern zur Plage der Schüler erfunden scheint.
Jules Marouzeau, Einführung ins Latein, Stuttgart-Zürich 1966
Hölzern und eingebildet
Obschon die Sprache [Latein] nichts enthält für Menschen und Vieh, sie ist hölzern und eingebildet, mit einer Wohlbeleibtheit, die in ihrer langen Toga sich auf den Bauch schlägt, um auf ihre Würde anzuspielen, und der Klang, der dabei herauskommt, ist ihre ganze Wohlredenheit.
Clemens Brentano (1778-1842) an seine Schwester Bettine (1785-1859), Frühling 1801: DigiBib 45, 2810
Innige Abneigung
Doch bequeme man sich einstweilen nach dem Vorurtheil, lasse die Klassiker in den Händen der Jugend, aber blos als Instrumente des nothdürftigen Lateinlernens, [...] in Auszügen, die alles Gefährliche sorgfältig abschneiden, und von dem Ganzen kein Bild geben. Zugleich arbeite eine vorschriftsmässige Methode dahin, dass den Schüler eine innige Abneigung gegen die Alten, als seine größten Qualgeister, ergreife [...]. Im 16ten Jahr wird er nach dem unaufhörlichen Vertiren, Retrovertiren, Analysiren, Thematisiren, Memoriren, Recitiren, Construiren und Destruiren im Stande seyn, endlich durch ein Solöcismenfreies Subitaneum seine Würdigkeit [...] hinlänglich zu bekräftigen.
Ernst August Evers, Ueber die Schulbildung zur Bestialität, Aarau 1807, S. 30 (Vorsicht: Satire!)
Lernerfolgsanalyse
Der Erfolg eines fünf Jahre fortgesetzten täglichen Unterrichts in der lateinischen Sprache dürfte etwa folgender gewesen sein.
Die Hälfte der Schüler hatte nichts gelernt, einfach nichts; diese schlechten Schüler hatten vielleicht ein Dutzend Regeln und fünf Dutzend Vokabeln notdürftig auswendig gelernt, und wenn der Lehrer sie sehr laut anschrie und die Banknachbarn einsagten, fügten die Ärmsten am Ende auch ein Subjekt, eine Kopula und ein Prädikat stammelnd zusammen.
Aber daß das, was der Lehrer aus ihnen herausschrie und herauszerrte, Ähnlichkeit hätte mit einer Sprache, meinetwegen mit einer toten Sprache, das hätte auch ein Optimist nicht behaupten können. [...]
Die andere Hälfte der Klasse las in der Quinta Cäsar und Ovid, das heißt, man entzifferte den ungefähren Sinn mit Hilfe der Eselsbrücken und des Wörterbuchs und stand den lateinischen Konstruktionen mit ahnungsvoller Hilflosigkeit gegenüber.
Bei keinem von uns konnte davon die Rede sein, auch nur den leichtesten lateinischen Autor so zu lesen, wie unsereins nach einem halbjährigen Unterricht im Französischen einen leichten französischen Schriftsteller liest.
Fritz Mauthner (1849-1923), Erinnerungen. Prager Jugendjahre: DigiBib 102, 46027
Unverschämt und naiv
Eine wahrhaft „klassische Bildung“ ist etwas so unerhört Schweres und Seltenes und fordert eine so komplizierte Begabung, dass es nur der Naivität oder der Unverschämtheit vorbehalten ist, diese als erreichbares Ziel des Gymnasiums zu versprechen.
Friedrich Nietzsche (1844-1900), Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten, Vortrag 6. Februar1872 (KSA I 682)
Nochmal von vorne
Wenn der Kleine in die Schule kommt, um Latein und menschenwürdiges Benehmen zu lernen (ad humanitatem ac virtutem informandus), dann empfindet er nicht nur keine Liebe oder Bewunderung gegenüber der Bildung: nein, er will nicht das geringste davon wissen – verachtet seine Lehrer gründlich – und schleppt von zuhause die unmöglichsten Umgangsformen mit ein: das ist das Monster, mit dem der Lehrer nun zu kämpfen hat.
Wenn man einem Kamel das Tanzen oder einem Esel das Geigenspiel beibringen sollte (si quis cogatur docere camelum saltare aut asinum fidibus ludere), so wäre die Mühe leichter als unsere Buben zu unterrichen (tolerabilius esset quam nostros pueros docere).
Wenn du Unterricht halten willst, geht der Kopf des Kleinen auf Reisen, peregrinatur animus pueri, und wenn überhaupt etwas dabei herauskommen soll, mußt du ihm ein und dasselbe tausendmal einhämmern, sescenties idem inculcandum est.
Nur unter Androhung von Gewalt nimmt der Kleine sein Buch in die Hand; sobald er’s festhält, spazieren ihm Augen und Seele davon.
Der Lehrer will was erklären – schon ist das Kerlchen im friedlichsten Schlaf versunken, indes der Lehrer sich die Seele aus dem Leib schreit. Eine neue Aufgabe reift hier für den Pädagogen heran: den Schüler erst mal wieder wachzukriegen!
Also nochmal von vorne das ganze Diktat, dazu der Befehl, dem Unterricht von nun an zu folgen; allein, foris est animus tamquam in alio mundo: in den Kneipen – Spielhöllen – oder zweifelhaften Clubs, in perniciosi sodalicii ludis.
Philipp Melanchthon (1497-1560), De miseriis paedagogorum oratio 1533
Glockenzeichen
Man denke sich nur in die Seele so eines Unglücklichen hinein. Er wird auf das Gymnasium geschickt, weil er nach dem Willen des Vaters Arzt, Richter, Oberlehrer oder Pfarrer werden soll; er hat auch nicht die allergeringste Neigung, etwas von der antiken Welt zu erfahren; ein Fliegendreckchen an der Wand interessiert ihn mehr als die lateinische Sprache; und er hat auch schon davon munkeln gehört, daß er nachher als Arzt, als Richter, als Pfarrer – was der zum Messelesen braucht, das ist ja wirklich gar bald gelernt – die lateinische Sprache gar nicht mehr brauchen wird, daß es nur so ein alter Schlendrian ist, Latein für die Lateinschule zu lernen. So kratzt sich sein Gedächtnis für die Lateinstunde die paar Dutzend der notwendigsten Begriffe zusammen, und mit dem Glockenzeichen ist alles wieder vorüber.
Die wenigsten von diesen schlechten Schülern sind durchgefallen; die meisten wurden von Klasse zu Klasse gequetscht und haben bewiesen, daß man arzten, richten, predigen kann, ohne Latein gelernt zu haben.
Fritz Mauthner (1849-1923), Erinnerungen. Prager Jugendjahre: Digibib 102, 46027
Hirnerweichung
Wiewol ich hab ein schulsack fressen, noch hab ich mein Latein vergessen.
Thomas Murner (1475-1537), bei K.F.W.Wander, Dt. Sprichwörterlexikon (1867-80), s.v. Schulsack
Im Gymnasio lernte ich so viel Latein und Griechisch, um in einige höhere Klassen zu gelangen, in denen ich das unten Erlernte wieder vergaß.
K.F.Zelter (1758-1832), Darstellungen seines Lebens: Digibib 102, 76609
Aber vergebens. Was an einem Tage eingepaukt wurde, war am nächsten vergessen.
Da begann ich, an meiner geistigen Verfassung irre zu werden. Vielleicht waren über dem vielen Biertrinken, über all den durchzechten Nächten Gedächtnis und Auffassungsvermögen vor die Hunde gegangen, und ich näherte mich langsam dem Idiotentum. Gehirnerweichung war eine Krankheit, der man allerorten begegnete. Warum gerade sollte sie mich verschonen?
Um mich einer Probe zu unterwerfen, lernte ich den englischen Text des »Macbeth« auswendig, und siehe da! Ich konnte ihn fließend bereits nach acht Tagen. Also das war es nicht.
Hermann Sudermann (1857-1928), Das Bilderbuch meiner Jugend: DB 102, 66261.
Aber was dann?
Latein versteht kein Schwein.
"Nach Hoffmann von Fallersleben (vgl. Tunnicius, 173, 921) ein landläufiges Sprichwort" laut Wander s.v. Latein Nr. 35
Ehefrau und Personal, oder: Theologen im Latinumskurs
Ehrlich gesagt, mir kommt die Galle hoch: da gibt’s doch welche, die diese ordinären Lateinkurse besuchen, qui adeunt vulgus grammaticorum! Die ihr Theologiestudium im Stich lassen und “Lust auf Weiterbildung” bekunden, addiscere concupiscunt. Benedikts Regel ist ihnen egal, sie nehmen sich frei für die Regeln Donats! O ja, die Dogmatik schmeckt ihnen nicht mehr: sie haben Appetit bekommen auf die sogenannte “Bildung”.
Ist das nicht genauso, wie wenn einer sein keusches Weib auf dem Bett des Glaubens allein lassen würde, um ins hinterletzte Bordell, zu den billigsten N….., zu gehn? Oder, um noch deutlicher zu werden: sie sind den Huren auf den Leim gegangen, schlagen ihrer Frau die Scheidung vor – und f.... nun das Personal!
Petrus Damiani (“Bildungsreformer” im 11. Jhdt.), De perfectione monachorum (ca. 1040), Kap.11 „Mönche, die unbedingt Latein lernen wollen“ (De monachis, qui grammaticam discere gestiunt): Migne, Patrologia Latina 145, Sp. 307
Hundeloch, oder: Lateinschülerhintergedanken
Junker Franz: Mein Informator Krauf
Ist Krauf, mein Informator, toll,
Daß ich Latein soll lernen?
Er denkt mit guten Worten wohl,
Der Schulfuchs! mich zu körnen?
Doch körn' er nur, mein Herr Pedant!
Wir haben auch, Gottlob! Verstand. [...]
Französisch lern' ich noch zur Noth
Wohl etwas radebrechen;
Ich Narr werd' immer blaß und roth,
Wenn Fräulein mit mir sprechen,
Und ich bei ihrem: »hé! Monsieur?«
Wie Butter an der Sonne steh'. [...]
Auch kann ich über Zäune hin
Mit unserm Schimmel setzen,
Und, ohne mich zu rühmen, bin
Ich Meister schon im Hetzen.
Und unser Kammerkätzchen wehrt –
Doch still! daß es Mama nicht hört….
Verdammt! das Ding steigt mir zu Kopf,
Daß Krauf mich so will necken!
Erwisch' ich ihn einmal beim Schopf':
Ich schlag' ihm blaue Flecken;
Und werd' ich gar Gerichtsherr noch,
Dann sollst du mir ins Hundeloch!
L.F.G. von Goeckingk (1748-1828), Lyrische Gedichte: Digibib 75, 33363
Antilatinismus, oder: Wir sind Papst
Goldene Worte unseres verehrten Nationaldichters HvF
Das heilige römische Reich
Motto: Tam diu Germania vincitur. Tacit. Germ. cap. 37.
Ach! hättest du vom röm'schen Wesen
Und von der röm'schen Litteratur,
O Vaterland, doch nichts gelesen,
Nichts als die röm'schen Münzen nur!
Doch hat uns Rom mit seinen Waffen
Nimmer ein solches Leid erdacht,
Als mit Latein die Lai'n und Pfaffen
Ueber das deutsche Reich gebracht.
Deutsch wird der Papst noch eher lernen,
Eher ein guter Deutscher sein,
Als man geneigt ist zu entfernen
Endlich aus Deutschland das Latein.
Hoffmann von Fallersleben (1798-1874), Unpolitische (!) Lieder: Digibib 75, 52329
Noch ein paar Gebete
Es beten zwar die Christen in Latein noch hie und da,
Auch lernen die Juristen draus ihre Principia;
Auch treiben es die Gelehrten und halten noch viel darauf,
Doch, glaub' ich, endlich höret der Bettel mal von selber auf.
Hoffmann von Fallersleben (1798-1874), Unpolitische (!!) Lieder: Digibib 75, 52490
Fallen lassen
„Und doch bleibt es dabei, Schmidt, mit den Traditionen der alten Schule steht und fällt die höhere Wissenschaft“.
„Ich glaube es nicht [so Schmidt, seines Zeichens Altphilologe und Gymnasialdirektor]. Aber wenn es [sic] wäre, wenn die höhere Weltanschauung, das heißt das, was wir so nennen, wenn das alles fallen müßte, nun, so laß es fallen. Schon Attinghausen, der doch selber alt war, sagte: ‚Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit.' Und wir stehen sehr stark vor solchem Umwandlungsprozeß, oder richtiger, wir sind schon drin. Muß ich dich daran erinnern, es gab eine Zeit, wo das Kirchliche Sache der Kirchenleute war. Ist es noch so? Nein. Hat die Welt verloren? Nein. Es ist vorbei mit den alten Formen, und auch unsere Wissenschaftlichkeit wird davon keine Ausnahme machen."
Theodor Fontane (1819-1898), aus: Frau Jenny Treibel (1891)
Bedarfsanalyse
Als ich bemerkt, daß allerdings jetzt bei solchen Arbeiten man auf wenig Teilnahme rechnen könne und der Philolog namentlich sich sehr beschränken müsse, sprach er:
„Dies darf sie nicht kümmern. Sie haben ein Ziel, Sie verfolgen es klar und redlich, und nun brauchen Sie nicht zu fragen: interessiert es den, oder den, sondern Sie sagen: mich interessiert’s, und dies ist genug.“
K.J.Sillig, Hauptpunkte meiner Unterredung mit Goethe. Am 30. Juli 1830, in: Biedermann, Goethes Gespräche, III/2, 650 (Nr. 6602)
1. Erudition, oder: "Pecca fortiter!"
Kopfgymnastik
Das Lesen der Klassiker – das gibt jeder Gebildete zu – ist so, wie es überall getrieben wird, eine monströse Prozedur: vor jungen Menschen, welche in keiner Beziehung dazu reif sind, von Lehrern, welche durch jedes Wort, oft durch ihr Erscheinen schon einen Mehltau über einen guten Autor legen. Aber
darin liegt der Wert, der gewöhnlich verkannt wird – dass diese Lehrer die abstrakte Sprache der höheren Kultur reden, schwerfällig und schwer zum Verstehen, wie sie ist, aber eine hohe Gymnastik des Kopfes.
Daß Begriffe, Kunstausdrücke, Methoden, Anspielungen in ihrer Sprache fortwährend vorkommen, welche die jungen Leute im Gespräche ihrer Angehörigen und auf der Gasse fast nie hören. Wenn die Schüler nur hören, so wird ihr Intellekt zu einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise unwillkürlich präformiert. Es ist nicht möglich, aus dieser Zucht völlig unberührt von der Abstraktion als reines Naturkind herauszukommen.
Nietzsche (1844-1900), Menschliches Allzumenschliches, Fünfter Teil, Anzeichen höherer und niederer Kultur, § 266 Unterschätzte Wirkung des gymnasialen Unterrichts
Fehlerbewusstsein
Das Heilsamste, was die jetzige Institution des Gymnasiums in sich birgt, liegt jedenfalls in dem Ernst, mit dem die lateinische und griechische Sprache DURCH EINE GANZE REIHE von Jahren hindurch behandelt wird. Hier lernt man den Respekt vor einer regelrecht fixierten Sprache, vor Grammatik und Lexikon, hier weiß man noch, WAS EIN FEHLER IST.
Nietzsche (1844-1900),Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten (1872), KSA I 688
Artes discuntur peccando.
K.F.W.Wander, Deutsches Sprichwörterlexikon s.v. Lehrgeld 8
Sechs Zeilen
Philologie ist die Kunst, in einer Zeit, welche zu viel liest, lesen zu lernen und zu lehren. Allein der Philologe liest langsam und denkt über sechs Zeilen eine halbe Stunde nach. Nicht sein Resultat, sondern diese Gewöhnung ist sein Verdienst.
Nietzsche (1844-1900), Menschliches Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister. Nachgelassene Fragmente (1876-78), S. 428
Arbeiten – verstehen – denken
Durch das Latein und die Mathematik bildete die Schule ihre Knaben, was dazu kam, blieb demgegenüber unwesentlich. Heute mag die Einseitigkeit Entsetzen erregen. Da haben so viele dies und das, weil es nützlich sein kann, in den Lehrplan der Schule geschoben, so daß ziemlich alles gelernt werden soll; natürlich geschieht es so, daß der vollkommene Abiturient von heute der griechische Margites wird, auf den der Vers gemacht ist: »Viele Künste verstand er, doch schlecht verstand er sie alle.«
Gewiß waren die Mittel, mit denen die alte Schule bildete, durch die Tradition gegeben, die unentbehrliche Mathematik dank Platon, das Latein, weil es uns einst alle und jede Bildung gebracht hatte. Das war Rechtfertigung genug; in abstracto hätte man anderes wählen können.
Gelernt ward das Latein freilich nicht mehr um seiner selbst willen, sondern weil es dem vorzüglich diente, was uns die Schule mitgab: arbeiten hatten wir gelernt, selbständig arbeiten, denken hatten wir gelernt, indem wir verstehen lernten, was und wie andere gedacht hatten, am besten durch das Umdenken von einer Sprache in die andere. Zugemutet ward uns nicht, Dinge zu verstehen, für die wir noch nicht reif waren, gerade weil wir, was uns vorgesetzt ward, ganz verstehen sollten.
Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff
(1848-1931), Erinnerungen 1848-1914: Digibib 102, 73357
Entbarbarisierung
Nach einigen Äußerungen von mir über den bleibenden Wert des Altertums und seine ewige Belehrung fuhr er fort: „Ja! So lese man zum Beispiel, was Seneca sagt. Was man in Rom alles vereinigt, was wir nie so zusammenbringen können. Wir würden ja noch in der Barbarei leben, wenn nicht jene Überreste des Altertums in verschiedner Gestalt vorhanden wären.“
K.J.Sillig, Hauptpunkte meiner Unterredung mit Goethe. Am 30. Juli 1830, in: Biedermann, Goethes Gespräche, III/2, 650 (Nr. 6602)
2. Qualifikation, oder: "Wozu Latein?"
Hausgebrauch
Ik wil Latijn in mijn huis hebben, zei de boer, en hij liet voor zijn varkenskot [Schweinestall] schilderen: Pax intrantibus et mors exeuntibus!
K.F.W.Wander, Dt. Sprichwörterlexikon (1867-80) s.v. Latein 3
Mädchen
»Warum?« habe ich gefragt.
»Weil man keinen Respekt nicht hat vor einem ungebildeten Menschen,« hat er gesagt, »und wenn einer auf keinem Gymnasium war und vielleicht bloß in einer Brauerei ist, muß man es deutlich merken, daß man viel weniger ist, und auch die Mädchen geben nicht acht auf einen.«
Ich habe gesagt, die Mädchen lernen doch selber nichts.
»Sie brauchen es nicht,« hat er gesagt; »wenn sie hübsch sind und auf dem Klavier spielen, ist es schon genug.“
Ludwig Thoma (1867-1921), Tante Frieda (1907): DigiBib 1, 162115
Muscheln
Sie standen vor der Gruppe der verfänglichsten Muscheln. Lachend hielt Gmelin eine davon hoch empor, nannte Goethen ihren Namen lateinisch, entwickelte lateinisch ihre Ähnlichkeit mit menschlichen Teilen und stellte darüber sehr erbauliche Betrachtungen an. Goethe hörte ihn behaglich an, lächelte wie Jupiter, wenn Frau Venus ihn streichelt, deutete auf eine andere Muschel und pries deren noch anschaulichere Ähnlichkeiten, ebenfalls lateinisch, mit heiterer Emphase, wobei er freilich hin und wieder den rechten Ausdruck erst suchen mußte. Hebel schmunzelte [...].
Auf Weinbrenners unmutige Bemerkung: „Was fällt denn den zwei Hansnarren ein, daß sie plötzlich lateinisch und nicht deutsch reden?“ antwortete er lakonisch: „Deutsch würde sich’s nicht gut ausnehmen.“ [...].
Weinbrenner ärgerte sich nicht wenig darüber; denn das Latein war ihm zuwider, er verstand davon keine Silbe.
Biedermann, Goethes Gespräche, II, 1117f. und 1111 (Nr. 4265: Biedenfeld, Karlsruhe 1815)
„Bildung ist eine Schatz“
„Was will der Prolet hier von uns?“ - nicht, das denkst du doch, ich seh’s dir doch an, Agamemnon! Klar, du weißt ja, wie das geht mit Sprache und so, aber sagst selbst keine Wort – zu fein für unsern Club, oder was? Wie? Machst dich lustig über was wir erzählen, wo aus Hartz IV sind? Aber uns hier machst du nichts vor: hast doch ein Rad ab, vor so viele "Bildung".
Aber wirst sehen, irgendwann lad ich dich ein, dann kannst du mal unsere Bude in Augenschein nehmen. Keine Angst, wir finden schon was zum Futtern, chicken mit Pommes und so: wird richtig nett werden, wenn auch das Wetter dieses Jahr alles kaputtgemacht hat – also, zum Sattessen finden wir was, keine Angst.
Und stell dir vor, mein Süßer gedeiht prächtig, kriegt Unterricht und macht schon Bruchrechnung durch 4! Kannst ihn später zum HiWi machen, wenn er durchkommt: so eifrig ist er hinterher, jede freie Minute, kriegt dir den Kopf nicht vom Bildschirm. Hochbegabt, der Kleine, von feinstem Zwirn, auch wenn er momentan verrückt ist nach Vögeln: drei Finken hab ich ihm schon totmachen müssen, hab gesagt, das Wiesel hat sie gefressen. Aber dann kommt er gleich auf neue Schrullen, jetzt zum Beispiel fängt er an zu malen, wie wild.
Auch einen Anlauf mit dem Griechischen hat er gemacht, und in Latein kriegt er allmählich nicht übel Boden unter die Füße. Freilich, sein Lehrer ist ein Schnösel, absolut unzuverlässig: kann zwar Bildung und so, aber von was Arbeit heißt, keine Ahnung. Haben also noch einen andern, zwar nicht so beschlagen, aber ein Tausendsassa: der Kerl lehrt dir mehr, als er drauf hat! Also, der kommt auch sonntags und macht kein Theater.
Neulich hab ich dem Kleinen ein paar Jurabücher gekauft: soll auch noch etwas ins Recht hineinschnuppern, so zum Hausgebrauch, die Geschichte hat Zukunft. Mit Latein und Bildung und so hat er sich nun lange genug herumgeschlagen.
Aber wenn er nicht anbeißt, dann, hab ich beschlossen, soll er was Handfestes lernen, Friseur oder was mit Computer oder Hartz-IV-Betreuer und so, was ihm nicht mal die Unterwelt wegschnappen kann. Täglich lieg ich ihm in den Ohren: „Kevin, glaub mir: was du lernst, das lernst du für dich! Schau dir den Maik an, wo jetzt eine Kanzlei hat: hätt’ er damals nicht gelernt, er wär noch jetzt auf 1 Euro. Gar nicht lange her, da hat er Kisten geschleppt, jetzt nimmt er Kurs Richtung Bundestag. Bildung ist eben eine Schatz, und was ein echter Beruf ist, geht einfach nicht tot.“
Petronius Arbiter (gest. 66), Satyrikon 46: cf. das (stellenweise schwer verständliche)
lateinische Original
[DOC, 31 kB]
Schlüsselqualifikation Latein - oder Chinesisch?
(Vorsicht Satire!)
Aber das Latein, das Latein! Ist es nicht der Schlüssel zu fast allen neuern Sprachen, der Schlüssel zu den theologischen, medicinischen und juridischen Schäzen, und wer weiss zu noch wie viel andern Herrlichkeiten?
Leider sehe ich nur zu wohl ein, das Latein wird sich nicht so schnell, als etwa ein Reich aus der Staatenreihe, aus der Reihe der Schulwisenschaften ausstreichen lassen; und dass ein europäischer Welteroberer bis an Asiens Grenzen ziehen, und von dort die chinesische Schrift und Mundart, als die ächte Sclavensprache und das beste Erdrükungsmittel der Vernunft, in die europäischen Schulen einführen möge, wird wohl ein frommer Wunsch bleiben.
Ernst August Evers, Ueber die Schulbildung zur Bestialität., Aarau 1807, S. 29
3. Emanzipation, oder: Mädchen, die Latein lernen wollen
Der Oheim
Nun aber war alles erschöpft, nichts zum Lernen mehr da; doch blickten noch aus dem Staube der Bücher die lateinischen Grammatiken und die classischen Autoren. Anna Luise [geb. 1722] stöberte sie aus den Schränken heraus, und sog begierig den neuen Unterricht ein. Schon hatte sie der Oheim so weit, daß sie geläufig lesen und übersetzen konnte, als der Schlag des Misgeschicks auf ihr Haupt niedersank. Sie mußte zu ihrer Mutter zurück. Denn diese erbebte vor der Vorstellung, daß ihre Tochter nun gar Lateinisch lernen wollte.
Helmina von Chézy (1783-1856), Unvergessenes. Denkwürdigkeiten aus dem Leben. I. Meine Großmutter (Anna Louisa Karsch, 1722-91), Leipzig 1858: DigiBib 102, 17096
Haschka und Alxinger
Als mein Bruder beim Hofmeister Latein zu lernen anfing, hießen meine Eltern mich auch diese Stunden besuchen, und besonders suchte
Herr Haschka
, der damals in unserm Hause wohnte, mir Liebe für diese Sprache einzuflößen. Sie [?] zog mich auch bald an, und ich fing an, ihre Schönheit und Kraft zu ahnen. Nun lasen
Haschka und Alxinger
die Klassiker mit sorgfältiger Wahl und belehrenden Bemerkungen mit mir.
Caroline Pichler (1769-1843), Denkwürdigkeiten aus meinem Leben: DigiBib 102, 53870
Die Souffleuse
Meine Mutter bedauerte mich im Stillen wegen meiner blauen Schultern, und meine älteste Schwester lernte lateinische Vocabeln, um sie mir beym hofmeisterlichen Verhör soufliren zu können; allein mein Vater hielt unabänderlich darauf, dem Hofmeister auch nicht den kleinsten Eingriff in sein Regiment zu thun. So merklich nun auch die Spuren seines täglich zweystündigen Fleißes auf allen meinen Gliedern zu erkennen waren, so blieb mein Kopf doch wüst und leer.
Johann Georg Scheffner
(1736-1820), Mein Leben: DigiBib 102, 58576
Heimlichkeiten im Schrank
Die Römer, die prächtigen Römer! Das waren meine Leute! In einem alten Schranken meines Vatesr fand ich eine ziemlich holperige Übersetzung von Rollins römischer Geschichte und unterlag trotz meiner sehr moralischen Gesinnungen der Versuchung, dem Beispiele des spartanischen Knaben zu folgen und sie mir – heimlich anzueignen. Sonntags nachmittags und in jeder andern freien Stunde, wo ich sicher war, daß man mich nicht stören würde, verbarg ich mich damit in abgelegene Winkel, oft auf dem Boden liegend unter dem Dache.
Vier dicke Oktavbände! Mit welchem Eifer, mit welchem unbeschreiblichem Interesse habe ich sie gelesen, und wenn ich damit fertig war, wieder gelesen, und wenn ich mir ein besonderes Vergnügen machen wollte, meine Lieblingsstellen darin aufgesucht.
Mucius Scävola, Brutus, Virginius, das waren meine Helden, und die ehrwürdigen Senatoren mit ihren langen, schneeweißen Bärten, wie sie in ihren elfenbeinernen Sesseln sich auf dem Markte nebeneinander hinsetzten und schweigend von dem eindringenden wilden Feinde sich erschlagen ließen!
Auch Cicero gefiel mir ungemein, wenn er den gottlosen Catilina öffentlich heruntermacht; die berühmte Rede, die er an diesen richtete, habe ich mir selbst so oft vorperoriert, bis ich sie größtenteils auswendig wußte.
Vor allen andern aber ehrte und bewunderte ich den Diktator Cincinnatus! Stundenlang malte ich in Gedanken es mir aus, wie er in Rom als Sieger triumphierend einzog und dann still und bescheiden zu seinem Pfluge und seinen Teltower Rübchen zurückkehrte, die auch ich sehr gern aß [...].
Niemand, auch nicht mein Kandidat, erfuhr etwas von den römischen Studien, die ich ganz in der Stille neben den Lehrstunden, die er mir gab, betrieb; warum ich so heimlich damit tat, weiß ich selbst nicht; wahrscheinlich weil ich in meiner Begeisterung mich nicht irremachen wollte.
Johanna Schopenhauer
(1766-1838), Im Wechsel der Zeiten, im Gedränge der Welt; darin: Jugenderinnerungen; Zürich 1986, S. 66
Höchster Wunsch
Mir selbst kostete dieser Abschied unzählige Tränen, doch richtete ich mich an dem Gedanken auf, daß es zum Besten meines Bruders sei, ja ich beneidete ihn um sein Los. Er sollte ja Griechisch und Lateinisch lernen und konnte einst die Werke der Alten in der Ursprache lesen, mein höchster Wunsch. Für Emil war diese Aussicht nicht so reizend. Er hatte kein gutes Wortgedächtnis, und das Erlernen fremder Sprachen wurde ihm sehr schwer.
Henriette Frölich
(1768-1833), Virginia oder Die Kolonie von Kentucky, Berlin 1820: DigiBib 45, 27669
Urtext und Klartext
Sie [meines Vaters Tante] war ungewöhnlich begabt, verkehrte nur mit Männern, am liebsten im Disput mit Studierten, besonders Theologen. Sie hatte sich mit der lateinischen Sprache vertraut gemacht und wollte im Alter sogar noch Hebräisch lernen, um die Bibel im Urtext zu lesen, ob schon sie als geistiges Kind der französischen Revolution ganz atheistisch dachte.
Emil Fischer (1852-1902), Aus meinem Leben, Berlin 1922: DigiBib 102, 21799.
Nur ein Mädchen - ganz einfach verrückt
Allmählich trat Erholung von dieser Depression ein. Wenn auch nicht ein Lessing, konnte doch etwas anderes Gutes aus mir werden. Nur lernen mußte ich zuerst, alles kennenlernen, was es Schönes gab in diesen Büchern, die nun ich zu meiner Welt machen wollte. So feierte ich wahre Leseorgien [...]; voll Heißhunger verschlang ich, was ich vorfand an Dramen von Shakespeare, Racine, Corneille, Goethe, Kleist, und bedauerte nur, daß meine arme Großmutter nicht ein einziges Werk der Klassiker besessen hatte, in die Lessing sich versenkte, als er in meinem Alter stand.
Er freilich, er lernte sie in ihrer Sprache kennen, der Glückliche! Weil er ein Bub war, durfte er das, er mußte sogar Griechisch lernen und Latein! Von seinen Lippen tönte die Sprache, in der Themistokles, Demosthenes, Cäsar, Titus geredet haben! Zum Ruhme gereichte ihm sein Glück ... Wofür würde ich angesehen werden, wenn ich anfangen wollte, Griechisch und Latein zu lernen? Ganz einfach für verrückt. Ich war ja nur ein Mädchen.
Marie von Ebner-Eschenbach
(1830-1916), Meine Kinderjahre: DigiBib 45, 21011
III. Epilog: Ein Mädchen, das definitiv kein Latein lernen will
Gewagtes Versprechen
Gestern nahm mich die
Großmama
ins Gebet über meine vermöglichen Fähigkeiten, sie sagt, wer den Most nicht fassen kann in Gefäße, der kann ihn nicht bewahren, da hielt sie mich mit beiden Händen und sah mich so groß an, DA VERSPRACH ICH IHR ALLES, da sagte sie: »Lern doch Latein,«
und ich versprach's ihr, aber gleich befiel mich eine frevelige Angst, und mir klopfte das Herz vor Ungeduld, daß sie mich loslassen solle, aber aus Ehrfurcht bleib ich vor ihr stehen, und wie sie sah, daß meine Wangen so brennten, da sagt sie: »Geh hinaus, lieb's Mädele, in die Luft, und morgen wollen wir weiter sprechen.« –
Gleich klettert ich aufs Dach von der Waschküch und erwischte so einen Akazienzweig und kletterte hin über auf den Akazienbaum und hab ihn umhalst und wieder abgebeten, daß ich gesagt hab, ich wollt Latein lernen.
Bettine von Arnim (1785-1859) an ihre Freundin Karoline von Günderode, 1801: DigiBib 45, 2465
Vorschlag zum Guten
Ich habe heute einen Brief von der Großmama erhalten, sie hält viel von Dir und möchte alles auf Dich übertragen, was ihr wünschenswert scheint, sie hat mir wieder ihren Wunsch geäußert, Du möchtest Latein lernen. Du kannst es ja ihr zur Liebe eine Zeitlang lernen.
Obschon die Sprache nichts enthält für Menschen und Vieh, sie ist hölzern und eingebildet, mit einer Wohlbeleibtheit, die in ihrer langen Toga sich auf den Bauch schlägt, um auf ihre Würde anzuspielen, und der Klang, der dabei herauskommt, ist ihre ganze Wohlredenheit.
Die Großmutter läßt von dem Gedanken nicht los, Deine Sprachfähigkeit durch Latein auszubilden, ich hab ihr vorgeschlagen, sie soll Dich lieber die Derwisch-, Fakiren-, Bonzen- und Brahminensprache lassen lernen, wo so viel grillenhafte Superfeinheit drin ist [...].
Gib Dir Mühe, der Großmama das Leben so viel als möglich zu versüßen, und lieber ein bißchen Latein gelernt, ihre Begeisterung dafür kann unmöglich lang dauern, doch ist's schön, daß ihre Seele immer nur im Gewand des Erhabnen sich wohl fühlt, und wir können beide uns drüber freuen.
Clemens Brentano (1778-1842) an seine Schwester Bettine, 1801 (Frühlingskranz): DigiBib 45, 2810
Wortbruch in Hessen
Glaub nicht, daß ich im angenehmen häuslichen Kreis mich gefangen gebe, und auch nicht der Bildungsanstalt schöner edler Ideen. Auch nicht Latein kann ich EIN JAHR ODER EIN HALB JAHR der Großmama zu Gefallen lernen; denn mir kann ich's nicht zuleid tun.
Ich habe ja nicht eine Vernunft, der ich folge, ich bin ja ein elektrischer Funke, und ins Latein kann ich nicht hineinfahren, es stößt ab, sagst Du selbst.
Bettine
(z.Zt. in Offenbach) an Clemens, postwendend (Frühlingskranz): DigiBib 1, 8035