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Leipzig als Wiege der Frauenbewegung

Bereits in der Frühaufklärung und zu Beginn des 18. Jahrhunderts begannen Frauen, nach Bildung zu streben. Das waren allerdings Frauen aus wohlhabenden und gelehrten Familien, die durch ihre Männer oder in Salons Zugang zu Bildung und eigener geistiger Betätigung fanden. (siehe dazu das Kapitel Frauen und Universität im Jahrhundert der Aufklärung)

Um die Mitte des 19. Jh. setzten Bestrebungen nach größerer wirtschaftlicher und sozialer Selbständigkeit der Frau und ihrer politischen und rechtlichen Gleichstellung mit dem Mann ein. Diese waren mit Forderungen nach dem Recht auf Bildung, dem Recht auf Erwerbsarbeit und dem Recht auf Teilnahme am politischen Leben für Frauen verbunden.
Die deutsche Frauenbewegung bildete sich vor dem Hintergrund der bürgerlichen Revolution von 1848/49. Die industrielle Revolution im Deutschland des 19. Jahrhunderts ließ Frauen der unteren Schichten, von denen die meisten bis dahin zu Hause unbezahlte Handwerks- und Hausarbeiten ausgeführt hatten, zu Lohnempfängerinnen in den neuen Fabriken werden, wo die Arbeits- bedingungen gefährlich und die Frauenlöhne weit unter denen der Männer lagen. Berufs- möglichkeiten für unverheiratete Frauen des Mittelstands existierten kaum.

Leipzig gilt als Wiege der deutschen Frauenbewegung. Mit Leipzig sind Namen von Frauen verbunden, die zu den führenden Frauenrechtlerinnen im 19. Jh. gehörten. Besonderer Erwähnung bedürfen Frauen wie Louise Otto-Peters, Auguste Schmidt und Henriette Goldschmidt.


Louise Otto-Peters
 
Louise Otto-Peters  
Louise Otto-Peters (geb. am 26.03.1819 in Meißen, gest. am 13.03.1895 in Leipzig) war Schriftstellerin und Journalistin. In ihrem liberalen Elternhaus hatte sie gelernt, politisch zu denken und zu handeln. Ihre früh verstorbenen Eltern hinterließen ihr ein kleines Vermögen, das sie wirtschaftlich unabhängig machte. Schon in jungen Jahren betätigte sie sich journalistisch (zunächst unter dem Pseudonym "Otto Stern") und schrieb Romane, z.B. "Schloss und Fabrik", in dem sie die Not der Fabrikarbeiter beschrieb. Sie machte die Bekanntschaft von Robert Blum, gab eine eigene Frauenzeitung unter dem Motto "Dem Reich der Freiheit werb ich Bürgerinnen" heraus. Die Bekanntschaft mit Robert Blum trugen ihr Zensur und Hausdurchsuchungen ein. Ihre Zeitung wurde 1850 in Sachsen verboten. Mit dem Schriftsteller August Peters, der als Teilnehmer an den Revolutionskämpfen von 1848/49 sieben Jahre Kerkerhaft verbüßen musste, verlobte sie sich im Gefängnis. Nach seiner Entlassung 1858 fand die Hochzeit statt, und ab 1859 arbeitete das Ehepaar in Leipzig. Zu Louise Otto-Peters Werk gehörten weiterhin Erzählungen, Novellen, Opernlibretti, historische Reflexionen, Streitschriften, Essays und Gedichte, außerdem arbeitete sie journalistisch für verschiedene Zeitungen, gab z.B. gemeinsam mit ihrem Mann August Peters bis zu dessen Tod 1864 die "Mitteldeutsche Volkszeitung" heraus. Sie war Mitglied des Schriftstellerverbandes und Ehrenmitglied des Wiener Grillparzer-Vereins und nahm an Philosophenkongressen teil.
Am 10. Juni 1900 wurde in Leipzig ein Denkmal für Louise Otto-Peters ursprünglich in den Anlagen des Alten Johannisfriedhofs eingeweiht. Worte der Ehrung für Louise Otto-Peters sprach u.a. Leipzigs Oberbürgermeister Dr. Bruno Tröndlin. Er hob hervor, daß zum ersten Mal einer Frau an öffentlicher Stelle ein Denkmal gesetzt worden sei, die nicht durch hohe Lebensstellung hervorragte, sondern durch ihr geistiges Wirken. Bei Baubeginn für das Grassimuseums kam das Denkmal ins Rosental.

 
Auguste Schmidt
  Auguste Schmidt
Auguste Schmidt (geb. am 03.08.1833 in Breslau, gest. am 10.06.1902 in Leipzig) war 40 Jahre lang Lehrerin für Geschichte und Literatur in Leipzig, wirkte als Publizistin und Frauenrechtlerin. 1869 gründete sie den Verein Deutscher Lehrerinnen und Erzieherinnen, und 1890 war sie gemeinsam mit Helene Lange Gründerin des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins. Sie engagierte sich insbesondere für eine Reform der Bildung und Erziehung von Mädchen, für eine Professionalisierung der Ausbildung von Lehrerinnen und für die Zulassung von Mädchen zum Universitätsstudium.
Eine 2003 angebrachte 14 m lange Inschrift an der Stirnseite des Hauses Lortzingstraße 5, in dem Auguste Schmidt 1863/64 wohnte, erinnert an diese bemerkenswerte Frau.


Henriette Goldschmidt
 
Henriette Goldschmidt  
Henriette Goldschmidt (geb. am 23.11.1825 in Krotoschin/Posen, gest. am 30.01.1920 in Leipzig) war eine führende Fröbel-Pädagogin in Deutschland. Sie stammte aus einem wohlhabenden Kaufmannshaus, genoss im Elternhaus Bildung und geistige Anregung. Später betrieb sie autodidaktische Studien der Philosophie, Pädagogik, Literatur und Geschichte. 1871 gründete sie in Leipzig den "Verein für Familien- und Volkserziehung". Sie bestimmte maßgeblich in Leipzig die Bildungs- und Fortbildungsgeschichte, eröffnete und führte 4 Volkskindergärten, gründete 1872 ein "Seminar für Kindergärtnerinnen", 1878 das "Lyzeum für Damen".
Um 1860 hatte sie die Bekanntschaft mit Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt gemacht.
1911 konnte sie ihren Lebenstraum verwirklichen und gründete eine "Hochschule für Frauen in

Emblem der Hochschule für Frauen
 
Emblem der Hochschule für Frauen  
Leipzig" als höhere pädagogisch-soziale Bildungsstätte, wozu der Oberbürgermeister und der Rektor der Universität gratulierten. Sie hatte damit erreicht, was sie immer angestrebt hatte, nämlich Bildungsmöglichkeiten für die weibliche Jugend vom Kindergarten bis zur Hochschule zu schaffen.
Der "Verein für Familien- und Volkserziehung" erwarb das später Henriette-Goldschmidt-Haus genannte Gebäude als Vereinshaus, das zu einem kulturellen Mittelpunkt der Stadt wurde. Heute erinnert nur noch die Henriette-Goldschmidt-Straße an die bedeutende Pädagogin, da das Henriette-Goldschmidt-Haus dem Ausbau der Friedrich-Ebert-Straße zum Opfer fiel.

Von Leipzig, insbesondere von Louise Otto-Peters, Henriette Goldschmidt und Auguste Schmidt, ging die Initiative zur Einberufung der ersten gesamtdeutschen Frauenversammlung aus, die im Oktober 1865 im "Schützenhaus" in der Leipziger Ostvorstadt mit über 300 Teilnehmerinnen stattfand. Auf dieser Versammlung wurde der Allgemeine deutsche Frauenverein gegründet. Die erste Vorsitzende des Vereins war Louise Otto-Peters. Gemeinsam mit Auguste Schmidt gab sie von 1866 bis 1895 die Zeitung "Neue Bahnen" als Organ des Vereins heraus.
In den Satzungen des Vereins heißt es:
"1 Der Allgemeine deutsche Frauenverein hat die Aufgabe, für die erhöhte Bildung des weiblichen Geschlechts und die Befreiung der weiblichen Arbeit von allen ihrer Entfaltung entgegenstehenden Hindernissen mit vereinten Kräften zu wirken."

Der Gründung des Allgemeinen deutschen Frauenvereins vorausgegangen war die Gründung des Frauenbildungsvereins in Leipzig, die am 24. Februar 1865 in der Wohnung des Leipziger Professors Emil Adolf Roßmäßler und seiner Frau Emilie am Königsplatz 9 (heute Stadtbibliothek) von engagierten Frauen aus dem Kreis um Louise Otto-Peters beschlossen worden war. Der Frauenbildungsverein lud zu Vorträgen, musikalischen und rezitatorischen Darbietungen ein, gründete eine Sonntags- und Fortbildungsschule für konfirmierte Mädchen, ein Büro für Abschreiberinnen und Stellenvermittlung, eine Kochschule und Speiseanstalt für Frauen, eine Sonntagsschule für junge Mädchen und eine Bibliothek für unbemittelte Frauen und förderte die Bildung von Volkskindergärten. Er wurde zum Vorbild für viele Frauenvereine in Deutschland und darüber hinaus.

Bis zum Universitätsstudium für Frauen war es aber noch ein weiter Weg. Erst nach dem Beschluss des sächsischen Kultusministeriums vom April 1906 durften sich Frauen an der Universität Leipzig immatrikulieren lassen. Davor hatten sie nur die Möglichkeit, als Gasthörer an Vorlesungen teilzunehmen. Die erste Frau (die Engländerin Hope Bridges Adams), die in Deutschland das medizinische Staatsexamen ablegte, hatte von 1876 bis 1880 in Leipzig studiert, was ihr vorurteilslose Professoren der Leipziger Medizinischen Fakultät mehr als zwanzig Jahre vor der ersten offiziellen Immatrikulation weiblicher Studenten ermöglichten. Aber erst 1904 wurde ihr Staatsexamen nachträglich anerkannt.

Quellen:
1) Horst Riedel, Chronik der Stadt Leipzig, Wartberg Verlag 2001
2) Lutz Heydick, Leipzig "Historischer Führer zu Stadt und Land", Urania-Verlag 1989
3) Kurt-Rodolf Böttger, Neues Leipziger Taschenwörterbuch, Leipziger Universitätsverlag 1999
4) Horst Riedel, Stadtlexikon Leipzig von A bis Z, PRO Leipzig 2005
5) Eva Gehrken, Sachsens berühmte Frauen, Tauchaer Verlag 1999


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