Sozialpsychologie
des technischen und medizinischen Wandels
Der Warenkörper - Zur
Sozialpsychologie der Medizin
Die Ökonomisierung erfasst den menschlichen Körper, er wird
zur Ware. Am deutlichsten ist das in der modernen Medizin. Sie braucht
den Körper
als Ressource, ob in der Stammzellforschung oder der
Organtransplantation. So wird der menschliche Körper und werden
seine Teile zum
Handelsgut. Das war der Körper im historischen Umbruch zur Moderne
schon einmal: Der ganz Europa erfassende Reliquienhandel machte
menschliche Körperteile zum begehrtesten Handelsgut – und zum
Heilsgut. Mit dieser Vorgeschichte wird auf einen Schlag sichtbar, dass
der Griff nach dem menschlichen Körper keine ökonomische
Landnahme ist: Waren-Gesellschaft und moderne Medizin verbindet mehr,
als sie an ihrer Oberfläche zu erkennen geben. Der für die
Psychoanalyse Freuds und für die Theorie Marx’ so zentrale Begriff des
Fetischismus wirft ein Licht auf den »theologischen Glutkern
« (Adorno) von kapitalistischem Markt und moderner Medizin. Die
»untergründige Geschichte des Körpers«
(Horkheimer/Adorno) ist an zentraler Position in einer Dialektik der
Aufklärung.
Projektlaufzeit: 2005-2009
Gefördert durch: -
Erscheint im Herbst 2011 im ZuKlampen-Verlag (Springe)
Der Prothesengott - Subjektivität
und
Transplantationsmedizin
Der Titel dieser
Arbeit, Der
Prothesengott,
verweist auf die
individuellen und zivilisatorischen
Leistungen, die vollbracht werden mussten, um mit Fug und Recht
»Ich« sagen zu
können. Der Begriff Prothesengott
ist der Freudschen Schrift Das Unbehagen in
der Kultur
entnommen. Freud schreibt dort vom Ideal
des
Prothesengottes und das erste
Kapitel ist der Entfaltung dieses Ideals gewidmet. Dieses
Begriffspaar hat mehr Bedeutungsnuancen, als Freud an Ort und Stelle
entwickelte. Es umfasst die Bedeutung von Mythos und Gott als
Prothesen, als
Ideale, die den Menschen vervollständigten. Aber auch die
Bedeutung von
Theorien, Ideen, schlicht Idealen als Prothesen Gottes ist
angesprochen, und
damit der Versuch, den Verlust Gottes auszugleichen. Und zu guter Letzt
benennt
es das Ideal eines Gottes durch Prothesen, die Apotheose, wie Freud sie
meinte:
Als Vergötzung der Prothesen, mit denen der Mensch sich
vervollständigt, um
sich nach dem Tod Gottes selber ein Versprechen auf Erlösung sein
zu können.
Mit dieser Entfaltung soll die Zivilisation wie die individuelle
Entwicklung
als ein Prozess rekonstruiert werden, in dem
Subjektivität gleichzeitig hervorgebracht
und beschädigt wird. Die Wirkung der Transplantationsmedizin, die
mit der Verschiebung von Fremd und eigen die Bedingung der
Möglichkeit von Subjektivität berührt, wird mit Hilfe
einer Tagebuchstudie im Längsschnitt untersucht.
Projektlaufzeit: 2000-2003
Gefördert durch: Novartis
Erschienen 2004 bei Psychosozial-Verlag (Giessen)
Neben diesen als Monographien angelegten Studien sind eine Reihe von
kleineren Untersuchungen entstanden, die sich mit der elektronischen
Gesundheitskarte, der Qualitätsicherung
und der Publikationspraxis
und Wissensproduktion in der Medizin beschäftigen. Weitere Themen
sind der Literaturliste zu entnehmen.
Sozialpsychologie
des gesellschaftlichen Wandels
Die "Mitte"-Studien -
Rechtsextreme Einstellung und ihre Einflußfaktoren in
Deutschland
Seit 2002 wird in zweijährigem Abstand die Ausprägung und der
Verbreitungsgrad der rechtsextremen Einstellung in Deutschland mit
Hilfe von Repräsentativerhebung erhoben. Erste Ergebnisse wurden
in der Vierteljahreszeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschehen"
publiziert. Seit 2006 wird das Foschungsprojekt aus Mitteln der
Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Berlin gefördert. So wurden
ebenfalls Gruppendiskussionen zu aktuellen, generationalen und
sozialisatorischen Aspekten des Zustandekommens rechtsextremer
Einstellung möglich.
Die Mitte in der
Krise - Rechtsextrem Einstellung in Deutschland
Beteiligte Wissenschaftler: PD Dr. Oliver Decker (Leitung),
Marliese Weißmann, Johannes Kiess, Prof. Dr. Elmar Brähler
Es werden zu Beginn die Befunde unserer bisherigen
„Mitte“-Studien zur
rechtsextremen Einstellung und ihre Konsequenzen kurz dargestellt. Dann
wird
der theoretische Rahmen der Untersuchungskonzeption beschrieben.
Ausgangspunkt
sind die Studien zur Autorität aus dem Umfeld des exilierten
Frankfurter
Instituts für Sozialforschung, insbesondere das Konzept des
Autoritären
Charakters. Darauf aufbauend wird die These vom wirtschaftlichen
Wohlstand als
„narzisstische Plombe“ vorgestellt. Anschließend wird die „Mitte“
in den
theoretischen Zusammenhang eingeordnet und dabei das gesellschaftliche
Zentrum
und sein Verhältnis zum „Rand“ näher betrachtet. Danach
werden die aktuellen
gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen in ihren Auswirkungen auf
die
„Mitte“ analysiert. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Krise der
Arbeitsgesellschaft und zunehmende Prekarität. Es wird untersucht,
welche
Auswirkungen diese Entwicklungen in Zeiten der Wirtschaftskrise auf die
rechtsextreme Einstellung haben. Die These eines "Veralten des
Autoritären
Charakters" wird entwikelt. Ziel der vorliegenden Untersuchung ist es,
die
Verbreitung rechtsextremer Einstellung im Jahre 2010 zu dokumentieren.
Hieran
anschließend werden die Ergebnisse unserer Untersuchungen aus den
Jahren 2002
(Decker et al. 2003), 2004 (Decker & Brähler 2005), 2006
(Decker et al.
2006) und 2008 (Decker & Brähler 2008) mit den Ergebnissen der
Erhebung in
2010 verglichen.
Projektlaufzeit
2010
Gefördert durch: Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Berlin
Ziel der vorliegenden Untersuchung ist es, die Verbreitung
rechtsextremer Einstellung im Jahre 2008 zu dokumentieren. Hieran
anschließend werden die Ergebnisse unserer Untersuchungen aus den
Jahren 2002 (Decker et al. 2003), 2004 (Decker & Brähler 2005)
und 2006 (Decker et al. 2006) mit den Ergebnissen der aktuellen
Untersuchung in 2008 verglichen. Die Betrachtung der
Befragungsergebnisse im Zeitverlauf gestattet es, Tendenzen in der
Zustimmung zu rechtextremen Aussagen auszumachen. Die Verbindung der
vier Untersuchungen zu einer kumulierten Stichprobe ermöglicht
darüber hinaus den Vergleich der Einstellung nach
Bundesländern. Für die bevölkerungsreicheren
Bundesländer erlauben die Daten belastbare Aussagen. Dabei werden
die zusammengeführten Daten als langjähriger
durchschnittlicher Mittelwert behandelt, um die Verbreitung
rechtsextremer Einstellung auch jenseits des Ost-West-Vergleichs
abbilden zu können. Einleitend sollen zentrale Ergebnisse der
beiden jüngeren Studien „Vom Rand zur Mitte“ und „Ein Blick in die
Mitte“ wiedergegeben werden, vor deren Hintergrund die neuen Befunde
interpretiert werden können.
Projektlaufzeit
2008
Gefördert durch: Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Berlin
Im Anschluss und aufbauend auf den Ergebnissen der repräsentativen
Querschnittsstudie zu Determinanten "Vom Rand zur Mitte - Rechtsextreme
Einstellungen in Deutschland 2006" soll ein vertiefendes
Forschungsprojekt realisiert werden. Ausgehend von der Annahme eines
"Geschichtsmilieus", das als "schwer entwirrbares Geflecht von
familiären, örtlichen, politischen und auch intellektuellen
Überlieferungen" (Habermas 1987, S. 140) bezeichnet wurde, wurde
die Tradierung von demokratischer und rechtsextremer Einstellung
untersucht werden. Um die Entstehung dieser politischen Einstellungen
zu untersuchen, war das Verfahren der Wahl die Gruppendiskussion. Die
durchgeführten Gruppendiskussionen wurden mit Methoden der
psychoanalytischen Sozialforschung und orientiert an der
rekonstruktiven Sozialforschung ausgewertet.
Projektlaufzeit
2007-2008
Gefördert von: Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Berlin
Ausgehend von der zunehmenden Zahl rechtsextrem motivierter Straftaten
und dem Einzug rechtsextremer Parteien in die Landesparlamente wurde in
dieser Untersuchung die Verbreitung und Ausprägung rechtsextremer
Einstellung in Deutschland untersucht. In einem weiteren Schritt sind
dann die verschiedenen Erklärungsansätze zur Entstehung
rechtsextremer Einstellungen empirisch überprüft worden.
Grundlage der Untersuchung ist eine im Auftrag der Universität
Leipzig vom Meinungsforschungsinstitut USUMA durchgeführte
Repräsentativerhebung mit einer Stichprobengröße von
5000 ProbandInnen.
Projektlaufzeit
2006
Gefördert durch: Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Berlin
In
den
Jahren 2002 und 2004 wurden jeweils Repräsentativerhebung zur
Verbreitung und Ausprägung rechtsextremer Einstellung in
Deutschland durchgeführt. Zum Einsatz kam ein mehr-dimensionaler
Fragebogen zum
Rechtsextremismus, der von einer Expertenkommission erarbeitet worden
ist.
Eingangs werden Fragen der Traditionslinien und Probleme der
Rechtsextremismusforschung skizziert. Hieran schließt die
Darstellung des
Untersuchungsinstruments und der Ergebnisse der Befragung an.
Modellprojekt:
Schauspielpatienten
in
der
Lehre
Dr. Oliver Decker, Dr. Katrin Rockenbauch
Die durch die neue AO angestoßene
Entwicklung scheint in zwei Richtungen zu weisen: Einerseits ist es
sehr
positiv zu bewerten, dass die Fächer deutlich stärker im
Studium verankert
sind. Daneben haben wir die Umstellung auf die neue AO für eine
didaktische
Neuorientierung nutzen können. Das Ausbildungsprofil im
Grundstudium an der
Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig enthält
nun einen noch
deutlicheren psychosozialen Akzent, den drei wesentliche Punkte
kennzeichnen:
deutlicher Bezug zur aktuellen Forschung und Theorie durch die Seminare
im
zweiten Semester, Stärkung der kommunikativen Kompetenzen und
Anwendungsbezogenheit durch die Kurse im dritten und vierten Semester
sowie die
Partizipation der Studierenden bei der Gestaltung ihres Studiums.
In den Kursen zur Gesprächsführung werden sogenannten
Schauspielpatienten eingesetzt. Der Begriff der SchauspielpatientInnen
hat eine längere Geschichte Howard Barrows setzte
SchauspielpatientInnen zum ersten mal in den sechziger Jahren, in der
neurologischen Prüfung von ÄrztInnen. Anfangs
verwendete er den Begriff der Programmed Patients, also der
programmierten Patienten, im Laufe der Jahre bürgerten sich die
Begriffe "Simulierter Patient“ und "Standardisierter Patient“ ein.
Diese Begriffe werden zumeist synonym verwendet (genau genommen sind
Simulierte Patienten oder auch Schauspielpatienten nicht-Patienten, die
einen Patienten spielen, während Standardisierte Patienten sowohl
Patienten als auch Nicht-Patienten sind, die in der Präsentation
von Symptomen so geschult worden sind, dass sie diese wiederholt
gleichförmig präsentieren und damit die Bedingung für
eine objektive Prüfung erfüllen (OSCE: Objektiv Standardized
Clinical Examination)
Wir haben uns für den Begriff des Schauspielpatienten entschieden,
um den Unterschied im didaktischen Ziel zu markieren:
Schauspielpatienten sind ausgebildet in einer Rolle, deren Erwerb
weniger auf die präsentation bestimmter Symptome zielt, sondern
auf die dann auch individuell zu gestaltete Beziehungssuche
gegenüber den helfenden Berufen.
Laufzeit: 2006
Gefördert durch: Sächsisches
Staatsministerium
für
Wissenschaft
und
Kunst,
Dresden
Die
Geschlechter-Differenz
im
Rahmen
der
Lebendorganspende
Gender Imbalance in Living Organ Donation
Dr. Oliver Decker (Oliver.Decker@medizin.uni-leipzig.de), Dipl.-Psych.
Merve Winter
(Merve.Winter@uni-due.de)
In
Deutschland
werden
in
den
letzten
Jahren
jährlich
ca.
2300
Nieren
transplantiert, davon sind fast 400 Lebendnierenspenden. Die
Ausweitung der Lebendorganspende ist insofern ein interessantes
Phänomen in der Biomedizin, da nach wie vor grundlegende Fragen im
ethischen und juristischen
Bereich, in der psychischen Betreuung und in der Geschlechterdifferenz
z.T. ungeklärt und strittig sind. So sind auf der
Empfängerseite ca. 60% Männer anzutreffen, wohin gegen auf
der Spenderseite sich das Geschlechterverhältnis fast umdreht:
Hier sind es zwischen 40-50% Männer. Als SpenderInnen kommen
folgende Gruppen vor: - Biologisch Verwandte: (Mutter, Vater, Tochter,
Sohn, Cousin etc.) und Nicht-biologisch Verwandte, aber enge Vertraute
(z.B. Ehe- und Lebenspartner) (so z.B. in Deutschland).
Nicht-Verwandte, Nicht-Bekannte Dritte (u.a. im Iran, USA, Schweiz:
cross-over-Spende zwischen zwei Paaren). Dieses sog.
‚Geschlechter-Imbalence’ ist in der Fachliteratur zurLebendspende ein
in verschiedenen nationalen wie internationalen Studien beschriebenes
Phänomen. Etwas vereinfacht könnte man konstatieren: Frauen
spenden und Männer empfangen Organe. Neben dieser
kulturübergreifenden Konstanz (so z.B. aktuelle Daten aus USA;
Schweden, Schweiz, Deutschland, Norwegen) gibt es auch
länderspezifische, zeitliche Kontinuitäten wie z.B. in der
Schweiz. Hingegen variieren die Unterschiede in Deutschland zwischen
den Jahren und denverschiedenen Transplantationszentren.
Im Forschungsprojekt wird die Motivation von Paaren in der
Lebendorganspende beschrieben. Hierfürwerden qualitative
Forschungsinterviews geführt und auf geschlechtsabhängige
Motivationen untersucht.
2007-2009
Gefördert durch: Astellas Pharmas
Patienteninformationssysteme,
Krankheitsspezifisches
Wissen
und
Entscheidungsfindung
Patient information systems, disease specific Knowledge and decision
making
Dr. Oliver Decker
Im Rahmen dieser Studie soll untersucht werden, inwiefern das
interaktive Computersystem „OTIS“ die Kriterien für
evidenzbasierte Patienteninformationen erfüllt. „OTIS“ vermittelt
krankheitsspezifisches Wissen für Patienten vor und nach einer
Organtransplantation. Zudem soll die Frage beantwortet werden, ob sich
„OTIS“ neben der obligatorischen ärztlichen Beratung
unterstützend auf die Entscheidungsfindung für eine NTX
auswirkt, die Arzt/Ärztin-Patienten/Patientinnen-Beziehung nach
dem Modell des Share Decision Making beeinflusst und den
Informationsbedarf der Patienten nachhaltig deckt.