Internationales kolloquium
Prozesse und strategieN der Hybidität im FranKophonen Maghreb

 


Das geplante Kolloquium verfolgt ­wissen­schaftliche und bildungs- bzw. kultur­politische Ziele zugleich. Ausgehend von kultur-, sprach- und literaturwissenschaftlichen Kompe­tenzen möchte es einen Dialog über und mit der maghrebinischen Kultur eröffnen, um ein anderes als das von den Medien vermittelte Bild dieser wichtigen und kulturell höchst bedeutsamen Region aufzuzeigen. Während die öffentliche Meinung einseitig von der Wahrnehmung Nordafrikas als Konfliktherd, vormoderne und undemokratische Kultur geprägt ist, soll der maghrebinische Raum hier wissenschaftlich mit Blick auf seinen kulturellen Reichtum an Traditionen (mündlicher und schriftlicher Ausprägung) fokussiert werden. Anknüpfend an die historischen Beziehungen zwischen arabischer und europäischer Kultur, an das Orientinteresse seit dem 18. und 19. Jahrhundert, das sich nicht zuletzt in den Geisteswissenschaften manifestierte, gilt es, einen Raum neu und anders zu fokussieren, in dem sich seit Jahrhunderten verschiedene Kulturen begegnet sind: die berberische, andalusische, arabische und französische. Der Maghreb kann aufgrund seiner europäisch-afrikanischen Zwischenposition auch als “europäischer Nachbar” (Ruhe 1993, 1995) betrachtet werden und sollte dies heute mehr denn je auch sein. Ausgehend von der Bedeutung der wissenschaftlichen Erforschung dieser Kulturen und ihrer Vermittlung in Öffentlichkeit und Gesellschaft, soll die Wahrnehmung eines anderen Bildes vom Maghreb gefördert, ja der Maghreb auch als Teil der europäischen Geschichte verstanden werden. Mit dieser Perspektive auf den Maghreb als privilegiertes Objekt der wissenschaftlichen Erforschung von Literatur, Kultur und Sprache sowie als Feld der Analyse von Phänomenen des kulturellen Wandels, sollen jegliche Verkürzungen auf den Islam bzw. kulturelle und religiöse Reduktionen verhindert werden.

Als Ausgangspunkt für die Herstellung eines allgemeinen Argumentationszusammenhangs bzw. die gemeinsame und übergreifende interdisziplinäre Arbeit von Romanisten, Kultur­theo­retikern, Philosophen, Linguisten, Ara­bisten und Berberforschern sowie Schriftstellern hat das Kolloquium die frankophone Kultur gewählt, die jedoch nicht als homogene Kultur, sondern vielmehr als eine Art “palimpsestischer Text” betrachtet wird, der alle maghrebinischen Kulturen, Religionen und Epochen trägt. Der marokkanische Autor und Philosoph Abdelkebir Khatibi hatte diesen Ansatz bereits in den 1970er Jahren mit seiner Theorie der “double critique” (Khatibi 1983: 11-13) vertreten, die er im Sinne eines anderen Denkens als eine subversive Strategie der Pluralität versteht. So denkt er Kultur und Identität als “Altérité […], dissymétrie de toute identité, un autre et cet autre n’est pas toi, c’est-à-dire un double de mon moi” (ebd.: 13), blieb aber unverständlicherweise bis heute unbekannt, obwohl er lange vor dem prominenten Postkolonialismustheoretiker Homi K. Bhabha die Vorstellung eines “third space” und eines “in-between” entwickelt, welche auch von anderen maghrebinischen Autoren und Autorinnen aufgegriffen wurde (u.a. Djebar 1999).

Ein zentrales wissenschaftliches Ziel der internationalen Tagung besteht darin, die Vielfalt der maghrebinischen Kulturen in ihrer Bandbreite und ihren Manifestationen in Bild und Text darzustellen, d.h. kulturelle Schnittstellen anhand sprach-, literatur- und kultur­wissen­schaftlicher Fragestellungen zu beleuchten. Dabei kann beispielsweise kulturelle Vielheit – entgegen traditionell negativen Zuweisungen als Konfliktphänomen – als spannungsreicher Prozess konkurrierender und unauflösbar miteinander verbundener kultureller Räume betrachtet werden, woran sich generell eine veränderte methodische Betrachtung von Kultur festmachen lässt. Überlagerungen und Spannungen werden dabei als produktiv verstanden und als Chance begriffen. Ein anderes Beispiel ist das kulturelle als schreibendes Subjekt, welches die Frankophonie im Sinne eines “territoire multiple”, als persönliche “marge de ma francophonie” (Djebar), als “marche” bzw. “passage multiple selon un chassé-croisé” (Khatibi) deutet und eine Schrift entwirft, die sich stets in einem Territorium en-dehors befindet und durch eine “voix double” oder “multiple” begründet wird (Djebar). So werden in der Literatur in französischer Sprache auch die Berbersprache, das klassische Arabisch, europäische und arabische literarische Traditionen und die Sprache des Körpers evoziert.

Im Zentrum des Kolloquiums steht demzufolge die kulturelle Vielfalt als Thema; es beschäftigt sich mit der Verfasstheit der globalen Welt, in der wir leben und untersucht dabei die Ursachen sowie Entstehungsbedingungen politisch motivierter kultureller und religiöser Konflikte. Konventionelle Auffassungen von Nation, nationaler Identität und von Kultur müssen vor diesem Hintergrund revidiert und auf eine neue Grundlage gestellt werden, damit sie zu adäquaten Instrumenten des Denkens im Sinne der Koexistenz und Vielfalt der Kulturen werden können. Die Globalisierung hat resultierend aus dieser Haltung nunmehr positive und negative Seiten, sie öffnet Grenzen, permeabilisiert die Welt auf der einen Seite, fördert aber auf der anderen auch Abschottung, essenzialistische Affirmationen des Lokalen und Eigenen sowie Nationalismus und Rassismus.

Analog zu diesem Konzept und unter Berücksichtigung der internationalen Frankophonie- und Maghrebforschung wurden die Themen des geplanten Kolloquiums ausgewählt, die u.a. kulturtheoretische, literarische, medienwissenschaftliche, philosophische und religiöse Fragen behandeln. Dabei werden die Themen und Fragestellungen miteinander vernetzt, so dass eine interdisziplinäre Debatte zustande kommt und höchst innovative Beiträge fördert (vgl. Programm).

Im Zeitalter der Globalisierung und zunehmend thematisierten kulturellen Spannungen sowie vor dem Hintergrund aktueller politischer Diskurse möchte das Kolloquium einen Beitrag zum Entwurf kulturpolitischer Alternativen leisten und zu einer neuen Aufmerksamkeit und Wertschätzung der Vielfalt von Kulturen, d.h. ihrer Anerkennung beitragen. Dies knüpft an die zunehmende Bedeutung der maghrebinischen Literatur nicht zuletzt in Frankreich an, wie die Aufnahme der algerischen Schriftstellerin Assia Djebar als erster maghrebinischer Autorin in die Académie française belegt. So gebührt der nordafrikanischen Literatur, auch als arabischer Literatur in französischer Sprache ein bedeutender Platz in der internationalen intellektuellen Diskussion, wobei gerade die Stimmen der Erzähler, Lyriker und Cineasten fundamental zu einem Wahrnehmungswandel beitragen.

In der Romanistik ist die Forschung zur frankophonen maghrebinischen Literatur – auch aus institutionellen Gründen – noch immer nicht standardmäßig verankert, obgleich es zahlreiche, in der Vergangenheit einige auf Einzelinitiativen zurückgehende Veranstaltungen und Projekte gab (hervorzuheben sind hier Prof. Dr. Ernstpeter Ruhe und Prof. Dr. Arnold Ruhe, die – inzwischen Emeriti – zum Kolloquium eingeladen werden sollen). Um so dringlicher scheint uns die geplante wissenschaftliche Veranstaltung im Sinne einer Zusammenführung und Vernetzung von Wissenschaftlern, das unter federführender Mitwirkung des Begründers der Maghreb­forschung – in Frankreich, aber auch international durch seine Vermittlungsarbeit zwischen maghrebinischer und europäischer Forschung Prof. Charles Bonn – stattfinden wird.

Das Kolloquium widmet sich folgenden Themenbereichen:



1. Kulturtheoretische Fragestellung

Kulturelle Vielfalt wird hier kritisch als conditio und als kulturtheoretische Kategorie im Hinblick auf ihre Produktivität und Anwendungsmöglichkeit, speziell im Maghreb, behandelt.


2. Untersuchung von Diskursen der Alterität in der Frankophonie und im Maghreb: zwischen “francophonie” und “Frankophonie” (diachrone Perspektive)

In diesem Schwerpunkt geht es um die Analyse von Diskurszusammenhängen bei der Konstitution von Andersheit im Rahmen hegemonialer Diskurse aus dem Zentrum (Frankreich als normengebende Instanz, Sprachpolitik, Ethnographie und Literatur des Exotismus/Primitivismus, Reiseliteratur, Populärkultur u.a.) einerseits und dessen Relektüre und Wi(e)derschreiben aus maghrebinischer Perspektive andererseits. ‘Frankophonie’ wird als eine globale Machtinstitution den pluralen ‘francophonien’ gegenübergestellt, d.h. auch im Inneren der Frankophonie sollen Grenzen zwischen Zentrum (“Frankophonie”) und Peripherie (‘francophonien’) aufgezeigt werden.

 

·        Überblick über die Positionen in der internationalen Frankophoniediskussion mit Schwerpunkt Maghreb

·        Überblick über die Positionen in maghrebinischen Diskursen zur Koloni­sier­ung (Moderne) und Dekolonisierung (Verhältnis Zentrum/ Peri­phe­rie; Hegemonie/ Unterwer­fung/ Exotisierung/ Rationalität/ Irra­tiona­lität/ Reduktion sprach­­­licher und kultureller Viel­falt

·        Diskursstrategien im Maghreb und in der Frankophonie (maghre­­bi­nische und frankophone Positionen)

 

 

3. Untersuchung fiktional-ästhetischer Diskurse zur kulturellen Konstruktion von Geschichte und Subjekt (Roman und Film)


In diesem Themenbereich sollen Strategien der Vielfalt vorrangig in künstlerischen Ausdrucksformen wie Roman und Film unter­­sucht werden, in denen kollektive und partikulare Geschichte/n als subversive Konstruktionen der kanonischen, offiziellen (National-)Geschichte entfaltet werden und in denen die untrennbare Verflechtung von kollektiver und individueller Erfahrung, und zwar gerade in einem durch Kolo­nisierung, z.T. durch Fundamentalismus und Moderne, Dekolonisierung und Postkolonialität geprägten Raum, aufgezeigt werden kann, in einem Raum, in dem kollektive und subjektive Geschichte/n (Autobiographie) oder Gedächtnis untrennbar sind. Es geht dabei um die Konstruktion von Geschichte und Identität in individueller und kollektiver Weise, d.h. um die Konstitution der Größen Subjektivität und Geschichte. Kann diskursive Konstruktion von partikularer und kultu­reller Identität als unabschließbarer Prozess beschrieben werden, ohne ‚Identität’ zu negieren? Können diese Konstruktionen als wandelbares, dynamisches Zuschreibungsverhältnis definiert werden, wie Khatibi durch seine Formel der “identité plurielle” aufzeigt oder wie es sich in jener Anklage der “obsession de l’origine, de l’identité céleste et d’une moral servile” und eines “au-delà, transcendance” niederschlägt, von der man sich zugunsten einer bewussten “excentricité, dissymétrie” und “altérité” verabschieden müsste?

 

·        Konstruktionen und Modelle von Geschichte: ‘Orient vs. Okzident’ oder ‘Orient und Okzident’

·        Konstitutionsformen des autobiographischen Subjekts/Identität und Genderstrategien im islamischen Kontext

·        Fiktion als Dekonstruktion der Geschichts­schreibung (Problematisierungen von und Stra­te­gien zu Fiktions- und Geschichtsbegriffen sowie Referenzsystemen (Probleme der Mimesis und Verhältnis zu Literarizität und Film)

 

4. Untersuchung transmedialer Strategien: Oralität und Schrift, Film und Literatur

Im vierten Bereich, der mit dem zweiten und dritten verbunden ist, wird die Frage nach der medialen Verfasstheit von Diskurszusammenhängen ins Zentrum gerückt, die ihre kulturelle Relevanz aus der Verbindung von Oralität und Schrift sowie damit verbundenen Größen wie ‚Körper’, ‚Materialität’, ‚Macht’ u.a. gewinnt. ‚Transmedialität’ als ein Konzept der media­len Entgrenzung stellt dabei ein wichtiges methodisches Fundament dar, weil es die gezielte Koppelung medialer Formen und die Überschreitung zwischen Oral- und Schriftkultur zu erfassen vermag. Demnach wird die ‚Metatextualität’ eine zentrale Rolle spielen, da dies der Ort ist, wo eine explizite Aus­einandersetzung mit einer sprachlichen Vielheit bzw. mit spannungsreichen Sprachräumen stattfindet.

 

·        Sprachlichkeit als Passagen

·        Weiblichkeit: Islam, Schrift, Oralität und Körper

·        Orale und filmische Strukturen in der Literatur

·        Film: cinéma beur u.a.

 

 

5. Untersuchung von Körper-Medium-Körperschrift

Das Hauptanliegen in diesem fünften Themenkomplex besteht in der Untersuchung des Um­gangs mit der Sprache als eine an Körper, Begehren und Sexualität gekoppelte Schrift, die wiederum diese drei Begriffe und den der Schrift umdeuten. Körper wird hier als ein mit Wissen ausgestattetes Medium, das medial eingesetzt wird, verstanden, so dass der Körper zugleich Objekt des Mediums und Inszenierungsmedium ist. Daher sind ‚Kör­per­strategien’ zugleich ’literarische Strategien’. Körper wird als Erinnerungsspur kolonialer, dekolonialer und postkolonialer Prozesse inszeniert, etwa in Khatibis Amour bilingue und Boudjedras La prise de Gibralta, in Ben Jellouns L’enfant de sable oder in Djebars L’Amour, la fantasia. Der Körper wird als kulturell, medial aufgespaltene Schnittfläche der Repräsen­tation verstanden und in Aktion gesetzt als Spalt und zugleich Quelle der Sinnstreuung,

·        Körper und Schrift, Körperinszenierung

·        Körper als plurivalentes mediales Konstrukt

·        Körper als Ge­schichts­quelle

·        Körper als Wissen; Körper und Islam




©Prof. Dr. Alfonso de Toro


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