Alfonso de Toro

Ibero-Amerikanisches-Forschungsseminar

Institut für Romanistik
 
 
 

Die postmoderne 'neue Autobiographie' oder die Unmöglichkeit einer Ich-Geschichte am Beispiel von Robbe-Grillets Le miroir qui revient und Doubrovskys Livre brisé(1)




Je ne suis pas un homme de vérité, ai-je dit, mais non plus de mensonge, ce qui reviendrait au même. Je suis une sorte d'explorateur, résolu, mal armé, imprudent, qui ne croit pas à l'existence antérieure ni durable du pays où il trace, jour après jour, un chemin possible. Je ne suis un maître à penser, mais un compagnon de route, d'invention, ou d'aléatoire recherche. Et c'est encore dans une fiction que je me hasarde ici. (Robbe-Grillet LMQR: 13)
 

Autobiographie, roman, pareil. Le même truc, le même trucage: ça a l'air d'imiter le cours d'une vie, de se déplier selon son fil. On vous embobine. En réalité c'est par la fin qu'on a commencé. (Doubrovsky LB: 91)
 
 

0. Einleitung zum Problem
 

Befaßt man sich mit der Autobiographie der Gegenwart, kommt man an zwei Referenzpunkten nicht vorbei: Der eine ist das heute immer noch als Standardwerk geltende, jedoch sehr problematische Buch von Philippe Lejeune Le pacte autobiographique aus dem Jahre 1975; der andere ist Robbe-Grillets Konzeption der 'nouvelle autobiographie', wie sie sich in seiner Trilogie - Le miroir qui revient (LMQR) (1984), Angélique ou l'enchantement (1987), Les derniers jours de Corinthe (1994) - niederschlägt. Ich werde mich im vorliegenden Beitrag exemplarisch lediglich auf Le miroir qui revient beziehen.

Hinzu kommt außerdem die Konzeption der 'autofiction' von Doubrovsky, die ihre Anwendung in Fils (1977) und in Livre Brisé (1989) findet, und die mit Robbe-Grillets Konzeption einerseits sehr viele Ähnlichkeiten im Resultat, andererseits jedoch große Unterschiede in der Motivation aufweist.

Die Gründung dieser neuen Textsorte geht keineswegs auf Robbe-Grillet, sondern eher auf Doubrovsky - wenn nicht auf Roland Barthes Roland Barthes par Roland Barthes (1975) - zurück, der am Anfang von der internationalen Kritik in diesem Zusammenhang kaum zur Kenntnis genommen worden ist, bis Robbe-Grillet im Jahre 1985 die Diskussion eröffnete. Fest steht, daß Doubrovsky mit Fils und Livre brisé sowie Robbe-Grillet mit Le miroir qui revient einen Paradigmenwechsel herbeiführten, was die Textsorte 'Autobiographie' betrifft. Sie haben die traditionelle Gattung Autobiographie nicht nur zu Fall gebracht, sondern ihre Unzulänglichkeit demaskiert, so wie Robbe-Grillet in den 50er Jahren die Gattung 'Roman' aus den Angeln hob und auch hier einen nicht minder tiefgreifenden Paradigmenwechsel einleitete. Robbe-Grillet hat von Beginn seiner literarischen Tätigkeit an die Gattungen in Frage gestellt, besonders seit La maison de rendez-vous. Was die neue Autobiographie betrifft, so vollzieht er dies wohl in viel radikalerer Weise als Doubrovsky, der sich Lejeune gewissermaßen anzuschließen scheint(2).

Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, nicht nur zu Lejeunes Buch Stellung zu nehmen, sondern eine Auseinandersetzung mit der darauffolgenden, von diesem Buch ausgelösten Diskussion erweist sich zugleich als zwingend - wenn auch in aller Kürze. Ins Zentrum unseres Beitrags wollen wir aber die epistemologischen Grundlagen der neuen Autobiographie stellen und diese nur exemplarisch am Beispiel der Texte Le miroir qui revient und Livre brisé aufzeigen.

Zunächst einige Präliminaria, die Auskunft geben sollen, in welchem epistemologischen Kontext sich diese Diskussion bewegt, und die ferner zeigen sollen, daß Lejeunes Buch zahlreiche Probleme aufwirft:
 

-Zum einen versucht er, ein universelles Gattungsmodell aufzustellen, in einem Augenblick, in dem die großen Paradigmen bzw. Diskurse mit allgemeinem Anspruch ihre Legitimation verloren hatten oder zumindest stark in Frage gestellt wurden, was mit Derridas Werken (1967, 1967a, 1972, 1972a: 129-164) deutlich bzw. spätestens mit Lyotards La condition postmoderne (aus dem Jahre 1979) unwiderruflich zementiert wurde.

Dabei baut das Buch von Lejeune in der Hauptsache auf der klassischen Autobiographie Rousseaus auf, d.h. der Textkorpus ist äußerst reduziert und daher nicht aussagekräftig, um ein Gattungsmodell zu erstellen; geschweige denn für die vielseitigen gegenwärtigen autobiographischen Formen.

-Er übersieht die von der Postmoderne und bereits in Lacans Schriften dargestellte Konstitution des Subjekts. In diesem Zusammenhang geht man heute von einer dezentrierten Identität als Begehren/Mangel im Sinne einer steten Suche und nomadischer Konstruktionsversuche aus (des weiteren s. u.).

-Er übergeht in den darauffolgenden Jahren das, was sich in Frankreich seit Mitte der 80er Jahre in der Philosophie und in der Sprachphilosophie insgesamt ereignet hat.

-Er ignoriert sträflich sowohl das, was sich in Frankreich unter der 'nouvelle histoire' (Mitte der 60er Jahre) bildet als auch die darauffolgende Diskussion in Amerika mit Hayden Whites Metahistory aus dem Jahre 1973. In diesem Kontext wird die Geschichte nicht als eine feststehende Realia verstanden, sondern als eine sich immerwährend von neuem in der Geschichtsschreibung konstituierende Größe.

- Lejeune läßt unberücksichtigt, was im nouveau roman seit Mitte der 50 Jahre zur Diskussion stand, vor allem das, was den Begriff Literarizität und Wirklichkeit betrifft, d.h. die absolute Relativierung dessen, was als Wirklichkeit gilt, was eine Auflösung der Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion zur Folge hatte.
 

Man muß wohl feststellen, daß Lejeune von einem veralteten und nicht mehr zeitgemäßen Begriff der Wahrheit und der Identität ausgeht. Sowohl die postmoderne Philosophie als auch die postmoderne Geschichtsschreibung haben den Wahrheitsbegriff bzw. den allgemeinen Wahrheitsanspruch der Geschichtsschreibung, überhaupt jeglichen Anspruch der Diskurse, und damit zugleich auch die Vorstellung von einer homogenen Identität in Frage gestellt. Die Autoren des nouveau roman haben - mit minderer Intensität als die postmodernen Philosophen - jene Bereiche angegriffen, in denen das westliche Denken von homogenen und kausalen Kategorien, sagen wir von einem monolithischen, monokausalen, statischen und binären Denken ausging. Dieses alte Denken bzw. das In-Frage-Stellen des Logos wird in der Postmoderne durch die Vielfalt, durch das Hybride, das Nomadische, das Rhizomatische, die Paralogie, die Sinnstreuung und durch die différance ersetzt (Derrida (1967, 1967a, 1972; 1972a, 1983, 1986, 1988). Unter 'différance' versteht man bekanntlich eine sich unaufhörlich vollziehende Verschiebung, Aufpfropfung und Rückfaltung von Bedeutungen in einem Prozeß der dissémination (Sinnstreuung) im Sinne einer Strategie der irreduziblen Pluralität. Diese Kategorie ist eigentlich der des Rhizoms von Deleuze/Guattari äquivalent, verstanden als eine netzähnliche Überwucherung ohne Zentrum (trace) sowie mit der Konzeption des 'glissement' von Lacan. All diese Begriffe meinen mit Pluralität/Differenz nicht die unterschiedlichen diskursiven Manifestationen unterschiedlichen Ursprungs, die zusammenkommen und sich trennen und letztlich in einer Synthese aufgehoben werden können, sondern im Gegenteil unterschiedliche, auseinanderklaffende Wege, die sich kreuzen und eine Sinnstreuung ad libitum auslösen, so daß sich dabei keine sauberen idealtypischen Einheiten, sondern unsaubere, kontaminierte Größen bilden.

In diesem Kontext gibt es keine feststehende Signifikation, diese wird durch Dekonstruktion stets verhindert und zu anderen Verbindungen gebracht. Es geht hier also nicht um die Sinnproduktion und -konstitution, sondern um Wege, die zurückgelegt werden. Derrida versucht, die Sprache von ihrer dienenden Rolle zu befreien, die die abendländische Metaphysik ihr zugewiesen hatte: Die Sprache - so Derrida in De la grammatologie - wurde dem Imperativ des Phonozentrismus unterworfen, und damit rein linguistisch begriffen. Die nun durch stete Aufschiebungen selbstreferentiell operierende Sprache ist in ihrer Signifikation auf ein Signifikat nicht mehr reduzierbar, sondern sie produziert Deterritorialisierungen und Reterritorialisierungen von Signifikanten und besteht nicht mehr aus sinnhaften Reproduktionen, Wiedergaben oder gar Nachahmungen.

Die Identität oder die Konstruktion der Geschichte eines Subjekts x ist in diesem Kontext mit Produktivität und nicht mit Rekonstruktion gleichzusetzen. Denn die Darstellung eines kohärenten Subjekts, oder überhaupt die Möglichkeit der Darstellung einer Ich-Geschichte, ist brüchig, wenn nicht unmöglich geworden. Die traditionelle Darstellung von Subjekten hingegen beruft sich noch auf feste Referenzpunkten. Die postmoderne Kultur ist der Ort der Repräsentation des Nicht-Darstellbaren, da diese nicht auf einem a priori festgelegten Plan beruht und das Vorgehen in dieser Kultur sich als offener Weg, als nicht-teleologische Suche ergibt. Ebenso verfahren zahlreiche Autoren im Rahmen ihrer literarischen Praxis spätestens seit den 50er Jahren: Robbe-Grillet etwa arbeitet mit einer prinzipiell angestrebten Offenheit und Regellosigkeit. Der Schreibakt versteht sich als Ergebnis eines nicht präfigurierten Weges, als Produktivität. Dieses Arbeitsprinzip besteht in der Suche nach Wegen für das jeweilige Vorhaben, diese bildet die Substanz und die Materie der Arbeit(3). Diese Arbeit ist ein "Wiederschreiben" (Lyotard 1988), also ein neues Konstrukt und keine Rekonstruktion, das durch Erinnerung, Verarbeitung und Verwindung möglich wird. 'Wiederschreiben' heißt aber nicht, zu einem Ursprung zurückzukehren, sondern einen palimpsestischen Weg bis zur Gegenwart zurückzulegen: d.h. auf dem Rücken von Bruchstücken und Erinnerungsfragmenten die Gegenwart, also die Autobiographie, die eigene Graphie, neu zu verlegen. Wiederschreiben heißt sich erinnern, neu erleben, erfahren. Es ist der Versuch, sich der Vergangenheit im Heutigen zu bemächtigen, es ist der nomadische, assoziative Versuch, eine Unordnung bzw. die Vielfalt von Masken und Brüchen zu verstehen. Dabei handelt es sich nicht um die Rückgewinnung der Vergangenheit oder einer längst verlorenen Identität, sondern darum, diese neu in der radikalen Unmittelbarkeit und Gegenwärtigkeit der Sprache, der Schrift zu erfahren. Dem Autobiographen geht es wie der Hauptfigur in Borges' "Pierre Menard, autor del Quijote", die in ihrem Versuch, das Werk von Cervantes im ursprünglichen Sinn zurückzugewinnen, dieses Wort für Wort getreu abschreibt und unfreiwillig zu einem völlig neuen Text kommt, aufgrund des neuen historisch-epistemologischen von William James präfigurierten Kontextes (Gegenwart). Das bedeutet, daß der jeweilige Zeitpunkt, in dem sich die Erinnerung in Schrift materialisiert, das Resultat des autobiographischen Aktes bestimmt.

Außer der in der neuen Autobiographie sich niederschlagenden prinzipiellen Brüchigkeit des Ich und deren sich als Hauptgegenstand (oder mindestens als einer davon) ergebender metatextueller Reflexion liegt ihr ferner ein tiefenpsychologisches und semiotisches Grundphänomen zugrunde, das sich mit Lacans Begriff der Kastration beschreiben läßt(4). Nach Lacan erlebt das Infans bei oder nach der Geburt eine erste Kastration, die sich aus dem Verlassen des Mutterleibes ("Paradies") ergibt und sich dann als Mangel bzw. Begehren im Sinne von Differenz und Spaltung manifestiert, was sich letztlich in der Kappung zwischen Signifikant und Signifikat artikuliert (Lacan 1938, 1966). Das Infans erkennt sich vom Zeitpunkt der Geburt an als Ich ('moi') durch einen Anderen, es verkennt sich vielmehr, indem es sich durch einen Fremden definiert. Dieser Akt der Entfremdung ist das Ergebnis der mit der Geburt einhergehenden zerbrochenen Einheit, die als Fragmentierung bzw. als Dezentrierung (corps morcelé), d.h. als Vermengung des eigenen Ich mit einem Anderen erlebt wird. Das eigene Ich wird nur als Projektion, als imaginär erlebt. Diese Ich-Zerstückelung wird durch eine zweite symbolische Kastration verstärkt oder bestätigt, in dem Augenblick, indem ein Dritter, 'la loi du nom du père' das Infans in die symbolische Ordnung überführt. Der 'Name-des-Vaters' stellt die Ordnung, die Norm und das Gesetz, aber auch die Sprache dar, so daß hier Sprache und Norm dasselbe sind, sie bilden den gleichen Signifikanten. Mit dem Eintritt in die symbolische Ordnung vollendet sich die Spaltung mit der imaginären Ordnung, die sich im Subjekt als Mangel und als Begehren nach der verlorenen Einheit ausdrückt. Diese Spaltung setzt sich in der Sprache fort, zumal Lacan - i.G. zu Freud - dem Es bzw. dem Unbewußten eine sprachliche Strukturierung zuschreibt. Signifikationsketten bestehen aus einer Relation zwischen Signifikanten (und nicht aus einem einheitlichen semiotischen Dreieck), die zu keiner Sinnkonstitution führen, da die Signifikanten von den Signifikaten abgetrennt sind und immer das meinen, was sie nicht sagen (Lacan 1966: 262: "pour signifier »tout autre chose« que ce qu'elle dit"). Das Signifikat - so Lacan (1966: 260) - gleitet unaufhörlich auf dem Rücken des Signifikanten ("La notion d'un glisement incessant du signifié sous le signifiant s'impose [...]"), dieser wird stets verschoben, aufgepfropft, rückgefaltet. Diese Konzeption eines 'glissement' deckt sich auch mit den Konzepten Derridas - der 'trace' in einer a- signifikanten Bewegung, die stets die 'différance' oder die 'altérite', d.h. die nicht-aufhebbare Differenz oder das Rhizom in der Sprache von Deleuze/Guattari markieren, wie bereits oben erwähnt. Semiotisch betrachtet, gibt Lacan i.G. zu Saussure dem Signifikanten gegenüber dem Signifikat (S/s) den Vorrang. Sprache vollzieht sich nach Lacan (1966: 263-267) - in Anknüpfung an Jakobson - auf der Basis von Kontiguitäts- und Äquivalenzbeziehungen von Signifikanten (Metonymie als Verschiebung im Sinne Freuds, Metapher als Überlagerung/Verdichtung), die zu steten metaphorischen Sinnverschiebungen ('glissements') führen (ebd.). Diese sind das "Symbol einer Abwesenheit", des Begehrens des Anderen als ein Mangel zu betrachten, die sich in der Formel "elle soit "ou" ne soit pas quelque part, mais bien qu'à leur différence, elle sera "et" ne sera pas là où elle est, où qu'elle aille" (Lacan 1966, I: 34) niederschlägt.

Die Konsequenzen der Theorie Lacans und in seiner Nachfolge v.a. jener Derridas für die Sprachkonstitution, die Konstitution des 'réel' und damit eines referentiell auszumachenden Subjekts oder Darstellungsgegenstandes sind tiefgreifend, wie sich in der Theorie der Gruppe Tel Quel zeigt(5), speziell in ihren Begriffen der 'Intertextualität als Ablösung eines logozentrischen Autorbegriffs' bzw. des 'Textes als Produktivität und Arbeit', der 'prinzipiellen Offenheit des Textes' ('non clotûre du texte général') oder der 'Angleichung zwischen Erzähler und Leser auf der Basis des Begriffs des 'Wiederschreibens' und nicht zuletzt in ihrer Konzeption der Interpretation von Literatur, die dann von Roland Barthes in S/Z aufgegriffen und weitergeführt wird.

Aus diesen Ansätzen resultiert das Konzept eines literarischen Diskurses, der nicht mehr Träger von 'Geschichten' ist, sondern als 'aventure d'un récit' statt als 'récit d'une aventure' fungiert, wie es Ricardou (1967:111, 1971:143 ) für den "modernen Roman" im Kontext der Tel Quel-Theoriebildung formuliert hat. Von 1968 greift diese Gruppe, zu deren führenden Theoretikern außer Ricardou auch Kristeva, Sollers und Baudry gehören,(6) auf Derridas Theorie der dissémination zurück, und zwar auf die Begriffe écriture, trace, auf die Überwindung der Trennung zwischen Objekt- und Metasprache sowie auf den Spielbegriff. Was diese Gruppe fundamental ändert, sind Literaturbegriff und Konzeption von Interpretation.

In diesem Zusammenhang entstehen die Arbeiten von R. Barthes S/Z (1970) und Roland Barthes par Roland Barthes (1975). In diesem hybriden autobiographischen Werk, das die neue Autobiographie ankündigt bzw. eröffnet, indem es die grundsätzliche textuelle und autobiographische Hybridität postuliert - "tout ceci doit être considéré comme dit par un personnage de roman" - wird das vollzogen, was in S/Z bereits theoretisch formuliert, in der Praxis aber nur wenig konsequent umgesetzt wurde: Eine Konzeption der prinzipiellen und unreduzierbaren radikalen Offenheit des Textes mit einem völlig entgrenzten Interpretationsbegriff. Hier stehen sich Lesen und Schreiben nicht mehr gegenüber, sondern begegnen sich auf der gleichen Ebene mit dem Ziel, aus dem Leser einen aktiven Teilnehmer der Kommunikation zu machen: "faire du lecteur, non plus un consommateur, mais un producteur du texte" (Barthes 1970: 10) im Rahmen einer 'scriptiblen' Tätigkeit der Produktion und Rezeption. Es handelt sich um eine nomadische Produktion und Rezeption, um die stete Aufschiebung einer Interpretation - oder mit Welsch (1997) gesprochen -, um eine transversale Interpretationstätigkeit, um unendliche, niemals reduzierbare Interpretationsmöglichkeiten. Die Kategorie des 'scriptible' deckt sich mit der der Intertextualität von Kristeva (1968: 297)(7), des 'glissement' von Lacan, der 'dissémination' von Derrida bzw. mit denen von Ricardou (1967:111, 1971a: 143) des 'aventure d'un récit' und Robbe-Grillets 'glissement', 'série', 'aléatoire' (LMQR: 67, 30, 221, 13). Barthes leistet einen Beitrag zur Zeichenpluralität und hebt damit die Trennung/Grenze zwischen "le divorce impitoyable que l'institution littéraire maintient entre le fabricant et l'usager du texte, son propriétaire et son client, son auteur et son lecteur" (Barthes 1970: 10), was bereits in der postmodernen Literaturtheorie bei Fiedler (1969) und in der postmodernen Philosophie bei Derrida (1972) vorgedacht bzw. eingelöst wurde.

Vor diesem theoretischen Hintergrund wirft Hempfer (1976: 56-57) Roland Barthes vor, einen verhängnisvollen Irrtum zu begehen, indem er den Sender/Produzenten mit dem Empfänger/Rezipienten, d.h. den Schreibakt mit dem Leseakt gleichsetzt. Ferner prangert Hempfer Barthes' Konzeption der Leser-Aktivität als Wiederschreibungs- und Einschreibungsprozeß im Sinne der Erstellung eines eigenen Produkts bzw. der Überwindung von Objekt- und Metasprache, von Kritiker und Schriftsteller (Barthes 1970: 11) an. Wiederschreiben heißt bei Barthes lesen. Das Binom schreiben/lesen bedeutet für ihn außerdem streuen, d.h. eine Tätigkeit der 'dissémination', der Sinnstreuung. Dieser texte scriptible ist kein Gegenstand, sondern ein Spiel, eine unendliche, sich immer in der Gegenwart abspielende Tätigkeit:
 

Le texte scriptible est un présent perpétuel, sur lequel ne peut se poser aucune parole conséquente [...] le texte scriptible, c'est nous en train d'écrire [...] le jeu [...] qui en rabatte sur la pluralité des entrées, l'ouverture des réseaux, l'infini des langages (ebd.: 11).
 

In diesem idealen Text wären "les réseaux multiples et jouent entre eux, sans qu'aucun puisse coiffer les autres; ce texte est une galaxie de signifiants, non une structure de signifiés; où il n'a pas de commencement; il est réversible; on accède par plusieurs entrées dont aucune ne peut être à coup sur déclarée principale; les codes qu'il mobilise se profilent à perte de vue, ils sont indécidables" (ebd.: 11-12). Die Ähnlichkeit mit Derridas Theorie der dissémination oder Deleuzes/Guattaris rhizome-Konzept sind mehr als evident. Damit können wir sagen, daß die zweite Phase von Tel Quel und Roland Barthes die postmoderne Literaturtheorie begründen oder das, was ich hier die Post-Theorie nennen will, d.h. jenen Typ von Theoriebildung, der dem Poststrukturalismus folgt.

Gerade gegen diese Auffassung von Theorie/Interpretation agitiert Hempfer (1976), der einen Angriff auf die Wissenschaft wittert. Als Verirrung betrachtet er die folgende Auffassung Barthes':
 

[...] il ne s'agit pas de concéder quelques sens, de reconnaître magnanimement à chacun sa part de vérité; il s'agit, contre toute in-différence, d'affirmer l'être de la pluralité, qui n'est pas celui du vrai, du probable ou même du possible (1970: 12)
 

Er polemisiert v.a. gegen die Definition von Interpretation, die in der Tat von unserem gängigen Verständnis abweicht:
 

Interpréter un texte, ce n'est pas lui donner un sens (plus ou moins fondé, plus ou moin libre), c'est au contraire apprécier de quel pluriel il est fait [...] c'est étoiler le texte au lieu de le ramasser (ebd.: 20).
 

Die Interpretation ist hier ein Ergebnis der Lektüre, die von unterschiedlichen Orten ausgeht, in der die jeweils neue Lektüre, das Wiederschreiben wie ein Kommentar, wie ein Supplement - im Sinne Derridas - fungieren. Damit wird auch im Sinne von Derrida und Tel Quel die Autorschaft eliminiert (ebd.: 21-22). Interpretieren heißt, den Text durch Kommentar und Supplement auseinandernehmen, ihn sprengen und unterbrechen. Der Leser muß sich im Herzen des Textes plazieren und den Text durch die eigene Lektüre umwandeln. Der Leser darf keinen Respekt mehr vor dem Text haben, er darf dort zu lesen anfangen, wo er will, er kann so tun, als ob er den Text bereits gelesen hätte (ebd.: 22). Die textuelle Struktur soll er durch das 'glissement', das Gleiten von einem Textsegment zu einem anderen nachvollziehen.

Eine traditionelle Lektüre - so Barthes weiter - ist nur bei marginalen Lesern wie etwa bei Kindern, Alten und Professoren zu dulden. Die Tätigkeit der rhizomatischen, dekonstruktionistischen Lektüre vermeidet eine definitive abschließende Interpretation, d.h. den Text immer wieder gleich zu lesen. In diesem Kontext heißt "briser le texte" nicht, einen Text zu konsumieren, sondern mit ihm ad libitum zu spielen (Barthes, ebd.: 22-23).

Hempfer (1976: 55-59) meint abschließend, Roland Barthes' Theorie verlasse den gemeinsamen Ort der 'Rationalität' und leite damit das Ende der Wissenschaft ein, da jene konstitutiv für jede wissenschaftliche Betätigung wäre. Hier herrsche die Willkür, das Beliebige, alles sei wahr, alles sei legitim.

Hempfer verteidigt - und nicht zu Unrecht -, daß jeder Text durch eine Struktur geprägt sei, die aus seinem kulturellen Kontext und seiner historischen Bedingtheit stamme. Daher habe jeder Text sehr wohl einen präfigurierten Sinn und der Leser könne - in einem wissenschaftlichen Kontext - diesen ursprünglichen Sinn im besten Fall rekonstruieren. Dies ist ein Argument, das sich gegen die Rezeptionsforschung (Jauß, Iser) und auch gegen Lotman richtet. Der ganze Prozeß sei umgekehrt - so Hempfer weiter -, der Text bestimme beim Leser den Sinn durch unterschiedliche Strategien. So generiert nicht der Leser den Text, sondern er dekodiert diesen. Hempfer läßt freilich unterschiedliche Interpretationen zu, immer nur dann aber, wenn diese aus unterschiedlichen theoretischen Positionen oder Theoriebildungen resultieren. Er akzeptiert, daß ein nichtwissenschaftlicher Leser den Text so lesen könne, wie er wolle und machen könne, was im Spaß bereite. Um mit Eco (1992, 1994) zu sprechen, ein Leser kann den Text nach Belieben 'gebrauchen', nicht aber beliebig 'interpretieren'. Ein solcher Textgebrauch ist jedoch keine wissenschaftliche Textinterpretation. Interpretieren heißt, den Text in seinem kulturellen, historischen und sprachlichen Kontext zu lesen. Und hier handelt es sich um ein Spannungsverhältnis zwischen Text- und Autorintention, das sich aus der Textstrategie ergibt. Ich verzichte hier auf Ecos Kritik. Es sei nur soviel gesagt, daß die Bestimmung der Text- oder Autorintention bzw. der Erzählstrategie nicht frei von subjektiven Sichtweisen ist.

Dächten wir den Interpretationsbegriff Barthes' als eine mögliche Art zu lesen, so würde dieser Typ von Theorie das Ende der Geisteswissenschaften innerhalb der geltenden Konventionen unserer Hochschulen und das Aus für einen bestimmten Typ von Wissenschaft bzw. Theoriebildung innerhalb der Geisteswissenschaften signalisieren (nicht das Ende der Wissenschaft schlechthin!), da dieser Interpretationsbegriff von der Sinnstiftung, d.h. von der Suche und Bestimmung des Sinns und von einer Evaluierung der wissenschaftlichen Arbeit ausgeht. Die prinzipielle Unabgeschlossenheit des 'texte scriptible', die gleitende und rhizomatische Interpretation/Lektüre stellt eine grundsätzliche Freiheit der Textproduktion und der -rezeption dar, die gerade Robbe-Grillet für das Schreiben im Allgemeinen und für die Autobiographie insbesondere fordert, und die er auch an Barthes' Denken außerordentlich schätzte:
 

[...] un discours qui détruisait en lui-même, pied à pied, toute tentation de dogmatisme. Ce que j'admirais justement dans cette voix [...] c'est qu'elle laissait intacte ma liberté, mieux: qu'elle lui donnait, à chaque détour de phrase, de nouvelles forces. [...]

Car les glissements de cette anguille (c'est à nouveau de Barthes que je parle) ne sont pas le simple fruit du hasard, ni provoqués par quelque faiblesse de jugement ou de caractère. La parole qui change, bifurque, se tourne, c'est au contraire sa leçon. (LMQR: 64,67).
 

Vor dem Hintergrund einer rhizomatischen Vielheit müßten wir die heutige Diskussion über Autobiographie oder Erinnerung beleuchten, da jene der prägende Denktypus unserer Zeit ist, zumindest eines Teils der gegenwärtigen künstlerischen und literarischen Produktion.

Als grundsätzliches Problem stellt sich in diesem Kontext die Bildung von Normen. So, wie die Wahrheit in viele Wahrheiten aufgelöst wird, so löst sich die Identität in viele Identitäten auf, so lösen sich die Gattungen in Texte und Diskurse auf. Während Größen wie Gattung, Wahrheit und Identität sich reduktionistisch und monolithisch verhalten, sind die Resultate ihrer Auflösung nomadisch.

Spätestens nachdem Lyotard den Legitimationsverlust der großen Paradigmen feststellte und postulierte: "comme prouver la preuve? ... qui décide des conditions du vrai?", hätte Lejeune seine Theorie korrigieren oder revidieren müssen. Denn jeder Text, der auf einer Erzählung, auf Selektion, auf einer Diegesis, d.h. auf einem Plot beruht, kann seine Legitimation nicht mehr vom Referenten ableiten, da alle diese Verfahren bereits eine Manipulation der Wirklichkeit darstellen.

Gerade dieser Zusammenhang wurde in einem anderen, mit der 'neuen Autobiographie' verbundenen Bereich erkannt und mit Konsequenzen verbunden: in der Geschichtsschreibung. White ist bekanntermaßen der Historiker, der in radikalster Form den Wahrheitsanspruch der Geschichtsschreibung in Frage gestellt hat, insofern er den Geschichtsdiskurs, wie jeden Diskurs, den er zu interpretieren oder zu kommentieren beginnt, als "Erzählen" betrachtet. Der Historiker - so White - "vollziehe deshalb einen wesentlichen poetischen Akt, der das historische Feld präfiguriere und den Bereich konstituiere, in dem er die besonderen Theorien entwickle, die zeigen sollten, »was wirklich geschehen sei«" (1973: Vorwort).

Die Erzählung einer Geschichte, sei es die eines Subjekts (eines individuellen Ich) oder eines Objekts (eines bestimmten geschichtlichen Ereignisses), ist der Fiktionalisierung unterworfen, weil jene Größen immer variable Konstrukte darstellen (vgl. weiter Le Goff/ Chartier/Revel 1988, dt.: 1990); Küttler/Rüssen/Schulin 1993/1994).
 

Von dieser epistemologischen Position bzw. Lage aus kann man die von Lejeune unternommene Trennung zwischen Autobiographie und autobiographischem Roman nicht mehr aufrechterhalten, denn beide beruhen auf narrativen Strukturen, die sich stets von den sogenannten Fakten entfernen.
 
 

2. Lejeunes Modell und die Debatte über Autobiographie und neue Autobiographie
 

Das Modell von Lejeune ist nicht nur aufgrund der beschriebenen epistemologischen Situation überholt, sondern es enthält eine Reihe von theoretischen Widersprüchen und Unzulänglichkeiten; auf einige wenige möchte ich nun eingehen.
 

Lejeune (1994: 14) definiert die Autobiographie als
 

Rückblickende Prosaerzählung einer tatsächlichen Person über ihre eigene Existenz, wenn sie den Nachdruck auf ihr persönliches Leben und insbesondere auf die Geschichte ihrer Persönlichkeit legt.
 

Diese Definition, die eine bestimmte Sprachform, einen bestimmten Inhalt, eine bestimmte Positionierung des Autors und einen bestimmten Erzähler impliziert, beruht auf einem triadischen-deiktischen Konzept, konstituiert durch die Einheit Autor-Erzähler-Figur, zwischen denen ein "pacte autobiographique" bestehen muß, und auf deren Basis sich die Gattung 'Autobiographie' vom 'autobiographischen Roman' und anderen Formen der Nachahmung abgrenzen läßt.

Während die Autobiographie sich auf ein wahres, erkennbares und stabiles Referenzsystem beziehe - so Lejeune -, handelt es sich beim autobiographischen Roman um das Gegenteil, denn dieser sei ein mimetisches System, das selbst durch Illusion bzw. Strategie ein Referenzsystem aufbaut.

Die Autobiographie geht also nach Lejeune von einem Pakt, d.h. von einer textexternen Kategorie aus, von einem "Eigennamen" bzw. von der Identität des Autors auf der Titelseite, der/die sich mit dem/der des Erzählers und der Figur deckt.

Das sei - so Lejeune weiter - beim autobiographischen Roman nicht der Fall, da dort eine solche Entsprechung, respektive ein solcher Pakt, nicht vorkomme. All das, was sich diesem Pakt nicht fügt, wird also aus der Autobiographie ausgeschlossen. Die Autobiographie beruhe auf Identität/Fakten, der autobiographische Roman auf Ähnlichkeit (ressemblance), d.h. das eine System sei nicht-mimetisch, das andere sehr wohl.

Lejeune behauptet in seinem ersten Buch, L' autobiographie en France aus dem Jahre 1971 (der Vorläufer von Le pacte autobiographique von 1975), daß Autobiographie und autobiographischer Roman sich nur aufgrund eines solchen Paktes, also einer textexternen Kategorie, nicht aber textintern unterscheiden ließen. Auf der Ebene der Narration/Erzählung seien beide Texte gleich, und es stünde dem Leser frei zu entscheiden, was er glaube.

Eine solche Aussage ist mit Sicherheit richtig, wenn man sich auf die Ebene der Interpretation begibt: welcher Text - die sog. wahre Autobiographie oder eine fingierte - kann mehr oder minder etwas über die Figur und ihre Zeit aussagen. Der Unterschied liegt in der Gradualität der verwendeten Vertextungsverfahren.

Die Probleme der traditionellen Gattungsbestimmung von Lejeune können kurz aufgezählt werden:
 

1. Lejeune läßt unberücksichtigt, daß sowohl Autobiographie - mit oder ohne Pakt - als auch Roman Fiktionalisierungselemente kennen;

2. Der Roman kann ebenso zahlreiche "wahre" Elemente einbeziehen und seine Fiktionalisierung dämpfen;

3. Es trifft nicht zu, daß der Leser frei ist zu glauben, was er wolle. Zunächst gilt, daß der Leser den Pakt (= Eigennamen) und den Textstatus nicht außer acht lassen kann. Er liest den Autornamen und die Etikettierung des Textes (Roman/Essay/Memoiren). Andererseits kann der Leser die Echtheit des Namens nicht überprüfen.
 

Ferner muß man hier unterschiedliche Rezipienten differenzieren. Ein wissenschaftlicher oder erfahrener Leser bemerkt, ob es sich um eine traditionelle Autobiographie, um einen autobiographischen Roman oder sonstige Textsorten handelt, und zwar auf Grund der Fiktionalisierung. Ich meine hier Vertextungsverfahren wie Parodie, Ironie, Intertextualität, Negationen, Widersprüche, Brüche, Fragmentarisierungen, Auslassungen, Übertreibungen usw., die den Status eines Textes verraten; so z.B. in Lazarillo de Tormes oder Guzmán de Alfarache. Ein naiver Leser kann hingegen alles mögliche glauben; hier ist der Pakt überflüssig.

Und was machen wir mit einem Text, in dem der Pakt nicht da ist, der aber trotzdem autobiographisch ist ( L'amant von Duras, Todas las almas von Javier Marías) oder mit jenen Zwittertexten wie die nouvelle autobiographie?

Außerdem ist das Abgrenzungskriterium, Anspruch auf Empirizität der Referentialität, seitens der Autobiographie nicht scharf genug, denn auch Balzac und Zola haben für ihre Romane (!) im 19. Jahrhundert den gleichen Anspruch erhoben.

Erstes Fazit: Textintern haben Autobiographie und autobiographischer Roman eine Reihe von Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede. Beides gleichzusetzen oder völlig abzugrenzen scheint mir verfehlt, vor allem was ihre Vertextungsverfahren, nicht aber, was ihren Aussagestatus betrifft. Beide Textsorten rekurrieren auf Referenzen oder bauen Referenzen auf, d.h. beide sind Konstrukte von bestimmten Realitäten. Deshalb ist in beiden Fällen der Status der Aussage ein Konstrukt; hier treffen sich also sog. fiktionale mit nicht-fiktionalen Texten.

Um solche Aporien oder Differenzierungen aus dem Jahre 1971 zu umgehen, stellt nun Lejeune 1975 den 'pacte autobiographique' dem 'pacte romanesque' gegenüber. Wir haben es nun mit einer Polarisierung zu tun. Dabei ahme der Roman - so Lejeune - den pacte autobiographique der Autobiographie nach.

Die Verabsolutierung der Namensidentität hat auch ihre Klippen. Zuerst verleitet die Verabsolutierung Lejeune dazu, all jene Autobiographien, die nicht mit einem solchen Pakt operieren, als solche auszuschließen. Und das Gattungsmodell Lejeunes hat nicht erst mit Robbe-Grillets Le miroir qui revient (1984), sondern mit Fils (1977) von Doubrovsky (der sich bereits 1974, gerade beim Verfassen dieses Textes, an Lejeune wendet und Widerspruch zu seiner Theorie anmeldet) seine Grenzen erreicht. (Im Jahre 1973 erschien in der Zeitschrift Poétique eine Art Abstract von Lejeunes 1975 veröffentlichtem Buch mit dem gleichen Titel).

Aber ein weiterer zentraler Punkt macht diese Theorie unbrauchbar, also nicht nur die Entwicklung anderer Textformen, die Lejeune seinerseits nicht hatte mit berücksichtigen können, sondern auch die Namensgleichheit, die sich in der Autobiographie aus dem Namen des Autors auf der Titelseite und aus jenem der Hauptfigur (des Textgegenstandes) der Autobiographie ergibt. Hätte Lejeune die ältere Erzählforschung, ich meine hier das Buch von W. C. Booth, Rhetoric of Fiction (1962) oder das Erzählmodell Stanzels (1979) bzw. das rezeptionsästhetische Konzept Isers (u.a. 1972, 1976) einbezogen, hätte er eine Reihe unnötiger Probleme vermeiden können. In diesen Publikationen wird zwischen Autor, implizitem Autor und Erzähler sowie zwischen verschiedenen Perspektiven differenziert.

Eine Übereinstimmung ist nicht einmal rein theoretisch vorstellbar. Denn der Autor als empirische Gestalt, als schreibende Instanz schafft sich eine rhetorische Figur, die des impliziten Autors als seinem Rollenspektrum, als seine literarische Maske, als Erzählstrategie, die anders funktioniert als der Autor selbst. Diese Maske, dieses Rollenspektrum ist eine Reduktion des realen Autors, bedingt allein durch den Übergang des Erlebten, Erinnerten zur Niederschrift, was eine Selektion, eine Hierarchie, eine Ordnung von Elementen mit sich bringt. Daraus entsteht eine andere Identität als die reale. Wir haben es mit paradigmatischen Verfahren der Selektion und der syntagmatischen Vorgehensweise der Kontiguität zu tun. Daran sollte schon deutlich werden, daß jegliche Gleichsetzung zwischen Autor und Erzähler unmöglich ist. Dann haben wir außerdem den Ich-Erzähler, der in der Spannung zwischen Autor und implizitem Autor konstituiert wird. Den letzten Schritt bildet der Übergang vom Ich-Erzähler zur Figur, was nochmals eine andere Perspektive mit sich bringt als die des Autors, des impliziten Autors und des Ich-Erzählers in seiner gespalteten Funktion als erlebendes oder handelndes Ich. Diese Identitätstransformationen sind immer da, auch bei homogenen Systemen, d.h. auch dann, wenn man auf Einheit aus ist. Man könnte sich vorstellen, welche Identitätsveränderungen stattfinden, wenn man von einem heterogenen bzw. fragmentierten Ort der Aussage ausgeht.

Obwohl Lejeune in Aufsätzen und in seinen Büchern wie z.B. Je est un autre. L'Autobiographie de la littérature aux Médias 1980, Moi aussi aus dem Jahre 1986 oder La Mémoire et l'Oblique. Georges Perec autobiographe von 1991 Korrekturen vorgenommen hat, hielt er dennoch immer an der hier monierten Gleichung und an der Verifizierbarkeit der Identität fest. Die Verifizierbarkeit stellt deshalb ein weiteres Problem dar, weil diese nur in einem ganz engen Bereich operieren kann, in einem Bereich, der nicht einmal der wichtigste ist, im Bereich der bloßen, nichtssagenden Fakten. Dort aber, wo es interessant wird, bei deren Auswahl, Anordnung, Bewertung, Wertung und Interpretation, kann man sich auf Verifizierbarkeit nicht mehr berufen. Berühmtes und aktuelles Beispiel ist die Stephan-Hermlin-Biographie von Corino, die außer der Enthüllung einer angeblich stalinistischen Vergangenheit Hermlins kaum etwas über diese komplexe zeitgenössische Figur auszusagen vermag.

Lejeunes Hauptproblem liegt darin, daß er von einer vorgefertigten Vorstellung des Realen ausgeht, so daß er die Autobiographie als "ressemblance du vrai" versteht, als eine referentielle Gattung, die auf einem offenbar kohärenten Erkenntnissystem beruht und dem Autobiographen Glaubwürdigkeit verleiht.

Was die darauffolgende Auseinandersetzung betrifft, möchte ich ein Beispiel pars pro toto heranziehen, um einige weitere Aspekte zu beleuchten, die direkt mit Robbe-Grillet oder mit einigen Nouveaux Romanciers zusammenhängen.

Ein Punkt vorweg: Robbe-Grillets Trilogie ist weder unvereinbar mit der Autobiographie bzw. ein "eklatanter Gegensatz" (Ruhe 1994) zur Autobiographie, noch ist sie eine Rückkehr zu traditionellen Erzählverfahren. Im Gegenteil, sie stellt einen neuen Typus von Autobiographie dar, der allerdings nicht auf eine übergeordnete Gattung zurückzuführen ist, sondern ein Texthybrid darstellt, das der 'neuen' Autobiographie oder der Pseudoautobiographie, die als Dekonstruktion der traditionellen Autobiographie zu sehen wäre. Daher lehnt Robbe-Grillet rundum ab, daß seine Trilogie als Autobiographie, natürlich im klassischen Sinne, bezeichnet wird. Ferner ist er sich treu geblieben. Die von ihm in der Trilogie verwendeten Verfahren sind die, die uns aus seinen früheren Texten bekannt sind. In einem Interview sagt er dies außerdem in aller Deutlichkeit (Salgas 1985: 6):
 

Je vous arrête tout de suite. Il ne s'agit pas d'une autobiographie, ou alors tous mes écrits le sont.

Un livre mobile qui serait non pas moi, mais en tout cas une image de moi qui correspondrait un peu à mon travail.
 

Der vorzügliche Beitrag von Doris Ruhe "Wie neu ist die Nouvelle Autobiographie?" könnte in manchen Punkten mißverstanden werden, wenn bestimme epistemologische Unterscheidungen nicht vorgenommen werden (1994: 353):
 

Wie war es zu verstehen, daß Autoren, die in ihren Schriften die geringe Verläßlichkeit des traditionellen Persönlichkeitsbegriffs, die Unbrauchbarkeit der klassischen Vorstellung vom kontinuierlichen Werden des Subjekts auf ein Ziel hin und nicht zuletzt die Fehlbarkeit aller Wahrnehmung sichtbar zu machen suchten, sich nun plötzlich einer Gattung bedienen, die das Ich wie keine andere ins Zentrum stellt?
 

Zunächst kann man über die Nouveaux Romanciers in toto nicht sprechen. Dies war früher nicht möglich, und heute ist es ebensowenig möglich, weil sie völlig unterschiedlich waren und sind.

Zweitens muß man berücksichtigen, daß Robbe-Grillet, der im Zentrum von Ruhes Erörterungen steht, nicht auf die klassische autobiographische Form zurückgreift, sondern diese überwindet.
 

Desweiteren verweise ich auf drei weitere mögliche Probleme:
 

1. Die Darstellung der "geringen Verläßlichkeit des traditionellen Persönlichkeitsbegriffs" bzw. der "Unbrauchbarkeit der klassischen Vorstellung von kontinuierlichen Werden des Subjekts auf ein Ziel" und der "Fehlbarkeit aller Wahrnehmung" hat niemals bedeutet, daß Robbe-Grillet auf die Persönlichkeit, auf das Subjekt oder auf die Wahrnehmung verzichtet hat. Robbe-Grillet geht nicht von einem klassischen oder realistischen Muster, sondern von einer condition aus, die als Konsequenz der literarischen, historischen, soziologischen, philosophischen, technologischen und wissenschaftlichen Entwicklung fragmentarisch, anonym und brüchig ist.

2. Das Ich war allen Nouveaux Romanciers eigen, es war ein credo, weil sie von Bewußtseinsprozessen und -wandlungen, Halluzinationen, Träumen, gekoppelt an eine hohe Bewußtheit der écriture (=Metanarrativität) ausgingen, so bei allen Romanen von Robbe-Grillet, angefangen von Le régicide über Le Voyeur und Projet pour une révolution à New York bis hin zur Trilogie. Oder denken wir an Butors L'emploi du temps oder La Modification, an Simons La route des Flandres oder Sollers Drame.

Robbe-Grillet hat nicht erst jetzt gesagt (Salgas 1985: 6-7): "je n'ai jamais parlé d'autre chose que de moi", sondern bereits 1961 in seinem Beitrag "Nouveau roman, homme nouveau". Dort lesen wir "le nouveau roman ne s'intéresse qu'à l'homme et à sa situation dans le monde" (?: 116):
 

Le nouveau roman ne vise qu'à une subjectivité totale.

[...]

Tandis que dans nos livres, au contraire, c'est un homme qui voit, qui sent, qui imagine, un homme situé dans l'espace et le temps, conditionné par ses passions, un homme comme vous et moi. Et le livre ne rapporte rien d'autre que son expérience, limitée, incertaine.

[...]

C'est un homme d'ici, un homme de maintenant, qui est son propre narrateur, enfin.

[...]

Le nouveau roman s'adresse à tous les hommes de bonne foi (ebd.: 117f.).
 

Die Erzähler in den Romanen von Robbe-Grillet sind immer Ich-Erzähler, und wenn Robbe-Grillet behauptet, er hätte immer von sich gesprochen, sagt er zugleich, daß der Ich-Erzähler in einer autobiographischen Beziehung zu ihm steht. Robbe-Grillet weigert sich, die Trennung zwischen seiner Tätigkeit als Schriftsteller und seinem Privatleben zu ziehen, sondern er betrachtet diese - wie in der Postmoderne - als ein vielfältiges, nomadisches Ganzes: als 'nouvelle autobiographie'. Robbe-Grillet macht aus der Labilität des Erzählens, begründet in der Labilität 'du réel', 'du vrai', ein nomadisches Prinzip.

Die 'nouvelle autobiographie' widerspricht Montaignes Schriften, Rousseaus Confessions und Goethes Dichtung und Wahrheit insgesamt und speziell in drei Punkten, was die Kriterien der Genauigkeit, Vollständigkeit und Wahrheit/ Aufrichtigkeit der biographischen Darstellung betrifft. Diese Autoren als quasi Vorläufer Robbe-Grillets anzuführen, ist nicht ganz einleuchtend - auch dann nicht, wenn Montaigne in einem seiner Vorworte sagt "Je suis moi-même la matière de mon livre" bzw. "C'est un livre de bonne foi, lecteur", und auch wenn Rousseau sich seiner Fehlbarkeit im Bereich der "mémoire" bewußt ist und diese durch eine "chaîne de sentiments" ("sensibilité") zu kompensieren trachtet.

All diese Autoren gehen von einem verbindlichen Gesamterkenntnissystem aus, das ihnen erlaubt zu glauben, sie erzählten das Wahre und Richtige, so daß eine Einheit zwischen dem empirischen und dem schreibenden Subjekt bestünde. Nur so ist der folgende Satz von Rousseau möglich:
 

C'est l'histoire de mon âme que j'ai promise, et pour l'écrire fidèlement je n'ai pas besoin d'autres mémoires: il me suffit, comme j'ai fait jusqu'ici, de rentrer au dedans de moi. (Aus Ruhe ebd.)
 

Diese Autoren verstehen und können "das Individuum auf sein Jahrhundert beziehen, d.h. den Erlebnis- und Bedingungshorizont einzelmenschlichen Daseins mit der geschichtlichen Ganzheit der Epoche in eine Beziehung setzen", wie K.D. Müller in seiner Arbeit Autobiographie und Roman. Studien zur literarischen Autobiographie der Goethezeit (1976) hervorhebt.

Während sich Robbe-Grillet voll bewußt ist, daß eine Naivität wie die Rousseaus bzw. eine Möglichkeit, die Goethe zur Verfügung stand, heute nicht mehr zulässig sind, postuliert Doubrovsky in seinem Livre brisé vergleichbares, obwohl er mit einem "trou de mémoire" beginnt. Er nimmt sich vor: "Je ne pourrai pas dire toute la vérité. Mais tout ce que je dirai sera vrai. Fallait y penser. Un pacte. Impact" (ebd.: 62). Allerdings geht Doubrovsky von einer ganz anderen epistemologischen Grundlage aus: von der Wahrheit in der Schrift, daß heißt vom Resultat der in Schriftlichkeit sich niederschlagenden Erinnerung. Die Wahrhaftigkeit des Autobiographischen hängt mit einem Transformationsprozeß zusammen, dem jede sich in Graphie konkretisierende Erinnerung unterworfen ist. Nicht eine textexterne Referenz garantiert die Wahrhaftigkeit des Autobiographischen, sondern der semiotische Schreibprozeß. Robbe-Grillet mißtraut der Schrift und ihrer Wandelbarkeit in der Zeit zutiefst .

Die aus diesem Prozeß gewonnenen Erfahrungen zeigen Doubrovsky jedoch, daß auch ein solches Vorhaben - die Wahrhaftigkeit aus dem Schreibakt entspringen zu lassen - eine Illusion und zum Scheitern verurteilt ist,
 

On parle d'histoires vraies. Comme s'il pouvait y avoir des histoires vraies; les événements se produisent dans un sens et nous les racontons en sens inverse. Autobiographie, roman, pareil. le même truc ... (LB: 91)
 

um dann den anvisierten Pakt aufzukündigen:
 

Il [Sartre] met son essence en mouvement: elle devient son existence. Son autobiographie est un conte de fées. Lejeune dit, une fable théorique. Seulement, l'existence ne s'en laisse pas conter par la théorie. (LB: 135).
 

Doris Ruhes Versuch Befund, das Projekt Robbe-Grillets (et alii) sei nicht so neu, kann ich nicht ganz folgen. Auch dann, wenn Müller zu Recht behauptet, daß "Goethe [...] in Dichtung und Wahrheit den Begriff der autobiographischen Wahrheit von der Faktizität des Erlebens" (1976) ablöse und damit das Verismus-Diktat abschwächt, auch dann, wenn Goethe die Autobiographie als Resultat "dichterischen Vermögens", modern ausgedrückt als Ergebnis von Vertextungsverfahren versteht, bleiben beide Systeme unvereinbar. Daher scheint mir das Fazit von Ruhe - die Franzosen täten nun das, was die deutschen Autoren schon Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts begannen, Imaginäres mit Reellem zu vermischen, möglicherweise die Folge einer etwas undifferenzierten epistemologischen Standortbestimmung. Die traditionelle Autobiographie ist teleologisch, also finalistisch ausgerichtet, aber nicht die 'nouvelle autobiographie' Robbe-Grillets.

Wir können versuchen, die Merkmale der traditionellen Autobiographie und jene des autobiographischen Romans zusammenzufassen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede, auch zur neuen Autobiographie besser herauszukristallisieren.
 

Der traditionellen Autobiographie könnten folgende Merkmale zugewiesen werden:
 

- Ich-Erzähler in Namensgleichheit mit Autor und Figur

- Auktorialität des Erzählers/Anspruch auf Objektivität

- Referentielles Schreiben

- Binäres Denken

- Anspruch auf Widerspruchsfreiheit der Aussagen

- Wahrheits-, Authentizitätsanspruch (Aufrichtigkeit)

- Legitimistische Diskurse

- Anspruch auf wahrnehmungsgetreue Wiedergabe des Dargestellten

- Anspruch auf Vollständigkeit des Dargestellten

-Kausalität/Diegesis

- Diskurs: sinnstiftend/Erklärungs-/Erkenntnisanspruch

- Teleologischer Diskurs

- (-) Fiktionalisierung

- Verbindlichkeit/allgemeingültiges Erkenntnissystem

- Rückgewandt und funktionalisierte Gegenwartsgerichtetheit

- Starke Einheit zwischen Erzähler und Gegenstand

- Trennung zwischen Wirklichkeit und Fiktion, Verbannung des Nichtfaktischen aus der Erzählung

- Rekonstruktionsimpetus

- Gattungsbindung
 

Dem autobiographischen Roman könnten folgende Merkmale zugeordnet werden:
 

- Ich-Erzähler ohne Namensgleichheit mit Autor und Figur

- Auktorialität des Erzählers/Anspruch auf Objektivität

- IIlusionsstiftend/referenzbildend

- Binär

- Widersprüchlichkeit im Spannungsverhältnis zwischen erzählendem und handeldem Ich

- Wahrheits-, Authentizitätsanspruch (Aufrichtigkeit) als Erzählstrategie im Rahmen des veritas-Topos und
   eines Mimesis-Konzepts

- Legitimistisch

- Anspruch auf wahrnehmungsgetreue Wiedergabe des Dargestellten

- Anspruch auf Vollständigkeit

-Kausalität/Diegesis

- Sinnstiftend/Erklärungs-/Erkenntnisanspruch

- Teleologisch

- (+) Fiktionalisierung

- Verbindlichkeit/allgemeingültiges Erkenntnissystem, das stark relativiert wird

- Rückgewandt und gegenwartsgerichtet

- Einheit zwischen Erzähler und Gegenstand

- Vorgetäuschte Trennung zwischen Wirklichkeit und Fiktion

- Rekonstruktion

- Gattungsbindung
 

Die neue Autobiographie weist folgende Merkmale aus:
 

- Ich-Erzähler mit Namensgleichheit, Autor und Figur bilden keine Einheit oder kein Über-Ich. Das
   Subjekt wird im Sinne Lacans als nomadisches Konstrukt/moi gestaltet, das nie ganz zu fixieren ist.

- Labilität des Erzählers und des Erzählgegenstandes als Thema des Romans

- Spiel mit unterschiedlichen Referenzen: Leben, Literatur, Wissenschaft usw.

- Rhizomatischer Charakter

- Widersprüchlich, brüchig

- Kein Wahrheits-, Authentizitätsanspruch (Aufrichtigkeit), sondern Möglichkeiten, Versuche, Angebote

- Autobiographisches nur legitimiert durch die Erzählung

- Kein Anspruch auf wahrnehmungsgetreue Wiedergabe des Dargestellten, sondern Problematisierung des
   moi, vrai und réel. Wiedergabe von vagen, vergangenen und gegenwärtigen Momentaufnahmen,
   beliebige Konstruktionen

- Kein Anspruch auf Vollständigkeit, sondern starke Fragmentarisierung

-(-) Kausalität/Diegesis

- Sinnstreuung/Dissemination/Paralogie/pensiero debole

- +/- Fiktionalisierung

- Unverbindlichkeit

- Augenblicklichkeit

- Vielzahl von Identitäten/Phantasmen/Masken

- Leugnung der Möglichkeit einer Trennung zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Alles ist Teil des Ich und
   "wirklich", weil gegeben und geschrieben

- Dekonstruktion

- Literarizität/Metanarrativität

- Gattungsunbestimmbarkeit
 
 

3. Robbe-Grillets Le miroir qui revient und Doubrovskys Livre brisé
 

3.1 Robbe-Grillets Le miroir qui revient oder die altaritäre Abwesenheit der Schrift
 

Wie nun finden sich die angegebenen Merkmale in Robbe-Grillets Le miroir qui revient wieder und wie entsteht bei ihm das Neue der Auto-Bio-Graphie?(8)

Zunächst hat Le miroir qui revient keine Gattungsbezeichnung, erst im zweiten Band, Angélique ou l'enchantement, erscheint (zwar nicht auf der Titelseite, sondern in der Auflistung der bei Minuit erschienenen Werke des Autors) der Sammelbegriff Romanesques mit der Erwähnung des kommenden Bandes, dessen Titel sich später ändert. Der Sammelbegriff 'Romanesques' wird von Robbe-Grillet dann in einem Interview (1988) verwendet.

Aber was bedeutet romanesque in der französischen Sprache und in unserem Argumentationszusammenhang? Schlagen wir im Petit Robert nach, so erfahren wir folgendes:
 

[...] qui offre les caractères traditionnels et particuliers du roman: poésie sentimentale, aventures extraordinaires. Aventures romanesques. Une passion romanesque. «Il y a je ne sais quoi de romanesque dans cette entreprise, qui sied aux âmes exaltées» (Balzac). Qui contient ou qui forme des idées, des images, des rêveries dignes des romans. Une imagination romanesque. Une personne romanesque. V. Rêveur, sentimental [...] Ant. Banal, plat, prosaïque, réaliste. PR 1573).
 

Halten wir fest: 'romanesque' denotiert etwas Fiktionales - nicht Reelles - ein Abenteuer, es hat mit Fantasie, mit Bildern und Träumen zu tun. Und was meint Robbe-Grillet?
 

[...] et Romanesques pour insister sur la visée romanesque des souvenirs autobiographiques. Mon expérience vécue a toujours alimenté mes livres, mes romans, au moins autant que ce Romanesque, même si le caractère autobiographique n'y était pas directement visible; il est au moins aussi fort dans La Jalousie, par exemple, sinon davantage. Ici, comme il est montré, désigné, j'insiste sur le côté fictionnel dans mon sur-titre.

[...]

[...] quand je pense à mon existence, je ne fais plus beaucoup de différence entre les gens que j'ai connus, les héros des romans que j'ai aimés, et moi-même.

[...]

Dans les deux cas, c'est ce que cela est devenu dans ma tête. Je ne vise jamais à aucune objectivité, quand je parle de l'un ou de l'autre. Et je me rends compte que j'ai fréquenté de la même façon les gens de mon passé et les héros de romanciers que j'aime, Kafka, Flaubert, Faulkner, von Salomon ... (1988:91).
 

Ausgangspunkt der écriture von Robbe-Grillet ist immer sein Bewußtsein und sein Unbewußtes, die Darstellung von inneren Prozessen eines Erlebten. Es geht also immer um die Wiedergabe von Wahrnehmungen, und wie sich diese in der Erinnerung eingeprägt haben, ferner wie sich diese in der Allgegenwart der Sprache niederlassen. Die Wahrheit der Sprache ist in ihrer Unmittelbarkeit da, in der Materialität der Gegenwärtigkeit und in der Bewußtheit des Schreibaktes.

Von hier aus gibt es in der Tat keinen Unterschied mehr zwischen Innen und Außen, zwischen den Eltern und Freunden Robbe-Grillets, zwischen fiktiven Figuren aus seinen Lektüren und aus seinen Begegnungen, zwischen seinen Debatten mit Kritikern und Erlebnissen anderer Art. Seine Welt besteht aus einer totalen Subjektivität ("cela est devenu dans ma tête") und dort befindet sich alles auf der gleichen Ebene. So erweist sich der Unterschied zwischen der Position eines Goethe und eines Robbe-Grillet als grundlegend verschieden: Während von Goethe der Unterschied zwischen Realität und Fiktion durchaus akzeptiert wird und in Dichtung und Wahrheit - wie der Titel schon ankündigt - beide Teile trennbar sind, ist das bei Robbe-Grillet nicht mehr möglich. Dieser findet sich hiermit voll in der Tradition von Borges, den er als einen seiner "maîtres" betrachtet (Salgas 1985: 7).

Der Unterschied zwischen den früheren Werken Robbe-Grillets und der Trilogie liegt m. E. weitgehend in der Tatsache, daß er dem Ich-Erzähler seinen Eigennamen verliehen hat. Dieser erweist sich aber wie die Ich-Erzähler sog. "Romane" als ebenso unzuverlässig.

'Romanesque' bedeutet vor diesem Hintergrund eine Reise ins Ungewisse, ein Abenteuer also. Dies deckt sich völlig mit der Poetik Robbe-Grillets des "roman comme recherche" aus den 50er und 60er Jahren, die wiederum ein Theorem der Tel Quel-Gruppe und des nouveau nouveau roman der 60er und 70er wird. Es handelt sich um ein Abenteuer des Schreibens, eines Schreibens, das die Umsetzung von Wahrnehmungen in Literarizität und nicht in eine Anekdote/Message bedeutet. Doubrovsky bezeichnet dies - wie oben erwähnt - mit dem Terminus der 'autofiction' im Sinne eine "fiction, d'événements et de faits strictement réels" (1977: Buchumschlag Rückseite) bzw. im Sinne einer Transformation von "langage d'une aventure à l'aventure du langage" (des weiteren s. u.).

Warum 'miroir' bei Robbe-Grillet, 'miroir qui revient? Plaziert man diese Frage in den Rahmen der Theorie der 'générateurs', der 'mise en abyme' und der aleatorischen Vertextungsverfahren (Ricardou; Dällenbach; de Toro) sowie der Subjekttheorie Lacans, dann handelt es sich darum, sich als die im Spiegel reflektierte Imago zu erkennen und diese zu verstehen. Es geht um eine Imago, die nie fixiert werden kann, da bei jeder Widerspiegelung ein neues Ich reflektiert wird. Es ist wie das Wasser bei Flaubert, wie die Sanddünen bei Borges, welche durch den Wind immer wieder anders, ähnlich, aber verschieden, nie gleich geformt werden. Wir haben es mit einer rhizomatischen, nomadischen Erinnerung zu tun, die immer wieder anders wahrgenommen und demzufolge so auch wiedergegeben werden muß. Die immer neu entstehenden Serien stellen ein ununterbrochenes 'glissement' dar, das keinen Anfang und kein Ende, keinen Eingang und keinen Ausgang, kein Zentrum kennt, sowie die mémoire eine solche Organisation nicht kennt. Das 'glissement' der Signifikate auf den Signifikanten, das stete Verschieben von Bedeutung, die Sinnstreuung wird in Robbe-Grillets Romanen und auch in LMQR mittels der 'thèmes générateurs' umgesetzt. Die Organisationsstruktur der Erinnerung und deren Übertragung in die Schrift erweist sich als höchst rhizomatisch, als unzuverlässiges schwarzes Loch, weil es weder der Erinnerung noch der Schrift gelingt, eine kohärente Version des Ich zu vermitteln.

Dieser Problematik ist sich Robbe-Grillet bewußt und bestätigt das hier Gesagte,
 

Je ne suis pas homme de vérité, ai-je dit, ni non plus de mensonge, ce qui reviendrait au même. Je suis une sorte d'explorateur, résolu, mal armé, imprudent, qui ne croit pas à l'existence antérieure ni durable du pays où il trace, jour après jour, un chemin possible. Je ne suis pas un maître à penser, mais un compagnon de route, d'invention, d'aléatoire recherche (LMQR, 13). (meine Hervorhebung),
 

indem er sich "dazwischen", zwischen Roman und Autobiographie, zwischen Fiktion und Realität positioniert. Er bildet dabei keine Oppositionsrelation zwischen 'réel' und 'littéraire', sondern eine Beziehung der Altarität, der prinzipiellen Unentscheidbarkeit von Fiktion und Wirklichkeit sowie ihrem Erleben.

So können wir behaupten, daß das Hauptthema des Buches in der Darstellung der Unmöglichkeit besteht, eine Autobiographie zu schreiben. Das Thema ist also die 'Metaerzählung' einer Pseudo-/Autobiographie, das Zitat einer traditionellen Autobiographie, die Dekonstruktion der klassischen Autobiographie, die Entlarvung einer Lüge, die sich zur Wahrheit 'aufplustert'. Der Text (LMQR) ist auch eine kritische Bestandsaufnahme der eigenen Theorien Robbe-Grillets aus den 50er-70er Jahren und der Versuch, mit der "nouvelle autobiographie" einen neuen Weg einzuschlagen, in deutlicher Parallelisierung zum Erneuerungsprozeß des Romans von den 50er Jahren an.

Es scheint zunächst so, als ob sich Robbe-Grillet seiner Poetik aus den 60er Jahren (und damit seiner früheren Werke) entledigen möchte, wenn er meint, daß jene Poetik/Theorie ein "Dogma" (LMQR: 9ff.) geworden wäre. Er kanzelt den anonymen, entpersonalisierten, kombinatorischen, antihumanistischen Diskurs als "niaiseries" ab und nimmt sich vor, diesen zu bekämpfen. Daß dieses Vorhaben sich als eine Illusion, als eine fast opportunistische Ideologie erweist, wird die weitere Analyse zeigen. Genauso wenig trifft seine Behauptung zu, LMQR wäre ein Werk, in dem er seinem Leben auf der Grundlage einer kompetenten, d.h. sinnstiftenden Sprache eine Wahrheit zuweist, im Gegensatz zu Werken, in denen das biographische Material als "opérateur" fungiert (etwa La Jalousie oder Projet pour une révolution à New York).

LMQR kreist in der Hauptsache um metanarrative Reflexionen, um Robbe-Grillets frühere Werke und theoretische Schriften, die er weiterhin verteidigt, um die Debatten, die sie auslösten, sowie um seine präferierten Bücher, um Kindheit, Vater, Mutter, Ausbildung, um seinen Aufenthalt in Deutschland während des Krieges und immer wieder um die romaneske Figur Corinthe. Diese soll eine existierende Person sein, die dem Vater gleiche oder auch Manneret, eine Figur aus La maison de rendez-vous. Corinthe ist ferner eine aus La belle captive und Topologie d'une cité fantôme bekannte Figur. Man kann alle diese Themen in vier Gruppen einteilen: Es geht um metatheoretische Reflexionen über das Schreiben und über die Autobiographie, um Aussagen über seine Theorie und Literatur, um Bruchstücke und Fragmente privater und familiärer Szenen und um die mythisch-fiktionale Geschichte Corinthes.

Das Buch LMQR beginnt mit der Feststellung, daß der Ich-Erzähler, dem Robbe-Grillet seinen Namen verleiht, seit 1976 versucht hat, einen biographischen Text zu schreiben, bei dem er über ca. 40 Manuskriptseiten nicht hinausgekommen ist.(9)
 

Nach der Erwähnung von Topologie d'une cité fantôme und La belle captive kommt er unvermittelt zur Frage "Qui était Henri de Corinthe?" und verweist auf dessen frühere Erwähnungen, ohne die Werke zu zitieren. Er deutet an, über diese Figur zu schreiben, allerdings erweist sich sein Gedächtnis als unzuverlässig und äußerst ambivalent. Seine Erinnerungen ergeben sich aus "brèves entrevues" wie der Blick aus einem Spalt/clivage, aus "deux battants disjoints d'une porte accidentellement mal close" (LMQR: 8). Dieser Spalt entspricht dem "Dazwischensein", von dem bereits die Rede war bzw. einer "revolving door", von der de Man (1979: 922) im Anschluß an Genette (1972: Kap. 4-5) spricht. Er ist ein Strukturprinzip und eine conditio, die das ganze Schreiben und Leben sowie die Erinnerung Robbe-Grillets erfaßt.

Sieben Jahre später nimmt der Erzähler alias Robbe-Grillet die "autobiographische Arbeit" wieder auf. Bei der Lektüre der vierzig Seiten erkennt er nicht wieder, was er geschrieben hat. Das Geschriebene erscheint ihm fremd, da sein Ich, seine Umgebung, sein Leben sich verändert haben. Die Sprache scheint seine Erinnerungen in eine Diegesis "zu pressen", die das Erlebte verfälscht.

Robbe-Grillet sieht eine doppelte Gefahr in dem Unternehmen 'Autobiographie': seine literarischen Ziele zu verraten und in einen Diskurs zurückzufallen, den er immer bekämpft hat, sowie damit eine Literatur zu produzieren, die den "humanistischen Mythos der Tiefe" wiederbelebt und die Literatur als bloßes Medium für eine Anekdote oder Geschichte mißbraucht. Daher setzt er sich zunächst mit seiner eigenen zentralen Aussage bezüglich der literarischen Arbeit auseinander: "Je n'ai jamais parlé d'autre chose que de moi". Dieser Satz birgt in seinen Augen drei Probleme: das 'moi' (Ich), das 'intérieur' (das Innere/die Tiefe) und das 'parler de' (das Sprechen davon). Während das Ich Gefahr läuft, sich am Pathos eines längst vergangenen Humanismus zu weiden, zielt das 'Sprechen von etwas' offenbar auf die Mimesis eines 'réel' als etwas fixierbarem. Das Schlimmste sei, so Robbe-Grillet, das dem Ich inhärente Risiko eines psychologisierenden Biographismus, der von ihm so bekämpft wurde.

Das Projekt 'Autobiographie' veranlaßt Robbe-Grillet also, grundlegende Fragen zu stellen, die mit seinem Selbstverständnis als Autor, als Theoretiker zu tun haben und ihn dazu bringen, sich als Literat neu zu positionieren. Dieser Vorstoß zum Grundsätzlichen läßt ihn bestimmte frühere Positionen revidieren, vor allem Positionen, die er zwar vertrat, die aber damals aufgrund der herrschenden literarischen Theorien und Tendenzen nicht gehört wurden. Robbe-Grillet wendet sich gegen Theorien und Ideologien, die zu Dogmen wurden und ihren subversiven Charakter durch Automatisation verloren haben (LMQR: 11ff.), beispielsweise jene, in denen der Autor als Vermittlungsinstanz generell für reaktionär und autoritär gehalten wurde, in denen man den anonymen "scripteur" als rein kombinatorisches entpersonalisiertes Spiel und anonymen Träger der GESCHICHTE bevorzugte. Damit wendet sich Robbe-Grillet scheinbar auch gegen seine eigenen Positionen und gegen das Konzept von Literatur und Intertextualität des nouveau roman sowie Tel Quel (Kristeva 1967, 1968, 1969, 1976).

Würde der Leser hieraus jedoch schließen, Robbe-Grillet warte mit einer traditionellen Autobiographie auf, wird er spätestens mit dessen Klarstellung enttäuscht (s. (LMQR: 13 und Zitat oben S. 16). Sein Diskurs bleibt undefinierbar, da es sich um eine offene, nicht-teleologische, aleatorische Reise handelt, die der Fiktion(10). Es handelt sich um das Risiko, das der Übergang von der Erinnerung zur Schriftlichkeit bzw. zur Gegenwärtigkeit des schreibenden Bewußtseins darstellt.

Dieses Problem wird artikuliert, indem biographische Passagen immer wieder von metanarrativen Textstellen unterbrochen und verfremdet werden, so daß das sog. Faktische mit dem Fiktiven untrennbar verflochten wird. Nachdem Robbe-Grillet einige Szenen seiner Kindheit (innere Projektionen) in Brest und Paris schildert und sich über psychoanalytische Sexualsymbole belustigt, die die "Literaturkritik entdecken" soll, macht er diese prinzipielle Untrennbarkeit zwischen Bios und Graphie deutlich:
 

J'ai l'impression d'avoir raconté tout cela depuis longtemps, dans mes livres comme dans mes films, et d'une façon beaucoup plus juste, plus convaincante. Il est certain qu'on ne l'y a pas vu, ou si peu. Il est certain aussi que cela m'a toujours été indifférent: là n'était pas le but de l'écriture (LMRQ: 16),
 

In den sog. fiktionalen Texten haben biographische Elemente eine viel "genauere" Darstellung genossen. Damit weist Robbe-Grillet auf die grundsätzliche Unentscheidbarkeit von Faktisch-Erlebtem und Fiktional-Erzähltem hin, weil alle seinen Texte mit biographischen Elementen durchsetzt sind. Da dies aber allen Autoren gemeinsam sein und nichts Neues darstellen dürfte, erklärt Robbe-Grillet alles Autobiographische für literarisch und alles Literarische für autobiographisch, wie in Paul de Mans Theorie enthalten ist.

Das Aufspüren des Autobiographischen stellt somit ein graduelles Phänomen dar, je nach Intensität, mit der sich die autobiographischen Elemente in die Schriftlichkeit einschreiben und nicht zuletzt beim Rezipienten, der je nach Lektürehaltung den Text als Fiktion oder Autobiographie lesen kann.

Die Erkenntnis einer prinzipiellen Altarität(11) der Schrift und damit auch der Auto-Bio-Graphie, sowie die "Lüge" einer Diegesis, die das Erlebte in eine bestimmte vergegenwärtigende Ordnung einbettet, wurde nicht erst von Robbe-Grillet formuliert, sondern - nach Derrida in der Philosophie und Barthes in der Literaturwissenschaft - auch von de Man (1979) konsequent vertreten, als er, anknüpfend an Genettes Untersuchung zu Proust, die Unterscheidung zwischen Fiktion und Autobiographie als "undecidable" (1979: 921) beschreibt:
 

Autobiographie, then, is not a genre or a mode, but a figure of reading or of understanding that occurs, to some degree, in all text. The autobiographical moment happends as an alignment between the two subjects involved in the process of reading in which they termine each other by mutual reflexive substitution. The structure implies differentiation as well as similiraty, since both depend on a substitutive exchange that constitutes the subject. (ebd.)
 

Auch dann, wenn wir eine derartig allgemeine Position nicht vertreten, weil sie praktisch die Unterscheidung von verschiedenen Textsorten unmöglich macht ("But just as we seem to assert that all texts are autobiographical, we should say that, by same token, none of them is or can be"; de Man ebd.: 922), bleibt richtig, daß in der neuen Autobiographie eine traditionelle Differenzierung in Sinne Lejeunes nicht mehr zulässig bzw. sogar textverfälschend ist, und zwar nicht nur, weil der biographische Text "a figure of reading" ist, sondern vor allem aufgrund der bereits beschriebenen epistemologischen Gründe.

Analysiert man Robbe-Grillets Aussagen näher, dann will er solche autobiographischen Elemente explizit machen, die in früheren Texten verdeckt waren. Gerade diese Explizitheit dessen, was hinter der Maske ist, stellt für Robbe-Grillet ein Abenteuer und einen besonderen ästhetischen Genuß dar. Hierfür wählt er die Misch-Textsorte des 'romanesque', die er mit seinem Eigennamen und den Fragmenten seiner Biographie garniert und zum Term 'nouvelle autobiographie' überführt:
 

Et ce plaisir douteux m'intéresse dans la mesure où, d'une part, il me confirme que je me serais mis à écrire des romans pour exorciser ces fantômes dont je ne venais pas à bout, et me fait d'autre part découvrir que le biais de la fiction est, en fin de compte, beaucoup plus personnel que la prétendue sincérité de l'aveu (LMQR: 16).
 

Durch diese Mischung versucht er zugleich, seinem eigenen Ich näher zu kommen.

Die Episoden oder kleinen Fragmente, die er erwähnt, dürfen aber auf keinen Fall eine besondere Priorität erlangen; es handelt sich um einige, innerhalb einer infiniten Zahl anderer; es gibt also keine Hierarchisierung und auch kein Kausalitätsprinzip zwischen ihnen. Robbe-Grillet kämpft mit den Mitteln der Verfremdung gegen die imperfektischen Formen seiner Erzählung (passé simple), die in sich, als grammatikalische Formen, das Definitive, den Pathos, die Geschichtlichkeit als Monument in sich tragen:
 

Quand je relis des phrases du genre "Ma mère veillait sur mon difficile sommeil", ou "Son regard dérangeait mes plaisirs solitaires", je suis pris d'une grande envie de rire, comme si j'étais en train de falsifier mon existence passée dans le but d'en faire un objet bien sage, conforme aux canons du regretté Figaro littéraire: logique, ému, plastifié. Ce n'est pas que ces détails soient inexacts (au contraire peut-être). Mais je leur reproche à la fois leur trop petit nombre et leur modèle romanesque, en un mot ce que j'appellerais leur arrogance. Non seulement je ne les ai vécus ni à l'imparfait ni sous une telle appréhension adjective, mais en outre, au moment de leur actualité, ils grouillaient au milieu d'une infinité d'autres détails dont les fils entrecroisés formaient un tissu vivant. Tandis qu'ici j'en retrouve une maigre douzaine, isolés chacun sur un piédestal, coulés dans le bronze d'une narration quasi historique (le passé défini lui-même n'est pas loin) et organisés suivant un système de relations causales, conforme justement à la pesanteur idéologique contre quoi toute mon oeuvre s'insurge (LMQR: 17).
 

Wie will nun Robbe-Grillet zu seiner "nouvelle autobiographie" gelangen?

Er schreibe, um die nächtlichen Monster, die sein Tagesleben zu überfallen/überfluten drohen ("j'écris pour détruire, en les décrivant avec précision, des monstres nocturnes qui menacent d'envahir ma vie éveillée"; LMQR: 17), dadurch zu zerstören, daß er sie mit großer Genauigkeit beschreibt; zweitens stellt er fest, daß die Wirklichkeit unbeschreibbar ist: "Mais - second point - toute réalité est indescriptible, et je le sais d'instinct [...]"(ebd.). Drittens bemerkt er, daß er durch Wörter und Sätze weder das darstellen kann, was er vor Augen hat, noch das, was sich in seinem Kopf oder hinter seiner Sexualität verbirgt. Er schreibt der Literatur einen dritten Status zu: sie sei der Versuch einer unmöglichen Darstellung: "La littérature est ainsi [...] la poursuite d'une représentation impossible" (LMQR: 18). So will er seine Geschichte als opérateur, als metaphorisches, analogisches Material des Realen organisieren ("Il me reste à organiser des fables, qui ne seront pas plus des métaphores du réel que des analogons, mais dont le rôle sera celui »d'opérateurs«. La lois idéologique qui régit la conscience commune, et le langage organisé, ne me sera plus alors une gêne, un principe d'échec, puisque je l'aurai désormais réduite à l'état de matériau"; LMQR: 18).

Damit entzieht sich Robbe-Grillet dem Empirismus/Verismus, der der traditionellen Form der Autobiographie inhärent ist, der mehr oder weniger unreflektiert eine kausal-chronologische, einheitliche, teleologische Diegesis entwickelt.

Robbe-Grillet gibt zwei Methoden an, sein Leben zu erzählen: Er glaube an die Wahrheit (vorher sagte er aber mehrmals, daß er nicht daran glaubt: "Je ne crois pas à la Vérité", LMQR: 11; "Je ne suis pas homme de vérité ... mais non plus de mensonge", ebd.: 13) und daran, daß die Sprache die Möglichkeit hat, diese zu erfassen. In diesem Fall würde er - Robbe-Grillet - eine "vie reçue", ein naiv übernommenes, erlebtes Leben wiedergeben. Eine zweite Möglichkeit bestünde darin, daß er Teile/Elemente aus seiner Biographie durch Operatoren ersetzt, die ihm im Schreibakt ein offenes literarisches Eingreifen erlauben, wenn ihm bestimmte Wiedergaben suspekt erscheinen Die zweite Methode sei vertreten in La jalousie und Projet pour une révolution à New York, die offensichtlich autobiographische Züge trügen. Während diese zweite Methode sein literarisch kodiertes Leben sprachlich wiedergibt, soll LMQR zur ersten Methode gehören. Der Leser ist an dieser Stelle verblüfft, aber gleich stellt Robbe-Grillet klar, daß diese erste Methode ihn nicht weiterbringe:
 

Non, ce n'est pas tout à fait vrai non plus, car celui-ci ne va pas se limiter - on l'aura compris - à quelques menus souvenirs donnés pour argent comptant. Il devra au contraire m'accompagner, d'essai critique en roman comme de livre en film, dans une incessante remise en cause où la mère et la peur deviendront à leur tour des simple opérateurs de texte (LMQR: 18).
 

Robbe-Grillet dekonstruiert und neutralisiert stets die sich bildenden Bedeutungen seines Lebens und des Erzählten, indem er sie als nichtbeständig bloßlegt. So sagt er nach einer langen Episode über Corinthe: "Le passage qui précède doit être entièrement inventé" (LMQR: 24), oder er gibt mehrere mögliche Versionen einer Episode an bzw. verwendet das Verfahren der 'mise en abyme'. Wie folgt beschreibt er den Diskurs von Corinthe:
 

Une particularité de son récit, qui en rendait le déroulement quasiment impossible à suivre, était, outre sa fragmentation excessive, ses contradictions, ses manques et ses redites, le fait qu'il y mélangeait constamment les temps du passé avec de brusques passages au présent qui paraissaient pourtant concerner la même période de sa vie, et les mêmes événements (LMQR: 98).
 

Damit beschreibt Robbe-Grillet im bekannten Gestus nicht nur die Halluzinationen von Corinthe, sondern zugleich die Struktur seines eigenen Textes. Man kann sagen, daß Corinthe mehr und mehr zum zweiten Ich Robbe-Grillets wird (LMQR: 99). Die Erzählung über Corinthe ist gespickt mit Stellen aus Le Voyeur, sowohl was die Bewußtseinsspaltung oder die Spaltung des récit und des Erzählers betrifft als auch bestimmte Wertungen wie ("[...] une série de vieilles légendes et de superstitions locales selon ce que, dans mon enfance, j'ai maintes fois entendu rapporter"; LMQR: 99).

Die vielen Versionen, Variationen, Widersprüche dieser nomadisch- rhizomatischen Struktur sind das, was Robbe-Grillet "miroir" nennt:
 

Bien que cette séquence finale de l'épisode (dit du miroir qui revient) demeure pour toujours d'une extrême confusion, tant les relations diffèrent entre elles et se mélangent à des réminiscences inconscientes du folklore, un certain nombre de points peu contestables semblent malgré tout pouvoir être fixés comme repères (LMQR : 99).
 

Das Gedächtnis erweist sich als labil und lückenhaft, die Erinnerungen als unwiderruflich verloren, es bleiben zirkulierende Fragmente, die sich nicht zu einer konsistenten 'Auto-Bio-Graphie' verdichten lassen. Was bleibt, ist der zurückgelegte Weg der Erinnerung, die sich in einer Spur ohne Ursprung und Ende einschreibt:
 

Ce fut une belle journée pour mon grand-père, m'a-t-on dit. Mais je ne sais plus si j'ai assisté à la scène, ou si on me l'a seulement racontée. Peut-être même était-ce avant ma naissance.

Voila donc tout ce qu'il reste de quelqu'un, au bout de si peu de temps, et de moi-même aussi bientôt, sans aucun doute: des pièces dépareillées, des morceaux de gestes figés et d'objets sans suite, des questions dans le vide, des instantanés qu'on énumère en désordre sans parvenir à les mettre véritablement (logiquement) bout à bout (LMQR: 27/28).
 

Robbe-Grillets Diskurs der neuen Autobiographie setzt sich von dem des Romans im 19. Jahrhundert ab und wendet sich erneut dem nouveau roman zu, obwohl er an jenem Romansystem des Verismus, der Linearität und der Kohärenz dessen Kampf ums "Überleben" bewundert, ein System aber, das das problematische Verhältnis zwischen Wirklichkeit und Schriftlichkeit letztlich verdeckt. Im neuen Roman findet er das richtige Feld für die Suche und für die Konstruktion des Subjekts, da hier diese Suche, die Reflexion über das Ich und über das problematische Binom Wirklichkeit/Fiktion zum eigentlichen Textgegenstand erhoben wird. Der Kampf des Romans ist nun nicht mehr jener mit der Wirklichkeit, sondern ein Kampf mit der écriture, da diese die Wirklichkeit in der absoluten Augenblicklichkeit der Niederschrift. ("celui de l'instant, par exemple)" nicht mehr erfaßt. Daraus ergibt sich auch die rhizomatische Struktur von LMRQ, die wir von den früheren Texten Robbe-Grillets kennen ("D'où ces systèmes compliqués de séries, de bifurcations, de coupures et de reprises, d'apories, de changements à vue, de combinatoires diverses, de déboîtements ou d'invaginations, etc."ebd.: 29-30). Die Verzweigungen oder Sinnstreuungen(12) verhindern die "Lüge", die sich in einer kohärenten Diegesis ausbreitet, und stellen - so Robbe-Grillet weiter - das Gegenteil eines geschlossenen Denkens dar, das zuletzt mit Sartre vertreten war und gescheitert ist(13).

Das geschlossene, diegetisch kohärente Erzählen stellt für Robbe-Grillet - am Beispiel Balzacs - eine unschuldige Literatur des Banalen und der Stereotypen dar, weil es eine Entsprechung und Bestätigung der gesellschaftlichen Strukturen, der Ideologie also, darstellt:
 

[...] la banalité du toujours-déjà-dit: un enfilage de stéréotypes dont toute originalité se trouve par définition absente. Il n'y a de significations que fondées à l'avance, par le corps social. Mais ces "idées reçues" (que nous appelons à présent idéologie) vont constituer cependant le seul matériau possible pour élaborer l'uvre d'art - roman, poème, essai -, architecture vide qui ne tient debout que par sa forme. La solidité du texte comme son originalité proviendront uniquement du travail dans l'organisation de ses éléments, qui n'ont aucun intérêt par eux-mêmes: La liberté de l'écrivain (c'est-a-dire celle de l'homme) ne réside que dans l'infinie complexité des combinaisons possibles. La nature n'a-t-elle pas construit tous les systèmes vivants, depuis l'amibe jusqu'au cerveau humain, avec seulement huit acides aminés et quatre nucléotides, toujours les mêmes? (LMQR: 220-221),
 

Deshalb plädiert Robbe-Grillet für eine Literatur, die das In-Frage-Stellen in unzähligen Kombinationen umsetzt, das Wahre, die Identität des Augenblicks im Schreibakt wiedergeben kann.

Diese Organisation vergleicht Robbe-Grillet mit Verfahren aus der Musik und erwähnt hier die atonale Musik Schönbergs(14), die aus dem Nichts startet und Serien bildet, die auseinandergehen, so daß man mit einer grundsätzlichen rhizomatischen Struktur zu tun hat:
 

J'ai déjà raconté - dans Obliques ou ailleurs - la génèse du film L'Eden et après engendré à partir de douze thèmes appartenant à la panoplie contemporaine plusieurs fois centenaire (le labyrinthe, la danse, le double, l'eau, la porte, etc.) qui se répètent chacun dix fois, mais dans un ordre différent, pour former dix séries successives, donc un peu comparables aux séries schönbergiennes. Le travail matériel (joint à l'invention qu'il déclanche par son euphorie communicative), pendant le tournage et ensuite lors du montage, a constamment nourri - et perturbé - ce schéma générateur dont la rigidité n'est certainement plus repérable au sein du résultat final, même par moi. Au départ, il n'y avait pas de scénario, mais seulement l'anecdote dialoguée d'une première série, soit douze cases; les cent huit cases restantes ont été produites en collaboration avec l'équipe, en particulier grâce à l'apport enthousiaste du chef opérateur Igor Luther et de l'actrice Catherine Jourdan, qui est devenue bientôt, sur sa propre initiative, la vedette du film (LMQR: 221).
 

Robbe-Grillets metanarrative Bemerkungen zeigen mit aller Deutlichkeit, daß seine Art zu schreiben mit einem grundsätzlichen Selbstverständnis als Schriftsteller zusammenhängt, der sich im Bewußtsein artikuliert, daß Literatur in der Thematisierung der Abwesenheit und nicht der Repräsentation besteht:
 

Flaubert, en trois livres qui lui ont pris toute sa vie, découvre à la fois l'effrayante liberté de l'écrivain, la vanité de prétendre exprimer des idées inédites, l'impossibilité de l'écriture enfin, qui ne vient que du silence et qui va seulement vers son propre silence (LMRQ: 220).
 
 

3.2 Doubrovskys Livre brisé
 

Serge Doubrovskys Ausgangssituation ist zunächst ganz anders als die Robbe-Grillets: Sartre ist sein Lehrmeister, die Realität ist für ihn zunächst etwas Greifbares, und Darstellbares, die Wahrheit eine Sache der intellektuellen Redlichkeit und des Willens. Er geht in seinem Roman von ganz konkreten Anlässen aus, die die Gegenwärtigkeit beim Schreiben darstellen. Der allmächtige Alltag okkupiert immer mehr seinen Roman, seine Frau greift in das Geschehen ein, das Tatsächliche, das Empirische herrscht, er bekennt und gibt Dinge aus seinem Leben preis (was Robbe-Grillet eben nicht tut, denn er unterwirft das Erlebte von Beginn an dem Diktat der Schrift, er verweigert den Blick nach Innen). Die Wahrheit seines Ich, die Wahrheit des Erzählten entschwindet Doubrovsky. Das Bios löst sich letztlich doch in einer unbeherrschbaren Graphie auf. Der Text von Doubrovsky entwickelt sich von einem Bekenntnis zu einer Geschichte der Erkenntnis, daß die Wirklichkeit in Literatur nicht zu fassen ist und daß die Schrift nur eine Hypothese des Realen bieten kann. Hier treffen sich Robbe-Grillet und Doubrovsky am Ende doch.

Doubrovskys Erfahrung mit der Altarität des Binoms von Bios und Graphie ist zugleich in seinem historisch-anthropologisch gespaltenen Subjekt angelegt: französischer Jude zu sein, der in New York lebt und lehrt, der zwischen Sinnlichkeit und Arbeitsdisziplin, zwischen Hingabe und krankhafter Egomanie, zwischen dem Glauben an die wahrhaftige Wiedergabe der eigenen Geschichte und der Erkenntnis ihres Scheiterns hin- und hergerissen ist.

Die Literatur hat bei Doubrovsky nicht die Funktion, bestimmte Phantasmen zu zügeln, auch dann nicht, wenn die Wirklichkeit unbeschreibbar wäre - wie wir bei Robbe-Grillet gesehen haben. Diese löst bei ihm keine Befreiung aus, weil Sprache und Handlungen - wie Doubrovsky selbst feststellt - grundverschieden wären und weil die Erinnerung sowie die Schrift nicht die Kraft hätten, das Vergangene lebendig zu vergegenwärtigen. Das Schreiben über sich selbst bedeutet ein stetes "von-vorn-beginnen" ("refaire").
 

Écrire ne m'a jamais délivré. Je n'ai jamais été libéré. Les mots ne sont pas des actes. Même imprimés, ce sont des paroles en l'air. Ces pensées-là, lorsqu'une occasion les ressuscite, si on les réveille, elles battent en moi comme une houle que rien n'apaise, une fiévre qui ne peut pas retomber. Cette guerre pas faite, je n'arrête pas de la refaire. JE SUIS REFAIT. Voilà, ainsi, je n'y puis rien, incontrôlable (LB: 22).
 

In diesem Zusammenhang nimmt Doubrovsky eine subtile Unterscheidung vor zwischen dem "Erzählen" ("raconter") bzw. "Schreiben" ("écrire") einer Geschichte auf der einen Seite und dem "Wiederschreiben" ("récrire") auf der anderen: "Le passé, on peut le raconter, l'écrire. On ne peut pas le récrire (LB: 22)".

Dabei meint er, daß während das bloße Erzählen/Niederschreiben der Vergangenheit (sei dies ein geschichtliches Ereignis oder eine autobiographische Geschichte) nur als Wiedergabe eines toten Objekts möglich wäre, das lebendige, das wahre Wiedererwecken der Vergangenheit sich als unmöglich erweisen würde (='récrire'). Die Bedeutung von récrire' entspricht nicht jenem Begriff von Lyotard (1988a) der 'ré-écriture', wo die Vergangenheit in die Gegenwart 'verwunden' wird. 'Récrire' heißt hier, jene vergangenen Erlebnisse wahrheitsgetreu wiederzugeben, die Vergangenheit zurückzugewinnen.

Die Unmöglichkeit des Unterfangens liegt für Doubrovsky speziell auch darin begründet, daß die ganze Erinnerung sich als ein schwarzes Loch, als "trou de mémoire" erweist, und zwar in elementaren Bereichen wie die der ersten Liebesvereinigung (LB.: 42ff.). Der Versuch, das Vergangene in Schrift zu fassen, muß scheitern, so daß zwischen Autobiographie und Roman keine klare Grenze mehr zu ziehen ist. Dazu bekennt Doubrovsky (ebd.: 91ff.) - immer anknüpfend an Sartre -, daß auch eine Autobiographie Spannungsstrukturen einbauen müßte, um die Aufmerksamkeit des Lesers zu gewinnen. Eine Plotierung, eine Diegesis sei also auch für die Autobiographie notwendig (vgl. White 1978; de Toro 1999) und daher sei die Autobiographie noch stärker fiktiv, künstlicher als der Roman, da der Autor stets vom Zufall lebe und von diesem geleitet würde, während im zweiten Fall etwas bekanntes, konkretes sich in einer diskursiven Ordnung so verwandelte, daß aus Wahrem/Reellem Unwahres entstünde.
 

A cet égard, une autobiographie est encore plus truquée qu'un roman. Un roman, on peut concevoir qu'on l'invente à mesure, que l'auteur ignore ce qui va arriver au chapitre d'après. La suite au prochain numéro. Lorsqu'on relate son existence, la suite, par définition, on la connaît. Plus que du pseudo-imprévu, des attentes controuvées, des hasards refabriqués de toutes pièces. Même en voulant dire vrai, on écrit faux. On lit faux. Folie. Une vie réelle passée se présente comme une vie fictive future. Raconter sa vie, c'est toujours le monde à l'envers (LB: 92).
 

Hier stellen wir einen Unterschied in der Ausgangssituation zu Robbe-Grillet fest, insofern Doubrovsky angibt, die Abfolge seines Lebens zu wissen, im Endergebnis steht er jedoch vor der Unmöglichkeit, dieser Abfolge Rechnung tragen zu können.

Das ganze Vorhaben wird außerdem dadurch erschwert, daß die in seine Büchern involvierten Frauen, v.a. Ilse, seine letzte Ehefrau, das Erzählte als falsch, erlogen und erfunden betrachten, weil zahlreiche Entstellungen, Auslassungen und Beschönigendes vorkommen (s.u.a. das Kap. "Beuveries", 359-400). Ilse interveniert nicht nur kritisch und interpretierend in den Schreibprozeß, sondern verlangt, daß Doubrovsky über die gemeinsame Ehe schreibt und bestimmte Teile seines Textes redigiert. Damit wird die Autobiographie, die eigentlich immer vergangenheitsgewandt sein sollte, zu einem gegenwartsbezogenen Bekenntnisroman, was wiederum mit dem plötzlichen ungeklärten Tod Ilses (Unfall aufgrund von Mißbrauch von Barbituraten und Alkohol oder Selbstmord?) bis ins Unerträgliche potenziert wird. Hier sehen wird den größten Unterschied zwischen Robbe-Grillets und Doubrovskys autobiographischem Erzähler: Robbe-Grillet gibt - wie oben erwähnt - im Gegensatz zu Doubrovsky nichts von seinem in Schrift umhüllten Leben preis, während Doubrovsky sein Leben bloßlegt. Das letzte Kapitel von LB ist so eng an den Tod seiner Frau gekoppelt, daß ihm dies eine Reihe von moralisch begründeten Angriffen und Beschuldigungen einbrachte. Er wurde beschuldigt, für den Tod Ilses verantwortlich zu sein. Dieser Vorwurf läßt sich nicht ohne weiteres von der Hand weisen, wie die Entwicklung Ilses an seiner Seite zeigt - von Doubrovsky selbst mit radikaler Pietätlosigkeit und intellektueller Redlichkeit gegenüber Ilse und sich selbst beschrieben.

Sein schwaches Gedächtnis, seine diffusen Erinnerungen, die bohrende Kritik Ilses, seine eigenen Erfahrungen mit der Transformation Leben Schrift führen ihn letztlich zu der Erkenntnis, daß eine Gegebenheit mehrere Versionen hat (LB: 222) und daß sein Leben nur aus Fragmenten besteht, die sich nicht als eine konsistente, wahre Kette von Ereignissen erzählen ließen:
 

Je n' aperçois pas du tout ma vie comme un tout, mais comme des fragments épars, jointes, des non-coïncidences successives, voire le goût intime de mon existence, et non son impossible histoire!

-Perhaps, but then, what ist the point?

-What do you mean by that?

-Every book must make a point. What is your point?

-There is no point. I have no point to make. (LB: 224).
 

Seine Autobiographie hat kein Ziel, will nichts beweisen, sondern Verarbeiten, einen Weg hinterlegen (éprouver, ebd.: 224), womit sich auch an diesem Punkt Robbe-Grillet und Doubrovsky treffen: "Moi, je montre, mais je n'ai rien à démontrer [...] »What is your point?« Une seule réponse: »my point of view«"(LB: 225).

Damit wird die neue Autobiographie zu einem Texthybrid, das keine Gattung mehr bildet, sondern zwischen den Gattungen steht. Dieses "Dazwischensein" ist durch den bewußten Kampf zwischen 'réel' und dessen schriftlicher Umsetzung, durch die Erhebung dieses Schreibprozesses als konstitutives Material der Autobiographie konstituiert. Die Grenzen zwischen 'réel' und dessen schriftlicher Umsetzung (Fiktion) lösen sich auf, insofern die Schrift eine eigene epistemologische Kategorie ist, die sich nur auf sich selbst bezieht und in diesem Selbstbezug "vrai" ist. Das Erzählen über sich selbst fiktionalisiert das Ich, entreißt das Ich dem 'réel', dieses verliert sich in der Schrift. Die Weigerung, die Erinnerungen in eine diegetische Ordnung zu pressen und dieser eine a priori erstellte Bedeutung zuzuschreiben, das Zulassen eines Erkundungsweges sowie die Reflexion über diesen Weg machen diese neue Autobiographie wahr:
 

Je veux DU SOLIDE. J'ai toujours soif, mais DE RÉEL.

[...]

Le roman, bien joli, bien agréable, mais il ne produit que des songes, il ne crée que des vapeurs. Il a, naturellement ses avantages: en romançant sa vie, on la trouve rétrospectivement plus tolérable. En se rendant intéressant, on lui découvre, après coup, un vif intérêt. Mais une vie romancée, même la sienne, devient une vie imaginaire. Ça ne veut pas dire qu'elle soit fausse: elle n'existe que dans l'imagination.

[...]

Je veux exister COMME MOI. Ressaisir enfin ma VRAIE vie. Au lieu de m'halluciner en personnage, ressusciter ma VRAIE personne. Ce qui en subsiste. Fragment, débris, détritus, peu importe: au moins, ce seront de VRAIS restes. Même si l'on arrive jamais à faire la synthèse, on peut faire la somme de ses actes. Pas trente-six moyens. Il n'y a qu'un seul livre de comptes: UNE AUTOBIOGRAPHIE. Voilà, tout simple, il faut que je me mette à la mienne. Moins prenant, moins palpitant qu'un roman, ça c'est sûr. Mais un roman fait l'opération inverse: avec un être réel, il fabrique un être fictif. Et moi, je suis devenu tellement fictif: je souffre d'évanouissements incessants. A la longue, je disparaîtrai d'une évanescence mortelle. Halte, j'arrête: petit à petit, modestement, avec des points d'appui solides, je me rebâtirai. Je me reconstruirai sur d'authentiques fondements. Comme Cuvier, grâce à mon histoire véritable, je reconstituerai mon squelette. Je cesserai d'être un néant invertébré. L'autobiographie n'est pas un genre littéraire, c'est en remède métaphysique (LB: 327-328).
 

Fazit:
 

Die neue Autobiographie, ein Begriff, den ich gegenüber dem der "autofiction" eindeutig bevorzuge, und zwar aufgrund seiner Offenheit und da er unbelastet ist(15), bedeutet keine Gattung, sondern eine hybride, rhizomatische und nomadische Diskurssorte, die ein momentanes Konstrukt, eine Identität bietet, die sich bei jeder anderen Schreib-/Lektüretätigkeit ändert. Somit ist die neue Autobiographie ein paralogisches und dekonstruktionistisches Wiederschreiben der Vergangenheit als Produkt von Wahrnehmungen bestimmter Erinnerungen und deren textueller Fixierung.

Man begreift hier die Geschichte des Ich - wie in bestimmten Bereichen der Geschichtswissenschaft - als "Konstrukt", was weitreichende Folgen hat, insofern die Wirklichkeit nicht als gegeben, sondern als jene, die erst zu gewinnen sei, verstanden wird.
 
 

Erschienen in: Sybille Groß/Axel Schönberger (Hrsg.): Dulce et decorum est philoligiam colere: Festschrift für Dieter Briesemeister zu seinem 65. Geburtstag. Berlin 1999, 1407-1443.
 
 
 

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1. Der vorliegende Beitrag geht auf einen Vortrag zurück, den ich im SS '97 im Rahmen der Ringvorlesung "Memory-Memoria: Fiktionalität, Geschichte und das Ich" an der Philologischen Fakultät der Universität Leipzig gehalten habe und wurde veröffentlicht in Sybille Groß/Axel Schönberger (Hrsg.): Dulce et decorum est philoligiam colere: Festschrift für Dieter Briesemeister zu seinem 65. Geburtstag. Berlin 1999, 1407-1443.

2. Vgl. hier Doubrovsky (1993: 212), wo er für sich reklamiert: "Contrairement à certains néo-autobiographes, je n'ai nullement coupé le cordon ombilical avec le «bio», je n'ai nullement rompu avec le pacte référentiel de Philippe Lejeune". Wie schwer sich manche mit der Auflösung der Gattungen tun, zeigt der Beitrag von Lecarme (1993: 227ff.). Besonders problematisch sind seine Klassifikationsversuche (S. 235ff), mittels derer er die Textsorte "autofiction" in "définition stricte/récit vrai" vs. "définition large/roman" einteilt. Dabei gehört Livre brisé zur ersten Gruppe und Le miroir qui revient sowie die Trilogie von Robbe-Grillet zur zweiten Gruppe. Damit trägt Lecarme - an einem traditionell überkommenen Gattungsbegriff festhaltend - der nouvelle autobiographie in keiner Weise Rechnung.

3. So sieht das auch Robbe-Grillet (1963: 114):"Le nouveau roman n'est pas une théorie, c'est une recherche".

4. Eine für Literaturwissenschaftler vorzügliche Einführung in Lacans Theorie ist Hiebel (1990: 56-81).

5. S. hier die äußerst negative, wenn auch brilliante Kritik Hempfers an Derridas Theorie insgesamt sowie an Tel Quel (insbesondere an Kristeva und Ricardou) und R. Barthes' S/Z. Hempfer (1976) spricht allen diesen Ansätzen einen wissenschaftlichen Status und damit die Fähigkeit zur Theoriebildung ab. Sie gehörten vielmehr in den Bereich der poetischen und nicht der wissenschaftlichen Aussagen (ebd.: 8). Hempfer wäre seinerseits vorzuwerfen, daß er ausgehend von einem verabsolutierten, der analytischen Wissenschaftstheorie und formalen Logik entstammenden Wissenschaftsbegriff sich keinerlei Mühe gibt - wie etwa Frank (1983) und vor allem Welsch (1997) in seinem Buch über die 'transversale Vernunft' -, sich auf die Argumentationsweise und die Intention der von ihm kritisierten Ansätze einzulassen. So ist es kein Wunder, daß Hempfer in einer mir bisher nie begegneten Form - auch dann, wenn ich den theoretischen Dogmatismus bzw. Terrorismus der 70er Jahre berücksichtige - alle diese Autoren stets als quasi Dummköpfe abkanzelt, die ihre eigenen Widersprüche und ihren eigenen Unsinn nicht einmal merkten.

6. Théorie d'ensemble (1968).

7. "[...] comme un discours, comme un objet d'échange entre un destinateur et un destinataire, est la pratique signifiante comme un "processus de production de sens: une pratique signifiante" non comme une structure déjà faite, mais comme une "structuration", comme un appareil qui produit et transforme le sens, avant que ce sens soit déjà fait et mis en circulation".

8. Für eine umfassende Analyse dieses Textes vgl. Grüter (1993).

9. Si j'ai bonne mémoire, j'ai commencé l'écriture du présent livre vers la fin de l'année 76, ou bien au début de 77, c'est-à-dire quelques mois après la publication de Topologie d'une cité fantôme. Nous voici maintenant à l'automne 83, et le travail n'a guère avancé (une quarantaine de pages manuscrites), abandonné sans cesse au profit de tâches qui me paraissaient plus urgentes. Deux romans ont ainsi vu le jour dans l'intervalle, et aussi un film - La belle captive - achevé en janvier de cette année et sortie à la mi-février sur les écrans. Près de sept ans ont donc passé depuis l'incipit ("Je n'ai jamais parlé d'autre chose que de moi..."), provocateur à l'époque. Les éclairages se sont modifiés, les perspectives ont pu se défaire, s'inverser dans certains cas; mais, en fait, les mêmes questions se posent toujours, vivaces, lancinantes, peut-être inutiles... Essayons de nouveau, une fois de plus, avant qu'il ne soit trop tard, pour de bon. Qui était Henri de Corinthe? (LMQR: S. 7).

10. Hier deckt sich der Terminus 'Fiktion' mit dem des 'romanesque' und des 'glissement'.

11. Unter 'Altarität' verstehen wir eine irreduzible Spannung der Unterschiede zwischen unvereinbaren Größen, das "da-zwischen-sein", einen steten Rekodifizierungsprozeß von Kultur und Identität. 'Altarität' ist ein Terminus, der in der Philosophie als 'différance', Rhizom wiedergegeben werden kann und den wir in der Kulturtheorie im Sinne von Hybridität als eine sozio-politische und kulturelle Strategie erfassen. Den Terminus 'Altarität' definieren wir ausgehend von Lacans Terminus des 'mimétisme' oder Mimikry (1973: 85-96,1978: 97-111); Taylors Begriff der 'altarity' (1987); Bhabhas Termini (1994: 9) 'mimicry'/'unhomely'; Welschs Terminus der 'Transversalität'; (1997) sowie nach F. de Toro (1999); (1999a) und meiner Arbeit (1999b).

12. "Car les glissements de cette anguille (c'est à nouveau de Barthes que je parle) ne sont pas le simple fruit du hasard, ni provoqués par quelque faiblesse de jugement ou de caractère. La parole qui change, bifurque, se retourne, c'est au contraire sa leçon" (LMQR.: 67).

13. (LMQR: 67): "Notre dernier "vrai" penseur aura donc été le précédent: Jean-Paul Sartre. Il avait encore, lui, le désir d'enfermer le monde dans un système totalisant (totalitaire?) digne de Spinoza et de Hegel. Mais Sartre en même temps était habité déjà par l'idée moderne de liberté, et c'est elle qui a miné, dieu merci, toutes ses entreprises. Aussi ses grandes constructions - romanesques, critiques, ou de pure philosophie - sont-elles demeurées l'une après l'autre inachevées, ouvertes à tous les vents.

Du point de vue de son projet, l'uvre de Sartre est un échec. Cependant c'est cet échec qui, aujourd'hui, nous intéresse et nous émeut. Voulant être le dernier philosophe, le dernier penseur de la totalité, il aura été en fin de compte l'avant-garde des nouvelles structures de pensée: l'incertitude, la mouvance, le dérapage. Et l'on voit clairement désormais que ce mot de "passion inutile" qui terminait L'être et le néant n'était pas si loin du "mettons que je n'ai rien dit" de Jean Paulhan, qui paraissait aux antipodes".

14. Eher ähnelt sein literarisches Verfahren dem der seriell-aleatorischen Musik von Pierre Boulez (vgl. de Toro 1987: 31-70). Robbe-Grillet selbst spricht etwa am Ende von LMQR (225) davon, daß "[...] la structure est aléatorie au lieu d'être sérielle [...].

15. Wie oben gezeigt, wird dieser Begriff bereits in ähnlicher oder gar gleicher Form in der Theorie Tel Quel verwendet.
 


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