Diversität - Geschlechterordnungen - Machtbeziehungen FraGes - Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung
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Visuelle Repräsentationsformen von Frauenfreundschaft im 18. Jahrhundert als Bestandteil weiblicher Beziehungsgeflechte

Dieses Projekt erforscht als Teilvorhaben des Schwerpunktthemas "Diversität -Geschlechterordnungen - Machtbeziehungen" den Ausbau von Netzwerken unter Frauen innerhalb des höfischen Machtgefüges für eine Zeit, in der sich die modernen Geschlechterpolaritäten konturierten. Es untersucht hierzu Porträts hochadeliger Frauen, die im Rahmen weiblicher Beziehungsgeflechte am Hof entstanden. Neben Gruppenporträts und grossformatigen Bildnissen werden auch verschiedene Formen von Miniaturporträts herangezogen, denen im 18. Jahrhundert in der Ökonomie der Emotionen eine wichtige Rolle zukam. Zur Deutung der Freundschaftsikonographie, wie sie sich aus Blicken, Gesten, Haltungen und der Kleidung der Dargestellten ergibt, werden auch Briefe, Tagebücher und Testamente der Dargestellten sowie der mit den Porträts Beschenkten berücksichtigt.

Abb. 1 Im Zentrum der Untersuchung steht die Freundschaftskultur am französischen Hof. Diese wird unter dem Aspekt der Kulturtransformation wie zur Profilierung ihrer Eigenart auch mit Beispielen im Deutschen Reich und mit dem Hof in Russland verglichen. Wie die mittlerweile recht zahlreichen Studien zu Herrscherinnen erkennen lassen, bestanden bedeutende hierarchische Unterschiede zwischen den unterschiedlich mächtigen Regentinnen in Europa, für die auch Kulturzugehörigkeiten massgeblich waren. Diese Strukturen gilt es, genauer zu bestimmen und in der Analyse zu berücksichtigen. In ihrer Beschränkung auf die Hofkultur knüpft die Arbeit zum einen an die Adelsforschung an, im Zuge derer es seit dem Ende der 1970er Jahre zu einer Aufwertung der Adelskultur kam. Ursprünglich ausschliesslich dem Bürgertum zugeschriebene Anteile an kulturellen Veränderungen, konnten darin in wenigstens ebenso grossem Masse dem Adel nachgewiesen werden. Der andere Diskussions-
strang, dem sich die Arbeit mit ihrer Themenstellung anschliesst, wird durch die Problematisierung der Konnotation von 'Freundschaft' mit 'bürgerlich' benannt. Dies wurde vor allem von Seiten der Frauenforschung expliziert.

Freundschaften unter Frauen sind seit der Mitte der 1970er Jahre in der feministischen Forschung ein Thema. Untersuchungen zeigten, dass vor der modernen Definition von Homosexualität im späten 19. Jahrhundert die emotional intensiven Beziehungen unter Frauen andere Formen haben konnten, als die modernen Gesellschaften sie kennen. Da diese "weiblichen Bündnisse" eine grosse Bandbreite aufwiesen, ist es erforderlich, von einem heterogen verstandenen Freundschaftsmodell auszugehen, das diesen vielschichtigen Varianten gerecht wird. Eine wichtige Basis für die Frage, wie "homoemotionale Beziehungen" als historische Phänomene verstanden werden können, stellen die Debatten dar, die innerhalb der queer studies geführt werden. Unter ihnen finden sich Ansätze, die die gleichgeschlechtlichen Beziehungen der Vergangenheit zum Ausgangspunkt für eine veränderte, nicht sexualitätszentrierte Betrachtungsweise homosexueller Beziehungen der Gegenwart nehmen. Diese Gegenwartsrelevanz ist Teil des theoretischen Rahmens der Arbeit.

Schliesslich folgt die Untersuchung mit ihrer Infragestellung der noch immer bestehenden Zuordnung von 'Freundschaft' und 'männlich' geschlechtertheoretisch reflektierten Analysen aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen. Wie aus der Vielzahl von Briefen und den Porträts, die im Rahmen einer Freundschaftspraxis ausgetauscht wurden, deutlich hervorgeht, waren Freundschaften unter Frauen sehr verbreitet. Demgegenüber, wie auch den von den Vertreterinnen der französischen Salonkultur des 17. Jahrhunderts entwickelten Abb. 2
Modellen gegenüber, in denen 'Freundschaft' im Unterschied zu 'Ehe' und 'Liebe' favorisiert wurde, stehen jedoch die Positionen der AutorInnen französischer Freundschaftstraktate des 18. Jahrhunderts. In diesen wurde Frauen die Fähigkeit zur Freundschaft abgesprochen. Im Gegensatz dazu will das Projekt die über Porträts vermittelten Anteile der Freundschaftspraxis unter Frauen im 18. Jahrhundert herausarbeiten.

Mechthild Auerbach


Abb.1 Adélaide Labille-Guiard: Freundschaftsporträt der Marie-Therese-Louise-Victoire de France, genannt Madame Victoire (1788), 271 x 165 cm, Öl auf Leinwand. Versailles; Musée National du Château et des Trianons.

Abb. 2 Unbekannter Künstler: Porträt der Baronin Natalia Michailovna Stroganoff und der Gräfin Daria Petrovna Saltykoff (Ende 1760 - Anfang 1770), 4,5 x 5 cm, Gouache auf Elfenbein. Moskau; Tretjakovgalerie.