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  :: Das Online-Magazin der Leipziger Journalistik zur Fußball-Europameisterschaft 2004 in Portugal
 
  EM IN L.E. :: REPORTAGE

Fußball in der Uni-Mensa

Schweinesteak holländische Art

Erstellt am 16. Juni, 11:30 Uhr

Fort sind die ordentlichen Reihen von Tischen, kein Besteckklappern ist zu hören, es riecht nicht nach Schnitzel oder Gemüseauflauf. Denn in der Mensa der Leipziger Uni wird heute Fußball serviert. Etwa 300 Studenten drängen sich vor die Leinwand. Gespannte Mienen: Das Spiel wurde gerade angepfiffen.

Jochen Gottschlich setzte die Leinwand in der Mensa durch

"Jede andere Mannschaft würde die Reservebank der Holländer als Nationalmannschaft aufstellen." Johannes B. Kerner verheißt nichts Gutes. "Drei Viertel des Publikums im Stadion sind in orange gekleidet," malt er noch schwärzer. In der Mensa sieht das etwas anders aus: Die etwa 20 Hollandfans drängen sich auf der linken Seite vor der Leinwand zusammen.

Auf den befreienden Schuss müssen die 300 aber nicht lange warten. Als Frings in der 30. Minute das Leder ins Netz kickt, ist der Jubel groß. Auch der kleine Mann in weißer Schürze unter ihnen springt jubelnd mit. "Endlich!" Küchenchef Jochen Gottschlich fällt ein Stein vom Herzen. Seine Initiative hat sich gelohnt: Schon zur Weltmeisterschaft wollte Gottschlich die Spiele in der Mensa übertragen. Damals haperte es an der Technik.

Weitere vier Mann sind mit Gottschlich angerückt. Für Nachtzuschlag versteht sich. Hinter dem Tresen stapeln sich die Bierkisten. "Der Umsatz an alkoholischen Getränken darf im Jahr bloß nicht zehn Prozent übersteigen", sagt Gottschlich augenzwinkernd. Dazu gibt es landestypische Speisen, jeden Tag passend zu den Spielen. Heute: "Schweinesteak holländischer Art". Zum Glück weiß das kaum einer.

Vermeintlich gestärkt startet die Übertragung der zweiten Halbzeit. Doch dann beginnen die Schrecksminuten: Plötzlich ist die Leinwand grau. Gottschlich sprintet zum Beamer. Unendliche Minuten verstreichen. Die ersten Reihen halten es nicht mehr aus: Ein knappes Drittel machen sich in die MB auf. Nach acht Minuten die Erlösung. Irgendjemand hatte den Stecker rausgezogen.

Damit ist der Bann gebrochen. In der 80. Minute kassiert Kahn den Gegentreffer. Und plötzlich stellen sich doch unerwartet viele Zuschauer als Hollandfans heraus. Gut, dass die ersten Reihen schon gegangen sind. "Jetzt nicht so ein Träume wie es die Engländer haben erleben müssen." Kerner malt mal wieder schwarz. Die Spieler lassen sich davon zum Glück nicht mehr beeinflussen. "War ein schönes Spiel, Deutschland hat mich überrascht." Der Mensachef setzt auf gute Laune.

Vielleicht hätte er doch lieber deutsch servieren sollen.

Ann-Kathrin Seidel

 
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