"Jede andere Mannschaft würde die Reservebank
der Holländer als Nationalmannschaft aufstellen."
Johannes B. Kerner verheißt nichts Gutes. "Drei
Viertel des Publikums im Stadion sind in orange gekleidet,"
malt er noch schwärzer. In der Mensa sieht das
etwas anders aus: Die etwa 20 Hollandfans drängen
sich auf der linken Seite vor der Leinwand zusammen.
Auf den befreienden Schuss müssen die 300 aber
nicht lange warten. Als Frings in der 30. Minute das
Leder ins Netz kickt, ist der Jubel groß. Auch
der kleine Mann in weißer Schürze unter ihnen
springt jubelnd mit. "Endlich!" Küchenchef
Jochen Gottschlich fällt ein Stein vom Herzen.
Seine Initiative hat sich gelohnt: Schon zur Weltmeisterschaft
wollte Gottschlich die Spiele in der Mensa übertragen.
Damals haperte es an der Technik.
Weitere vier Mann sind mit Gottschlich angerückt.
Für Nachtzuschlag versteht sich. Hinter dem Tresen
stapeln sich die Bierkisten. "Der Umsatz an alkoholischen
Getränken darf im Jahr bloß nicht zehn Prozent
übersteigen", sagt Gottschlich augenzwinkernd.
Dazu gibt es landestypische Speisen, jeden Tag passend
zu den Spielen. Heute: "Schweinesteak holländischer
Art". Zum Glück weiß das kaum einer.
Vermeintlich gestärkt startet die Übertragung
der zweiten Halbzeit. Doch dann beginnen die Schrecksminuten:
Plötzlich ist die Leinwand grau. Gottschlich sprintet
zum Beamer. Unendliche Minuten verstreichen. Die ersten
Reihen halten es nicht mehr aus: Ein knappes Drittel
machen sich in die MB auf. Nach acht Minuten die Erlösung.
Irgendjemand hatte den Stecker rausgezogen.
Damit ist der Bann gebrochen. In der 80. Minute kassiert
Kahn den Gegentreffer. Und plötzlich stellen sich
doch unerwartet viele Zuschauer als Hollandfans heraus.
Gut, dass die ersten Reihen schon gegangen sind. "Jetzt
nicht so ein Träume wie es die Engländer haben
erleben müssen." Kerner malt mal wieder schwarz.
Die Spieler lassen sich davon zum Glück nicht mehr
beeinflussen. "War ein schönes Spiel, Deutschland
hat mich überrascht." Der Mensachef setzt
auf gute Laune.
Vielleicht hätte er doch lieber deutsch servieren
sollen.
Ann-Kathrin Seidel