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  :: Das Online-Magazin der Leipziger Journalistik zur Fußball-Europameisterschaft 2004 in Portugal
 
  EM IN L.E. :: INTERVIEW

Extremer Fanatismus

Kicken als Kick: Droge Fußball

Erstellt am 19. Juni, 21:38 Uhr

Nachdem England mit 2:1 gegen Frankreich unterlag, kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen englischer Fußballfanatiker. Prof. Dr. Harry Schröder, Direktor des Instituts für Angewandte Psychologie an der Universität Leipzig, spricht im Interview mit EM OLÉ über das Phänomen Fußballfanatismus und erklärt mögliche Ursachen, wie Fußball sogar zur Sucht werden kann.

Prof. Dr. Harry Schröder ist Psychologe und Psychotherapeut. Seit 1971 lehrt er an der Universität Leipzig.

EM OLÉ: Fußball gilt als der Deutschen liebster Sport. Die Einschaltquoten für Europa- und Weltmeisterschaften übertreffen oftmals die von „Wetten das...?“. Warum ist Fußball so beliebt?

Schröder: Fußball ist von seiner Anlage her bestimmt durch Siege und Niederlagen, Auf- und Abstiege. Es gibt also klassische Szenarien, die sehr viele Möglichkeiten bieten, sich zu identifizieren. Mit Personen, mit der Mannschaft. Das ist nicht nur spannend, sondern schafft Selbstsicherheit, Informiertheit, Zugehörigkeitsgefühle.

EM OLÉ: Wie entsteht Identifikation?

Schröder: Eine Variante ist, dass man sich einfach daran erinnert, wie man als Kind selbst Fußball gespielt hat, als man über den Platz rannte oder Schiedsrichterentscheidungen anfeilschte. Das gab ein ‚Wir-Gefühl’, etwas positives also. Zum zweiten, ist der Zuschauer oder Fan bei Siegen Mittriumphator, bei Niederlagen trauert er mit. Letztendlich ist er aber nicht der Schuldige, wenn es daneben geht. Identifikation ist letztendlich auch Ablenkung.

EM OLÉ: Beim Betrauern einer Niederlage bleibt es aber nicht immer. Nachdem England mit 2:1 gegen Frankreich unterlag, randalierten englische Fans in Kneipen und Diskotheken. Warum können einige Fans Niederlagen nicht einfach wegstecken?

Schröder: Der durchschnittliche Sportfan schaut sich das Spiel an, da es neben seinem eigentlichen Leben ein interessantes Thema ist. Wenn die eigene Mannschaft verliert, ist das zwar traurig und es wird darüber diskutiert, vielleicht ist die Laune schlecht; es fließen ein, zwei Bier. Aber dann ist die Sache abgehakt. Dann gibt es aber bestimmte Problempersonen, die haben außer Fußball kein anderes Leben.

Die identifizieren sich ganz konkret mit bestimmten Spielern. Dem Fußballclub wird ein unverhältnismäßiger Stellenwert im eigenen Leben eingeräumt, so dass es keine Distanz mehr gibt. Die Niederlage des eigenen Vereins wird zur persönlichen Niederlage, das Schicksal von Auf- und Abstieg wird zum eigenen Schicksal. Jeder Tag der Woche, insbesondere das Wochenende, ist geprägt von Fußball.

Eine eigenständige Identität gibt es nicht, d.h. die eigene Persönlichkeit verschmilzt mit dem Ereignis Fußball. Ein unfairer Spielzug eines Gegners wird als gegen einen persönlich gerichtet empfunden. Es ist eine Art Überidentifizierung, die zu solchen Überreaktionen in Form von Aggressionen führt.

EM OLÉ: Tröstet Vandalismus tatsächlich über eine Niederlage hinweg?

Schröder: Gewissermaßen schon. Solche Menschen verstärken dadurch ihr eigenes schwaches Ich. Es ersetzt ihr Leben, das gar nicht richtig stattfindet.

EM OLÉ: Was für ein Typ Mensch ist das?

Schröder: Es sind durchsetzungsbeeinträchtigte Menschen, die einen bestimmten Grad an Persönlichkeitsreife und Eigenständigkeit nicht erreicht haben. Sie haben oftmals keinen bedeutungsreichen Lebensbereich, wie einen verantwortungsvollen Beruf.

Grundbedürfnisse, die ja jeder Mensch hat, werden durch das eigene Leben nicht erfüllt, sondern durch die artifizielle Szene Fußball. Ein wichtiges Bedürfnis ist die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe und Fußball bietet dieses Phänomen.

Man gehört als Fan ja irgendwie zum Verein, man ist also dabei und fühlt sich dadurch auch sicher. Das erhöht dann wiederum das Selbstwertgefühl, man ist wer. Das macht das Leben rund. Erfüllen sich die Grundbedürfnisse nur noch über Fußball, ist man abhängig.

EM OLÉ: Fußball wird also quasi zur Sucht. Wie sieht diese Abhängigkeit aus?

Schröder: In der extremen Form kommt es zu hochgradiger Isolation, außer zu gleichgesinnten Fans. Die Thematik wird überwertet. Wenn es dem Fanatiker schlecht geht, denkt er sich in freudige Momente ins Stadion zurück. Treten dann Ereignisse wie Niederlagen auf, schnappt man über. Die Enttäuschung ist groß. Das eigene Selbstwertgefühl leidet und die Grundbedürfnisse werden nicht erfüllt. Das kann sich dann auch in Aggressionen entladen.

EM OLÉ: Kompensiert diese Aggression unerfüllte Bedürfnisse?

Schröder: Nun ja, normalerweise funktioniert menschliche Bedürfnisregulation nicht nach dem Dampfkessel-Prinzip. Beim Fußballfanatiker vielleicht schon. Das Bewusstsein, etwas zu zerstören, gibt einem das Gefühl, etwas bewirkt zu haben, auch wenn es nur destruktiv ist. Es gibt dem Menschen das Gefühl von Stärke. Die Hilflosigkeit des Verlierens wird durch diese Form von Machtausübung kompensiert.

EM OLÉ: Der extreme Fanatiker ist also abhängig von der 'Droge Fußball'. Gibt es Entzugserscheinungen ohne Fußball?

Schröder: Es gibt massive Entzugserscheinungen, da es im Leben des Fanatikers kein anderes Gebiet gibt, dass die Grundbedürfnisse erfüllt. Er wird versuchen, den Entzug zu vermeiden, indem er beispielweise immer wieder Gespräche auf Fußball lenkt oder ganz selektiert Zeitung liest. Er wird möglichst oft ins Stadion gehen. Das Gruppenerlebnis in der Südkurve, mit Gleichgesinnten, kann solche Glücksgefühle auslösen, dass es mit der Einnahme einiger Drogen vergleichbar ist.

EM OLÉ: Herr Schröder, vielen Dank für das Gespräch.

Susanne Röhr

 
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