EM OLÉ: Fußball gilt als der Deutschen
liebster Sport. Die Einschaltquoten für Europa- und
Weltmeisterschaften übertreffen oftmals die von Wetten
das...?. Warum ist Fußball so beliebt?
Schröder: Fußball ist von seiner Anlage
her bestimmt durch Siege und Niederlagen, Auf- und Abstiege.
Es gibt also klassische Szenarien, die sehr viele Möglichkeiten
bieten, sich zu identifizieren. Mit Personen, mit der
Mannschaft. Das ist nicht nur spannend, sondern schafft
Selbstsicherheit, Informiertheit, Zugehörigkeitsgefühle.
EM OLÉ: Wie entsteht Identifikation?
Schröder: Eine Variante ist, dass man sich
einfach daran erinnert, wie man als Kind selbst Fußball
gespielt hat, als man über den Platz rannte oder
Schiedsrichterentscheidungen anfeilschte. Das gab ein
Wir-Gefühl, etwas positives also. Zum
zweiten, ist der Zuschauer oder Fan bei Siegen Mittriumphator,
bei Niederlagen trauert er mit. Letztendlich ist er aber
nicht der Schuldige, wenn es daneben geht. Identifikation
ist letztendlich auch Ablenkung.
EM OLÉ: Beim Betrauern einer Niederlage
bleibt es aber nicht immer. Nachdem England mit 2:1 gegen
Frankreich unterlag, randalierten englische Fans in Kneipen
und Diskotheken. Warum können einige Fans Niederlagen
nicht einfach wegstecken?
Schröder: Der durchschnittliche Sportfan
schaut sich das Spiel an, da es neben seinem eigentlichen
Leben ein interessantes Thema ist. Wenn die eigene Mannschaft
verliert, ist das zwar traurig und es wird darüber
diskutiert, vielleicht ist die Laune schlecht; es fließen
ein, zwei Bier. Aber dann ist die Sache abgehakt. Dann
gibt es aber bestimmte Problempersonen, die haben außer
Fußball kein anderes Leben.
Die identifizieren sich ganz konkret mit bestimmten Spielern.
Dem Fußballclub wird ein unverhältnismäßiger
Stellenwert im eigenen Leben eingeräumt, so dass
es keine Distanz mehr gibt. Die Niederlage des eigenen
Vereins wird zur persönlichen Niederlage, das Schicksal
von Auf- und Abstieg wird zum eigenen Schicksal. Jeder
Tag der Woche, insbesondere das Wochenende, ist geprägt
von Fußball.
Eine eigenständige Identität gibt es nicht,
d.h. die eigene Persönlichkeit verschmilzt mit dem
Ereignis Fußball. Ein unfairer Spielzug eines Gegners
wird als gegen einen persönlich gerichtet empfunden.
Es ist eine Art Überidentifizierung, die zu solchen
Überreaktionen in Form von Aggressionen führt.
EM OLÉ: Tröstet Vandalismus tatsächlich
über eine Niederlage hinweg?
Schröder: Gewissermaßen schon. Solche
Menschen verstärken dadurch ihr eigenes schwaches
Ich. Es ersetzt ihr Leben, das gar nicht richtig stattfindet.
EM OLÉ: Was für ein Typ Mensch ist
das?
Schröder: Es sind durchsetzungsbeeinträchtigte
Menschen, die einen bestimmten Grad an Persönlichkeitsreife
und Eigenständigkeit nicht erreicht haben. Sie haben
oftmals keinen bedeutungsreichen Lebensbereich, wie einen
verantwortungsvollen Beruf.
Grundbedürfnisse, die ja jeder Mensch hat, werden
durch das eigene Leben nicht erfüllt, sondern durch
die artifizielle Szene Fußball. Ein wichtiges Bedürfnis
ist die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen
Gruppe und Fußball bietet dieses Phänomen.
Man gehört als Fan ja irgendwie zum Verein, man
ist also dabei und fühlt sich dadurch auch sicher.
Das erhöht dann wiederum das Selbstwertgefühl,
man ist wer. Das macht das Leben rund. Erfüllen sich
die Grundbedürfnisse nur noch über Fußball,
ist man abhängig.
EM OLÉ: Fußball wird also quasi zur
Sucht. Wie sieht diese Abhängigkeit aus?
Schröder: In der extremen Form kommt es zu
hochgradiger Isolation, außer zu gleichgesinnten
Fans. Die Thematik wird überwertet. Wenn es dem Fanatiker
schlecht geht, denkt er sich in freudige Momente ins Stadion
zurück. Treten dann Ereignisse wie Niederlagen auf,
schnappt man über. Die Enttäuschung ist groß.
Das eigene Selbstwertgefühl leidet und die Grundbedürfnisse
werden nicht erfüllt. Das kann sich dann auch in
Aggressionen entladen.
EM OLÉ: Kompensiert diese Aggression unerfüllte
Bedürfnisse?
Schröder: Nun ja, normalerweise funktioniert
menschliche Bedürfnisregulation nicht nach dem Dampfkessel-Prinzip.
Beim Fußballfanatiker vielleicht schon. Das Bewusstsein,
etwas zu zerstören, gibt einem das Gefühl, etwas
bewirkt zu haben, auch wenn es nur destruktiv ist. Es
gibt dem Menschen das Gefühl von Stärke. Die
Hilflosigkeit des Verlierens wird durch diese Form von
Machtausübung kompensiert.
EM OLÉ: Der extreme Fanatiker ist also
abhängig von der 'Droge Fußball'. Gibt es Entzugserscheinungen
ohne Fußball?
Schröder: Es gibt massive Entzugserscheinungen,
da es im Leben des Fanatikers kein anderes Gebiet gibt,
dass die Grundbedürfnisse erfüllt. Er wird versuchen,
den Entzug zu vermeiden, indem er beispielweise immer
wieder Gespräche auf Fußball lenkt oder ganz
selektiert Zeitung liest. Er wird möglichst oft ins
Stadion gehen. Das Gruppenerlebnis in der Südkurve,
mit Gleichgesinnten, kann solche Glücksgefühle
auslösen, dass es mit der Einnahme einiger Drogen
vergleichbar ist.
EM OLÉ: Herr Schröder, vielen Dank
für das Gespräch.
Susanne Röhr