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  :: Das Online-Magazin der Leipziger Journalistik zur Fußball-Europameisterschaft 2004 in Portugal
 
  EM IN L.E. :: INTERVIEW

Nachwuchstalente

„Ein deutscher Zidane? Vielleicht schon 2006“

Erstellt am 25. Juni, 11:20 Uhr

Deutschland ist ein Einwanderungsland, genau wie Frankreich oder Niederlande. Das zeigt sich auch in deren Nationalmannschaften. Zinedine Zidane und Patrick Kluivert sind nur zwei Beispiele, in denen die Kinder von Immigranten den Fußball ihrer neuen Heimat entscheidend verstärken. Wir sprachen mit dem Leipziger Soziologie-Professor Frank Kalter darüber, warum unser Nationalteam noch nicht von den Einwanderern profitiert.

EM OLÉ: Herr Kalter, in Deutschland leben laut Statistischem Bundesamt mehr als sieben Millionen Ausländer, die inzwischen Eingebürgerten nicht mitgerechnet. Wieso zeigt sich das nicht in der Nationalmannschaft wie in anderen Staaten?

Frank Kalter: Zunächst einmal ist es nicht so, dass es im deutschen Spitzenfußball keine Spieler mit Migrationshintergrund geben würde. Fredi Bobic, Miroslav Klose, Lukas Podolski und Kevin Kuranyi sind da die aktuellen Beispiele. Dennoch ist das in Deutschland noch ein sehr junges Phänomen. Im WM-Kader von 1998 stand nicht ein einziger Spieler mit ausländischen Wurzeln. Wir laufen da den anderen Staaten eindeutig hinterher.

EM OLÉ: Spielen denn die Einwanderer in Deutschland weniger Fußball als anderswo?

Kalter: Keineswegs. Wenn man vor allem in den westlichen Bundesländern am Wochenende ’mal zu den Amateur- und Jugendspielen geht, hat man den Eindruck, mindestens die Hälfte der Spieler seien Ausländer. Daran, dass sich zu wenig Einwanderer für Fußball interessieren, liegt es also nicht.

Prof. Dr. Frank Kalter lehrt am Institut für Soziologie der Universität Leipzig. 2003 veröffentlichte er die Studie „Chancen, Fouls und Abseitsfallen. Migranten im deutschen Ligenfußball“. Der Fan des 1. FC Köln hofft natürlich darauf, dass Lukas Podolski noch viele Länderspiele bestreiten wird.

EM OLÉ: Welche Ursachen sehen Sie?

Kalter: Ein Kernproblem ist sicherlich, dass die soziale Herkunft eines Spielers sich auch auf die Erfolgsaussichten im Fußball auswirkt. Je höher das Vermögen und der Ausbildungsgrad der Eltern, desto besser die Chancen.

EM OLÉ: Aber heißt es nicht, dass gerade der Sport den sozial schwächeren Schichten die Chance bieten würde, gesellschaftlich aufzusteigen?

Kalter: Wenn bei der Förderung von Talenten ausschließlich das Leistungsprinzip gelten würde, wäre das sicher richtig. Leider wird in diesem Bereich in Deutschland aber sehr unprofessionell gearbeitet. Spitzensportler wird bei allem Talent nur, wer von frühsten Kindesbeinen an gefördert wird.

EM OLÉ: Benachteiligt die Förderpraxis in Deutschland denn Einwanderer?

Kalter: Sicher nicht absichtlich, in der Praxis aber schon. Das liegt an der allgemein schlechten Integration vieler Einwanderer in Deutschland. Ein Problem, dass die gesamte Gesellschaft lösen muss. Es ist zum Beispiel Fakt, dass Migranten im Schnitt ein bis zwei Jahre später in einen Verein eintreten und somit auch die Förderung später beginnt.

EM OLÉ: Ist das denn nicht mehr aufzuholen?

Kalter: Das ist nicht der einzige Grund. Engagieren sich Eltern im Verein, erwarten sie auch, dass ihr Kind spielt. Ausländische Eltern haben aber oft Hemmungen, aktiv bei der Vereinsarbeit mitzuarbeiten, zum Beispiel auf Grund von Sprachproblemen. Entsprechend spielt auch ihr Sohn seltener, obgleich er vielleicht besser ist als andere.

EM OLÉ: Welche Rolle spielt das Staatsbürgerschaftsrecht?

Kalter: Das war lange Zeit auch ein großes Problem. Solange ein Spieler nicht die deutsche Staatsbürgerschaft hatte, sanken automatisch seine Chancen, in spezielle Förderkader wie einer Verbandsauswahl aufgenommen zu werden. Denn deren Scouts suchten vor allem Talente, die eines Tage auch in der Nationalmannschaft spielen könnten. Zum Glück ist seit dem Jahr 2000 jeder, der in Deutschland geboren wird automatisch Deutscher, wenn ein Elternteil seit mindestens acht Jahren legal in diesem Land lebt. Damit dürfte sich dieses Problem bald erledigt haben.

EM OLÉ: Sehen wir also doch demnächst einen deutschen Zidane für die Nationalmannschaft auflaufen?

Kalter: Wenn die Zahlen aus den Nachwuchskadern stimmen, in denen inzwischen viele Ausländer spielen, dann kann es nicht mehr lange dauern. Wahrscheinlich jemand mit türkischen Wurzeln. Wir müssen nur zusehen, dass das Leistungsprinzip professionell bis zu den Kleinsten angewendet wird. Vielleicht reicht es dann ja schon für die Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land.

Gregor le Claire

 
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