EM OLÉ: Herr Kalter, in Deutschland
leben laut Statistischem Bundesamt mehr als sieben Millionen
Ausländer, die inzwischen Eingebürgerten nicht
mitgerechnet. Wieso zeigt sich das nicht in der Nationalmannschaft
wie in anderen Staaten?
Frank Kalter: Zunächst einmal ist
es nicht so, dass es im deutschen Spitzenfußball
keine Spieler mit Migrationshintergrund geben würde.
Fredi Bobic, Miroslav Klose, Lukas Podolski und Kevin
Kuranyi sind da die aktuellen Beispiele. Dennoch ist das
in Deutschland noch ein sehr junges Phänomen. Im
WM-Kader von 1998 stand nicht ein einziger Spieler mit
ausländischen Wurzeln. Wir laufen da den anderen
Staaten eindeutig hinterher.
EM OLÉ: Spielen denn die Einwanderer
in Deutschland weniger Fußball als anderswo?
Kalter: Keineswegs. Wenn man vor allem
in den westlichen Bundesländern am Wochenende ’mal
zu den Amateur- und Jugendspielen geht, hat man den Eindruck,
mindestens die Hälfte der Spieler seien Ausländer.
Daran, dass sich zu wenig Einwanderer für Fußball
interessieren, liegt es also nicht.
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| Prof. Dr. Frank Kalter lehrt
am Institut für Soziologie der Universität
Leipzig. 2003 veröffentlichte er die Studie
„Chancen, Fouls und Abseitsfallen. Migranten
im deutschen Ligenfußball“. Der Fan
des 1. FC Köln hofft natürlich darauf,
dass Lukas Podolski noch viele Länderspiele
bestreiten wird. |
EM OLÉ: Welche Ursachen sehen
Sie?
Kalter: Ein Kernproblem ist sicherlich,
dass die soziale Herkunft eines Spielers sich auch auf
die Erfolgsaussichten im Fußball auswirkt. Je höher
das Vermögen und der Ausbildungsgrad der Eltern,
desto besser die Chancen.
EM OLÉ: Aber heißt es nicht,
dass gerade der Sport den sozial schwächeren Schichten
die Chance bieten würde, gesellschaftlich aufzusteigen?
Kalter: Wenn bei der Förderung
von Talenten ausschließlich das Leistungsprinzip
gelten würde, wäre das sicher richtig. Leider
wird in diesem Bereich in Deutschland aber sehr unprofessionell
gearbeitet. Spitzensportler wird bei allem Talent nur,
wer von frühsten Kindesbeinen an gefördert wird.
EM OLÉ: Benachteiligt die Förderpraxis
in Deutschland denn Einwanderer?
Kalter: Sicher nicht absichtlich, in
der Praxis aber schon. Das liegt an der allgemein schlechten
Integration vieler Einwanderer in Deutschland. Ein Problem,
dass die gesamte Gesellschaft lösen muss. Es ist
zum Beispiel Fakt, dass Migranten im Schnitt ein bis zwei
Jahre später in einen Verein eintreten und somit
auch die Förderung später beginnt.
EM OLÉ: Ist das denn nicht mehr
aufzuholen?
Kalter: Das ist nicht der einzige Grund.
Engagieren sich Eltern im Verein, erwarten sie auch, dass
ihr Kind spielt. Ausländische Eltern haben aber oft
Hemmungen, aktiv bei der Vereinsarbeit mitzuarbeiten,
zum Beispiel auf Grund von Sprachproblemen. Entsprechend
spielt auch ihr Sohn seltener, obgleich er vielleicht
besser ist als andere.
EM OLÉ: Welche Rolle spielt das
Staatsbürgerschaftsrecht?
Kalter: Das war lange Zeit auch ein
großes Problem. Solange ein Spieler nicht die deutsche
Staatsbürgerschaft hatte, sanken automatisch seine
Chancen, in spezielle Förderkader wie einer Verbandsauswahl
aufgenommen zu werden. Denn deren Scouts suchten vor allem
Talente, die eines Tage auch in der Nationalmannschaft
spielen könnten. Zum Glück ist seit dem Jahr
2000 jeder, der in Deutschland geboren wird automatisch
Deutscher, wenn ein Elternteil seit mindestens acht Jahren
legal in diesem Land lebt. Damit dürfte sich dieses
Problem bald erledigt haben.
EM OLÉ: Sehen wir also doch demnächst
einen deutschen Zidane für die Nationalmannschaft
auflaufen?
Kalter: Wenn die Zahlen aus den Nachwuchskadern
stimmen, in denen inzwischen viele Ausländer spielen,
dann kann es nicht mehr lange dauern. Wahrscheinlich jemand
mit türkischen Wurzeln. Wir müssen nur zusehen,
dass das Leistungsprinzip professionell bis zu den Kleinsten
angewendet wird. Vielleicht reicht es dann ja schon für
die Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land.
Gregor le Claire