EM-OLE: Tina, Interesse für Fußball
ist ja nicht jederfraus Sache. Selbst aktiv Fußball
zu spielen ist noch ungewöhnlicher. Wie bist du zum
Fußball gekommen?
Tina Stepan: Mein Vater war Fußballtrainer
und mein kleiner Bruder hat auch Fußball gespielt.
Das hat mir schon immer gefallen. Da hab ich einfach bei
einer Mannschaft im Nachbarort mitgespielt, denn in meiner
Heimatstadt Torgau gab es keine Frauenmannschaft. Und
dann hat mich der Ehrgeiz gepackt. Mein Vater und ich,
wir haben sozusagen im Torgauer Fußballverein eine
Frauenmannschaft aufgebaut, ich als Spieler, er als Trainer.
Wir waren sogar richtig gut, die Mannschaft gibt es heute
noch.
EM-OLE: Warum hast du aufgehört?
Tina Stepan: Das war ein Zeitproblem.
Nebenbei habe ich noch als Schiedsrichter gearbeitet,
jedes Wochenende, da blieb keine Zeit mehr. Und als ich
dann zum Studieren nach Leipzig gezogen bin, konnte ich
nicht mehr zum Training.
EM-OLE: Weibliche Schiedsrichter gibt
es ja noch seltener als weibliche Fußballer. Wie
bist du denn dazu gekommen?
Tina Stepan: Wie gesagt, mein Vater
war Trainer des Torgauer Vereins SSV 1952 und jeder Verein
muss einen Schiri stellen, der andere Spiele pfeift. Nur
war es so, dass die Männer, die die Spiele pfeifen
sollten, abends in der Stadionkneipe zugesagt haben und
morgens nicht mehr zum Spiel kamen. Da hat mich mein Vater
gefragt, ob ich nicht Lust dazu hätte. Schiedsrichterfrauen
wurden damals sehr gefördert und so bin ich auch
ganz schnell aufgestiegen. Ich habe Männer-Landesliga
gepfiffen, in der Damen-Bundesliga stand ich an der Linie.
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| Tina Stepan |
EM-OLE: Akzeptieren Männer denn
eine Frau als Schiedsrichterin?
Tina Stepan: Es bleibt ihnen ja nichts
anderes übrig. Mit den jüngeren Männern
kam ich meistens gut klar, die älteren haben schon
öfter den Kopf geschüttelt. Die können
eine Frau in dieser Position nicht akzeptieren. Ein Spieler
hat mich einmal so beleidigt, dass ich ihm die rote Karte
zeigen musste.
EM-OLE: Deine aktive Fußball-Laufbahn
hast du ja jetzt beendet. Du studierst Journalistik, bist
gerade in Bukarest und hattest deinen ersten Auslandseinsatz
beim Länderspiel Deutschland gegen Rumänien.
Was erlebt man hinter den Kulissen eines Länderspiels?
Tina Stepan: Es war mein erstes Länderspiel,
das ich als Journalistin gesehen habe. Das war schon aufregend,
vor allem wenn man so mit dem Fußball verbunden
ist. Ich habe Olli (Oliver Kahn, Anm. d. Red.) fallen
gesehen und ihn dabei stöhnen gehört und ich
konnte Rudi praktisch beim Reden spucken sehen. Und ich
hatte einen entscheidenden Anteil daran, was am nächsten
Tag in den rumänischen Zeitungen stand. Weil Rudi
Völler auf der Pressekonferenz nur deutsch reden
wollte und ich und meine Kollegin von einer rumänischen
Nachrichtenagentur die einzigen waren, die sowohl deutsch,
als auch rumänisch sprechen, haben wir alles übersetzt.
Am nächsten Tag waren die Zeitungen voll mit „unseren“
Nachrichten.
EM-OLE: Du bist während der EM
immer noch in Bukarest. Rumänien ist aber nicht bei
der EM dabei. Wie ist es da mit der EM-Begeisterung bestellt?
Tina Stepan: Das ist ganz, ganz schlecht.
In den Kneipen gibt es wenig Fernseher, die Fußball
zeigen, eben weil Rumänien nicht dabei ist. Wenn
sie überhaupt schauen, dann zu Hause. Und den Leuten
auch noch klar zu machen, warum man das deutsche Spiel
sehen will, das ist gar nicht so einfach. Da muß
man schon regelrecht betteln, dass auf die deutschen Spiele
umgeschaltet wird. Die meisten halten, wenn überhaupt
auf Portugal, Spanien oder Italien, nicht auf Deutschland.
EM-OLE: Und wie hilft man sich dann
als alter Fußballhase?
Tina Stepan: Wir haben jetzt eine deutsche
Brauerei ausfindig gemacht. Das soll ein Treffpunkt für
Deutsche in Bukarest sein. Endlich deutsche Fans und deutsches
Bier. Und meine Behelfsausrüstung besteht aus schwarz-rot-gelben
Klamotten und einer selbst gebastelten Deutschlandfahne.
Das Interview führte Anika Heintze.