Kontakt  |  Gewinnspiel  |  Impressum  
 
  :: Das Online-Magazin der Leipziger Journalistik zur Fußball-Europameisterschaft 2004 in Portugal
 
  EMMA :: KOLUMNE

Fan-Typologie

Selbstsüchtige Kreaturen

Erstellt am 02. Juli, 15:40 Uhr

Echte Fans ertragen jede Emotion, ob sie wollen oder nicht. Freud’ und Leid liegen so dicht beieinander wie bei kaum einem anderen Menschenschlag. Jubeln die einen himmelhoch jauchzend, herrscht ein paar Blocks weiter völlige Trauerstimmung. Mienenspiel und Gestik geben dabei so viel von den inneren Vorgängen der Fans preis, dass man das Fußballspiel nicht unbedingt anschauen müsste. Um zu wissen, was auf dem Feld vorgeht, reicht es häufig, die Körpersprache der Fans zu beobachten. Das ist unter Umständen interessanter als die Geschehnisse auf dem Platz und kann beim Betrachter zu Gänsehaut führen.

Körpersprache: Pure Verzweiflung.

So kann es ihm beim Anblick der Fans durchaus das Herz zerreißen. Neigt er dazu, mit der frenetisch jubelnden Menschenmasse auf der einen Seite des Stadions Siegesparolen zu grölen, geht doch die verdächtige Ruhe auf der anderen Seite nicht spurlos an ihm vorbei. Dort werden keine Fahnen geschwenkt und Sprechchöre erklingen auch nicht. Vielmehr blicken verzweifelte Augen aus den mit Nationalfarben bemalten Gesichtern, deren Ausdruck darauf hindeutet, dass die Mannschaft gerade am Verlieren ist. Die Stimmung ist am Nullpunkt; der Betrachter bemitleidet die Trauernden.

:: Fan ist nicht gleich Fan - Die Feierwütigen

Fußballspiel als Karnevalsveranstaltung.

Doch Vorsicht, Täuschung ist nicht ausgeschlossen! Das Phänomen Fan ist durchaus tückisch und sollte kritisch betrachtet werden. Denn die überschwänglichen Emotionen, positiv wie negativ, sind meist nichts als reine Selbstdarstellung.
Viele der so genannten Fans suchen das bloße Vergnügen im Stadion. Sie wollen mit Gleichgesinnten ein Fest veranstalten und Fußball ist dafür ein hervorragender Anlass, mehr jedoch nicht. Die "Fans" feiern vorrangig sich, weniger ihre Mannschaft. Fleischbeschauung und Karneval gehören selbstverständlich dazu, denn ein bisschen Aufsehen muss schon sein. Zugegeben, bei einer Niederlage sind die Fans enttäuscht, aber eigentlich nur, weil die Party frühzeitig ein Ende hat.

:: Die Kampfwütigen

Kampflustige Hooligans: Das Stadion als brodelnder Kessel.

Nicht die Party, sondern das Match wird zuweilen vorzeitig abgebrochen, wenn die zweite Gruppierung von Fans ins Spiel kommt: die Hooligans. Weitaus gefährlicher als ihre feierwütigen Artgenossen sind sie, denn für sie bedeutet Fußball nichts anderes als jede Menge Stunk. Das Stadion ähnelt einem Hochsicherheitstrakt voller wild gewordener, kampfwütiger Kreaturen, die kläffend an den Absperrungszäunen hängen und warten, bis sie sich gegenseitig die Köpfe einhauen können. Völlig egal, ob ihre Mannschaft gerade gewinnt oder verliert, vom Spiel bekommen sie sowieso nicht viel mit. Für gewöhnlich behindern sie nur das Match und gefährden die Spieler, indem sie Feuerwerkskörper oder Flaschen aufs Spielfeld werfen.

:: Die Selbstzerstörer

Der dritte Typ Fan ist für seine Umwelt relativ harmlos, jedoch für sich selbst eine große Gefahr: der Fanatiker. Im Grunde ein bemitleidenswerter, armer Wicht, der noch nicht mal über eine eigene Identität verfügt, denn die holt er sich über die Spieler seiner Mannschaft. Süchtig nach der Droge Fußball isoliert sich jene Spezies von der Außenwelt. Sein Zuhause ist das Stadion und sozialen Kontakt kennt er kaum. Den hat er höchstens mit seinem Nachbarn auf der Tribüne, wenn er ihm jubelnd in die Arme fällt. Psychisch labil wie er ist, leidet sein Selbstwertgefühl bei Niederlage oder Abstieg seiner Mannschaft. Als Folge der Überreaktion sind Aggressionen nicht ausgeschlossen, aber überwiegend versinkt er nur im Selbstmitleid. Aus dieser Misere herausholen kann ihn nur ein Sieg, womit dann auch sein Status wieder hergestellt wäre.

:: Nutzfaktor Fan

Die Gesichtskunstwerke schaffen erst die richtige Atmosphäre für ein Länderspiel - oder?

In was für einer Fußballwelt leben wir denn hier? Wo bitte sind die stinknormalen Fans geblieben? Die, die wirklich wegen des Fußballs ins Stadion kommen? Davon gibt es leider zu wenig. Die Mehrzahl der Fans hat mehr mit sich zu tun als mit dem sportlichen Geschehen auf dem Platz. Wozu brauchen wir also Fans? Zur Trieberhöhung der Spieler, die die Erwartungen der Zuschauer erfüllen wollen? Bei hoch bezahlten Fußballprofis sind das nichts als leere Floskeln. Nein, nein. Fans brauchen wir für die Atmosphäre im Stadion.

Ach ja! Wirtschaftlich gesehen, sind sie natürlich eine hervorragende Einnahmequelle. Also, weitermachen!

Ulrike Gierth

 
Aktuelle Ergebnisse