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  :: Das Online-Magazin der Leipziger Journalistik zur Fußball-Europameisterschaft 2004 in Portugal
 
  EMMA :: KOLUMNE

Frauen wacht auf!

Schiris sind die besseren Männer

Erstellt am 24. Juni, 15:40 Uhr

„Foul! Der hat den eindeutig gefoult!“ Fred, dessen von Bier aufgeblähter Körper seit Tagen an den Wohnzimmersessel gefesselt ist, schreit wild gestikulierend den viereckigen Kasten vor ihm an. „Das gibt ’nen Elfmeter!“ Auch Klaus, noch ausladender in der Statur, wettert wie ein Irrer: „Der Schiri lässt weiter spielen. Das darf doch nicht wahr sein.“ „Das war eindeutig ein Foul. Ich hab’s genau gesehen. So eine Null“, gibt auch Dietmar mit hochrotem Kopf seinen Senf dazu. „So ein Trottel! Der hat doch Tomaten auf den Augen“, schließt Karl die Kommentierung der vier Freunde zum vermeintlichen Fehltritt des Schiris ab. Freds Frau, Mona, seit Tagen unter den cholerischen Ausbrüchen ihres Mannes und seiner Freunde leidend, versteht nur Bahnhof. Wagt dennoch keine Frage, nickt nur stillschweigend und hofft auf das Ende der Europameisterschaft.

:: Der Schiri hat das letzte Wort


Fred, Klaus, Dietmar und Karl sind allesamt Fußballexperten vor dem Fernseher. Sie entlarven jedes Foul, jede Schwalbe, jedes Abseits,

Herr Merk hat einen äußerst praktischen Beruf. Er ist Zahnarzt, "nervt" also nur berufsbedingt.

und ganz besonders jeden Fehler des Schiris. Der hat immer Unrecht und macht viel zu viel Fehler, die unverzeihlich sind. Dennoch, Klagen, wilde Beleidigungen und obszöne Gesten sind nutzlos. Was der Schiri pfeift, gilt und kann nicht dementiert werden.


:: Charismatisch und durchtrainiert


Doch Mona, schau dir den Schiri ruhig mal genauer an. So eine Null ist er gar nicht, da gibt es mehr davon um dich herum. Der Schiri ist der mit dem andersfarbigen Trikot auf dem Feld. Er rennt ständig zwischen den Mannschaften hin und her, schlichtet Streit und sorgt dafür, dass Regeln eingehalten werden. Stressbeständig und durchsetzungsfähig, Ruhe bewahrend und täglich für Fitness und Ausdauer trainierend. Das ist ein echter Mann! Nun gut, in den meisten Fällen mag er nicht gerade einen Adoniskörper haben und einstweilen kann es auch passieren, dass seine Augen wie die eines Frosches hervorspringen, er die Stirn in tiefe Falten zieht oder die Zähne fletscht. Passiert, wenn ein Spiel zum Schaukampf ausartet und mehr verwundete Spieler am Boden liegen, als gesunde dem Ball nachjagen. Das raubt Nerven, aber Grimmasenschneiden ist immer noch abwechslungsreicher, als ein langweiliger Mann, der brubbelnd vor dem Fernseher hockt und seine Wampe mit Bier pflegt.


:: Irren ist menschlich


Lass dir gesagt sein, liebe Mona, Schiris sind eindeutig die besseren Männer. Nicht nur physisch fit, sondern auch fix im Kopf müssen sie sekundenschnell Entscheidungen treffen, die schwerwiegende Folgen für die Teams haben können. Die sogar den Ausgang eines Spiels

Der Herr Nielsen aus Dänemark kennt sich mit Computern aus.

beeinflussen können. Endlich ein Mann mit Verantwortung. Das Beste: Er hat einen Blick für alles und ist zuvorkommend. Nicht nur auf dem Spielfeld! Denn Schiedsrichter haben im „richtigen“ Leben auch oft noch verantwortungsvolle Berufe. Kim Milton-Nielsen aus Dänemark ist Informatiker, dass Dr. Markus Merk Zahnarzt ist, ist auch bekannt. Der Italiener Colina ist Finanzberater und auch der Brite Riley ist in diesem Geschäft tätig. Allerdings bleibt auch ein einziges Manko. Fußball. Fußball ist sein Leben, eben wie bei Fred. Stundenlanges Analysieren von Videos mit Spielen der Mannschaften, die er später pfeift, ist nicht ausgeschlossen. Aber sei dir sicher, die Kommentare sind durchdacht und Expertenreif und seine Freunde bringt er zum Fußballschauen auch nicht mit. Nie mehr vulgäre Ausrufe von rülpsenden Bockwurstmampfenden Möchtegernexperten, die nur die Fehler des Schiris sehen. Zugegeben, ganz fehlerfrei ist er nicht, aber das kann passieren. Du hast Fred ja auch die ewige Treue geschworen. Irren ist schließlich menschlich.

 

Ulrike Gierth

 
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