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  :: Das Online-Magazin der Leipziger Journalistik zur Fußball-Europameisterschaft 2004 in Portugal
 
  MAGAZIN :: BERICHT

Wirbel um den EM-Ball

Zwischen Kinderarbeit und fliegender Untertasse

Erstellt am 12. Juni, 02:20 Uhr

Sialkot in Pakistan. In den vielen Werkstätten der Stadt gehen tausende fleißige Hände zu Werke. Diese Hände sind klein, denn sie müssen geschickt sein. Ihre Arbeit ist anstrengend: 32 maschinell gefertigte Einzelteile werden in 650 Stichen zu Fußbällen zusammen genäht. Dass für diese Arbeit gerne Kinder eingesetzt werden, die noch schlechter als die erwachsenen Arbeiter bezahlt werden, drang erst vor kurzem ins öffentliche Bewusstsein. Die großen Sportartikelkonzerne wie Adidas, Nike und Reebock lassen 80% der gesamten Fußballproduktion in Pakistan erledigen.

Pünktlich vor der EM in Portugal nutzten gemeinnützige Einrichtungen wie "TransFair"die Gunst der Stunde und jenen Aufmerksamkeitsbonus, den alles genießt, was in diesen Tagen mit dem Fußball verbunden ist.

Nach dem Motto "Fairplay beginnt vor dem Anpfiff" wurde eine Informationskampagne über Kinderarbeit gestartet. Positive Botschaft sollte eigentlich die Tatsache sein, dass mehr und mehr Fußbälle mit dem offiziellen "FairPlay"-Logo verkauft werden. Dieses Logo garantiert, dass der in Pakistan hergestellte Ball ohne Kinderarbeit und unter gerechten Löhnen das Licht der Welt erblickte.

:: EM-Ball auf der Anklagebank

Bereits vor dem ersten Spiel steht der EM-Wunderball mächtig unter Druck.

Viel größeres Aufsehen erregte jedoch, dass ausgerechnet das offizielle Spielgerät zur EM dieses Gütesiegel nicht trug. Kritik strömt in diesen Tagen reichlich auf den Adidas-Wunderball. Fußballer und Experten entsagten dem "Roteiro" die Gefolgschaft und kanzelten den von Jürgen Kohler aufgrund seiner unberechenbaren Flugbahn als "fliegende Untertasse" geadelten Ball als untauglich ab. Da Adidas nun neben einer vernichtenden Expertenkritik auch mit dem Makel der Kinderarbeit belastet wurde, startete der Herzogenauracher Sportartikelhersteller eine breite Informationskampagne.

:: Freispruch: geklebt und nicht genäht

Unschuldsbekundung: Adidas ließ den Roteiro durch die deutsche Presselandschaft strippen.

Das Ergebnis konnte man sich über einen brav abgeschriebenen Pressetext in Deutschlands führender Sonntagszeitung zu Gemüte führen (auf der letzten Seite). Bedeutende und nebenbei mit einem Werbevertrag bei Adidas ausgestattete Fußballer versicherten die hervorragenden Eigenschaften des Roteiros. Da sich der Ball vor einer Weltöffentlichkeit entblättern musste, wurde klar, dass er nicht über Kinderarbeit hergestellt werden kann. Im Gegensatz zum Normal-Fußball gibt sich die "fliegende Untertasse" auch in der Herstellung sehr abgehoben: nahtlos ist er und seine Einzelteile werden unter Hitze und Druck zusammen geklebt.

:: Fliegende Untertasse für Fliegenfänger?

Entwarnung ist also von dieser Seite gegeben. Der Roteiro benötigt kein Siegel gegen Kinderarbeit, da er nicht von Kindern zusammen genäht werden kann. Wie verhält es sich jedoch mit der fachlichen Kritik an der runden Kugel? Die klingt in etwa so: "Es ist kaum zu glauben, dass sie so was einen Ball nennen!". Verärgert reagierte der spanische Nationalspieler Joaquin nach dem Freundschaftsspiel Mitte Februar. Er war der erste, der nicht nur mit dem Fuß gegen den Ball treten durfte. "Dieser Ball ist sehr merkwürdig und reagiert nie so, wie man es erwartet." Der italienische Keeper Gianluigi Buffon befürchtet, dank dem neuen Ball sogar als Fliegenfänger abgestempelt zu werden. Dass jedoch auf den kleinen Ball nicht von allen Seiten verbal eingedroschen wird, dafür sorgen Fußballgrößen wie Ballack, Zidane und Beckham. "Der Roteiro erlaubt mit noch präzisere Pässe", so Beckham.

Allerdings finden Beckham, Ballack und Zidane nicht nur den Ball sondern vermutlich auch ihre Werbeverträge mit Adidas sehr gut. Ob die Flugeigenschaften dieses Balls nun wirklich einer fliegenden Untertasse ähneln, davon kann sich ab dem EM-Eröffnungspiel jeder Fußballfan und jeder Kicker überzeugen. Vorhang auf für den Roteiro.

Markus Mähler, Daniel Frick

 
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Externe Links

:: Die Aktion "Transfair"

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Wunderball unter der Lupe

"Ein völlig neues Konzept der Ballfertigung", so präsentierte Adidas den "Roteiro", denn der Ball hat eine nahtlose Oberfläche. Er wird "thermisch verklebt", also nicht mehr genäht, sondern unter Hitze und Druck verschweißt. Er ist aus synthetischem Leder mit einer Schaumschicht und setzt sich aus 12 Fünfecken und 20 Sechsecken zusammen. Damit soll der Ball laut Hersteller bessere Flugeigenschaften haben und weniger Wasser aufsaugen, falls es in Portugal regnet. Der Ballname "Roteiro" kommt vom gleichnamigen Logbuch des portugiesischen Seefahrers Vasco da Gama.

Optisch fällt besonders die silberne Farbe auf, die das klassische Schwarz-Weiß bzw. das Ganz-Weiß der alten Bälle ablöst. Damit der Fernsehzuschauer den Ball besser sieht, wenn er das Tor trifft, wurden die Netze an den portugiesischen Toren ausgetauscht. Statt weißer Netze hängen jetzt nur drei Millimeter starke schwarze Netze am Torgehäuse. Die Netze werden auch von einer deutschen Firma geliefert. "Die schwarzen Netze sieht man fast gar nicht mehr. Das kommt vor allem den Fernsehanstalten und Sponsoren, die hinter den Toren ihre Bandenwerbung haben, entgegen", erzählt Andreas Klee von "Allzweck Sportartikel". Die Firma aus Trechtingshaus liefert fast das gesamte Equipment von gelber Karte bis hin zur Auswechseltafel - nur eben den Ball nicht. Von denen liefert Adidas übrigens insgesamt 2370 nach Portugal, die deutsche Nationalmannschaft hat 60 Stück im Gepäck.