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FraGes
Zentrum für
Frauen- und Geschlechterforschung
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"Schön oder hässlich - Normierung, Abweichung
und Überschreitung geschlechtlicher Identitäten"
Tagung des Zentrums für Frauen- und Geschlechterforschung an
der Universität Leipzig (FraGes) vom 12. bis 13. Dezember 2003
Tagungsberichte
Inhaltsverzeichnis:
Schön/hässlich- Konstruktionsmechanismen
von Weiblichkeit im literarischen Diskurs von der frühen Neuzeit
bis in die Moderne- Inge Stephan
"Schön mache ich mich
für mich." Schönheitshandeln und Gesellschaft- Nina
Degele
Embodiment oder Der Körper
als Verkleidung- Strategien weiblicher Identitätsgestaltung-
Ada Borkenhagen
Der Fetisch Wa(h)re Schönheit-
Jutta Franzen
Ästhetisierung von Androgynität
im 18. Jhdt.- Ästhetisierung des Selbst- Alina Tchernowa
Schöne Kämpfer
und hässliche Opfer? Körperstereotypien im antifaschistischen
Diskurs der DDR- Martina Ölke
Schönheit der Scham,
Hässlichkeit der Wollust- Konstruktion und Subversion geschlechtlicher
Identitäten im pornografischen Film- Enrico Wolf
Die
schöne Armee: Topoi des soldatischen und ihre Durchque(e)rung- In
Claire Davis´Film "Beau travail"- Susanne Holschbach
Schön/häßlich Konstruktionsmechanismen von Weiblichkeit im literarischen
Diskurs von der frühen Neuzeit bis in die Moderne - Inge
Stephan
Um ein Missverständnis gar nicht erst aufkommen zu lassen: Unsere Vorstellungen
von Schönheit oder Hässlichkeit sind nicht an ein bestimmtes Geschlecht
gebunden. Die Geschichte der abendländischen Passionen1 ist reich
an weiblichen und männlichen Idolen sowie an Beispielen für Abweichungen
von vorgegebenen Normen männlicher oder weiblicher Schönheit. Ebenso wie
die Konstruktion von Männlichkeit auf die von Weiblichkeit und die Definition
von Homosexualität auf die von Heterosexualität angewiesen sind, so ruft
auch Schönheit stets ihren Gegenpart - die Hässlichkeit - auf. Die Frage
"was das Schöne sei",2 die die Gemüter von der Antike bis in die
Gegenwart bewegt,3 ist in philosophischen, ästhetischen und sozialen
Kontexten - je nach Epoche und Autor - unterschiedlich beantwortet worden.
Ungeachtet solcher prinzipiellen Uneinigkeiten - Schönheit wie Hässlichkeit
sind ganz offensichtlich zeitgebundene Verhandlungsgegenstände - gibt
es doch bestimmte durchgängige Vorstellungen davon, was als "schön" oder
"hässlich" zu gelten hat, die unsere Wahrnehmung bis in den Alltag hinein
prägen.
"Was schön ist und was nicht, das ‚wissen' wir im Grunde immer schon"
hat Bernd Guggenberger in seinem Buch "Einfach schön" (1995) nicht ganz
zu Unrecht behauptet.4 Ein solches ‚Vorwissen' ist aber nicht nur
kulturell, sondern auch geschlechtlich codiert - wie sonst hätte die Verbindung
von Weiblichkeit und Schönheit in der Rede vom sogenannten "schönen Geschlecht"
eine solche Diskursmächtigkeit durch die Jahrhunderte gewinnen können?5
Es scheint, als ob den Frauen, die in der patriarchalischen Geschlechterordnung
auf die Position des "anderen", bzw. "zweiten" Geschlecht (Beauvoir) verwiesen
worden sind, mit der populären Formel "Schönheit ist immer weiblich" (Guggenberger)
ein Trostpflaster angeboten wurde, das sie mit ihrer gesellschaftlichen
Zweitrangigkeit versöhnen sollte. Nicht zuletzt an der "schönen Literatur",
die schon immer ein Seismograph für Umbrüche war und in der gesellschaftliche
Veränderungen als Gender-Krisen vorweggenommen wurden, lässt sich zeigen,
dass dieses Trostpflaster ein prekäres Geschenk war - für Frauen wie für
Männer gleichermaßen. Ich möchte diesem Gedankengang an drei literarischen
Beispielen aus unterschiedlichen Epochen nachgehen, in denen sich Schönheit
und Hässlichkeit wie Männlichkeit und Weiblichkeit diskursiv überkreuzen
und überraschende Allianzen eingehen.
I.
Bei dem ersten Beispiel handelt es sich um das bekannte Sonett "Beschreibung
vollkommener Schönheit" des Barockdichters Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau.
Sonnet.
Beschreibung vollkommener schönheit.
EIn haar so kühnlich trotz der Berenice spricht / Ein mund / der rosen
führt und perlen in sich heget / Ein zünglein / so ein gifft vor tausend
hertzen träget / Zwo brüste / wo rubin durch alabaster bricht / Ein hals
/ der schwanen-schnee weit weit zurücke sticht / Zwey wangen / wo die
pracht der Flora sich beweget / Ein blick / der blitze führt und männer
niederleget / Zwey armen / derer krafft offt leuen hingericht / Ein hertz
/ aus welchem nichts als mein verderben quillet / Ein wort / so himmlisch
ist / und mich verdammen kan / Zwey hände / derer grimm mich in den bann
gethan / Und durch ein süsses gifft die seele selbst umhüllet / Ein zierrath
/ wie es scheint / im paradieß gemacht / Hat mich um meinen witz und meine
freyheit bracht.6
Die Verteilung der Geschlechterpositionen im Gedicht folgt traditionellen
Mustern: Hier der Mann, der als Autor das Beschreibungsmonopol über Weiblichkeit
hat, hier die Frau, die durch das Gedicht zum Idealbild "vollkommener
Schönheit" stilisiert und zur Siegerin im Geschlechterkampf erklärt wird.
Auffällig ist der fragmentierende Blick des Autors: Der Körper der Frau
wird in seine Einzelteile zerlegt - in Mund, Zunge, Brüste, Hals, Wangen,
Auge, Arme und Herz - wobei die unteren Körperpartien ausgespart bleiben.
Diese Fragmentierungstechnik hat Konsequenzen: Die durch die weibliche
Schönheit bedrohte männliche Subjekt- und Sprecherposition wird als Bild-
und Beschreibungsmacht neu aufgerichtet und die Frau wird als Objekt des
männlichen Blicks festgeschrieben. Vollkommene Schönheit entsteht ausschließlich
im Blick des Betrachters und wird kommunizierbar erst im Medium der Schrift.7
Das gilt im übrigen auch für das Gegenteil: In dem Sonett "Vergänglichkeit
der schönheit" wird weibliche Schönheit mit dem gleichen fragmentierenden
Blick zersetzt wie sie in dem Sonett "Beschreibung vollkommener schönheit"
zur Ganzheit zusammengesetzt wird.
Sonnet.
Vergänglichkeit der schönheit.
ES wird der bleiche tod mit seiner kalten hand Dir endlich mit der zeit
umb deine Brüste streichen / Der liebliche corall der lippen wird verbleichen;
Der schultern warmer schnee wird werden kalter sand / Der augen süsser
blitz / die kräffte deiner hand / Für welchen solches fällt / die werden
zeitlich weichen / Das haar / das itzund kan des goldes glantz erreichen
/ Tilgt endlich tag und jahr als ein gemeines band. Der wohlgesetzte fuß
/ die lieblichen gebärden / Die werden theils zu staub / theils nichts
und nichtig werden / Denn opfert keiner mehr der gottheit deiner pracht.
Diß und noch mehr als diß muß endlich untergehen / Dein hertze kan allein
zu aller zeit bestehen / Dieweil es die natur aus diamant gemacht.8
Fragmentierung und Zusammenfügung, Zersetzung und Verlebendigung erweisen
sich als zwei Strategien, die in beiden Fällen an die Position männlicher
Autorschaft gekoppelt sind. Hässlichkeit erscheint als Vergänglichkeit
und verweist damit auf Sterblichkeit, die wie die Schönheit ebenfalls
auf den Körper der Frau projiziert wird. Unter dieser Perspektive partizipieren
beide Sonette von Hoffmanswaldau an einer Geschlechterphantasie über das
Verhältnis von Körper und Geist, in der Lebendigkeit mit Männlichkeit
und Vergänglichkeit mit Weiblichkeit assoziiert werden: Das "schöne Geschlecht"
ist vergänglich, während die "schöne Literatur" in ihrer Beschreibung
von weiblicher Schönheit unvergänglich ist.
II.
Ich komme jetzt zu einem weiteren bekannten Beispiel: Adalbert Stifter
scheint in seiner Novelle Brigitta (1843)9 die gängigen Vorstellungen
von Männlichkeit und Weiblichkeit sowie Schönheit und Hässlichkeit zunächst
einmal in Frage zu stellen: Bei ihm ist der Mann schön und die Frau häßlich,
er schreibt sie - so meine These - unter der Hand jedoch in subtiler Weise
neu fest. Brigitta wird interessanterweise zunächst nicht als hässlich,
sondern als unweiblich in den Text eingeführt: Sie trägt Männerkleidung
und reitet wie ein Mann. Erst später stößt der Erzähler auf dem Schreibtisch
seines Gastgebers Stephan Murai auf das Bild eines "Mädchens von vielleicht
zwanzig - zweiundzwanzig Jahren" in einem "schönen Goldrahmen":
Aber sonderbar war es, wie auch der Maler die Sache verschleiert haben
mochte, es war nicht das Bild eines schönen, sondern eines häßlichen Mädchens
- die dunkle Farbe des Angesichts und der Bau der Stirne waren seltsam,
aber es lag etwas wie Stärke und Kraft darinnen, und der Blick war wild
wie bei einem entschlossenen Wesen. (474)
Es handelt sich um ein Bild der jungen Brigitta, die von Murai als "das
herrlichste Weib auf dieser Erde" (476) dem Erzähler gegenüber bezeichnet
wird. Man ahnt, dass in diesem Widerspruch zwischen hässlichem Mädchen
und herrlichem Weib ein Geheimnis verborgen liegt, das der Text nur langsam
freigibt. Zunächst einmal erstaunt jedoch, dass auf die Häßlichkeit Brigittas
zwar immer wieder hingewiesen wird, worin diese Hässlichkeit aber eigentlich
besteht, bleibt im Dunkeln. Vielmehr erfahren wir, dass Brigitta noch
im fortgeschrittenen Alter "eine Reihe schöner Zähne" (455) besitzt, dass
sie als Kind durch "schöne düstere Augen" (481) aufgefallen ist und dass
sie zwischen ihren beiden schönen Schwestern wie eine "fremde Pflanze"
(481) gewirkt hat. All dies spricht eher für eine aparte Erscheinung denn
für eine hässliche Person. Warum Brigitta vor ihrem Spiegelbild in Tränen
ausbricht (485) bleibt daher unklar. Offensichtlich empfindet sie sich
selbst als unschön, da der Autor uns Brigittas Bild im Spiegel jedoch
vorenthält, sind wir auf Vermutungen angewiesen. Dass der schöne und junge
Nachbar Stephan Murai nicht die schönen Schwestern, sondern die hässliche
Brigitta wählt, mag für die Umgebung rätselhaft sein, für den Leser bzw.
die Leserin kommt diese Wahl nicht überraschend, da der Erzähler die Aufmerksamkeit
bereits sehr früh von der äußeren auf die innere Schönheit Brigittas gelenkt
hatte: "Wenn nur einer gewesen wäre, für die verhüllte Seele ein Auge
zu haben und ihre Schönheit zu sehen, daß sie sich nicht verachte." (284)
Stephan Murai ist der Erste, der diese innere Schönheit Brigittas (484)
entdeckt. Durch sein zähes Werben überwindet er alle Widerstände, die
Brigitta zunächst der Verbindung entgegensetzt (486). Das Happy End -
Hochzeit und Geburt eines Sohnes - erweist sich jedoch als trügerisch.
Murai ist nicht unempfänglich für die äußere Schönheit von Gabriele, einer
Nachbarin und Brigitta ist aufgrund ihrer Hässlichkeit nicht selbstbewusst
genug, um an die Liebe ihres Mannes zu glauben. Es kommt zur Scheidung
und langjährigen Trennung. Brigitta zieht den Knaben allein auf und bewirtschaftet
die Güter erfolgreich ohne männlichen Schutz. Murai begibt sich auf Reisen
und kehrt erst Jahre später in die Heimat zurück, wo er sich - unerkannt
- in der Nähe der immer noch geliebten Frau niederlässt. Das späte Glück,
das beide schließlich finden, muss sich Murai jedoch erst noch verdienen:
Zunächst rettet er seiner Frau das Leben, dann dem gemeinsamen Sohn. In
diesem Sohn, einem "lieblich schlanken Jüngling" (496) sind die äußere
Schönheit des Vaters und die innere Schönheit der Mutter eine harmonische
Verbindung eingegangen. Gustav ist der perfekte Sohn, in dem die lebensgeschichtlichen
und ästhetischen Widersprüche der Eltern versöhnt sind. Am Schluss kann
sogar die nach der Scheidung in männlicher Kleidung auftretende Brigitta
wieder bescheiden in die weibliche Position zurückkehren und wirkt am
Ende auf den Ich-Erzähler fast schön:
Wie wir so durch die Wege gingen und weiße Wolken durch die Eichenwipfel
hereinschauten, gewann ich Gelegenheit, Brigitta zu betrachten. Ihre Augen,
schien es mir, waren noch schwärzer und glänzender als die der Rehe und
mochten heute besonders hell strahlen, weil der Mann an ihrer Seite ging,
der ihr Wirken und Schaffen zu würdigen verstand. Ihre Zähne waren schneeweiß
und der für ihre Jahre noch geschmeidige Wuchs zeugte von unverwüstlicher
Kraft. Da sie den Major erwartet hatte, war sie in Frauenkleidern [...]
(496)
An einer solchen Beschreibung wird deutlich, dass das Modell der natürlichen
schönen Seele, nach welchem Brigitta modelliert ist, zumindest ansatzweise
nach einer äußeren Entsprechung verlangt. Es bleibt dem Sohn vorbehalten
das Idealbild vom Zusammenfall innerer und äußerer Schönheit in vorbildlicher
Weise zu verkörpern. Die beiden Frauen, die hässliche Brigitta und die
schöne Gabriele, an deren Grabmal der Ich-Erzähler am Ende der Erzählung
mit "trüben Gedanken" (507) auf seinem Weg in die Heimat vorbeizieht,
verfehlen beide dieses Idealbild.
Die Botschaft des Textes ist ambivalent: Weibliche Schönheit wird mit
Tod und Unglück assoziiert, sie ist gefährlich, wie das Beispiel Gabriele
zeigt. Eine schöne Seele allein scheint jedoch auch kein ausreichender
Garant für erotische Anziehung und emotionale Stabilität zu sein - wie
das Beispiel Brigitta demonstriert -, zumindest ein "Hauch von Schönheit"
(489) scheint notwendig zu sein, um der Liebe zwischen den Geschlechtern
eine gewisse Dauer zu verleihen. Was aber schön ist, stellt sich immer
erst im Blick des anderen heraus: Die Ablehnung, die Brigitta als Säugling
bereits von der Mutter erfahren hat, setzt sich als Selbsthass in der
Jugend fort, von dem sie erst durch den liebenden Blick Murais erlöst
wird.
III.
Als drittes und letztes Beispiel möchte ich auf die Aufzeichnungen einer
Häßlichen eingehen, einen relativ unbekannten Text, den Mela Hartwig 1928
veröffentlicht hat10 und der meines Erachtens zeigt, wie schwierig
es gerade für Autorinnen ist, normierende Diskurse über weibliche Schönheit
aufzubrechen. Anders als bei Stifter, bei dem die Hässlichkeit Brigittas
im Vagen bleibt, sind die Aufzeichnungen einer Häßlichen von schonungsloser
Direktheit:
Ich bin häßlich. Dieses eine Wort ist meine kleine, lächerliche Geschichte.
[...] Ich habe ein grobknochiges, breites, mißmutiges Gesicht, mit einer
großen Nase, die in eine boshafte Spitze endet, kleine, tiefliegende Augen,
die immer entzündet und immer lichtempfindlich sind und die ich zukneifen
muß, wenn ich etwas sehen will. Dieser Augenkatarrh, an dem ich seit frühester
Kindheit leide, hat an den geröteten Rändern der Lider längst alle Wimpern
entfernt. Ich bin mager, aber von jener reizlosen, ganz belanglosen Magerkeit
knochiger Frauen, habe große Hände und Füße und zu kurze Beine. (129)
Die "Resignation", mit der die Ich-Erzählerin ihr Schicksal als hässliche
Frau bisher ertragen hat, verwandelt sich jedoch in "Unzufriedenheit und
Unruhe" als es einer Freundin gelingt, einen Mann zu gewinnen:
Ich hatte eine Freundin, die es verstand schön zu sein, obgleich sie,
wie mir schien, fast so häßlich war wie ich. Sie hatte eine Art zu lächeln,
die ich nie erlernt habe, eine Art sich zu kleiden, die herausfordernd
war, ohne daß man ihr etwas nachweisen konnte, eine Art sich zu bewegen,
die aufreizend wirkte. Sie war arm wie ich, wurde Stenotypistin und heiratete
ein Jahr später ihren Chef. Wie sie das zustande gebracht hat, ist mir
noch heute ein Rätsel. (130)
Auch die Ich-Erzählerin beginnt an sich zu arbeiten: Sie legt sich eine
neue Frisur zu, stürzt sich in Unkosten für teure Kleider und Schuhe und
beginnt sich zu schminken, um die Aufmerksamkeit ihres Chefs, Dr. B.,
zu erregen, in dessen Hospital sie als Krankenschwester arbeitet. Trotz
aller Anstrengungen gelingt es ihr jedoch nicht, die Liebe von Dr. B.
zu gewinnen. Für ihn bleibt sie die geschätzte Mitarbeiterin, deren erotisches
Begehren nun zunächst unbehaglich ist:
Daß Sie sich über Ihr Gesicht so sehr grämen, ist meiner Ansicht nach
kindisch. Es läßt sich doch nicht ändern. Sie müssen damit doch als mit
einer gegebenen Tatsache rechnen. Sie müssen eben den Schwerpunkt Ihres
Lebens verlegen. Sie müssen Ihre Bedürfnisse vergeistigen. [...] Übrigens
würde ich Ihnen ernstlich raten, Sport zu betreiben. (164)
Anders als in der Stifterschen Novelle, in der Mann und Frau in der
gemeinsamen Arbeit und in der Sorge um den Sohn zueinander finden, treibt
die Handlung bei Hartwig auf die Katastrophe zu: Die Ich-Erzählerin steigert
sich in die Leidenschaft zu Dr. B. so sehr hinein, dass dieser sie mit
den Worten "wir sind ja eine Hysterikerin ersten Ranges" (175) schroff
zurückweist. Tatsächlich sind die Aufzeichnungen einer Häßlichen von Mela
Hartwig ein Psychogramm, das vom psychoanalytischen Hysterie-Diskurs ebenso
geprägt ist wie von konventionellen Vorstellungen von Weiblichkeit. Mehr
als von der Hässlichkeit der Ich-Erzählerin ist Dr. B. von ihrer Unweiblichkeit
(177) und ihrem männlichen Werben (197) um ihn abgestoßen, hat aber nicht
die Kraft, den "ungewohnten Kontakt" (197) zu zerreißen. Erst als die
Ich-Erzählerin sich heimlich Zugang zu seinem Zimmer verschafft und er
sie "die Hände in die Kissen verkrampft" in "seinem zerwühlten Bett" antrifft
(201), setzt er dem Verhältnis ein Ende. Die Ich-Erzählerin kommt in die
psychiatrische Klinik höchst-wahrscheinlich als Patientin und nicht als
Krankenschwester, wie sie in ihren Aufzeichnungen suggeriert. Die Erzählung
ist von erbarmungsloser Härte gegenüber der Frau, die anders als Stifters
Brigitta nicht einmal eine "schöne Seele" aufweist, sondern als ein von
sexuellem Begehren angetriebenes Zwitterwesen gezeichnet wird, das sich
durch seine Hässlichkeit "geschlechtlich entrechtet" (167) fühlt. Sie
ist "keine Frau", aber auch "kein Mann" (153). Anders als Stifters Brigitta,
die vor dem Spiegel in ein rätselhaftes Weinen ausbricht, verfällt das
Ich angesichts des Spiegelbildes in eine blindwütige Raserei:
Ich spie das Glas an, riß den Spiegel von der Wand, stieß ihn zu Boden,
zerstampfte ihn mit Füßen und Fäusten zu einem Brei aus Splittern und
Blut. (159)
Im Traum verwandelt sich der Spiegel in eine "handgroße Lupe", mit der
Dr. B. das Gesicht der Ich-Erzählerin missbilligend untersucht, bis diese
ihm schließlich die Lupe aus der Hand reißt und sie "mit Füßen und Fäusten
zu einem Brei aus Splittern und Blut" zerstampft (160):
Daraufhin ließ er mir die Zwangsjacke anlegen, und ich wurde in eine Irrenzelle
gebracht, deren Wände, Fußboden und Decke aus Spiegelglas waren. Da begann
ich zu tanzen, was blieb mir denn anderes übrig, tanzte an allen Ecken
und Enden der Zelle zugleich, vervielfältigt, nickte meinen stummen, gespenstig
bewegten Gefährtinnen in der Zwangs-jacke grauenhaft lächelnd zu, bis
ich zu gewohnter Stunde, wie gerädert, erwachte. (160)
Spätestens mit dieser Traumsequenz verstärken sich die grotesken, irrealen
Züge der Aufzeichnungen. Man kann den Text als Dokument einer Hysterikerin
lesen, die Anklänge an Freud und Breuers "Hysterie-Studien" sind unüberhörbar,
man kann ihn jedoch auch - und dafür möchte ich plädieren - als Dokument
einer Enteignung der eigenen Körperwahrnehmung lesen (vgl. 173), die deshalb
so total ist, weil das Ich die lieblosen Blicke der anderen auf sich übernimmt
und noch verstärkt. Während Stifter für seine Heldin eine Reihe von Tröstungen
bereithält - eine schöne Seele, einen "Hauch von äußerer Schönheit" und
einen bildschönen Sohn -, versagt Hartwig ihrer Protagonistin jeglichen
Trost: Wer hässlich ist hat keinen Anspruch auf Liebe und Fortpflanzung.
Dabei bleibt auch bei Mela Hartwig trotz aller Drastik der Selbstbeschreibung
unklar, was Hässlichkeit bzw. ihr Gegenpart, die Schönheit, eigentlich
ist:
Was ist das: Schönheit? [...]. Was ist das eigentlich? Ist das mehr als
ein reines Herz, als Lauterkeit der Gesinnung? Ist das fruchtbarer als
Menschlichkeit, betörender als Klugheit, beglückender als Güte? Was ist
das, was? Warum liebt man Frauen, die schön sind, warum liebt man sie
auch, wenn sie gemein, hinterhältig, unbeständig, tückisch, boshaft, treulos
und herzlos sind? Warum? (167)
Hartwig gesteht ihrer Protagonistin aber nicht einmal die "schöne Seele"
- das reine Herz, die Lauterkeit der Gesinnung, die Menschlichkeit, die
Klugheit oder Güte - zu, mit der sie die fehlende äußere Schönheit kompensieren
könnte. Sie zeichnet eine von Hass und Eifersucht getriebene Frau, die
am liebsten "alle schönen Frauen" brennen sehen möchte. (107) Aber auch
Dr. B. kommt in dem Text nicht gut weg. Er ist "ein Fachmensch durch und
durch" (169), der trotz seiner Abneigung gegen "Erlebnisse des Herzens"
(ebenda) sich auf die sado-masochistische Grundstruktur des sich entwickelnden
Verhältnisses zwischen Arzt und Krankenschwester relativ rasch einlässt,
wobei er sicherstellt, dass seine Macht und Potenz dabei niemals in Frage
gestellt werden. Mit der Versetzung oder Einlieferung der Ich-Erzählerin
in die psychiatrische Klinik schafft er sich eine Mitwisserin vom Hals,
die den "brutalen Ausdruck um seinen Mund" (185) in einer Weise gedeutet
hat, die ihn als Chef und späteren Ehemann diskreditieren könnte. Schönheit
und Hässlichkeit sowie Weiblichkeit und Männlichkeit funktionieren in
Hartwigs Erzählungen also als Variablen in einem Macht-Diskurs, der von
der männlichen Position bestimmt wird - auch wenn der Text von einer Frau
erzählt wird. Die Definitionsmacht, was männlich oder weiblich, was schön
oder hässlich ist, liegt allein im Blick des Mannes, das ist das düstere
Fazit einer Erzählung, die vielleicht auch wegen dieser unerfreulichen
Botschaft dem Vergessen anheim gefallen ist.
1 B. Hinz, Aphrodite. Geschichte
einer abendländischen Passion, München und Wien 1998.
2 M. Hauskeller, Was das Schöne sei. Klassische Texte von Platon
bis Adorno, München 1994.
3 C. von Braun, Schönheit - Verzweifelt gesucht (2002).
4 B. Guggenberger, Einfach schön. Schönheit als soziale Macht,
Hamburg 1995, S 11.
5 A. Firenzuolo, On the Beauty of Women. Translated and edited
by C. Eisenbichler , J. Murray, Philadelphia 1992.
6 Vgl. die Anthologie von B. Neukirch, Herrn von Hoffmannswaldau
und anderer deutschen auserlesener und bißher ungedruckter Gedichte. Erster
Teil. Hg. v. A. George de Carpua und E. A. Phillipson, Tübingen 1961.
7 Vgl. H. Böhme, Erotische Anatomie. Körperfragmentierung als ästhetisches
Verfahren in Renaissance und Barock, in: C. Benthien, C. Wulf (Hg.), Körperteile.
Eine kulturelle Anatomie, Hamburg 2001, S. 228-254. Die gleichen Beobachtungen
lassen sich auch für die Literatur des 18. Jahrhunderts machen. Siehe
Reiko Tanabe, Schöne Körper, Zur Erotik des Blicks in der deutschen Literatur
Mitte des 18. Jahrhunderts, Königsstein/Taunus 2003.
8 Siehe Anm. 6.
9 A. Stifter, Brigitta. In: ders., Werke in 4 Bänden. Berlin, Weimar
1964, Bd. 1 (die Zitate werden im folgenden im Text nachgewiesen).
10 M. Hartwig, Aufzeichnungen einer Häßlichen. In: dies., Ekstasen.
Berlin 1992 (die Zitate werden im folgenden im Text nachgewiesen). Die
beiden Romane Bin ich ein überflüssiger Mensch (1931) und Das Weib ist
ein Nichts (1930) sind jüngst wieder bzw. erstmals veröffentlicht worden
und haben zur einer kleinen Mela Hartwig-Renaissance geführt.
Prof. Dr. Inge Stephan, email: inge.stephan@rz.hu-berlin.de
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"Schön mache ich mich für mich" Schönheitshandeln
und Geschlecht - Nina Degele
Empirisch gilt als gesichert, dass Schönheit für Frauen eine größere Bedeutung
hat als für Männer, und dass sie ihre Attraktivität mehr auf Basis körperlicher
Schönheit beurteilen, während bei Männern die Ausstrahlung im Vordergrund
steht. Und wenn Frauen über ihr körperliches Erscheinungsbild klagen,
dann eher, weil etwas zu groß und/oder zu dick ist. Diese Befunde sind
nicht ganz falsch, auf jeden Fall aber verkürzt. Denn unberücksichtigt
bleiben die verschiedenen Kontexte und Funktionen, die Schönheit erst
zu einem sozial bedeutsamen Tatbestand machen. Um diese in den Blick zu
bekommen, transformiere ich die Frage nach Schönheit in die des Schönheitshandelns:
Schönheitshandeln ist ein Medium der Kommunikation und dient der Inszenierung
der eigenen Außenwirkung zum Zweck der Erlangung von Aufmerksamkeit. Zur
Erläuterung dieser These stelle ich empirische Befunde zur Bedeutung von
Schönheitshandeln in vier aufeinander nicht reduzierbare, idealtypische
Kontexte und setze sie zu vier Ideologien des Schönheitshandelns in Bezug.
Dazu greife ich auf empirisches Material zurück, das im Zuge von Diskussionen
mit 28 Gruppen unterschiedlichen Geschlechts, sexueller Orientierung,
Alters und sozialer Lage im Rahmen einer qualitativen Untersuchung erhoben
wurde.
Idealtypisch unterscheide ich vier Kontexte von Schönheitshandeln: Alleinsein
(A1) bezeichnet den privaten Mensch ohne den Blick von außen. Dafür steht
die eigene Wohnung und/oder der räumliche Rückzug in familiale Kontexte.
Anonymität/ Öffentlichkeit (A2) ist das, was Befragte mit Begriffen wie
"man", "die anderen", "die Leute" oder auch "draußen" zum Ausdruck bringen:
der Gang zur Bäckerei, die Fahrt in den Straßenbahn, der Spaziergang im
Park. Arbeit/Beruf (A3) beschreibt Orte mit dem funktionalen Zwang des
Geldverdienens wie etwa Betrieb, Büro oder Fabrik. Ausgehen/Vergnügen
(A4)" schließlich meint den Komplex der freien Zeit, die mit FreundInnen,
Bekannten, PartnerInnen, Familienangehörigen oder auch Unbekannten in
eher öffentlichen Räumen verbracht wird. A1 nun ist der ständig mobilisierte
Kontext, wenn es um die Begründung und Motivation von Schönheitshandeln
geht:
A: "Das is' halt vor allem für mich selbst unheimlich wichtig, dass ich
mich so wie ich aussehe gern leiden mag, da haben die anderen eigentlich
gar nix mit zu tun, das mach ich schon für mich selbst."
Dies bezeichne ich als Ideologie des privaten Schönheitshandelns: Schönheits-handeln
ist Handeln für sich selbst und nicht für andere. Das verwundert nicht,
da das Eingeständnis, Schönheitshandeln über A1 hinaus zu praktizieren,
bei vielen DiskutantInnen dem Eingeständnis von Abhängigkeit, mangelndem
Selbstbewusstsein und wenig Charakterfestigkeit gleich käme. Der Verlauf
der meisten Gruppendiskussionen fördert jedoch etwas anderes zutage, wie
die kurz darauf folgenden Äußerungen der gleichen Diskussion belegen:
B: "Ich gehe beispielsweise ins Fitnessstudio, nicht extrem oft, aber
für mich ist es schon wichtig, dass ich was für meinen Körper tu, ja weil
ich auch auf so was steh."
C: "Wenn du nen Auge auf jemanden geworfen hast, dann versuchst Du natürlich
immer, dem zu gefallen und gibst dir dann natürlich Mühe."
Schönheitshandeln als Handeln für andere heißt also, sich zu anderen in
Beziehung zu anderen setzen und auf diese Weise Identität zu konstruieren.
Die Ideologie des sichtbaren und spaßigen Schönheits-handelns ist im Kontext
der anonymen Öffentlichkeit (A2) beheimatet. Danach machen sich vor allem
Frauen schön, um aufzufallen und die Aufmerksamkeit (vor allem von Männern)
auf sich zu ziehen. Schönheitshandeln kann aber auch auf genau das Umgekehrte
zielen, nämlich: "ganz klar - um nicht aufzufallen. Wie im Theater die
Maske." Die Funktion des Schönheitshandelns als Maske artikulieren essgestörte
Frauen am deutlichsten, ähnliche Funktionen sind aber auch bei Bodybuildern
zu beobachten, die sich hinter Muskeln verstecken oder bei Menschen mit
Ganzkörpertätowierungen. Schönheitshandeln ist auch keineswegs nur Spaß,
sondern mitunter harte Arbeit ("wo ich manchmal denke, ich verliere so
viel Lebenszeit und Energie") und Zwang ("es geht nicht anders").
Die Ideologie des schönen Macht-gleichgewichts wird in der Welt der Arbeit
besonders explizit, wo Kämpfe um Macht und Einfluss ausgetragen werden:
Wenn Frauen in Bereiche drängen, die einstmals Männern vorbehalten waren,
treten symbolische Differenzen an die Stelle rechtlich nicht mehr legitimierbarer
Ungleichbehandlung. Die Uniform der Macht im Berufsleben ist der Anzug,
und wenn sich Frauen auf dieser Bühne bewegen, stehen sie vor der Herausforderung,
gleichermaßen professionell und feminin aufzutreten. Ein solches "männliches"
Auftreten muss dann mit langen Haaren, Schminke, Schmuck oder hochhackigen
Schuhen kompensiert werden, um nicht den Verdacht der "Vermännlichung"
oder des Lesbischseins auf sich zu ziehen. Entsprechend sind die heute
wieder länger gewordenen Haare von Frauen ein deutlicheres Zeichen der
Geschlechterdifferenz als in den 1970ern und 1980ern.
Der Ideologie des weiblichen Schönheitshandeln zufolge machen sich Frauen
für Männer schön. Der im Kontext von A1 vorgestellte Diskussionsauszug
stammt allerdings nicht aus einer Diskussion mit (heterosexuellen) Frauen,
sondern mit schwulen Männern. Schönheitshandeln dient also auch der Inszenierung
(schwuler) Männlichkeit, der Provokation und Herausforderung heteronormativer
Erwartungen des Schönheitshandelns (bei sich schminkenden schwulen Männern),
aber auch der sozialen Positionierung heterosexueller (älterer) Männer,
die wie Mitglieder eines Herrenclubs oder eines katholischen Kirchenchors
großen Wert darauf legen, immer dem Anlass entsprechend gekleidet zu sein.
Dies mögen sie vor allem hinsichtlich der Erwartungen ihrer PartnerInnen
tun (A4), strahlt aber auch auf die anderen Kontexte aus.
Geschlecht spielt in den verschiedenen Kontexten also eine unterschiedlich
wichtige Rolle, was es verbietet, monokausale Zuordnungen von Geschlecht
und Schönheitshandeln zu konstruieren. Methodisch läuft das auf eine Rekonstruktion
der Bedeutung von Geschlecht hinaus, die die artikulierten Kontexte und
Funktionen von Schönheitshandeln einem permanenten Vergleich unterwirft
und die Äußerungen der Gruppendiskussionen (auch) von ihren Leerstellen
her liest: Wenn die Befragten etwa Schönheitshandeln als private Angelegenheit
stark machen und damit A1 betonen, warum thematisieren dann viele Essgestörte
vor allem A2 (und weisen damit auf mangelhaftes Selbstbewusstein hin),
Bodybuilder A3 (und wollen die Kraft und Macht des Körpers in berufliche
Zusammenhänge verlängern) und tätowierte SM-Praktizierende A4 (und signalisieren
damit eine Bedeutungsverschiebung von der Kleidung zum Körper)? Ist Schönheitshandeln
ein Akt der sozialen Positionierung von Männern wie von Frauen, müssen
wir uns vielleicht einfach nur an den Gedanken gewöhnen, dass - funktional
betrachtet - die Muskeln der Bodybuilder, die Tattoos der SM-Praktizierenden
und die Schminke der Magersüchtigen etwas Ähnliches leisten: die ProtagonistInnen
des Geschehens nicht nackt und hilflos dastehen zu lassen. Geschlecht
ist damit keine irrelevante Kategorie geworden. Funktional betrachtet
konvergieren nämlich auch die Stöckelschuhe westlicher Frauen und die
Kopftücher von Musliminnen in einem entscheidenden Punkt, indem sie nämlich
Differenzen zwischen den Geschlecht konstruieren, naturalisieren und fixieren.
Prof. Dr. Nina Degele; email: Nina.Degele@Soziologie.uni-Freiburg.de
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Embodiment oder Der Körper als Verkleidung - Strategien weiblicher
Identitätsgestaltung- Ada Borkenhagen
"Je ähnlicher man dem Bild wird, das man von sich selbst erträumt, umso
authenti-scher wird man". Diese Aussage, der durch unzählige Schönheitsoperationen
gestalteten Adrago in Pedro Almodo´vars Film "Alles über meine Mutter"
spricht meines Erachtens ein zentrales Motiv von Frauen an, die sich einer
Schönheitsoperation unterziehen. Will man die massenhafte Zu-nahme schönheitschirurgischer
Maßnahmen und den außerordentlichen Erfolg im subjektiven Erleben der
Klientinnen wie auch im Hinblick auf psychosoziale Outcome-Parameter (Cash,
2001, S. 370) erklären, stellt sich die Frage nach der Psycho-Logik von
Schönheitschirurgie. Eine geläufige Vorstellung in bezug auf Schön-heitschirurgie
ist, dass es sich um ein Un-terdrückungsinstrument handelt, dem die Klientinnen
passiv ausgeliefert sind. Solche Erklärungsversuche eröffnen einen begrenzten
Zugang zu den Motiven, die zur Entscheidung für eine Schönheitschirurgie
führen. Lässt man die Protagoni-stinnen selbst zu Wort kommen, so wird
ein jedoch ein anderer Aspekt deutlich. Die schönheitschirurgische Maßnahme
wird von den Protagonistinnen als Instrument der eigenen Identitätsgestaltung
erlebt. Diesem Widerspruch wird anhand empirischer Befunde ein Stück weit
nachgegangen.
1. Massenhafte Zunahme schönheitschirurgischer Maßnahmen in
den westlichen Industrieländern in den letzten Jahrzehnten haben sich
zunehmend Umgangsweisen mit dem Körper herausgebildet, bei denen durch
die Gestaltung und Formung des Körpers das eigene Selbstbild aktiv modelliert
werden soll. So gehören Begriffe wie Bodybuilding und Bodystyling längst
zum alltäglichen Sprachgebrauch. Modische Tattoos, Piercings und Schönheitschirurgie
sind keineswegs mehr auf Randgruppen beschränkt. Diät- und Fitnesstrend
zeigen, dass der form- und gestaltbare Körper zu einem bedeutsamen Medium
der Selbstinszenierung geworden ist. Über die Veränderung des Körpers
versuchen immer mehr Menschen die eigene Identität und damit das eigene
Selbstbild aktiv zu gestalten.. Repräsentativerhebungen belegen, dass
die Arbeit am körperlichen Erscheinungsbild für eine wachsende Zahl von
Individuen zentraler Lebensinhalt ist (Allensbacher Institut, 2000). Dass
der Zwang zur Modellierung des Körpers mehr und mehr zur gesellschaftlichen
Normalität wird, zeigen nicht zuletzt die in allen Industriestaaten stetig
steigenden Zahlen plastisch-chirurgischer Körperkorrekturen - auch bei
Männern. So wurden in den USA im Jahr 2002 6,9 Millionen Schönheitsoperationen
vorgenommen, was einem Anstieg um 228 % seit 1957 entspricht, 3 % sind
Teenager, d. h. Mädchen und Jungen unter 18 Jahren (American Society of
Plastic Surgeons, 2003). Der Medizinhistoriker und Psychiater Gilman (1999)
prognostiziert, dass es in zwanzig Jahren Normalität sein wird, sich einer
Schönheitsoperation zu unterziehen. Die körperliche Erscheinung ist nicht
länger eine Gabe Gottes, sondern eine "freie" Willensentscheidung und
Teil der individuellen Autonomie. Die kulturell gesetzten Grenzen dessen,
was an körperlichen Mängeln als tolerabel gilt, werden sich verändern.
2. Der Zwang zur Selbstdarstellung als Folge der Individualisierung
Der Grund für diese Entwicklung wird vielfach zur Individualisierung moderner
Gesellschaften gesehen. In der spätmodernen Gesellschaft, in der traditionelle
Bindungen schwinden, steigt die Selbstverantwortlichkeit des Einzelnen
für die eigene Biografie. Der Einzelne kann (und muss) heute stärker wählen,
wer sein will und wer nicht. Identität wird nur noch in Ausnahmefällen
durch Herkunft (z.B. Familie, Dorfgemeinschaft) oder die Berufsrolle (z.B.
Arbeiter) definiert (Giddens, 1991). Psychologisches Korrelat dieses Individualisierungsprozesses
ist der zunehmende Zwang zur Selbstdarstellung und Selbstinszenierung
(Beck, 1995). Das körperliche Erscheinungsbild ist zu einem immer bedeutsameren
Medium der Identi-tätsgestaltung und -Inszenierung geworden. Das "Sich-in-Form-Bringen"
(Rodin, 1993, S. 23) und die unablässige Gestaltung und Formung des Körpers
ist zum neuen moralischen Imperativ der individualisierten Lebensweise
geworden. Die Forderung die eigene Identität und damit das eigene Selbstbild
aktiv zu gestalten, wird nicht nur immer häufiger durch Verkörperung (Embodiment)
realisiert, sondern zugleich hat die kulturelle Bedeutung des körperlichen
Aussehens zugenommen. Körperlich Fit zu sein ist gleichbedeutend mit Flexibelsein,
Dynamischsein usw. Schönsein ist ein Symbol für sozialen Erfolg geworden.
Dieser Schönheitskult gilt keineswegs nur für Frauen. Auch Top-Manager
mit Bierbauch und Tränensäcken sind kaum noch "vorstellbar". Allerdings
ist die Schönheitschirurgie immer noch eine eindeutige Frauendomäne, 80%
derjenigen, die eine Schönheitschirurgie in Anspruch nehmen, sind Frauen.
3. Motive
Qualitative Interviews, die ich mit Frauen über ihre Motive zur Brustreduktion
geführt habe, ergaben, dass sich die Interviewpartnerinnen durchgehend
als "Handelnde" und "Mündige" darstellen, die nach einem Abwägungsprozess
eine "selbstbestimmte", "wohlbegründete" und "von jedermann nachvollziehbare
Entscheidung" getroffen haben, wobei es in den Aussagen der Patientinnen
vor allem um das Herstellen von Normalität geht und nicht um das Erreichen
außergewöhnlicher Schönheit (Borkenhagen, 2003). In den Interviewsequenzen
findet sich eine Dissoziation des veränderungsbedürftigen Körperteils
vom Rest des Körpers, wobei die veränderungsbedürftigen Körperteile als
fremd und aufgezwungen erscheinen. Geht man von der Richtigkeit der Beobachtung
aus, stellt sich die Frage, welche Funktion die Betonung der selbstbestimmten
Agentenschaft im Legitimationskurs der Frauen hat. Es scheint sich dabei
um eine Form des "selfempowering" in Form des Wunsches zu handeln - das
eigene Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Die am eigenen Körper konstatierte
Mangelhaftigkeit und die daraus folgende Unzufriedenheit wird mittels
der Schönheitschirurgie in einen aktiven Prozess transformiert, der die
Überwindung der körperlichen Mangelhaftigkeit verheißt, so dass sich die
Frauen nicht länger als passiv ausgeliefert und zur Untätigkeit verdammt
erleben müssen. Das Kultivieren von Schönheit mittels Schönheitschirurgie
vermittelt so ein Gefühl von Selbstkontrolle und Selbstbemächtigung. Es
sind nun die Frauen selbst, die über ihren Körper und damit über das eigene
Selbst-Bild, das sie nach außen hin zeigen, bestimmen.
4. Körperstyling als Identitätsgestaltung
Die massenhafte Inanspruchnahme schönheitschirurgischer Maßnahmen durch
Frauen scheint in dem Verhältnis von Weiblichkeit, Körperlichkeit und
Narzissmus begründet. Für Frauen gilt die Verschränkung von Identität
und Verkörperung in sehr viel radikalerer Weise als für Männer. Während
Männlichkeit - entsprechend der bis heute gültigen kulturellen Vorstellungen
- über die Handlungen und den Status eines Mannes definiert wird, wird
Weiblichkeit vorrangig über den Körper der Frau und dessen Aussehen konstruiert.
Im Gegensatz zum handelnden Mann tritt die Frau mit ihrem Körper in Erscheinung.
Dieses mit dem Körper in Erscheinung treten hat sich verschärft. So ist
Mode heute zunehmend ein Vorwand, "um die schönen Körper des Models zu
inszenieren" (Lehnert, 1996, S. 12). Stellte eine Frau früher ihre aufwendige
Robe zur Schau, präsentiert sie heute ihren Körper, der vom Training gestählt
oder durch eine Fettabsaugung und eine Brustvergrößerung gestylt wurde
(Menkes, 2001). Frauen konkurrieren heute auf der Ebene von trainierten
Körpern, von Brustkorrekturen, wobei die Brüste nicht mehr die eigenen
sein müssen, sondern des Status einer Verkleidung haben. Der eigene Körper
wird zum Kunstwerk, wobei es nicht länger darum geht ein Wunschbild nur
zu imaginieren, sondern zunehmen darum ein solches Wunschbild zu verkörpern.
5. Psychoanalytische Erklärungsansätze weiblicher Identitätsgestaltung
durch Embodiment
Psychoanalytisch scheint diese Strategie der Verkörperung von Subjektivität
mittels Schönheitschirurgie am ehestens in Anleh-nung an die Vorgänge
des Spiegelstadiums (Lacan, 1991) und des Konzepts von Weiblichkeit als
Maskerade (Rivie`re, 1994) erklärbar. Geht man mit der Psychoanalyse davon
aus, dass für die Konstitution des Subjekts die Spiegelung des Kindes
durch bedeutsame Andere - zumeist die Mutter - während der ersten Lebensmonate
konstitutiv ist, dann erweist sich vor allem ein "Bild" als zentrales
Moment eine Entwicklung, in der sich das Körperbild und mithin das Selbst-Bild
des Menschen formt. Lacan (1991) hat in seinem berühmt gewordenen Spiegelstadium
die Entstehung des Ich explizit an das Gewahrweren des Bildes vom eigenen
Körper und die Identifizierung mit diesem Bild gebunden. Beim Spiegelstadium
erkennt das Kind nicht nur seinen Körper, sondern es erkennt sich in der
Gestalt seinen Körpers. Das Kind identifiziert sich mit diesem Bild des
Körpers als idealem Ich, weil der Körper im Spiegel einheitlicher und
vollendeter ist als das, was ihm sein Körper als Erfahrung vermittelt.
Da aber das, was das Kind im Spiegel erblickt, kein realistisches Abbild
seines Seins, sondern ein Idealbild ist, bedeutet die Verinnerlichung
dieses Bildes, sich selbst stets als nie erreichte Norm vor Augen zu haben.
Das Kind sieht sich im Spiegel, wie es sein sollte oder sein könnte und
als das ideale Selbst wie es von anderen gesehen wird. Die Spiegelerfahrung
ist dabei keine rein passiv entmächtigende, sondern das Kind entwirft
in diesem Akt der imaginären Spiegelung auch aktiv ermächtigend das eigene
Selbst und die eigene Identität. Aufgrund der kulturell-gültigen Weiblichkeitsvorstellung
erfährt dieses Stadium für die leibliche Sozialisation und Identitätsentwicklung
von Mädchen und Frauen eine herausragende Bedeutung. Selbstvergewisserung
der eigenen Identität ist in diesem narzisstischen Modus nur durch Annäherung
das ideale Selbstbild möglich. Ein solcher Modus der Identitätsbildung
impliziert beständige Selbstkontrolle, da sich nur so das Bild, das nach
außen hin vermittelt werden soll, kontrollieren lässt. Hier ergibt sich
eine Verbindung zur Lebensrealität von Frauen, in der die beständige Selbst-
und Körperkontrolle durch Diäten, Fitnesstraining und Schönheitschirurgie
einen so hohen Stellenwert einnimmt. Mittels dieser Körper-Techniken inszenieren
Frauen sich als Bodies bzw. Kunstkörper. Entsprechend verbinden sich für
Frauen mit dem eigenen Körper gegensätzliche Tendenzen: Einerseits ist
der eigene Körper ein Ort der Gefangenschaft und der Entfremdung, andererseits
das vorrangige Ausdrucks- und Kontrollmittel des eigenen Selbst. Begreift
man das Aussehen des eigenen Körpers als Darstellungsmedium der eigenen
Identität wird deutlich, dass, um eine gewisse Kontrolle über diesen Vorgang
zu gewinnen, das Aussehen des eigenen Körpers kontrolliert werden muss.
Dies bedeutet, die Oberfläche der haut, die Haare und die Form des eigenen
Körpers zu einer Verkleidung werden zu lassen, die nicht mehr abgelegt
werden kann. Schönheitschirurgie muss in diesem Spannungsverhältnis weiblicher
Identitätsbildung durch Verkörperung und Maskierung als Schauobjekt gesehen
werden. Indem die Klientinnen schönheitschirurgischer Maßnahmen ihren
Körper bewusst gestalten und wie ein "Kunst"-Objekt behandeln, kontrollieren
die sie das Bild das andere sich von ihrem Körper und ihrem Selbst machen
. Ist die Spaltung zwischen gesehenem Ich und (verinnerlichtem) Betrachter
in diesem Identitätsmodus nicht hintergehbar, kann die bewusste Gestaltung
des eigenen Körper als Akt von "empowerment", aktiver Selbstbestimmung
erlebt werden. Schön-heitschirurgische Patientinnen verkörpern damit das
Credo unserer spätmodernen Gesellschaft, nach der Mann und Frau jede Rolle
annehmen kann, alles sein und alles tun kann. Mit den modernen Körpertechniken
und besonders der Schönheitschirurgie wird "fast" jede Identität zumindest
als Bild erreichbar. Schönheitschirurgie enthält das Versprechen den eigenen
Körper und das eigene Ich so gestalten zu können, wie man sein möchte,
gerade dieser Aspekt macht einen Großteil ihrer gegenwärtigen Attraktivität
aus.
Literatur:
American Society of Plastic Surgeons (2002). Nearly 180,000 Women Receive
Health Benefits of Surgical Breast Procedures. Online im Internet: URL:
http://www.plasticsurgery.org (22.10.2002) Allensbach-Umfrage. (2001).Online
im Internet:URL: http://wwwstudienpreis.de/dsp/html/presse/allensbach2.htm
(29.11.2001)
Borkenhagen,A. (2003).Pygmalions Töchter: Weibliche Selbstinszenierung
mittels Schönheitschirurgie - Eine Studie mit dem Digitalen Körperfoto-Test
und qualitativen Interviewsequenzen an Brustreduktionspatientinnen. Psychosozial
26: 45-53.
Beck, U. (1995). Interview in Geo-Extra 1:90
Cash, T.F. (2001). An investigation of changes in body Image Followning
cosmetic surgery. Plastic and Reconstructive Surgery, 109, 370-371
Der Tagesspiegel (2003). Eine Million Operationen für schönere deutsche.
12. Juli 2003, Nr. 18176, S. 28
Giddens, A. (1991). Modernity and Self-Identity. Self and Society in the
Modern Age. Cambridge;Polity Press.
Glima, S.L. (1999).Making the Body beautiful. A culture history of aesthetic
searcherie. Princton: Univers. Press.
Lacan, J. (1991). Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion. Schriften
1. Hrsg.: N. Haas. Weinheim; Berlin: Quadriga (Original erschien 1966:
Stade du mirroir comme formateur de la function du moi)
Lehnert, G. (1996). Mode. Models. Superstars. Köln: Dumont
Menkes, S. (2001). Sieg der Schamlosigkeit, Vogue dt. Ausg., Januar Heft,
156-161
Rivie´re, J. (1994) : Weiblichkeit als Maskerade. In: Weissberg, L. (hrsg.):
Weiblichkeit als Maskerade. Frankfurt a.M.:Fischer, S. 34-47.
Rodim, J. (1993). Der Attraktivitätsterror: Die Zurichtung weiblicher
und männlicher Körper. In: Psychologie heute: 20
Dr. Ada Borkenhagen, email: Dr.Ada.Borkenhagen@t-online.de
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Der Fetisch Wa(h)re Schönheit - Jutta Franzen
1.
Seit dem späten 20. Jahrhundert ermöglicht die Technologie, dass der Körper
so wie er vorgestellt wird, durch den chirurgischen Schnitt hergestellt
werden kann. Das Muster "Natur" ist als konstitutive Bedingung überschritten
und bildet nur mehr eine Option in einer Vielfalt hybrider und temporärer
"Differenzfelder" (Donna Haraway) mit potentiellen Körper(bilder)n. Der
Körper wird als "Bild", i.e. durch die medial vermittelten Vorstellungen
dessen, was machbar ist, "erobert". (Martin Heidegger) "Man sieht also
Körper, weibliche, männliche Körper, kombinierbar ohne Ende, und was im
Bild kombinierbar ist, kann natürlich auch in der Wirklichkeit kombinierbar
sein."1
Die Normen "Wahrer Schönheit" sind dekonstruiert und können neu definiert
werden. Es ist eine Vielfalt möglicher und machbarer "Schnittmuster" von
Körpern eröffnet. Die leitende Frage lautet: "Wie will ich aussehen?"
2.
Von dieser Voraussetzung aus möchte ich zwei "Schnittstellen" betrachten,
an denen unter Einsatz aktueller (chirurgischer) Technologie Körper vor-
und hergestellt werden: Das Projekt "L'Art Charnel" der französischen
Multimediakünstlerin Orlan aus den neunziger Jahren und den anhaltenden
Trend zu einer "Schönheitschirurgie", die ich als "Fröhliche Chirurgie"
bezeichne. In beiden Schnittstellen werden Praktiken der Normierung, Abweichung
und Überschreitung körperlicher und geschlechtlicher Identitäten inszeniert,
die aber jeweils einem gegenläufigen Muster folgen: L'Art Charnel" hat
die Vielfalt der eröffneten "Differenzfelder" potentieller Körper(bilder)
in chirurgischen Performances als prinzipiell unendliche Abfolge temporärer
Interfaces ("Zwischengesichter") inszeniert. Diese Praktik der Dekonstruktion
und Neudefinition des "ready made" des eigenen Körpers will keine neuen
Standards "Wahrer Schönheit" oder körperlicher und geschlechtlicher Identität
setzen, sondern im radikalen (und blutigen) Diskurs öffentlich und stets
erneut die natürlichen wie die gesellschaftlichen Grenzen aufbrechen und
überschreiten. Die "Fröhliche Chirurgie" folgt einer Lebenskunst, die
"tapfer [ist] bei der Oberfläche, der Falte, der Haut stehen zu bleiben,
den Schein anzubeten."(Friedrich Nietzsche) Sie inszeniert die Körper(bilder)
als käufliche "Vorher"/"Nachher" Ereignisse ergebnis- und erfolgsorientiert
nach den Marktregeln "Wahrer Schönheit", die die gesellschaftlichen, ökonomischen
wie geschlechtlichen Beziehungen bestimmen. Die Wa(h)re Schönheit wird
zum Fetisch, indem ihr Wohlstand, Glück und Erfolg als Effekte zugeschrieben
werden und sie zugleich die Bedingungen ihrer gesellschaftlichen Normierung
verschleiert und einem öffentlichen und überschreitenden Diskurs entzieht.
Die Vielfalt, die die Technologie eröffnet hat, wird reduziert auf die
Frage: ""Wie muss ich aussehen wollen, um erfolgreich zu sein ?"
3.
Die französische Multimediakünstlerin Orlan2 beginnt im Mai 1990
unter dem Titel "La Réincarnation de Sainte Orlan" mit einer Performance-Serie
von plastischen Operationen in ihrem Gesicht, die sie bis 1999 fortsetzt.
"L'Art Charnel", wie Orlan die künstlerische Auseinandersetzung mit ihrem
Körper nennt, kehrt die christliche Metapher - "das Wort ward Fleisch"-
um: mit dem Schnitt in das Fleisch wird dieses zum Wort. Der Blick gilt
dem Körper als einem Text mit historischer und i.e. einer editierbaren
Grammatik. Orlan löst den chirurgischen Eingriff von der technisch- instrumentalen
Anpassung an Schönheitsideale oder bloßer Wieder-Herstellung. "L'art charnel
n'est pas contre la chirurgie esthétique, mais contre les standards qu'elle
véhicule et qui s'inscrivent [...] dans les chairs ." (Manifesto) Auch
wenn sie sich bei einigen Performances an Figuren der griechischen Mythologie
orientiert, übernimmt Orlan damit weder die entsprechenden Schönheitsideale
noch strebt sie eine mimetische Nachbildung an. Der Schnitt in das Fleisch
wird zur kreativen Aktion mit dem Ziel den eigenen Körper als Kunstwerk
zu schaffen. Das Fleisch ist Material, Leinwand, Software, in das Vorstellungen
eingeschrieben werden. "L'Art Charnel ne s'intéresse pas au résultat plastique
final, mais à l'opération-chirugicale-performance et au corps modifié."(Manifesto)
Der Körper wird zum hybriden System, das sich nicht über feste Grenzen,
sondern Differenzen und Transformation bestimmt. In diesem " neuen Spiegelstadium"
wird nicht das Begehren des Anderen begehrt, das den Körper als (schöne)
Einheit bestätigt, sondern begehrt wird immer wieder die Veränderung des
eigenen Körpers. Das Symbolische der Sprache, das in der "klassischen"
Spiegelsituation von außen hinzutritt, - "Spieglein, Spieglein an der
Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?"- liegt nun in den Optionen
des Körpers selbst. Er kann als symbolische Ordnung, als Text entziffert
und immer wieder in seinen Grenzen überschritten und neu geschrieben werden.
4.
Die Amerikanerin Cindy Jackson startet 1988 im Alter von 33 Jahren das
"Barbie Experiment", eine Serie von plastischen Operationen, deren Anzahl
mit bislang knapp 50 Eingriffen als Weltrekord gilt.3
Cindy geht es nicht um eine Kunst-Performance, sondern um eine Transformation
ihres Körpers mit alltagspraktischen Wirkungen innerhalb der gesellschaftlichen
Konventionen. Die "Fröhliche Chirurgie" will das "Happy End", das die
"Wa(h)re Schönheit" verspricht: Schönheit wird zum Erfolgsmuster für sozialen
Status und persönliches Glück, das als Ware erworben werden kann. Schönheit
als Wa(h)re wirkt als Fetisch, als ein käufliches Ding mit "wundersamen"
Wirkungen. Sie funktioniert in der Art einer "zweiten Natur", die nicht
mehr eine Option aufzeigt, sondern die Parameter für eine Vorstellung
von Schönheit vorgibt, denen in der Konkurrenz des Arbeits- und Beziehungsmarktes
folgen muss, wer erfolgreich sein will. Die Vielfalt, die die Technologie
in den Differenzfeldern eröffnet hat, wird zur Ideologie ihrer selbst,
indem sie auf die Schnittstelle von Angebot und Nachfrage einer marktorientierten
Produktpalette an Körper-Schnittmustern reduziert wird. Das "Happy End"
der "Fröhlichen Chirurgie", erweist sich als trügerisch: Gerade wenn und
solange diese gesellschaftliche Praktik der Fetischisierung der "wa(h)ren
Schönheit" funktioniert, erfordert sie den endlosen Einsatz von immer
wieder aktueller "frischer" Wa(h)re Schönheit. Denn "... Falten und hängende
Lider werden in manchen Berufen schon als Zumutung empfunden."4
1 A. Finkielkraut, Gespräch
"Das neue Menschenbild. Die Konstruktion des Humanen", 03.05.2000, ZKM
Karlsruhe, in: Carl Hegemann, (Hg.) Glück ohne Ende, Kapitalismus und
Depression II, Berlin, S. 25
2 Orlan hat ihre Arbeiten auf ihrer Website dokumentiert. Dort
findet sich auch das "Manifest" der "L'Art Charnel". http://www.orlan.net//
[Dez. 2003] Eine deutsche Übersetzung und kurze Werkübersicht bietet meine
Homepage http://www.digitaldiva.de/salon/orlan/orlanwork.html [Dez.2003]
3 Cindy Jackson stellt sich und ihre Operationen auf ihrer Homepage
vor: http://www.cindyjackson.com [Dez. 2003] cf. den Artikel von Carmen
Butta, Die handgemachte Frau, in: Zeit Dossier 02/2002 http://www.zeit.de/2002/02/Politik/print_200202_schoenheit.3.html
[Dez.2003]
4 Der Spiegel, 12/2000, 20. März 2000, http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,69499,00.html
[Dez 2003, kostenpflichtig]
Jutta Franzen, email: Jf@Digitaldiva.de
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Ästhetisierung von Androgynität im 18. Jahrhundert
Ästhetisierung des Selbst. Die Memoiren der Zarin Katharina der Großen
und der Fürstin Ekaterina Romanovna Daskova - Alina Tchernowa
1. Katharinas der Großen und Katharina Daschkowas Geschichte der Androgynität
1
Katharina die Große von Russland (1729 - 1796) und Fürstin Katharina R.
Daschkowa (1743 - 1810) verbinden ihre Selbstdarstellungen 2 mit
dem Konzept der Androgynität. Ihre Geschichte der Androgynität sieht folgendermaßen
aus: Das Leben der Großfürstin Katharina Alexejewna am Hofe Elisabeths
I ist maßgebend von Maskeraden 3 bestimmt. Die Palastrevolte im
Juni 1762 führt Katharina Alexejewna gemeinsam mit der Fürstin Katharina
R. Woronzowa - beide in die Uniform der Garderegimenter gekleidet - durch.
Nach 1763, d.h. der Kaiserkrönung Katharinas II, lassen beide von der
Idee der Verkleidung ab.
2. Androgynität & Welt
Für diese Geschlechtertauschgeschichten 4 sind verschiedene Ursachen
relevant. Erstens erfahren Katharina und Daschkowa die sie umgebende,
mit Zeremonien überladene und dementsprechend an Absurdität grenzende
Welt als eine fremde 5 , in der das "paraître" über dem "être"
steht. 6
Die Entfremdung von der Welt ist bei beiden Frauen mit Kulturformen weiblichen
Selbstentzugs 7 verbunden. Aus der fehlenden Mutter-Tochter-Beziehung
resultiert eine Suche nach neuen Vorbildern. Das Fehlen eines männlichen
Pendants in ihren Beziehungen stellt einen weiteren Grund für ihre Suche
nach einem Männerbild, welches sie durch ihre androgynen Auftritte neu
erschaffen, dar.
3. Androgynität & Performance 8
Die verschiedenen Formen der Geschlechterauschgeschichten lassen Androgynität
zur (Selbst)Performance werden. Die von Katharina bevorzugte heimliche
Verkleidung findet ihr öffentliches Pendant in den vielen, am Hofe Elisabeths
I und später ebenfalls am Hofe Katharinas II üblichen Maskeraden. Wobei
jedoch eine eindeutige und strenge Trennung zwischen männlich und weiblich
besteht. 9
In Daschkowas Memoiren wird eine dritte Form der Verkleidung genannt:
das "costume militaire". 10
Durch dieses Bild Katharinas und Daschkowas in Uniform wird das Bild der
Amazone evoziert. 11
4. Androgynität & Lebensentwurf
Androgynität hat eine auf eine konkrete Lebenssituation zugeschnittene
Funktionaltät und bedeutet nicht mehr nur Verkleiden, sondern auch Verstellen
der Weiblichkeit. 12
Trotz oder auf Grund der "Querelle des femmes", d.h. der Diskussion um
die Neubestimmung der gesellschaftlichen und sozialen Rolle der Frau,
erfolgt im 18. Jahrhundert eine Trennung zwischen Männer- und Frauenwelt.
Es ist durchaus nicht logisch, dass einige Frauen - indem sie bestimmte
Tätigkeiten übernehmen - analog dem "homme du monde" in der Rolle einer
"femme du monde" leben. Dem Bild der "femme du monde" will auch Daschkowa
entsprechen. Als Beispiel dienen ihr zwei Szenen: zum Einen erlaubt Friedrich
der Große ihr, an seinen Militärparaden teilzunehmen; zum Anderen wird
sie 1783 Präsidentin der Petersburger Akademie der Wissenschaften, wobei
sie in ihrer Antrittsrede die Männerwelt parodiert. Dabei erfolgt keine
die Weiblichkeit verhüllende Verkleidung, d.h. Vermännlichung. Im Gegenteil,
indem Daschkowa sichtbar als Frau in die Männerwelt eindringt, wird sie
von den Männern umso mehr als Frau empfunden. Neben der Erweiterung des
Tätigkeitsbereiches hat Androgynität die Aufgabe, Katharina und Daschkowa
die Imitation ihrer Ideale zu ermöglichen: Katharinas Idealperson ist
Elisabeth I und Daschkowas Idealperson ist Katharina II. Indem Katharina
außerhalb der Maskenbälle ein männliches Kostüm für sich wählt als auch
ihre Maxime, "Impératrice souveraine de la Russie" 13 zu werden,
betont, imitiert sie sowohl Elisabeths Männlichkeit als auch deren Status,
d.h. Symbolisierung der Macht. 14
Dass Daschkowa ihr Ideal in Katharina gefunden hat, wird in ihrer Bezeichnung
Katharinas als "être privilégié" 15 sowie in der Hervorhebung Katharinas
"supériorité naturelle" 16 deutlich. Durch die Imitation Katharinas
Handelns - d.h. Anziehen der Gardeuniform während der Palastrevolte -
will auch sie ihrem Ideal näher und ähnlicher sein. Durch das Anlegen
der männlichen Kleidung wandelt sich Katharinas und Daschkowas Beziehung:
die für das 18. Jahrhundert typische Frauenfreundschaft wird in Katharinas
"Lettres et billets à la princesse Dachkova" erotisiert. Im Brief ? XXXII
verbindet Katharina mit dem Bild der Androgynität den Aspekt der Erotik,
wenn sie Daschkowa als einen "beau cavalier" 17 und "amant passionné"
18 bezeichnet. Fälschlicherweise werden in einer anachronistischen
Betrachtungsweise die in Daschkowas Memoiren dargestellten sogenannten
Bettszenen als Darstellung der Erotik zwischen beiden Frauen interpretiert.
19
Eine Art von Beziehung, die oftmals als "Homoemotionalität" bezeichnet
wird. 20
In diesem Kontext ist auch die Darstellung ihrer Charaktereigenschaften
zu sehen: Dabei orientieren sie sich am männlichen Ideal der "honnetêté"
und des "honnête homme". Diese Idealvorstellungen männlicher Tugend können
sie jedoch nur unter der Bedingung realisieren, dass sie sich von ihrem
Frau-Sein entfernen und das Mann-Sein imitieren. 21
Daschkowa betont in ihren Memoiren mehrmals, dass sie immer die "idée
d'une rôle" 22 im Leben gehabt habe. Nach 1763 verabschieden sich
Katharina und Daschkowa vom Bild der Androgynität. Denn der Zweck, d.h.
Selbstverwirklichung beider Frauen in der Männerwelt, ist erreicht. Katharina
wird 1763 Zarin, d.h. zum Symbol der Macht. Daschkowa wird 1783 nach mehreren
Auslandsreisen Präsidentin der Petersburger Akademie der Wissenschaften.
5. Zusammenfassung: " Schön oder hässlich?"
Die Frage, ob Normierung, Abweichung und Überschreitung geschlechtlicher
Identitäten von Katharina und Daschkowa als schön oder hässlich angesehen
wird, läßt sich nur in Zusammenhang mit der Betrachtung der Funktionalität
von Androgynität beantworten. Für beide Frauen ist Androgynität mit dem
Konzept eines weiblichen Lebensentwurfes verbunden. Sind anfänglich für
diesen männliche Lebensentwürfe als Maßgabe von Bedeutung, so verlieren
sie diese nach Katharinas und Daschkows Selbstverwirklichung. Beide gehen
über die Funktionalisierung von Androgynität hinaus, wenn sie im Sinne
des "l'art pour l'art" das "déguisement pour le déguisement" mit einem
ästhetischen Schönheitsanspruch verbinden.
1 A. Aurnhammer, Androgynie.
Studien zu einem Motiv in der europäischen Literatur, Köln / Wien 1986.
2 Katharina die Große, Avtobiograficeskija Zapiski, in: Socinenija
imperatricy Ekateriny II, auf der Grundlage der Manuskripte herausgegeben
und mit Anmerkungen versehen vom Akademiker A.N. Pypin, Bd. 12, Sankt
Peterburg 1907. - K.R. Daschkowa, Mémoires de la princesse Dashkoff, Dame
d'honneur de Catherine II, herausgegeben von Pascal Pontremoli, Paris
1966. - K.R. Daschkowa, Mémoires de la princesse Daschkoff. Mon Histoire.
Mémoires d'une femme de lettres russe à l'époque des Lumières. Suivis
des lettres de l'impératrice Catherine II, herausgegeben und mit Anmerkungen
versehen von Alexandre. Woronzoff-Daschkoff, Catherine Le Gouis, Catherine
Woronzoff-Daschkoff, Vorwort von Francis Ley, Paris / Montréal 1999.
3 Katharina die Große, Rasporjaženie o pridvornom maskarade, in:
Zapiski Imperatricy Ekaterina Vtoroj, perevod s podlinnika, izdannogo
Imperatorskoj Akademii Nauk, reprintnoe vosproizvedenie izdanija 1907
goda, Moskva 1989, S. 668-669. - C. Schnitzer, Höfische Maskeraden. Funktion
und Ausstattung von Verkleidungsdivertissements an deutschen Höfen der
Frühen Neuzeit, Tübingen 1999.
4 B. Hurrelmann / M. Kublitz / B. Röttger (Hrsg.), Man müßte ein
Mann sein ...?: Interpretationen und Kontroversen zu Geschlechtertausch-Geschichten
in der Frauenliteratur, Düsseldorf 1987.
5 H. Barth, Über die Idee der Selbstentfremdung des Menschen bei
Rousseau, in: H.-H. Schrey (Hrsg.), Entfremdung, Darmstadt 1975, S. 3-26.
6 M. Moravetz, Formen der Rezeptionslenkung im Briefroman des 18.
Jahrhunderts. Richardsons "Clarissa", Rousseaus "Nouvelle Héloïse" und
Laclos' "Liaisons dangereuses", Tübingen 1990.
7 C. Honegger / B. Heintz (Hrsg.), Listen der Ohnmacht: zur Sozialgeschichte
weiblicher Widerstandsformen, Frankfurt am Main 1984.
8 E. Bettinger / J. Funk (Hrsg.), Maskeraden. Geschlechterdifferenz
in der literarischen Inszenierung, Berlin 1995. - G. Lehnert, Maskeraden
und Metamorphosen. Als Männer verkleidete Frauen in der Literatur, Würzburg
1994.
9 M. Dinges, Der >feine Unterschied<. Die soziale Funktion der
Kleidung in der höfischen Gesellschaft, in: Zeitschrift für Historische
Forschung, 19 (1992), S. 49-76.
10 K. R. Daschkowa, Mémoires, S. 70 und 64. (Anm. 3)
11 J.T. Alexander, Amazon Autocracies. Images of Female Rule in
the Eighteenth Century, in: P. Barta (Hrsg.), Gender and Sexuality in
Russian Civilization, London 2001, S. 33-54.
12 R. Dekker / L. van de Pol, Frauen in Männerkleidern. Weibliche
Transvestiten und ihre Geschichte, mit einem Vorwort von Peter Burke,
aus dem Niederländischen von Maria-Theresia Lenker, Berlin 1990.
13 Katharina die Große, Avtobiograficeskija Zapiski, S. 270. (Anm.
3)
14 "[…] que tôt ou tard je parviendrai à devenir Impératrice souveraine
de la Russie de mon clef" in Katharina die Große, Zapiski, S. 227. (Anm.
3) - "Je me levois à trois heures du matin et m'habillois moi-même de
pied en cap en habit d'homme […]" in Ebd., S. 260f. (Anm. 3)
15 "être privilégié par la nature au-dessus de tous les autres"
in K.R. Daschkowa, Mémoires, S. 26. (Anm. 3)
16 Ebd., S. 250. (Anm. 3)
17 K.R. Daschkowa, Mon Histoire, S. 238. (Anm. 3)
18 "Comme je m'habillais là [sic], parce que je ne voulais point
aller en habit d'homme encore par la ville. Je vous conseille d'y aller
tout droit, aussi bien ne vous prendrai-je point dans mon carrosse pour
qu'on ne prenne ce beau cavalier réellement pour un amant passionné.",
in Ebd.. (Anm. 3)
19 L. Faderman, Surpassing the Love of Men: Romantic Friendship
& Love between Women from the Renaissance to the Present, New York 1998.
- W. Mauser / B. Becker-Cantarino (Hrsg.), Frauenfreundschaft - Männerfreundschaft:
literarische Diskurse im 18. Jahrhundert, Tübingen 1991.
20 E. Meyer-Krentler, Freundschaft im 18. Jahrhundert. Zur Einführung
in die Forschungsdiskussion, in: W. Mauser / B. Becker-Cantarino (Hrsg.),
Frauenfreundschaft-Männerfreundschaft. Literarische Diskurse im 18. Jahrhundert,
Tübingen 1991. S. 1-22, hier S. 14.
21 L. von Weißberg (Hrsg.), Weiblichkeit als Maskerade, Frankfurt
am Main 1994.
22 "une idée du rôle que j'avais à remplir", in K.R. Daschkowa,
Mémoires, S. 181. (Anm. 3)
Alina Tchernowa, email: tchernov@freenet.de
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Schöne Kämpfer und hässliche Opfer? Körperstereotypien im antifaschistischen
Diskurs der DDR - Martina Ölke
Wohl kein Text zum Thema Nationalsozialismus hat in der ehemaligen DDR
eine so enorme Wirkung entfaltet wie Bruno Apitz' zum Teil auf authentischen
Begebenheiten beruhender Roman Nackt unter Wölfen (1958).1
Er wurde in über zwei Millionen Exemplaren verbreitet, war Schullektüre,
wurde medial vervielfältigt (1958 2 als Hörspiel, 1960 als Fernsehspiel
und 1963 als DEFA-Film), zudem wurde er in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald
visuell ins kollektive Erinnern überführt.3
Man kann also davon ausgehen, dass der Apitz-Roman in entscheidender
Weise am DDR-"Gründungsmythos" (Münkler) Antifaschismus mitgeschrieben
hat.4
Im Folgenden soll untersucht werden, mit welchen Strategien der antifaschistische
Gründungsmythos im Apitz-Roman konstruiert wird. Die Konstituierung des
neuen (antifaschistisch-kommunistischen) Gemeinschaftskörpers verläuft
offensichtlich über den systematischen Ausschluss von allen als fremd,
anders, krank und hässlich konnotierten Elementen, also in erster Linie
der weiblichen und jüdischen Anteile. In diesem 'Reinigungsprozess' spielen
Körperinszenierungen eine große Rolle. Das Ideal des kommunistischen Kollektivkörpers
basiert in Apitz' Roman auf (heldenhaften) Bildern vom soldatischen, gesunden,
schönen, männlichen, 'arischen' Körper, während davon divergierende Anteile,
also alles 'Unreine', 'Kranke', 'Weiblich-Schwache' etc., abgetrennt werden
müssen. 5
Die folgenden Thesen werden vor allem im Rückgriff auf Christina von
Brauns und Sander L. Gilmans Untersuchungen über den Begriff Reinheit
und über die Assoziierung von Juden (und anderen 'Anderen') mit Unreinheit
und Krankheit entwickelt.6 Die jüdischen Häftlinge werden durchgängig
mit Metaphern des Kranken, Unreinen und Hässlichen umgeben - eine Typisierung,
die an tradierte kulturelle Codierungen anknüpft. Dies belegt in deutlicher
Weise die metaphorische Sprache des Erzählers ("Wie aufbrechende Geschwüre
gaben die Wagen ihren Inhalt [= die Juden] von sich." [NuW 11] 7 ).
Die Körper der politischen Häftlinge werden im Gegensatz zu den jüdischen
Häftlingen - und auch im Gegensatz zu den SS-Leuten - als gesund, schön
und sportlich dargestellt: Im Baderaum ging Leonid Bogorski [ein russischer
Häftling] zwischen den Brausen hin und her und musterte die Zugänge. Er
war nur mit einer dünnen Drillichhose bekleidet, und an den Füßen trug
er Holzpantinen. Sein athletischer Oberkörper glänzte vom Wasser. [NuW
16, Herv. M.Ö.] Hier sind zwei Dinge interessant: Zum einen die stereotype
Beschreibung des "athletischen Oberkörpers", der zudem durch den angedeuteten
Wet-Effekt erotisiert erscheint, zum anderen wird der Blick Bogorskis
mit dem Wort 'mustern' in einen militärischen Kontext gerückt. Im Gegensatz
dazu werden die Blicke des Juden Jankowski stets nur als 'unruhig schweifend'
und 'umherirrend' gekennzeichnet [NuW 17 u.ö.], und auch in Bezug auf
die SS-Leute ist wiederholt von deren eingeschränkter Sehfähigkeit bzw.
von deren kranken Augen die Rede (phallische Konnotation des Blicks).
Stichwortartig lassen sich die Zuschreibungen folgendermaßen summieren:
| kommunistische Häftlinge |
jüdische Häftlinge |
| gesund-strotzend |
krank, hässlich, unrein |
| männlich-hart |
ängstlich-schwach |
| Teil des gemeinsamen Widerstands; Solidarität |
undifferenzierte Masse; kein Zusammenhalt |
| Kämpfer |
Opfer |
| Subjekt der Schilderung (Blick) |
Objekt der Schilderung |
Diese Dichotomisierung wird ausgeweitet auf weitere Figuren/-gruppen des
Textes:
1. Der politische Häftling August Rose wird als Verräter gekennzeichnet
und - konsequente Umsetzung der Bildlichkeit - als alt und hässlich, nämlich
bucklig, geschildert [NuW 242].
2. Auch die SS-Leute werden beinahe durchweg als angekränkelt, hässlich,
minderwertig oder 'unmännlich' dargestellt. Das Spektrum der Zuschreibungen
reicht über ungesunde "trübe" Augen [NuW 39], über "kurzsichtige[n], arg
entzündete[n] Augen" [NuW 39], über den "hohlen Brustkasten" [NuW 46],
über einen generell "untrainierten Körper" [NuW 104] bis hin zu der fast
stereotyp geschilderten homosexuellen Erscheinung eines SS-Mannes.8
3. Weiblichkeitsbilder: Die zwei Frauen, die die ansonsten rein männliche
Konfiguration auflockern dürfen, sind nach der Dichotomie 'Heilige' versus
'Hure' gestaltet. 'Hure' ist Hortense, Frau eines SS-Mannes, die trotz
ihres lebensverheißenden Namens nicht nur unfruchtbar ist, sondern auch
zum Todesengel für das versteckte Kind wird [NuW 104-108, 205]. Sie ist
mit ihrem Namen darüber hinaus durch ein semantisches Merkmal mit dem
Verräter Rose verbunden, ebenfalls Träger eines 'blumigen' Namens. 'Heilige'
ist dagegen die Frau des politischen Häftlings Höfel, die nicht leibhaftig
auftritt, sondern nur in Form einer Lichterscheinung, die Höfel daran
gemahnt, das Kind zu retten [NuW 37]. Allerdings irritiert ihr Name: Dora.
Wenn man an das berüchtigte Buchenwald-Außenlager Mittelbau-Dora denkt,
bekommt hier auch die engelhafte Erscheinung zumindest Anklänge an einen
Todesengel.9
Der Text bleibt jedoch nicht allein bei dieser Dichotomisierung stehen,
vielmehr entwirft er ein Szenario der 'Selbstreinigung' ("Buchenwald brauchte
Luft" [NuW 52]): Voller Lebendigkeit sprach Bogorski auf Krämer ein [zwei
politische Häftlinge] [...]. Die Transporte, meinte er, müßten so zusammengestellt
werden, daß den Faschisten nur immer die politisch und moralisch unzuverlässigsten
Elemente des Lagers überlassen werden sollten. Das Lager habe sich zu
reinigen. [NuW 362, Herv. M.Ö.] Das Lager wird also als organische Einheit
begriffen, als Körper, der sich von den 'unzuverlässigen', 'schwächenden'
Elementen zu reinigen habe, um das Ziel, die antifaschistische Befreiung,
erreichen zu können. Die Selektion von Tausenden von Juden wird daher
auch kaum zufällig mit einem (im Grunde heilbringenden) Aderlass verglichen:
Und in diese Masse hinein stürzten [...] die Block- und Kommandoführer
und prügelten und zerrten aus den Reihen [der Häftlinge] alles heraus,
was dem Aussehen nach ein Jude sein konnte. Die Blocks wichen nicht, aber
sie wogten wie Ährenfelder. [...] In kurzer Zeit waren Tausende jüdischer
Häftlinge aus den Blocks herausgeknüppelt worden und zum Tor gejagt. Hier
drängten sie sich, vom fiebernden Summen der Erregung zusammengehalten.
[...] Das Wogen in den Reihen ließ nach, und die Blocks standen erschöpft,
als hätten sie Blut von sich gegeben. [NuW 360f., Herv. M.Ö.] Ebenso wie
die Körpermetaphorik ('Aderlass') irritiert an dieser Stelle das organische
Bild der 'wogenden Ährenfelder'. Dieses mit Vitalität, Fruchtbarkeit und
Nahrung konnotierte Bild kontrastiert deutlich mit der Todesszenerie im
Lager und stellt ebenfalls einen Verweis auf die letztlich lebensverheißende
Grundstimmung dieser Selektion dar. Die programmatische 'Selbstreinigung'
des Lagers vollzieht sich sodann exemplarisch am Zentralmotiv des Romans,
am versteckten Kind. Dieses Kind wird in einem ersten Schritt mehrfach
von seiner jüdischen Herkunft abgetrennt, bevor es von der neuen Gemeinschaft
der kommunistischen 'Väter' adoptiert wird. Zugleich wird das Kind zum
stellvertretenden Träger des Reinigungsprozesses. Es wird, so lässt sich
die Abfolge seiner Verstecke (Seuchenbaracke, Abfallkübel mit infektiösen
Verbänden, Schweinestall) deuten, rituell eingetaucht in Schmutz und Krankheit,
um schließlich gereinigt und gewissermaßen neu geboren in die stabilisierte
Gemeinschaft zurückzukehren. Christina von Braun hat in ihrer Untersuchung
zum Begriff Reinheit festgestellt, dass solche Stellvertreter-Zeremonien
häufig Teil der Selbstvergewisserung einer Gesellschaft sind.10
Kaum zufällig tritt das Kind nun auch kaum mehr selbst in Erscheinung,
es ist gewissermaßen in Schmutz und Krankheit verschwunden. Überhaupt
wird es, wenn es einmal genauer beschrieben wird, nur mit Tiermetaphern
in Verbindung gebracht [NuW 23, 25]. Den Menschenstatus muss es sich durch
die symbolische Reinigung erst erwerben, wobei im Prozess seiner eigenen
Konstituierung zugleich die neue Gemeinschaft, der 'Kollektivkörper',
geboren wird. Im Moment des Aufstands der Häftlinge wird daher das Kind
aus seinem Versteck befreit und vom Dreck gereinigt. Zugleich vollzieht
sich die Geburt der neuen Gemeinschaft: Einer für alle, alle für einen!
[...] Das nahende Ende schmolz das Bewußtsein aller in eins zusammen.
[NuW 321] Der Krieg schickte seine Wehen über das Lager und schüttelte
es. [...] Die hin und her getriebene Masse glich einem Riesenleib, der
[...] aus tausend Wunden blute[t] [...]. [NuW 391] Nachdem sich die entstehende
Gemeinschaft also über die stellvertretende Reinigungszeremonie gefestigt
hat, steht am Ende des Romans dann der neugeborene, männlich-kommunistische
Kollektivkörper, der die Identifikationsbasis für den neuen Staat bietet.
Genau diese Erweiterung des Bezugsrahmens hin zur Gegenwart wird im DDR-Fernsehspiel
(1960) visuell umgesetzt: Am Ende wird hier ein symbolträchtiger kräftiger
Händedruck zwischen Bochow, dem Anführer der deutschen Kommunisten, und
Bogorski, dem Sprecher der sowjetischen Häftlinge, in der Totale gezeigt.
Diese Großaufnahme erinnert sicherlich nicht zufällig an das Emblem der
SED. Der Händedruck im Lager wird somit zur direkten Vorstufe (und damit
zur Legitimation) der späteren Einheitspartei, des Staates DDR und des
Projekts der deutsch-sowjetischen Freundschaft. Die Vergangenheit wird
also in die Gegenwart transformiert und erhält legitimatorisches, sinn-
und identitätsstiftendes Potential.
1 Dokumentiert bei: I. Hähnel, E. Lemke, Millionen
lesen einen Roman. Bruno Apitz' Nackt unter Wölfen, in: I. Münz-Koenen
(Hg.), Werke und Wirkungen. DDR-Literatur in der Diskussion, Leipzig 1987,
S. 21-60.
2 Hähnel und Lemke (Ebd., S. 21) geben als Entstehungsjahr des
Hörspiels 1959 an, das Deutsche Rundfunkarchiv in Potsdam-Babelsberg nennt
dagegen als Erstsendetermin des Hörspiels den 14.9.1958.
3 Die 1958 eröffnete Gedenkstätte wies am Gebäude der ehemaligen
Effektenkammer namentlich auf Stefan Jerzy Zweig hin, zudem nahm auch
Fritz Cremer in seine Buchenwald-Plastik die Figur eines Kindes mit auf.
4 Die offizielle DDR versuchte, ihre Identität und Legitimität
durch ein System an historischen Mythen zu stabilisieren. Zentrale Funktion
erhielt dabei der "Gründungsmythos" des antifaschistischen Widerstands.
Die DDR verortete sich in dieser positiv-kämpferischen Tradition, wohingegen
ein Fortbestehen faschistischer Strukturen auf Westdeutschland projiziert
wurde. Zudem fand im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus eine
deutliche Hierarchisierung statt. Säuberlich geschieden wurde zwischen
den 'Kämpfern' gegen den NS und den 'Opfern', also denjenigen, die etwa
aus rassischen Gründen verfolgt worden waren. Mit dieser Hierarchisierung
wurde auch von staatlicher Seite ein (latenter) Antisemitismus fortgeschrieben.
Literatur (Auswahl): H. Münkler, Antifaschismus und antifaschistischer
Widerstand als politischer Gründungsmythos der DDR, in: Aus Politik und
Zeitgeschichte, 45 (1998), S. 16-29; E. Burgauer, Zwischen Erinnerung
und Verdrängung - Juden in Deutschland nach 1945, Reinbek bei Hamburg
1993, S. 137-264; Y. M. Bodemann, Gedächtnistheater. Die jüdische Gemeinde
und ihre deutsche Erfindung, Hamburg 1996; S. Th. Arndt, H. Eschwege,
P. Honigmann, L. Mertens (Hg.), Juden in der DDR. Geschichte, Probleme,
Perspektiven, o.O. 1988.
5 Sander L. Gilman hat in seiner Untersuchung Rasse, Sexualität
und Seuche auf den Zusammenhang zwischen Stereotypen vom (kranken oder
gesunden) Körper und Gruppenidentität hingewiesen. S. L. Gilman, Rasse,
Sexualität und Seuche. Stereotype aus der Innenwelt der westlichen Kultur,
Reinbek bei Hamburg 1992, S. 17 und S. 19.
6 C. von Braun, 'Der Jude' und 'das Weib'. Zwei Stereotypen des
'Anderen' in der Moderne, in: Metis, 2 (1992), S. 6-28; dies., Zum Begriff
der Reinheit, in: Metis, 11 (1997), S. 7-25; dies., Der sinnliche und
der übersinnliche Jude, in: S. L. Gilman, R. Jütte, G. Kohlbauer-Fritz
(Hg.), 'Der schejne Jid'. Das Bild des 'jüdischen Körpers' in Mythos und
Ritual, Wien 1998, S. 97-108. Weiterhin: S. L. Gilman: 'Die Rasse ist
nicht schön' - 'Nein, wir Juden sind keine schöne Rasse!', in: 'Der schejne
Jid'. Das Bild des 'jüdischen Körpers' in Mythos und Ritual, Wien 1998,
S. S. 57-74; M. Rüthers, 'Muskeljuden' und 'weibische Juden', in: H. Haumann
(Hg.), 'In Basel habe ich den Judenstaat gegründet'. Der erste Zionistenkongreß
von 1897 - Ursachen, Bedeutung, Aktualität, Basel u.a. 1997, S. 320-323.
7 Seitenangaben in eckigen Klammern mit dem Kürzel "NuW" beziehen
sich im Folgenden auf folgende Ausgabe: Bruno Apitz, Nackt unter Wölfen.
Roman, Berlin 21999 (= Aufbau- Taschenbuch).
8 "Reineboth stach durch sein gepflegtes Äußeres [...] ab. Der
eitle Jüngling liebte seine elegante Erscheinung sehr. Ein rosiger Hauch
auf der Haut und die wie gepudert erscheinende Unterpartie des Gesichts,
auf der auch nicht der Schimmer eines Bartwuchses zu sehen war, gaben
Reineboth das Aussehen eines Operettenbuffos [...]." [NuW 44]
9 Noch heute führt die Interessenvertretung der Häftlinge den Namen
"Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora".
10 C. von Braun, Zum Begriff der Reinheit (Anm. 6), S. 10f.
Literatur:
B. Apitz, Nackt unter Wölfen. Roman, Berlin 21999.
S. Th. Arndt, H. Eschwege, P. Honigmann, L. Mertens (Hg.), Juden in der
DDR. Geschichte, Probleme, Perspektiven, o.O. 1988. Y. M. Bodemann, Gedächtnistheater.
Die jüdische Gemeinde und ihre deutsche Erfindung, Hamburg 1996.
Ch. von Braun, 'Der Jude' und 'das Weib'. Zwei Stereotypen des 'Anderen'
in der Moderne, in: Metis, 2 (1992), S. 6-28. Dies., Zum Begriff der Reinheit,
in: Metis, 11 (1997), S. 7-25.
Dies., Der sinnliche und der übersinnliche Jude, in: S. L. Gilman, R.
Jütte, G. Kohlbauer-Fritz (Hg.), 'Der schejne Jid'. Das Bild des 'jüdischen
Körpers' in Mythos und Ritual, Wien 1998, S. 97-108.
E. Burgauer, Zwischen Erinnerung und Verdrängung - Juden in Deutschland
nach 1945, Reinbek bei Hamburg 1993.
S. L. Gilman, Rasse, Sexualität und Seuche. Stereotype aus der Innenwelt
der westlichen Kultur, Reinbek bei Hamburg 1992. Ders., 'Die Rasse ist
nicht schön' - 'Nein, wir Juden sind keine schöne Rasse!', in: S. L. Gilman,
R. Jütte, G. Kohlbauer-Fritz (Hg.), 'Der schejne Jid'. Das Bild des 'jüdischen
Körpers' in Mythos und Ritual, Wien 1998, S. 57-74.
I. Hähnel, E. Lemke, Millionen lesen einen Roman. Bruno Apitz' Nackt unter
Wölfen, in: I. Münz-Koenen (Hg.), Werke und Wirkungen. DDR-Literatur in
der Diskussion, Leipzig 1987, S. 21-60. H. Münkler, Antifaschismus und
antifaschistischer Widerstand als politischer Gründungsmythos der DDR,
in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 45 (1998), S. 16-29.
M. Rüthers, 'Muskeljuden' und 'weibische Juden', in: H. Haumann (Hg.),
'In Basel habe ich den Judenstaat gegründet'. Der erste Zionistenkongreß
von 1897 -Ursachen, Bedeutung, Aktualität, Basel u.a. 1997, S. 320-323.
Dr. Martina Ölke, email:
oelke@deutsch.fb15.uni-dortmund.de
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Schönheit der Scham, Hässlichkeit der Wollust. Konstruktion und
Subversion geschlechtlicher Identitäten im pornografischen Film -
Enrico Wolf
Zum Begriff des Schönen
Pornografie und der ästhetische Begriff des Schönen zeigen Parallelen
in ihrer definitorischen Problematik. Hört man bei Definitionsversuchen
der Pornografie oft den Satz ‚Ich erkenne sie, wenn ich sie sehe'1,
so scheint auch für den Begriff der Schönheit das Element des nicht Beschreibbaren
konstitutiv. Schönheit ist, diskursiv, sie ist historisch veränderlich.
Wie lässt sich Schönheit nun mit filmwissenschaftliche Theoremen fassen?
Schönheit im (pornografischen) Film
Wohl kaum ein anderes Medium liefert uns eindrucksvollere Vorstellungen
von der menschlichen Physiognomie als der Film. Die Faszination von Bild
und Bewegung, der motion pictures, fesseln seit nunmehr über hundert Jahren
die Menschen. Die abstrakte ästhetische Kategorie der Schönheit verdient
beim Medium Film eine eigene Betrachtungsweise. Ist der Film doch auf
ganz besondere Art ein anthropozentrisches Medium. Der kinematografische
Körper ist kein Abbild, sondern eine ästhetische und soziale Konstruktion
mit physisch-psychischem Ausdruckspotenzial.2
Der sich im filmischen Bild neu zusammensetzende Körper verweist in seiner
Konstruktion auf Konzepte der Parzellisierung, Diskontinuität und Reduktion
als Determinanten des filmischen Schauspielens.3
Für eine filmwissenschaftliche Konzeptionalisierung des Begriffes der
Schönheit sind jedoch rezeptionsbezogene Theorien des Filmschauspielens
wesentlich interessanter. Gemeint ist damit die Analyse der Darstellung,
unabhängig von der Produktion durch den SchauspielerIn. Die Aufgabe wäre
hier eine "Bestimmung der narrativen und präsentativen Funktionen des
Darstellens und des Dargestellten". Nun treffen wir an dieser Stelle auf
einen seit der Kunsttheorie des Films der zwanziger Jahre unbewältigten
Konflikt. Wie nämlich der Film als Zwittermedium, welches Bild und Erzählung
vereint, ästhetisch zu fassen wäre. Es besteht ein grundsätzlicher Unterschied
zwischen textueller und visueller Logik. Im Medium Film treffen die ästhetischen
Bezugssysteme Bild und Text aufeinander. Sie scheinen schwer vereinbar
was in einer mangelnden formalen Einheit resultiert.4
Der filmische Erzählprozeß integriert das mimische, gestische und proxemische
(das auf den Körper bezogene) Handeln des Schauspielers. Narrative Elemente
sind relativ leicht zu fassen. Elemente des Präsentischen, Nichtnarrativen
im Film wollen Emotion oder sinnlichen Ausdruck vermitteln, stehen quer
zum Erzählfluß und halten diesen oft an.5
Hier sind physiognomische Elemente von entscheidender Bedeutung. Ausstrahlung,
Schönheit, Attraktivität manifestieren sich gerade in diesen präsentischen
Momenten des Films, korrespondieren aber paradoxerweise mit einer gewissen
Bedeutungsleere. Im Sinne filmischer Narration tragen sie keine Bedeutung.
Ihre Bedeutung erhalten sie erst im Kontext, z. B. durch filmische Syntagmen
der Montage. Der Körper wird demnach im Prozess filmischen Verstehens
imaginär aufgeladen und zum Träger einer schwer fassbaren versinnlichten
Bedeutung. Doch wie generiert sich diese Bedeutung, oder anders gefragt:
womit wird diese Leerstelle aufgefüllt? Hier kommen kulturelle Konzepte
wie Vorstellungsvermögen, kulturell verankerte Erklärungs- und Deutungsmuster
usw. zum Tragen. Für Schönheitsmuster sind kulturhistorisch insbesondere
die aus den physiognomischen Theorien entwickelten Vorurteilstrukturen,
die uns glauben machen, zu wissen wie sieht das Böse, das Gute, das Kranke,
das Schöne etc. aus, relevant. Der filmische Körper kann in seiner Ganzheitlichkeit
als Analogon zur Person angenommen werden, als fragmentierter unterliegt
er zwangsläufig der Tendenz zum Objektstatus und zur Fetischisierung.6
Diesen Objektstatus macht sich der pornografische Film in besonderer Weise
zum Nutzen. Sein Inhalt bezieht sich auf die Thematisierung körperlicher
Geschlechtlichkeit, die die soziale Grammatik des lebendigen Körpers im
Film zugleich konstruiert und subversiert. Der filmspezifischen Nacktheit
des Körpers im Porno widerfährt dabei eine gleiche Differenzierung wie
der Bekleidung. Körper werden anhand gängiger Dichotomien als gesunde
und kranke, richtige und falsche, alte und junge, schöne und hässliche,
oder männliche und weibliche präsentiert.7
Welche Verbindungen gibt es nun zwischen Geschlecht und Schönheit? Schönheit
meint zuerst immer weibliche Schönheit. Wie der Begriff des "schönen Geschlechts"
belegt, verweisen die traditionellen Assoziationen auf die im Vordergrund
stehende ästhetische Bewertung der physischen Attribute der Frau. Die
Idealisierung der weiblichen Schönheit verweist auf den Bereich der geist-
und sprachlosen Natur, der Bild- und Dingwelt.8
Insbesondere die Frauenforschung hat die Strategien der Unterwerfung des
Weiblichen in pornografischen Darstellungen beschrieben und analysiert.
Die stringente männliche Perspektive des pornografischen Films ist unbestreitbar
und kritisch zu bewerten. Interessant ist hier die Objektivierung des
Begehrens, die sich zum Beispiel am Objekt der Frau, an Körperteilen oder
Fetischen festmacht. Hier lassen sich geschlechtsspezifische Visionen
oder unterschiedliche moralische und ästhetische Vorstellungen differenzieren.9
Ich möchte an zwei Beispielen diesen Vorgang erläutern: zum einen am Bild
der alten Frau und zum anderen am Bild der fettleibigen Frau. Beide Diversifikationskategorien
machen sich in stringenter Weise am weiblichen Körper fest und stehen
im deutlichen Gegensatz zu den gültigen Normen weiblicher Schönheit (jung
und schlank). Altern ist ein scheinbar "weibliches Problem". Die durchschnittlich
höhere Lebenserwartung, ökonomische Abhängigkeit, wirtschaftliche Benachteiligung
führen zu kultureller Stigmatisierung und gesellschaftlicher Marginalisierung
des Alters. Frauen scheinen unvorteilhafter zu altern als Männer ("der
interessante Mann"). Der alte Körper verdeutlicht die Unmöglichkeit sexueller
Aktivität. Das Alter bedeutet Verlust des Geschlechtscharakters und der
erotischen Anziehungskraft, was mit einer Minderung des gesellschaftlichen
Stellenwerts einhergeht. Traditionelle Assoziationen von Eros und Alter,
bzw. Alter und lasterhafter Sexualität, zeigen sich in Bildern wie der
"hässlichen Vettel" oder der "Hexe" repräsentiert.10
Der fettleibige weibliche Körper ist ein kulturelles Störungsbild, determiniert
durch psychosoziale Entwürfe von Geschlecht und Weiblichkeit. Wie bei
ähnlichen Fällen von Essstörungen wie Anorexie oder Bulimie, die ebenso
als Nachfolgeerscheinungen der Hysterie angesehen werden, kann man hier
Tendenzen von Versagen und Verweigerung ausmachen. Der dicke Körper der
Frau ist Ausdruck der Unterdrückung in der sexistischen Kultur, ein Angriff
auf die Ideale der weiblichen Schönheit, er ist Schutz, kann Stärke und
Wichtigkeit demonstrieren und drückt aus, was in direkter Kommunikation
nicht erlaubt ist.11
All diese Diversifikationen sind sicherlich auch am Mann auszumachen.
Es gibt dicke Männer und alt werden sie auch. Dennoch spielen diese Kategorien
für den Mann keine Rolle. Es bleibt die Frage: Wie realisiert sich maskuline
Schönheit? Zunächst erscheint hier nur der Modus der Kraft- und Machtrepräsentation
(ökonomische, politische Stellung). Sie geht einher mit der Verleugnung
erotischer Männlichkeit. Erotische Männlichkeit bleibt demnach nur phantasmatische
Projektionsfläche für ein weibliches und männlich-homosexuelles Publikum.12
Doch der erotische Blick auf den männlichen Körper wird unterminiert.
Durch filmästhetische Gestaltungsprinzipien, Setting, Lichtdramaturgie,
wird der entblößte männliche Körper in andere, desexualisierte, enterotisierte
Kontexte gerückt.13
Schönheit des (pornografischen) Films
Hardcore-Pornografie stellt heute ohne jeden Zweifel ein massenkulturelles
Phänomen dar. Die für das Alltägliche geltende Kontextualisierung des
nackten Körpers setzt sich im Film fort. So empfinden wir sexuelle Geschlechtlichkeit
als schön, wenn sie vieldeutbar gestaltet als Erotik dem Charakter des
Anspruchsvollen entspricht. Pornografie hingegen muss den Vorwurf ungestalteter
Primitivität ertragen. "Sexualität wird meist grob gezeigt, hässlich,
vulgär; der Tabubruch drückt sich auch formal als Hemmungslosigkeit aus.
Die Kamera agiert erstaunlich blöde, die Beleuchtung ist häufig schlecht,
die Dialoge sind klischeehaft bis zum äußersten. Triebhaftigkeit wird
als ungestaltete Primitivität dargestellt."14
Doch wie generiert sich dieser Kult des Profanen im pornografischen Film?
Der pornografische Film steht im direkten Zusammenhang mit dem mainstream
Film. So markiert Pornografie einen Bereich der Subversion, insbesondere
der Subversion der im klassischen Kino perpetuierten gesellschaftlichen
Klischees und Stereotype. Er verschreibt sich somit einer "Ästhetik des
Hässlichen". Zum einen thematisch, zum anderen strukturell. Auch Werner
Faulstich rekurierte bei seiner Untersuchung für den "Moment des Häßlichen"
eine komplementäre Funktion15, die auf die Beziehung zum narrativen
Spielfilm verweist. Der pornografische Film zeigt, was man nicht zeigt,
und dies auf eine "ungestaltete" und "primitive" Art und Weise. Zentral
ist hier die Werthaftigkeit der Darstellung des Sexuellen. Die Verletzung
der Scham, die Brechung des Schönen scheinen für den pornografischen Film
konstitutiv. Auf der anderen Seite findet sich im pornografischen Film
aber auch die Subversion des eigenen Genres. War der pornografische Film
lange Zeit ein Genre, an dem sämtliche filmtechnische Neuerungen vorbeizuziehen
schienen, so zeigt er seit den siebziger Jahren Tendenzen sich dem Spielfilm
ästhetisch anzunähern.16 Insbesondere Faktoren des production value,
die Kategorien attraktiver Filme zu fassen suchen (mit ähnlichen Problemen),
wie beispielsweise "ansehnliche" DarstellerInnen, aufwendige Kostüme,
Kulissen, dramaturgisch gestaltete Drehbücher, Maske, Lichtgestaltung,
Kameraführung, erfahren in den pornografischen Filmen eine Aufwertung.
Es werden "schöne" pornografische Filme produziert. In gleicher Weise
wie jedoch der pornografische Film sich dem Mainstream film annähert,
bringt das Genre Filme hervor, die diesen Annäherungsversuchen zuwiderlaufen
und die Ästhetik der Hässlichkeit zur gestalterischen Maxime ausgeben.
Es sind oftmals die Kategorisierungen, auf die ich am Anfang verwies die
dafür bemüht werden. Was sich in dieser Diskussion zeigt ist die Verbindung
von Ästhetik und Moral und die Auffassung, dass das Schöne gut und das
Hässliche schlecht ist.17
Ästhetische und moralische Kategorien sind miteinanderverbunden und beziehen
sich aufeinander. Diese symbolische Auseinandersetzung begründet die Randposition
der Pornografie und betreibt gleichzeitig ihre interne Differenzierung,
etwa in schöne und hässliche Pornografie.
1 Faulstich, Werner (1994): Die Kultur der Pornografie.
Kleine Einführung in Geschichte, Medien, Ästhetik, Markt und Bedeutung.
Bardowick: S. 8.
2 Taylor, Henry M./Margrit Tröhler: Zu ein paar Facetten der menschlichen
Figur im Spielfilm. In: Heinz B. Heller/Karl Prümm/Birgit Peulings (Hg.)
(1999): Der Körper im Bild. Schauspielen - Darstellen - Erscheinen. Marburg.
S. 137-152.
3 Hickethier, Knut: Der Schauspieler als Produzent. Überlegungen
zu einer Theorie des medialen Schauspielens. In: Heinz B. Heller/Karl
Prümm/Birgit Peulings (Hg.) (1999): Der Körper im Bild. Schauspielen -
Darstellen - Erscheinen. Marburg. S. 9-30.
4 Peucker, Brigitte (1999): Verkörpernde Bilder - das Bild des
Körpers. Film und die anderen Künste. Berlin.
5 Hickethier, Knut: Der Schauspieler als Produzent. (Anm. 3). S.
24.
6 Taylor, Henry M./Margrit Tröhler: Zu ein paar Facetten. (Anm.
2)S. 140.
7 König, Oliver (1990): Nacktheit. Soziale Normierung und Moral.
Opladen: Westdeutscher Verlag. S. 30.
8 Kroll, Renate (Hg.) (2002): Metzler Lexikon Gender Studies Geschlechterforschung.
Stuttgart: Metzler. S. 350.
9 Ebd, S. 311f.
10 Ebd, S. 7.
11 Wagner, Ursula (1989): Blicke auf den dicken Körper. Gegen die
Unterwerfung unter die Schönheitsnorm. Frankfurt/Main. Kroll, Renate:
Metzler Lexikon Gender Studies. (Anm. 8). S. 89f.
12 Trapp, Wilhelm (2003): Der schöne Mann. Zur Ästhetik eines unmöglichen
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13 Horst, Sabine/Constanze Kleis (Hg.) (2002): Göttliche Kerle.
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In: The Sexual Subject. A Screen Reader in Sexuality. London, New York.
S. 265-276.
14 Faulstich, Werner: Die Kultur der Pornografie. (Anm. 1). S.
56.
15 Ebd, S. 246.
16 Williams, Linda (1995): Hard Core. Macht, Lust und die Traditionen
des pornografischen Films. Frankfurt a. Main. S. 93-164.
17 König, Oliver: Nacktheit. (Anm.7). S. 11-61.
Enrico Wolf M.A., email: Enrico.Wolf@web.de
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Topoi des soldatischen und ihre Durchque(e)rung in Claire Denis´Film
"Beau Travail"- Susanne Holschbach
Der Film "Beau Travail" (Frankreich 1999) der französischen Regisseurin
Claire Denis versetzt das Narrativ des Romans "Billy Budd" von Hermann
Melville in die Gegenwart eines Fremdenlegionärcamps in der Wüste von
Djibouti, am Horn von Afrika. Erzählt wird in Form einer Rückblende der
Machtkampf des inzwischen unehrenhaft aus der Legion entlassenen Adjudanten
Galoup mit einem Untergebenen, dem jungen Rekruten Sentain. Die eigentliche
Handlung tritt jedoch zurück hinter der Schilderung des Alltags der homosozialen
Gemeinschaft des Camps - Körpertraining und Kampfübungen, Straßenbauarbeiten,
aber auch "weibliche" Tätigkeiten wie Wäsche aufhängen und Zubereitung
der Mahlzeiten -, der in einem quasi dokumentarischen Stil beobachtet
wird. Vor der erhabenen Kulisse der Geröllwüste und des Meeres wird vor
allem die Schönheit der Männerkörper in Szene gesetzt, ihre Übungen und
Verrichtungen zu einer ballettartigen Choreografie zusammengefügt. Was
den Film im Hinblick auf eine Auseinandersetzung mit der "Normierung,
Abweichung und Überschreitung geschlechtlicher Identitäten" so interessant
macht, ist, dass er Stereotypen der Maskulinität aufgreift - die Formierung
des soldatischen Körpers durch Sport und Kampfübungen, die latente Homoerotik
im Männerbund der Armee, das Militärische als S/M-Anordnung - , diese
aber auf subtile Weise unterläuft. Wie aber gelingt es Claire Denis und
ihrer Kamerafrau Agnes Godard, das Körpertraining, das Wäschebügeln, das
Rasieren zur "schönen Arbeit"zu machen, der man stundenlang zusehen könnte?
Explizit wird die ästhetische Überhöhung der körperlichen Gesten in den
Tai-Chi-artigen Übungen, die mit der pathetischen Musik Benjamin Brittens
unterlegt sind. Die Verwandlung des physischen in einen zeremoniellen
Körper beschränkt sich jedoch nicht nur auf diese mit einem Choreografen
erarbeiteten Inszenierungen. Auch die banale Geste des Bügelns erhält
durch die Aufmerksamkeit, die die Kamera ihr widmet, einen besonderen
Wert: Sie erscheint uns nicht als unsinnige Disziplinarmaßnahme, sondern
wird zum Emblem für die Einkleidung des Körpers, die diesem - unabhängig
von dem ‚natürlichen' Aussehen - ebenso wie die Übungen eine Form, eine
Haltung, eine Ästhetik - verleiht. Wesentlich für die visuelle Lust, die
Denis und Godard erzeugen, ist jedoch die Art und Weise, in der sie die
männlichen Körper und ihre Gesten in den Blick nehmen. Resultiert diese
visuelle Lust aus der Umkehrung der heterosexuellen Blickordnung, die
laut Laura Mulvey dem traditionellen Kino bzw. dem kinematografischem
Apparat per se eingeschrieben ist? D.h. einer Anordnung, in der ein aktiver
‚männlicher' Blick den weiblichen Körper fetischisiert, den die weiblichen
Protagonisten mit ihrer aktiven Zur-Schaustellung, dem Angesehen-werden-Wollen
beantworten? Die Filmtheoretikerin Elena del Rio spricht im Zusammenhang
mit Denis von einem Kino, das sich selbst und die Welt weniger durch das
eindimensionale Raster klassischer Repräsentation begreift, sondern vielmehr
durch ein Prisma, das ebenso de-zentriert und chaotisch ist wie es andererseits
aufgeladen ist mit affektiver Intensität. Einfacher könnte man sagen,
dass die BetrachterInnen bei Denis in eine Vielzahl von Blickpositionen
gebracht werden. Eine dieser Positionen ließe sich als taktiler Blick
bezeichnen. In ihren langsamen Fahrten tastet die Kamera die Männerkörper
quasi ab, registriert ihre unterschiedliche Beschaffenheit, geht gewissermaßen
auf Hautkontakt, zeigt Narben, Tätowierungen, Körperbehaarung, kurz: intimisiert
den Blick. In einigen Szenen nimmt der Blick eine deutlich sexuelle Konnotation
an, wie in folgender Einstellung, die die Legionäre bei Straßenarbeiten
zeigt und dabei besonders die Hintern der Männer fokussiert. Mehrfach
wiederholt findet sich aber auch die Show-Girl-Einlage, die Mulvey als
ein Emblem der heterosexuellen Blickordnung beschrieben hat: in Form der
einheimischen Mädchen, die in der Disko vor dem Spiegel tanzen und sich
so den Fremdenlegionären - als käufliche - anbieten, und deren Exotik
wiederum von ZuschauerInnen genossen werden kann. Gezeigt werden auch
die Blicke von Einheimischen, meist Frauen und Kindern, die die Aktivitäten
der Fremden(legionäre) mit Neugierde, Belustigung, Unverständnis beobachten.
Es ist gewissermaßen ein umgekehrter ethnografischer Blick, ein Blick,
der sich nicht zuletzt mit dem der Regisseurin selbst identifizieren lässt.
Auch das Ineinandergreifen von Begehren und Macht, das die Filmhandlung
durchzieht, wird wesentlich über Blicke verdeutlicht. So verläuft eine
Blickachse zwischen Galoup, Forrestier und der Gruppe der jüngeren Legionäre.
Galoup möchte von Forrestier gesehen werden, dieser aber schaut mit väterlichem
Wohlwollen nur auf seine jüngeren Söhne, während Galoup diese jüngeren
Brüder eifersüchtig taxiert. Der Machtkampf zwischen Sentain und Galoup
wird wiederum durch den Wechsel zwischen Herauf- und Herabblicken orchestriert.
Höhepunkt dieses Kampfes bildet ein regelrechtes Blickduell, eine Kampfübung,
in der Galoup und Sentain sich umkreisen, ohne sich aus den Augen zu lassen,
und aus der Sentain - für die BetrachterInnen - als Sieger hervorgeht.
Mit seinem offenen Ende weicht der Film entscheidend von der Melville'schen
Vorlage, in der die Auseinandersetzung zwischen Billy Budd und seinem
Vorgesetzten tödlich endet. Billy Budds Schlag im Affekt führt zum Tod
seines Widersachers, ein unglücklicher Fall, für dessen Folge Billy Budd
hingerichtet werden muss, auch wenn alle um seine ‚Unschuld' wissen. Sentain
dagegen, den Galoup in den sicheren Tod geschickt zu haben glaubt, wird
gerettet: eine Nomadengruppe findet den regungslos in der Salzwüste liegenden
Legionär und nimmt ihn mit. Galoup dagegen scheint seiner gescheiterten
Existenz selbst ein Ende bereiten zu wollen: ein schmählicher Ersatz des
Heldentods, den seine Tätowierung, die wir jetzt in Großaufnahme zu sehen
bekommen, beschwört: "Sert la bonne cause et meurt". Wir werden Zeugen
der Vorbereitungen: Galoup richtet die Bettdecke, holt eine Pistole aus
der Schublade, legt sich aufs Bett. Die Kamera fokussiert schließlich
Galoups Bizeps. Der sichtbare Rhythmus der pulsierende Ader, die sich
unter der Haut abzeichnet, wird allmählich überlagert vom hörbaren Rhythmus
eines bekannten Diskohits - The Rythm of my Life -, der zur letzten Einstellung
überleitet. Wir sehen Galoup in coolem Outfit allein in einer Disko, wie
er sich selbstvergessen dem Technobeat ergibt. Die Anspannung seines gesamten
Legionärslebens scheint sich in dem ekstatischen Tanz aufzulösen, der
von seiner ungeheuren Körperbeherrschung zeugt, die jetzt ihr Ziel in
sich selbst gefunden hat. Der profane Song entlädt nicht zuletzt auch
die Spannung, die sich in den ZuschauerInnen aufgebaut hat und lässt diese
- wie Galoup - wieder im zivilen Leben ankommen.
Literatur:
L. Mulvey, Visuelle Lust und narratives Kino, in: Liliane Weissberg (Hg.),
Weiblichkeit als Maskerade, Frankfurt am Main 1994, S. 48-65.
K. Theweleit, Männerphantasien 2. Männerkörper - zur Psychoanalyse des
weißen Terrors, Frankfurt a.M. 1978.
E. del Rio, Performing the Narrative of Seduction.
Claire Denis' Beau Travail, in: kinoeye, Vol. 3, Issue 7 (2003).
Claire Denis interviewed by Jonathan Romney, in: The Guardian, 28. Juni
2000. Claire Denis "Desire is Violence" (interview by Chris Darke), in:
Sight and Sound, July 2000.
Diedrich Diederichsen, Die schöne Armee, in: taz, 12.4.2001
Susanne Holschbach, email: Holsch@Hgb-leipzig.de
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